Dauerwald

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Dauerwald (synonym mit „Dauermischwald“) bezeichnet eine Hochwaldform zur forstlichen Holzproduktion, die sich streng an der sog. „Stetigkeit des Waldwesens als lebendem Organismus“ orientiert.[1] Der Begriff Dauerwald stammt von Alfred Möller, der ihn 1922 zum Titel seiner gleichnamigen Schrift machte und damit den waldbauwissenschaftlichen Fachbegriff in die deutsche Fachdiskussion einführte.[1]

Zur Historie des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Wiege der Dauerwaldidee Möllers gilt die sog. Bärenthorener Kiefernwirtschaft, die der Freiherr Friedrich von Kalitsch 1884 in Bärenthoren im Fläming als forstlich nicht ausgebildeter Autodidakt und Privatwaldeigentümer in seinem Wald begründet hat. Möller hat diesen Wald nach 1910 (also nach ca. 25-jähriger waldbaulicher Bearbeitung) intensiv wissenschaftlich untersuchen lassen und kam zu dem Ergebnis, dass bei konsequentem Schutz und gezielter Pflege der waldkybernetischen Selbstoptimierungsprozesse des Waldökosystems (d. h. Stetigkeit des „Waldorganismus“) der Nutzwald höhere Leistungen zu erbringen im Stande ist als vergleichbare Wälder auf ähnlichen Standorten in konventioneller Wirtschaftsweise des sog. Altersklassenwaldes mit schlagweiser Bearbeitung.

Fachlicher Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Möller ist Ziel des Waldbaus, den Wald „dauerhaft“ als Produktionssystem zu erhalten, also das Schlagholz selbst nur als „Frucht“ des Waldes anzusehen und zu ernten, ohne dessen biologisches Produktionssystem zu unterbrechen.[2] Entsprechend definierte Möller fünf technische Teilziele, die bei der Bewirtschaftung streng zu beachten seien:[3]

  1. Gleichgewichtszustand aller dem Wald eigentümlichen Glieder, d. h. konsequent kahlschlagsfreie Bewirtschaftung durch Einzelbaumnutzung und weitgehender Verzicht auf biologisch/ökologische Schädigungen des Systems
  2. Gesundheit und Tätigkeit des Bodens, d. h. Schutz und Pflege der Bodenlebewelt
  3. Mischbestockung
  4. Ungleichaltrigkeit
  5. einen überall zur Holzwerterzeugung genügenden lebenden Holzvorrat

Möller überforderte mit seinem Wirtschaftsmodell den forstlichen Wissensstand seiner Zeit trotz des enormen akademischen Echos, das seine Schrift Mitte der 1920er Jahre erfuhr. Seit Erscheinen seiner revolutionären Waldbauschrift hat es infolgedessen immer wieder Versuche gegeben, seine Gedanken in die Praxis der Waldwirtschaft umzusetzen, (so 1923, 1934, nach 1945 durch Gründung der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) und schließlich Mitte der 1950er Jahre in der DDR) die jeweils am entschiedenen, fachinternen Widerstand namentlich der Forstwissenschaften und der Forstverwaltungen scheiterten. Erst mit der Einführung der landesweit kahlschlagfreien Waldwirtschaft durch den saarländischen Wirtschaftsminister Hajo Hoffmann (SPD) und seinem Forstchef Wilhelm Bode im Saarland 1987 gewinnt der Dauerwaldgedanke als Leitgedanke der Waldwirtschaft zunehmende Akzeptanz auch in den öffentlichen Forstbetrieben Deutschlands. Die saarländische Reform traf auf ein großes publizistisches und politisches Interesse und löste zusammen mit dem Buch Waldwende[4] u. a. eine SPIEGEL-Titelgeschichte[5] aus, was maßgeblich die Aufmerksamkeit der Politik weckte und der waldpolitischen Reform zum Durchbruch verhalf. Insbesondere der Naturschutz fordert die Einführung der Dauerwaldwirtschaft auf ganzer Fläche, da sie aus dem Gesichtspunkt der „biologischen“ Nachhaltigkeit [6] der Altersklassenwirtschaft deutlich überlegen ist. Der Dauermischwald beruht auf Einzelstammnutzung ohne das biologische Produktionssystem Wald wesentlich zu schädigen, was zu biologischem Strukturreichtum und zu biologisch reiferen Mischwäldern mit hohem Nischenreichtum führt und bei der Holzernte „sanfte Betriebstechniken“ begünstigt.

