De Dietrich

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Teilansicht des Eisenhammers im Jaegerthal

De Dietrich (ursprünglich: von Dietrich) ist eine Industriellen-Dynastie im Nord-Elsass (Unterelsass). Die Familie stammte ursprünglich aus Straßburg und war (wie viele spätere Industriellen-Familien des Elsass) evangelischer Konfession.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

16. bis 18. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Familie De Dietrich hieß ursprünglich Didier und stammt aus Saint-Nicolas-de-Port in der Nähe von Nancy. Demange Didier wurde im Alter von 12 Jahren nach Straßburg in die Lehre zu einem Handelshaus geschickt, 1578 beantragte er das Straßburger Bürgerrecht um zu heiraten. Gleichzeitig änderte er seinen Namen in Dietrich, Straßburg war zu der Zeit deutschsprachig.[1] 1684 erwarb Johann (Jean) Dietrich den von Adam Jäger gegründeten Eisenhammer in Jägertal bei Reichshofen bei Hagenau. 1719 wurde er zum Freiherrn des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation geadelt. Im Jahre 1761 wurde Jean Dietrich, der Enkel des Firmengründers, für seine militärischen Verdienste von König Ludwig XV. in den Adelsstand erhoben. Jetzt kaufte Jean de Dietrich die Gutsherrschaft von Reichshofen und die zugehörigen Wasserrechte Franz von Lothringen ab und begann, im Elsass eine Eisenindustrie aufzubauen.

De Dietrich Automobil von 1898
Gussofen der Firma De Dietrich, Original um 1900

Zwischen 1767 und 1771 übernahm oder gründete er die Schmiede (La Schmelz) in Reichshofen sowie die Eisenhämmer am Rauschendwasser bei Reichshofen, in Bad Niederbronn, Zinsweiler, Rothau, Mutterhausen und Merzweiler. Anfangs wurde Eisenerz von minderer Qualität aus der Umgebung verarbeitet. Gefördert wurde in Schmelzberg, Katzenthal, Thalenberg, Baerenthal und Mutterhausen. In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde die lokale Förderung eingestellt.[2] Der hohe Bedarf an Holzkohle wurde durch Köhler in der Umgebung gedeckt, z. B. in Lembach.[3] 1787 beschäftigte De Dietrich 918 Arbeiter.[4] Auch Johann Wolfgang von Goethe erwähnt in den Notizen aus seiner Straßburger Studienzeit die Schmieden von Niederbronn, geleitet von Frédéric de Dietrich. Dort interessierte der junge Goethe sich für Mineralogie, Chemie und Alchemie (evtl. spätere Aufarbeitung in der „Hexenküche“ seines Faust).

Französische Revolution[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Friedrich von Dietrich war zu Beginn der Französischen Revolution Bürgermeister von Straßburg und starb 1793 während der Jakobiner-Schreckensherrschaft auf der Guillotine. Im Zuge der Französischen Revolution wurden die Fabriken defizitär und häuften Verluste an. Nach 1800 verkaufte Jean Albert Frédéric De Dietrich privaten Besitz wie das Haus in Straßburg und das Schloss in Reichshoffen und gab Aktien aus um Liquidität zu beschaffen. Als er 1806 im Alter von 33 Jahren starb, setzte seine Witwe Amélie de Berckheim die Entschuldung fort und es gelang ihr, bis 1827 die Firma wieder vollständig in Familienbesitz zu überführen. Sie beendete auch die Eisenerzeugung und setzte auf die Eisenverarbeitung, insbesondere Eisenbahnausrüstung.[5] 1817 beschäftige De Dietrich 1121 Arbeiter.[6] Ab 1848 engagierte sich die Familie de Dietrich verstärkt im Eisenbahnbau, bekannt als De Dietrich Ferroviaire. Später wurden auch gusseiserne Öfen in Bad Niederbronn produziert.

