Debora Vogel

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Debora Vogel (* 4. Januar 1900[1] in Bursztyn in Galizien, Österreich-Ungarn; † August 1942 im Ghetto Lemberg) war eine polnische Schriftstellerin und Philosophin.

Leben und Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Debora Vogel stammte aus einer jüdischen Intellektuellenfamilie aus Bursztyn in Galizien. Im Ersten Weltkrieg floh die Familie nach Wien. Als nach dem Ersten Weltkrieg Polen seine Unabhängigkeit wiedererlangte (Zweite Polnische Republik), ließ sie sich in Lemberg nieder – nun das polnische Lwów. Vogel schloss das polnische Gymnasium in Lwów ab und arbeitete zunächst als Erzieherin in einem Waisenhaus. Ab 1919 studierte sie Philosophie und Psychologie an der Universität Lemberg, ab 1924 an der Jagiellonen-Universität in Krakau, wo sie 1926 mit einer Arbeit über den Einfluss der Hegelschen Ästhetik auf Józef Kremer promoviert wurde. Danach arbeitete sie in Lwów als Dozentin für Psychologie.

Vogel schrieb auf Polnisch und auf Jiddisch und übersetzte ihre eigenen jiddischen Texte oft auch ins Polnische. Den Entschluss, Jiddisch zu schreiben, fasste sie als Erwachsene. Das Jiddische war nicht ihre Muttersprache, im Hause Vogel wurde Polnisch und Deutsch gesprochen. Die Entscheidung, nicht polnische, sondern jiddische Literatur zu schreiben, darf als eigenwilligster Zug dieser künstlerischen Biographie gelten.

1930 publizierte sie ihren Lyrikband Tog-figurn (Tagfiguren), 1934 folgte ein weiterer Band mit Gedichten: Manekinen (Schneiderpuppen). 1935 publizierte sie die von ihr als „Montagen“ bezeichneten Prosastücke Akazies blien (Akazien blühen), deren polnische Fassung (Akacje kwitną, 1936) Bruno Schulz mit einer enthusiastischen Rezension würdigte.[2] Sowohl in Vogels Lyrik als auch in der Prosa sind ihre Begeisterung für den Konstruktivismus in der Malerei und für die Literatur der Moderne zu erkennen. Debora Vogel gehörte dem polnisch avantgardistischen Zirkel um Stanisław Ignacy Witkiewicz und Władysław Strzemiński an. Ihr Briefwechsel mit Bruno Schulz muss als maßgebliche Inspiration für dessen Prosazyklus Die Zimtläden gelten.

Debora Vogels Texte – und insbesondere die Gedichte, die weit über die gängigen Themen und Motive der jiddischen Lyrik jener Zeit hinausweisen – zeichnen sich durch eine eigenwillige Bildlichkeit aus, die viele Kritiker als irritierend „kühl“ bzw. auch als „monoton“ empfanden. Ihre Randposition innerhalb des Literaturbetriebs beschreibt Debora Vogel ebenso nüchtern wie präzise in vielen ihrer Briefe: Mit der Wahl des Jiddischen stellte sie sich außerhalb des polnischen Kanons; mit ihrer avantgardistischen Ästhetik verweigerte sie sich den Erwartungen, die ihr – in Lemberg ohnehin nicht zahlreiches – jiddisches Publikum an sie stellte. In ihren Essays gibt sie sich als exzellente Kennerin der zeitgenössischen europäischen Malerei und Literatur zu erkennen. Zu erwähnen ist außerdem ihr Beitrag über das Lemberger Judentum.[3] Vogel stand in Kontakt mit der New Yorker Avantgarde der jiddischen Literatur – dem Kreis der „Insichisten“ –, in deren Zeitschrift sie regelmäßig publizierte. Sie führte einen regen Briefwechsel mit den bedeutendsten Persönlichkeiten der damaligen jiddischen Literatur, so etwa mit Aron Glanz-Leyeles, Melech Rawitsch oder Schlomo (Shloyme) Bickel (Bikel).

Im August 1942 wurde sie mit ihrem Mann, dem Architekten Szulim Barenblüth, ihrer Mutter und ihrem fünfjährigen Sohn Aszker im Lemberger Ghetto erschossen.

