Deborah Feldman

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Deborah Feldman 2016

Deborah Feldman (geboren 1986 in New York) ist eine US-amerikanisch-deutsche[1][2] Autorin. In ihrem autobiografischen Debütroman Unorthodox beschrieb sie ihre Kindheit und Jugend in einer ultraorthodoxen jüdischen Glaubensgemeinschaft im New Yorker Stadtteil Williamsburg. Das Buch war in den USA sehr erfolgreich und wurde millionenfach verkauft, 2016 erschien es in deutscher Sprache.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deborah Feldman wuchs in bescheidenen Verhältnissen im stark jüdisch geprägten Brooklyner Stadtteil Williamsburg auf. Ihre Familie gehört der jüdischen Glaubensgemeinschaft der Satmarer Chassiden an.[3] Die Eltern, deren Ehe von Verwandten arrangiert worden war, lebten getrennt, da die Mutter die Glaubensgemeinschaft verlassen hatte; der Vater war geistig behindert und konnte nicht für die Tochter sorgen.

Deborah Feldman wuchs bei ihren Großeltern auf, ursprünglich aus Ungarn stammenden Holocaustüberlebenden, die streng nach den Regeln der Satmarer lebten und das Kind dementsprechend erzogen. Die Satmarer Chassiden, die den Holocaust als Strafe Gottes für mangelnde Frömmigkeit und übertriebene Assimilierung der Juden in Europa verstehen, leben ein abgeschiedenes Leben, dessen Alltag von vielen Verboten geprägt ist, um so einen befürchteten zweiten Holocaust zu verhindern. „Wir lernen in der Schule, Gott habe Hitler gesandt, um die Juden dafür zu bestrafen, sich selbst erleuchtet zu haben. Er kam, um uns zu reinigen, um alle assimilierten Juden zu vernichten, alle frejen Jidden, die dachten, sie könnten sich selbst vom Joch, die Auserwählten zu sein, befreien“, schrieb Feldman in Unorthodox. Die Satmarer Chassiden lehnen den Zionismus und die Existenz des Staates Israel ab, da sie glauben, die Juden verstießen damit gegen Gottes Willen, der sie dazu bestimmt, bis zum Erscheinen des Messias in der Diaspora leben zu müssen.

Deborah Feldmans Muttersprache ist Jiddisch, die englische Sprache galt als zu „weltlich“. In Unorthodox beschreibt Feldman, dass sie schon als junges Mädchen unter strengen Kleidungsvorschriften litt, sie musste stets ihren Körper und ihr Haar vollständig bedecken und unpraktische und altmodische Kleidung tragen. Die Farbe Rot war verboten, da sie als Farbe des Teufels galt. Kontakte zu Nicht-Juden waren verpönt, es gab zunächst nicht einmal ein Radio im Haus, um sich von amerikanischer Popkultur und Nachrichten abzuschirmen. Die Ernährung war strikt koscher und am Sabbat durften keine elektrischen Geräte bedient werden. Für Mädchen und Frauen galten besonders während der Menstruation strenge Vorschriften bezüglich der rituellen Unreinheit des weiblichen Körpers (Nidda).

Satmarer Chassiden in Williamsburg

Feldman besuchte eine private religiöse Mädchenschule, in der die Schülerinnen sehr autoritär behandelt wurden, hauptsächlich Religionsunterricht erhielten und auf ein Leben als Mutter und Ehefrau vorbereitet wurden. Feldman stellte als Mädchen nicht die Religion in Frage, fand aber Ausflüchte aus der isolierten Welt der Satmarer Chassiden, indem sie heimlich englischsprachige Romane las oder mit einer Freundin verbotenerweise ein Kino besuchte. Nach ihrem Schulabschluss arbeitete Feldman als Lehrerin an ihrer ehemaligen Schule, obwohl sie keine entsprechende Ausbildung hatte. Eine Ausbildung oder ein Studium war für sie als Frau nicht vorgesehen, da ihre Großeltern und andere Verwandte in dieser Zeit bereits nach einem geeigneten Ehemann für sie suchten.

Mit 17 Jahren ging Feldman eine arrangierte Ehe mit dem sechs Jahre älteren Satmarer Chassiden Eli ein, den sie vorher erst wenige Male getroffen hatte. Das Paar zog nach der Hochzeit nach Airmont (New York). Da Feldman sexuell kaum aufgeklärt und das Thema Sexualität mit starken Ängsten und Tabus verbunden war, entwickelte sie eine ausgeprägte Form des Vaginismus, der Geschlechtsverkehr konnte zunächst nicht vollzogen werden. Wegen der von ihr erwarteten, jedoch ausbleibenden Schwangerschaft wurde Feldman von Verwandten unter Druck gesetzt und beschämt. Als sie 19 Jahre alt war, bekam sie einen Sohn. Als Mutter und Ehefrau lebte Feldman ein sehr bescheidenes und isoliertes Leben. Wie alle verheirateten Frauen der Gemeinschaft musste sie ihr echtes Haar abrasieren und eine Perücke (jiddisch: Scheitel) tragen. Das Verhältnis zu ihrem Ehemann kühlte sich ab, da beide wenig gemeinsam hatten. Ohne das Wissen ihres Mannes schrieb Feldman sich am Sarah Lawrence College ein, um englische Literatur zu studieren. Sie trug heimlich Jeans und ließ ihr Haar wachsen. In dieser Phase reifte in ihr der Entschluss, die Satmarer zu verlassen, sobald ihr Sohn drei Jahre alt werde, da er in diesem Alter bereits eine religiöse Schule (Cheder) hätte besuchen müssen.[4]