Namentlich die westdeutschen Bundesländer bekennen sich heute mehrheitlich zur Dauerwaldidee, auch wenn die Umsetzung auf der Fläche nur selten konsequent angegangen wird. Die politische und öffentliche Akzeptanz wird inzwischen aber auch dadurch gesichert, dass eine Reihe privater Forstbetriebe (vorwiegend in adliger Hand), die teilweise seit den 1920er Jahren konsequent danach wirtschaften, heute nicht nur zu den naturnahsten zählen, sondern gleichzeitig die rentabelsten Waldbetriebe in Deutschland sind. Schließlich gilt nach übereinstimmender Meinung in der Forstwissenschaft der Dauerwald als das am ehesten geeignete Wirtschaftsmodell, den Auswirkungen des Klimawandels durch Vielfalt der Baumspezies, genetische Vielfalt, Naturverjüngung, Strukturreichtum, Waldbinnenklima usw. zu begegnen.[4] Besondere Bedeutung unter dem Gesichtspunkt zunehmender Kalamitätsanfälligkeit (z. B. durch Insektenkalamitäten, zunehmende Windgeschwindigkeiten, Nassschnee usw.) als Folge eines höheren Energiegehaltes der Atmosphäre kommt der Resilienz von Dauerwäldern zu. Während Altersklassenwälder zur flächigen Zerstörung neigen (Kahlflächen), kommen diese im Dauerwald nur sehr selten vor. Das vielschichtige Waldgefüge bleibt in wesentlichen Teilen erhalten und der Wald wächst schon im Jahr nach der Katastrophe mit erhöhtem Zuwachs weiter.

Am 20. Dezember 2011 wurde die erste private deutsche Dauerwaldstiftung, die gemeinnützige Dauerwaldstiftung in Pommern auf Initiative von Wilhelm Bode im Auftrag des waldbesitzenden Stifters Eckhard Wenzlaff, dem Waldsprecher des NABU, in Mecklenburg-Vorpommern begründet.

Zu unterscheiden ist der Dauerwald vom sog. Dauerwaldvertrag (auch „Jahrhundertvertrag“) des kommunalen Zweckverbandes Groß-Berlin mit dem Königlich-Preußischen Staat zum Walderwerb aus dem Jahr 1915. Dieser bezieht sich nicht auf den forstwirtschaftlichen Begriff Dauerwald, sondern meint einen auf unbegrenzte Dauer geschlossenen Vertrag.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Alfred Möller: Der Dauerwaldgedanke. Sein Sinn und seine Bedeutung. Springer, Berlin 1922 (in: Wilhelm Bode, Kommentierter Reprint, mit Einführung und Glossar, Degreif, Oberteuringen 1992).
  • Wilhelm Bode, Martin von Hohnhorst: Waldwende. Vom Försterwald zum Naturwald, München 1994 (4. Auflage München 2000, ISBN 3-406-45984-6)
  • Hans Lemmel: Die Organismusidee in Möllers Dauerwaldgedanken. Springer, Berlin 1939.
  • Irene Seling: Zur Überführung von Altersklassenwald in Dauerwald. Versuch einer wirtschaftsempirischen Analyse im Forstamt Erdmannhausen. Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Forstökonomie, Freiburg im Breisgau 1996.
  • Irene Seling: Die Dauerwaldbewegung in den Jahren zwischen 1880 und 1930. Eine sozialhistorische Analyse, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Institut für Forstökonomie, Freiburg im Breisgau 1997.
  • Günter Pietschmann (Zusammenstellung): Literatur-Sammlung zur Geschichte des Reviers Bärenthoren, zur Familie Friedrich Kalitsch und zum Dauerwald. Landesforstverwaltung Sachsen-Anhalt, Magdeburg 2002.
  • Ottomar Greger: Gedanken zur Entwicklung der Waldökologie auf der Basis des Dauerwaldgedankens. Archiv f. Forstwesen u. Landsch.ökol. 45 (2011) 4, 160–173.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Alfred Möller: Der Dauerwaldgedanke. Sein Sinn und seine Bedeutung. Springer, Berlin 1922 (in: Wilhelm Bode: Kommentierter Reprint mit Glossar und Einführung; Degreif, Oberteuringen 1992 S. 39ff.)
  2. Alfred Möller: Der Dauerwaldgedanke. Sein Sinn und seine Bedeutung. Springer, Berlin 1922 (in: Wilhelm Bode: Kommentierter Reprint mit Glossar und Einführung; Degreif, Oberteuringen 1992, S. 56)
  3. Alfred Möller: Der Dauerwaldgedanke. Sein Sinn und seine Bedeutung. Springer, Berlin 1922 (in: Wilhelm Bode: Kommentierter Reprint mit Glossar und Einführung; Degreif, Oberteuringen 1992, S. 11)
  4. a b Wilhelm Bode, Martin von Hohnhorst: Waldwende. Vom Försterwald zum Naturwald, München 1994 (4. Auflage München 2000, ISBN 3-406-45984-6)
  5. Der Öko-Wald. Rezept gegen das Waldsterben, Spiegel Nr. 48/1994.
  6. Wilhelm Bode (Hrsg.): Naturnahe Waldwirtschaft. Prozeßschutz oder biologische Nachhaltigkeit?, Holm 1997, ISBN 3-930720-31-0