Das Werk Debora Vogels war lange vergessen. In der polnischen Literaturgeschichte taucht sie häufig (nicht zuletzt bei Jerzy Ficowski) lediglich als „Muse“ von Bruno Schulz auf, ihr eigenes literarisches Schaffen aber findet keine Erwähnung.[4]

Eine der wenigen Spuren in den Jahren der Volksrepublik Polen findet sich in der großen Anthologie jiddischer Poesie in polnischer Übersetzung, die Arnold Słucki und Salomon Łastik vorbereitet hatten. In diesen Band wurde ein Gedicht Debora Vogels aufgenommen: Wieczorny spacer (Abendspaziergang), aus dem Jiddischen von Jerzy Ficowski.[5]

In Polen haben sich u. a. Joanna Wysiecka, Barbara Sienkiewicz und Karolina Szymaniak um die Wiederentdeckung Debora Vogels verdient gemacht. Szymaniak gab 2006 einen Band mit Prosa heraus: Akacje kwitną. Montaże (Akazien blühen. Montagen).[6]

In der Ukraine wurde Vogel zunächst durch eine Ausstellung in Lemberg im Jahre 2014, anschließend durch die Übersetzung der Tagfiguren durch Jurko Prochasko wieder bekannt.[7]

Die erste deutschsprachige Edition mit Texten von Debora Vogel besorgte die in Łódź geborene und seit einigen Jahren in Bern lebende Germanistin und Kunsthistorikerin Anna Maja Misiak.[8]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Shloyme Bikel: Dvoyre Fogel’s ‘White Words.’. In: Writers of My Generation. Tel Aviv 1965.
  • Jacob Birnbaum, Eliahu Shulman (Hg.): Lexicon of the New Yiddish Literature, Vol. 7, New York 1968.
  • Lothar Quinkenstein: Erinnerung an Klara Blum: Essays und Kritiken aus der Mitte Europas. Röhrig Universitätsverlag, St. Ingbert 2015, ISBN 978-3-86110-587-9, S. 257-268.
  • Karolina Szymaniak: Być agentem wiecznej idei. Przemiany poglądów estetycznych Debory Vogel. Krakau 2006. (Ein Agent der ewigen Idee sein. Die Wandlungen der ästhetischen Positionen Debora Vogels.)
  • Annette Werberger: Nur eine Muse? Die jiddische Schriftstellerin Debora Vogel und Bruno Schulz. In: Ingrid Hotz-Davies, Schamma Schahadat (Hg.): Ins Wort gesetzt, ins Bild gesetzt. Gender in Wissenschaft, Kunst und Literatur. Bielefeld 2007, S. 257–286.
  • Lothar Quinkenstein, Lisa Palmes, Marcin Piekoszewski: Perigraphien. Europas Ränder – Europas Mitte. Buchhandlung Buchbund, Berlin-Neukölln 2017 ISBN 9783000544767[9]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://medaon.de/pdf/Q_Misiak-3-2008.pdf
  2. In: Nasza Opinia, Nr. 72, 1936.
  3. Lwowska Juderia (1937), in deutscher Übersetzung: Lemberger Judentum. Ein Beitrag zur Monographie des Judenviertels in Lemberg, in: Die Geometrie des Verzichts, S. 462–467.
  4. Annette Werberger: Nur eine Muse? Die jiddische Schriftstellerin Debora Vogel und Bruno Schulz. In: Ingrid Hotz-Davies, Schamma Schahadat (Hg.): Ins Wort gesetzt, ins Bild gesetzt. Gender in Wissenschaft, Kunst und Literatur. Bielefeld 2007, S. 257–286.
  5. Antologia poezji żydowskiej. Warschau 1983, S. 314.
  6. Akacje kwitną. Montaże. Herausgegeben, aus dem Jiddischen übersetzt und mit einem Nachwort von Karolina Szymaniak. Krakau 2006, 195 Seiten.
  7. Zur Fotoausstellung Andrij Bojarows im Sommer 2014 vgl. [1]. Die "Фігури днів" in der Übersetzung Prochaskos erschienen in Kiew 2015.
  8. Die Geometrie des Verzichts. Gedichte, Montagen, Essays, Briefe. Aus dem Jiddischen und Polnischen übersetzt und herausgegeben von Anna Maja Misiak. Arco Verlag. Wien 2016, 663 Seiten.
  9. eines von 3 Kapitel über Vogel