Ihren ersten schriftstellerischen Erfolg hatte Feldman der Autobiografie zufolge mit einem viel gelesenen und kommentierten anonymen Blog, in dem sie ihre Probleme mit der Unterordnung als chassidische Frau beschrieb und sehr offen ihre sexuellen Schwierigkeiten darstellte. Nach einem Autounfall beschloss Feldman, endgültig mit ihrer Familie und der Religionsgemeinschaft zu brechen, und zog mit ihrem Sohn weg. 2012 veröffentlichte sie den von der Kritik sehr gelobten autobiografischen Roman Unorthodox, der sofort auf der Bestsellerliste der New York Times erschien und zwischenzeitlich ausverkauft war. In ihrem 2015 veröffentlichten Buch Exodus: A Memoir beschreibt sie, wie sie als alleinerziehende Mutter in der ihr noch fremden nicht-jüdischen Welt weiterlebte. Heute lebt Deborah Feldman mit ihrem Sohn in Berlin.[5] Zu ihrer Familie oder der Religionsgemeinschaft hat sie keinen Kontakt mehr, nach eigenem Bekunden gilt sie dort als Verräterin, die es verdiene, verstoßen und für tot erklärt zu werden.[6] Berlin sei für sie „der Ort in der Welt, an dem alle Heimatlosen zu Hause sind“, sagte Feldman in einem Interview, dennoch habe sie dort Erfahrungen mit verschiedenen Varianten des Antisemitismus gemacht.[7]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unorthodox wurde in den USA und in Deutschland sehr positiv besprochen. Der Deutschlandfunk befand: „Die Frage, wo religiöse Toleranz enden muss, bleibt im Text offen, doch Deborah Feldmans Unorthodox wäre ein guter Anlass, sie einmal nicht am Muster des radikalen Islam zu debattieren, sondern den Universalitätsanspruch der Aufklärung gegenüber allen Religionen zu erneuern: Das Individuum hat ein Recht auf Wachstum jenseits sektiererischer Bevormundung. Ein mutiges und wichtiges Buch der heute in Berlin lebenden Autorin – und ein starkes Lektüreerlebnis obendrein.“[8]

Ijoma Mangold schrieb in der Zeit: „Dies ist eine unglaubliche Geschichte, die man atemlos liest, weil das Fremde, völlig aus der Zeit Gefallene gleich nebenan wohnt – nämlich mitten im Hipsterbezirk von Brooklyn, in Williamsburg. (…) Und doch hat Deborah Feldman auch zarte Töne für ihre Herkunftswelt, dann scheint etwas von der spirituellen Kraft und der talmudischen Gelehrsamkeit ihrer Großeltern auf.“[9]

In der Berliner Zeitung schrieb Julia Haak: „An Deborah Feldman sind die Satmarer gescheitert. Das weiß man schon beim Lesen. Sonst gäbe es das Buch nicht, in dem sie unaufgeregt und reflektiert ihr Erwachen beschreibt. Sie spricht so bestimmt, wie sie schreibt, kein hilfloser, entwurzelter Mensch sitzt in dem Café in Kreuzberg, sondern eine junge Frau, die viel Zeit hatte nachzudenken und gelernt hat, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.“[10]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Deborah Feldman – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Florian Felix Weyh: Suche nach einer neuen Identität. In: www.deutschlandfunk.de. 30. Juli 2017, abgerufen am 3. August 2017.
  2. Deborah Feldman: Was ich an dieser Gesellschaft schätze. In: plus.faz.net. 6. September 2017, abgerufen am 11. September 2017.
  3. Leben unter Fundamentalisten. In: Stern. 8. März 2016, abgerufen am 1. August 2016.
  4. „Unorthodox“ von Deborah Feldman. Auf: rbb-online.de. 10. März 2016, abgerufen am 1. August 2016.
  5. Willkommen in der Stadt der Freiheit. In: Zeit online. 26. Juni 2016, abgerufen am 1. August 2016.
  6. „In Berlin ist alles möglich.“ Deborah Feldman wurde ultraorthodox erzogen und führt heute ein säkulares Leben. In: Jüdische Allgemeine. 26. März 2015, abgerufen am 2. August 2016.
  7. „Ich mag jüdische Ruhestörer“. In: Jüdische Allgemeine. 22. Juni 2017, abgerufen am 25. Juni 2017
  8. Ultraorthodoxe Aussteigerin. Flucht vor religiösem Fanatismus. In: Deutschlandfunk. 25. April 2016, abgerufen am 1. August 2016.
  9. Literatur-Tipps: Ab in den Lesesommer! In: Zeit online. 7. Juli 2016, abgerufen am 1. August 2016.
  10. Neues Leben in Berlin. Deborah Feldman flieht aus ultraorthodoxer jüdischer Sekte. In: Berliner Zeitung. 29. Mai 2016, abgerufen am 1. August 2016.