Deniz Yücel

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Deniz Yücel (2014)

Deniz Yücel (* 10. September 1973 in Flörsheim am Main) ist ein deutsch-türkischer Journalist und Publizist, der zwischen 2007 und 2015 Redakteur der taz war und seit 2015 Türkei-Korrespondent der WeltN24-Gruppe ist.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Yücel wurde 1973 als Sohn türkischer Arbeitsmigranten in Flörsheim am Main geboren und besitzt die deutsche und die türkische Staatsbürgerschaft.[1] 1996 ging er nach Berlin und studierte an der FU Berlin Politikwissenschaft.

Seit 1999 ist er als freier Autor für Jungle World, konkret, Der Tagesspiegel, Jüdische Allgemeine, qantara.de, die tageszeitung, Süddeutsche Zeitung, amnesty journal, Der Standard, Blond sowie den Bayerischen, Norddeutschen und Westdeutschen Rundfunk tätig.[1] Zwischen 2002 und 2007 war er Redakteur der Wochenzeitung Jungle World, zwischen Juli 2007 und März 2015[2] Redakteur der Berliner Tageszeitung taz, für die er die parodistische Kolumne Vuvuzela verfasste.[3] Nach Einstellung der Kolumne Trikottausch[4] schrieb er die Kolumne Besser. Seit 2015 ist er Türkei-Korrespondent der WeltN24-Gruppe.[5]

2014 veröffentlichte Yücel ein Buch mit dem Titel Taksim ist überall. Die Gezi-Bewegung und die Zukunft der Türkei, das die landesweiten Proteste in der Türkei im Jahr zuvor beleuchtet. Ingo Arend rezensierte das Buch für Deutschlandradio Kultur lobend als ein „Bündel anschauungsgesättigter Reportagen“, das Personen und politische Gruppen vorstelle, „die zugleich paradigmatisch für die Konflikte der türkischen Gesellschaft“ seien. Deshalb sei es „mehr als ein spannendes politisches Sachbuch“, auch ein „aufschlussreiches, sozialpsychologisches Dokument.“[6]

Kontroversen zu Texten Yücels[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Über Joachim Gauck[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anlässlich der Nominierung Joachim Gaucks für das Amt des Bundespräsidenten kritisierte Yücel in einem Kommentar in der tageszeitung vom 20. Februar 2012 die Einmütigkeit der medialen Unterstützung der Kandidatur. Er zitierte verschiedene Reden, Interviews und Aufsätze Gaucks und meinte dazu überspitzend, Gauck werde noch Gelegenheit finden, „Ausländern die Meinung zu geigen, Verständnis für die Überfremdungsängste seiner Landsleute zu zeigen, die Juden in die Schranken zu weisen und klarzustellen, dass Nationalsozialisten auch nur Sozialisten sind“.[7]

Der Journalist Sascha Lobo kritisierte, Yücel verkehre auf „unredliche Weise“ Gaucks Aussage zum Judenmord durch Verstümmelung ins Gegenteil. Dieser habe gemeint, „dass es gefährlich sei, so zu tun, als könne sich ein Holocaust sowieso nie wieder ereignen und man daher gar nicht besonders erinnern, analysieren, aufarbeiten müsse – das Gegenteil einer Verharmlosung.“[8] In einer Replik vom 22. Februar 2012 verteidigte Yücel seine Angriffe gegen Gauck und vertiefte den Vorwurf der Verharmlosung des Holocaust.[9] Yücel bezog sich auf den Politikwissenschaftler Clemens Heni, der in seinem Blog bereits im Vorfeld der Wahl des deutschen Bundespräsidenten 2010 anhand desselben Zitats dem damaligen Kandidaten Gauck vorgeworfen hatte, er projiziere „seine Religiosität auf diejenigen, welche den Holocaust überhaupt als spezifisches, präzedenzloses Menschheitsverbrechen erinnern“.[10] Der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Jürgen Trittin, verwies auf Gaucks Vorsitz im Verein „Gegen Vergessen – Für Demokratie“, der sich für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus einsetzt. Gauck eine Verharmlosung des Holocaust vorzuwerfen bezeichnete Trittin als „Schweinejournalismus“, den er sonst von der Bild-Zeitung kenne. Er forderte die taz-Chefredakteurin Ines Pohl auf, sich bei Gauck für die Zeitung zu entschuldigen.