Schloss der Familie De Dietrich in Reichshoffen

20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1896 erwarb Eugène de Dietrich eine Lizenz von Amédée Bollée fils zur Herstellung von Automobilen. 1897 begann in den beiden Werken De Dietrich in Niederbronn und De Dietrich in Lunéville die Produktion. Von 1902 bis 1904 arbeitete Ettore Bugatti bei De Dietrich. Ab 1934 gründete De Dietrich Filialen in Lyon und in Algerien, so konnten sie die Beschlagnahmungen während der deutschen Besatzung 1940–1944 überstehen.[7]

1994 brachte die Familie ihre Firma an die Börse, um Kapital für die weitere Expansion zu erhalten.[8] Neben seriösen Investoren fanden sich aber bald auch Spekulanten ein, die die Firma zerschlagen und in Einzelteilen verkaufen wollten. Die Familie zog sich 2001 von der Börse zurück, um dies zu finanzieren, verkaufte sie Teile ihrer Gruppe.[9]

De Dietrich Bugatti Automobil (Replikat)
De Dietrich Eurailbus-Modell im Neoplan-Museum Stuttgart-Möhringen

1996 übernahm De Dietrich die Firma OERTLI, einen Hersteller von Brennern, und 1999 die Interdomo GmbH Emsdetten für die Entwicklung und Produktion von Brennwert- und Stahlheizkesseln. 2000 wurde die De-Dietrich-Gruppe mit Zustimmung des Managements durch die Société Industrielle du Hanau (SIH) übernommen. 2004 fusionierte die Gruppe De Dietrich Thermique mit dem niederländischen Brennwertkesselhersteller Remeha; die Gruppe De-Dietrich-Remeha schloss sich 2009 mit der englischen Baxi-Gruppe zur BDR Thermea BV mit Hauptsitz in Apeldoorn in den Niederlanden zusammen. Die Haushaltsgeräte-Sparte von De Dietrich wurde in den spanischen Fagor-Konzern eingegliedert, der durch die Wirtschaftskrise in Südeuropa 2013 Insolvenz anmelden musste.[10] Nach der Ausgliederung des Eisenbahnbaus und der Haushaltsgerätesparte wurde 2000 die verbliebene Herstellung von Anlagen für die chemische und pharmazeutische Industrie in De Dietrich Process Systems zusammengefasst. Die Firma wird von angestellten Managern geleitet, der Aufsichtsrat ist aber in den Händen der Familie De Dietrich.[11]

De Dietrich in den Nordvogesen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Reichshoffen steht das Schloss, welches Jean De Dietrich 1770 erbaute. Es beherbergt heute die Association De Dietrich, eine gemeinnützige Vereinigung, die das kulturelle Erbe der Familie bewahrt. Außerdem hat die Firma De Dietrich Process Systems hier ihren Hauptsitz.[12]

In Jaegerthal steht das Schloss De Dietrich, erbaut 1780. Gilbert de Dietrich (1928–2006) war der letzte feste Bewohner. Fast das gesamte Gebiet von Jaegerthal ist im Besitz der Familie De Dietrich, die heute in Paris lebt, aber immer noch von Zeit zu Zeit das Schloss besucht.[13]

1912 beauftragte die Familie die Architekten Julius Berninger und Gustave Krafft, die Villa Riesack oberhalb von Niederbronn-Les-Bains an der Straße nach Jaegerthal zu bauen, der Stil ist Historismus.[14]

Teil des ehemaligen Eisenwerks in Jaegerthal war ein Elektrizitätswerk am Schwarzbach. Es versorgte die Gemeinde bis in die 1960er Jahre mit Strom, für die Bewohner war der Strom kostenlos. Ab 1996 renovierte der Landschaftsarchitekt Michael Veith das Gebäude und den Park und verwandelte es in ein luxuriöses Gästehaus.[15]

De Dietrich Fabriken im Nord-Elsass[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab dem 17. Jahrhundert prägte die Familie De Dietrich jahrhundertelang die industrielle Landschaft im Nord-Elsass. Auch wenn heute (2021) viele Fabriken zu anderen Firmen gehören, arbeiten die Einheimischen weiterhin „Bei De Dietrich“. Wichtige Standorte sind:

  • Jaegerthal: Ursprung, Eisenhütte, nur noch Ruinen vorhanden
  • Niederbronn:  Eisengießerei, verkauft, Fonderie De Niederbronn
  • Reichshoffen: Eisenbahntechnik, zum Teil verkauft, Alstom Transport, Vossloh Cogifer, De Dietrich Process Systems
  • Merzwiller: Heizungen und Wärmetechnik, Mehrheit verkauft, BDR Thermea Group
  • Zinswiller: Ausrüstung für die chemische Industrie, De Dietrich Process Systems

Im Oktober 2021 richtete De Dietrich Process Systems in Zinswiller eine eigene Schule zur Ausbildung von Kesselbauern ein.[16]

Jaegerthal ehemaliges Elektrizitätswerk

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Familie De Dietrich ist das Vorbild für die Familie Kempf in der französischen Fernsehserie Die Elsässer.[17]

In Reichshoffen gibt es die Suzanne de Dietrich Behindertenwerkstatt, Teil der protestantischen Sonnenhof Stiftung.[18]

Familienmitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michel Hau: La Maison De Dietrich de 1685 à nos jours. Reichshoffen 2005
  • Fabien Sabatès: Bugatti. (Übers. a. d. Englischen von Christina Zöllner). Wien [u. a.]: Lechner, 1993. ISBN 3-85049-033-5

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: De Dietrich – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zeitschrift Les Saisons d'Alsace, Nr. 56, DNA Strasbourg, 2013, ISSN 0048-9018, S. 104ff
  2. Guy Trendel: Le guide des Voges du Nord. La Manufacture, Lyon 1989, ISBN 2-7377-0164-3, S. 142 f.
  3. Charles Schlosser: Le Charbonier, une Longue Histoire. I.D. L'Édition, Bernardswiller 2021, ISBN 978-2-36701-232-2.
  4. Charles Schlosser: Le charbonnier, une longue histoire. I. D. lÉdition, Bernardswiller 2021, ISBN 978-2-36701-232-2, S. 83.
  5. Michel Hau: L'execption De Dietrich. In: Les saison d'Alsace. Nr. 56. DNA, Strasbourg Mai 2013, S. 106 f.
  6. Charles Schlosser: Le charbonnier, une long histoire. I. D. l'Édition, Bernardswiller 2021, ISBN 978-2-36701-232-2, S. 84.
  7. Michel Hau: L'execption De Dietrich. In: Les saisons d'Alsace. 2013-05 Auflage. Nr. 56. DNA, Strasbourg, S. 110.
  8. DE DIETRICH. In: Les Echos - Französische Wirtschaftszeitung. 14. Oktober 1994, abgerufen am 6. Januar 2022 (französisch).
  9. De Dietrich : résultat de l’OPR-RE. In: Boursier.Com - Französisches Online Börsenjournal. 4. Juli 2001, abgerufen am 6. Januar 2022 (französisch).
  10. Hausgeräte. Abgerufen am 23. Dezember 2013.
  11. De Dietrich Process Systems. In: Website der Firma. De Dietrich Process Systems, 2021, abgerufen am 2. Januar 2022.
  12. Das Erbe von De Dietrich. In: Website der Firma De Dietrich Process Systems. De Dietrich Process Systems, 2010, abgerufen am 4. Januar 2022.
  13. Webseite des Canton von Niederbronn-Les-Bains. Abgerufen am 4. Oktober 2021
  14. Maison, villa Reisack. In: POP : la plateforme ouverte du patrimoine. Ministère de la Culture, 1994, abgerufen am 5. Januar 2022 (französisch).
  15. Homepage der Domaine Jaegerthal. Abgerufen am 4. Oktober 2021
  16. Aurélie Locquet: Face à la pénurie de main d'oeuvre, De Dietrich crée sa propre école de chaudronnerie. In: TV France Bleue Alsace. 29. Oktober 2021, abgerufen am 7. Mai 2022 (französisch).
  17. Stefan Woltersdorff: Nordelsass für Leser. Morstadt, Kehl 2007, ISBN 978-3-88571-326-5, S. 230.
  18. [1] Homepage der Sonnenhof Stiftung. Abgerufen am 4. Oktober 2021