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Delicatessen (Film)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Film
Titel Delicatessen
Produktionsland Frankreich
Originalsprache Französisch
Erscheinungsjahr 1991
Länge 99 Minuten
Altersfreigabe
Stab
Regie
Drehbuch
Produktion Claudie Ossard
Musik Carlos D’Alessio
Kamera Darius Khondji
Schnitt Hervé Schneid
Besetzung

Delicatessen ist ein französischer Spielfilm von Jean-Pierre Jeunet und Marc Caro aus dem Jahr 1991. Der Film ist das Spielfilmdebüt der beiden Regisseure und weist bereits zahlreiche Stilelemente und Motive der späteren Erfolgsfilme Die Stadt der verlorenen Kinder und Die fabelhafte Welt der Amélie auf.

Die skurrile Handlung spielt in einer düsteren Stadtruine an einem nicht näher bestimmten dystopischen Ort und zu einer unbestimmten Zeit. Mode, Frisur und Einrichtung sind an den Stil der 1940er Jahre angelehnt. Es gibt kaum noch Fleisch oder andere Lebensmittel. Daher konnte sich ein Fleischer mörderischen Wohlstand erarbeiten: Regelmäßig stellt er neue Hausmeister ein, um sie bereits nach wenigen Tagen zu schlachten und portionsweise an die hungernden Hausbewohner – gegen Mais, die offizielle Geldwährung – zu verkaufen. Als neuestes Opfer ist Louison auserkoren, ein ehemaliger Clown, der zwar wenig Fleisch auf den Rippen hat, sich mit handwerklichem Geschick aber recht gut einlebt. Als Julie, die Tochter des Fleischers, sich jedoch in Louison verliebt, beginnt die Sache aus dem Ruder zu laufen.

Die groteske Rahmenhandlung (Kannibalismus) und eine bizarre Kulisse bieten allerlei verschrobenen und komischen Charakteren ihren Spielplatz – jeder von ihnen greift auf seine Weise, ohne es zu wollen, in den Handlungsstrang ein. Da ist eine lebensmüde Bürgerliche, die Tag für Tag vergeblich aufs Neue versucht, mittels einer kreativ konstruierten Rube-Goldberg-Vorrichtung ihrem Leben ein Ende zu bereiten, nur weil sie seltsame Stimmen hört – die ihr, wie sich später herausstellt, über ein Wasserrohr von einem übelwollenden Mitbewohner zugeflüstert werden. Oder aber ein alter Frosch- und Schneckenliebhaber, der es sich in einem feuchten Verlies mit seinen kleinen Freunden gemütlich gemacht hat. Da ist ein Briefträger, der die Tochter des Fleischers begehrt, oder eine Großmutter, die endlos an einem Pullover strickt, der am anderen Ende gleich wieder auf die Wollspindel aufgewickelt wird. Und nicht zuletzt eine Gruppe tollpatschiger Untergrundrebellen, die Troglodisten, die wegen der Dunkelheit in der Kanalisation wie Minenarbeiter mit Helmlampen herumlaufen.

Der Film hat eine originelle Namensnennung: Während Namen und Funktion genannt werden, zeigt die Kamera Gegenstände und Arbeitsmittel des Bereichs, beispielsweise Schneiderwerkzeug und ein Kleidungsstück bei „Kostüme“, einen Zollstock bei „Dekoration“ oder eine zerbrochene Schallplatte bei „Musik“.

Delicatessen wurde mit vier Césars für Drehbuch, Schnitt und Szenenbild sowie für den besten Erstlingsfilm ausgezeichnet.

Quelle Bewertung
Rotten Tomatoes (Tomatometer) 90 %[2]
Metacritic (Metascore) 66/100[3]

Die „makabre Ausgangsidee“ wird vom Lexikon des internationalen Films als „eine marode Welt, in der alle zivilisatorischen Werte hintangestellt sind“ beschrieben. Diese Grundkonzeption fächere „sich in zahlreiche Episoden voller ausufernder Einfälle zwischen Surrealismus, Slapstick und Comic Strip auf“. „[F]aszinierend und sehenswert“ sei der Film „vor allem dann, wenn sich die Fabel zugunsten von Bewegungen, Tönen, Farben und Ideen in einem eigenwilligen Erzählrhythmus auflöst“.[4]