Pohl und taz-Redakteur Stefan Reinecke distanzierten sich zwar von Yücels Kommentaren, verteidigten ihn jedoch gegen Trittins Vorwurf: Yücels Kommentar sei zwar eine Polemik, aber auch „eine persönliche Meinungsäußerung“ und damit vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt.[11] Da Trittin die antikommunistische Ausrichtung als zweiten Zweck von Gegen Vergessen – Für Demokratie unerwähnt gelassen hatte, befand der Journalist Pascal Beucker, der Verein tauge schlecht als Kronzeuge gegen Yücels Behauptung, dass Gauck den Holocaust relativiere.[12] Der konkret-Herausgeber Hermann L. Gremliza meinte im April 2012, Yücels Artikel habe im Unterschied zu anderen Beiträgen der tageszeitung „Trittins Verdikt“ nicht verdient. Gremliza sprach von einer „Gleichsetzung der DDR mit Nazideutschland, der 872 zwischen 1949 und 1989 an der Grenze zwischen BRD und DDR getöteten Flüchtlinge und Grenzsoldaten mit den sechzig Millionen ermordeten ,slawischen Untermenschen‘ und europäischen Juden“, die der von Trittin erwähnte Verein zum Vereinszweck erhebe, und schloss daraus, es sei Yücel „um diese Relativierung des Holocaust“ gegangen.[13]

Über Thilo Sarrazin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem Yücel in seiner Kolumne „Der Ausländerschutzbeauftragte“ geschrieben hatte, dass man dem teilweise im Gesicht gelähmten Thilo Sarrazin „nur wünschen kann, der nächste Schlaganfall möge sein Werk gründlicher verrichten“, sprach der Deutsche Presserat im Dezember 2012 eine Missbilligung aus. Der Presserat hielt es für unvereinbar mit der Menschenwürde Sarrazins, ihm eine schwere Krankheit oder Schlimmeres zu wünschen, und stellte fest, dass der Beitrag über eine kritische Meinungsäußerung weit hinaus gehe.[14] Einer Klage Sarrazins wegen Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte gab das Landgericht Berlin statt und untersagte der taz, den Text weiter zu veröffentlichen und zu verbreiten. Sarrazin wurde eine Entschädigung in Höhe von 20.000 Euro zugesprochen.[15] Yücel hatte später eine „Klarstellung“ veröffentlicht, die jedoch als nicht ernst gemeint wahrgenommen wurde.[16]

Über die Papstwahl 2013[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anlässlich der Papstwahl im März 2013 schrieb Yücel einen Kommentar, in dem er die Päpste als eine Folge von „alten Säcken“ beschrieb. Die Printausgabe der taz titelte „Junta-Kumpel löst Hitlerjunge ab“ in Anspielung auf Papst Franziskus und dessen Vorgänger, Papst Benedikt XVI.[17] Der Presserat rügte die taz für den Begriff „Junta-Kumpel“, da die Erkenntnisse über eine Nähe des Papstes und damaligen Leiters der Jesuiten Argentiniens zur dortigen Militärdiktatur nicht ausreichend seien, um diese als erwiesen darzustellen.[18] Der Artikel selbst wurde mit Verweis auf die Meinungsfreiheit nicht gerügt.[19] Die Chefredakteurin der taz Ines Pohl räumte ein, diese Vorwürfe gegen Papst Franziskus seien „letztlich nicht eindeutig belegt“, man sei in diesem Fall „übers Ziel hinaus geschossen“. Die Überschrift des umstrittenen Artikels stammte nicht von Yücel, die Rüge des Presserats betraf seinen Text nicht. Dieser sei „provokativ und polemisch, … jedoch … vom Recht auf Meinungsfreiheit gedeckt. Eine Institution wie die katholische Kirche und ihr Oberhaupt müsse auch deutliche öffentliche Kritik aushalten.“[20]

Kritik an der Einschränkung der Pressefreiheit in der Türkei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf einer Pressekonferenz in Ankara im Februar 2016 richtete Yücel eine Frage an die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, wie sie zu Vorwürfen stehe, sie ignoriere heutige Missstände in der Türkei, „weil sich dessen Regierung im Gegenzug kooperationsbereit in der Flüchtlingspolitik zeige“. Yücel benannte dabei beispielhaft Einschränkungen der Pressefreiheit in der Türkei, woraufhin er vom türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoğlu und der regierungstreuen türkischen Presse angegriffen wurde.[21][22] In einer Mitteilung über den Abzug des Spiegel-Korrespondenten Hasnain Kazim vom 17. März 2016 verlautbarte die Welt, dass sie Yücel "zum Schutz ihres Korrespondenten" vorläufig aus der Türkei abgezogen habe.[23]