Neben den im Lexikon des internationalen Films bereits angeführten Facetten erwähnt Horst Peter Koll in seiner Rezension für den Filmdienst ausdrücklich die Kameraführung: Wenn sich die Kamera durch die Gänge, Räume und Winkel des Hauses schlängele, sei es, als spioniere sie, als stelle sie Zusammenhänge her, als verknüpfe sie die Episoden zu einer bunt schillernden „Seifenblase“. Suche man hinter der „ausgelassenen Fabulierkunst“ eine Botschaft, würde man den Film missverstehen, findet Koll.[5]

Die Filmzeitschrift Cinema charakterisierte den Film als „[M]akabre Kult-Komödie über Kannibalismus, Kondome, Kurzsichtigkeit und die Liebe“ und resümiert: „Selten gezeigte Skurrilität im eigenen Stil.“[6]

Der Spiegel bezeichnete den Film als „schwarze Messe des Humors – gruselig, grotesk, lästerlich. Und grandios.“ Darin werde Kitsch zur makabren Komik und ein Suizidversuch zur vertrackten Angelegenheit.[7]

Im Stern schrieb Christine Kruttschnitt, das in „verdammt finstere[n] Zeiten“ angesiedelte „surrealistische Märchen“ sei „so sorgfältig inszeniert, so liebevoll ausgestattet und von so unerbittlicher, dämonischer Logik, daß moralisches Sodbrennen ganz schnell in Genuß“ umschlage. Es zeichne sich durch das „bizarre Ambiente und den noch bizarreren Humor“ aus.[8]

Die Zeitschrift Brigitte meinte, über die „rücksichtslos“ „makabere Komödie“, in der die Kamera „wie im Delirium durch schaurig-schöne Kulissen“ jage, könne man „schallend lachen“.[9]

Die Idee zu dem Film kam dem Regisseur Jean-Pierre Jeunet, als er mit seiner damaligen Verlobten über einer Metzgerei wohnte. Täglich in den Morgenstunden hörte Jeunet die Hackgeräusche des arbeitenden Fleischers unten in der Metzgerei. Wegen des störenden Arbeitslärms aus der Metzgerei zog das Paar einen Umzug in Betracht. Zum Scherz mutmaßte Jeunets Verlobte, dass der Fleischer womöglich die Mieter oben im siebten Stockwerk zerhacke, aus ihnen Wurst fabriziere und sich allmählich Stockwerk für Stockwerk nach unten arbeite, bis es schließlich ihr und Jeunet an den Kragen gehe. Dieser makabre Witz inspirierte den Filmemacher zu seinem Film Delicatessen.[10]

Einzelnachweise

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  1. Freigabebescheinigung für Delicatessen. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (PDF; Prüf­nummer: 67555/K).
  2. Delicatessen. In: Rotten Tomatoes. Fandango, abgerufen am 31. Oktober 2024 (englisch, aggregiert aus 58 Kritiken).
  3. Delicatessen. In: Metacritic. Abgerufen am 2. Dezember 2025 (englisch, aggregiert aus 17 Kritiken).
  4. Delicatessen. In: Lexikon des internationalen Films. Filmdienst, abgerufen am 12. Juli 2024.
  5. Horst Peter Koll: Delicatessen. In: filmdienst.de. 26. November 2008, abgerufen am 21. Februar 2026.
  6. Delicatessen. In: cinema. Abgerufen am 4. Januar 2023.
  7. Abgründe des Absurden. In: Der Spiegel. Nr. 15/1992, 5. April 1992, Film, S. 251.
  8. Christine Kruttschnitt: Das große Fressen. In „Delicatessen“ von Marc Caro und Jean-Pierre Jeunet werden Menschen verwurstet. In: Stern. Nr. 16/1992, 9. April 1992, Kino.TV, S. 15 der Beilage „Stern-TV“.
  9. Nichts für den Feinschmecker. In: Brigitte. Nr. 8/92, 1. April 1992, S. 176.
  10. Audiokommentar von Regisseur Jean-Pierre Jeunet, enthalten im Bonusmaterial der bluRay Delicatessen in der Reihe "Blu Cinemathek", 2011, Arthaus Filmvertrieb + Studiocanal GmbH, Berlin + Kultur Spiegel