„Hate Poetry“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 2012 tritt Yücel zusammen mit den Journalisten Mely Kiyak, Yassin Musharbash, Özlem Topçu, Özlem Gezer, Hasnain Kazim, Doris Akrap und Ebru Taşdemir im Rahmen der „antirassistischen Leseshow“ Hate Poetry[24] auf, bei denen sie im Stile eines Poetry Slams rassistische Leserbriefe vorlesen. „Selten war Rassismus so unterhaltsam“, urteilte darüber Die Welt,[25] und die taz sprach von einer „kathartischen Lesung“.[26]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Für seine parodistische Kolumne „Vuvuzela“, die er während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika schrieb, wurde Yücel mit dem Kurt-Tucholsky-Preis 2011 für literarische Publizistik ausgezeichnet. Die Jury begründete den Preis damit, dass „Yücel sowohl den deutschen Spießer als auch die deutsche Spießerin auf angenehme Art entlarvt.“[1]
  • Für Hate Poetry wurden Yücel und die anderen Gründungsmitglieder in der Kategorie „Sonderpreis“ als Journalisten des Jahres 2014 ausgezeichnet. „Hate Poetry ist zur Marke und zum Vorbild für andere Redaktionen geworden: witzig, klug, unterhaltsam, schockierend und Augen öffnend. Er hilft zudem den betroffenen Journalisten, mit rassistischen Anfeindungen umzugehen“, hieß es in der Begründung der Jury.[27]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Taksim ist überall. Die Gezi-Bewegung und die Zukunft der Türkei. Edition Nautilus, Hamburg 2014, ISBN 978-3-89401-791-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Träger des Kurt-Tucholsky-Preises 2011. Kurt Tucholsky-Gesellschaft. Abgerufen am 2. März 2012.
  2. Deniz Yücel: Mach’s gut, taz! In: die tageszeitung, 30. März 2015.
  3. Deniz Yücel, Kolumne Vuvuzela
  4. Deniz Yücel, Kolumne Trikottausch
  5. Bülend Ürük: Von der „taz“ zur „Welt“. Deniz Yücel wird Türkei-Korrespondent für Axel Springer. In: Kress.de, 1. April 2015.
  6. Das Phänomen Gezi. In: Deutschlandradio Kultur, 23. April 2014.
  7. Deniz Yücel: Ein Stinkstiefel namens Gauck.. In: die tageszeitung, 20. Februar 2012.
  8. Sascha Lobo: Gauck und die stille Post im Netz. In: Spiegel Online, 21. Februar 2012.
  9. Deniz Yücel: Gauck und der Holocaust. In: die tageszeitung, 22. Februar 2012.
  10. Clemens Heni: „Geistige Gesundung“ – Joachim Gauck und die neueste deutsche Ideologie. In: clemensheni.wordpress.com, 17. Juni 2010.
  11. Christoph Twickel: Wie steht der Kandidat zum Holocaust? In: Spiegel Online, 24. Februar 2012; Stefan Reinecke: Eine Zensur findet nicht statt. In: die tageszeitung, 24. Februar 2012.
  12. Pascal Beucker: Ein rotes Tuch für Journalisten. In: Jungle World, 1. März 2012.
  13. Hermann L. Gremliza: Heitmann der Zweite. In: konkret Nr. 4, 2012, S. 8-9.
  14. Presserat kritisiert Verletzung der Persönlichkeitsrechte. Deutscher Presserat, 6. Dezember 2012, archiviert vom Original am 11. Dezember 2012, abgerufen am 6. Dezember 2012.
  15. Pressemitteilung des Landgerichts Berlin zum Urteil, 16. August 2013.
  16. Christoph Twickel: „taz“ muss Sarrazin 20.000 Euro zahlen. In: Spiegel Online, 16. August 2013.
  17. Deniz Yücel: Junta-Kumpel löst Hitlerjunge ab. In: die tageszeitung, 15. März 2013.
  18. Presserat rügt „taz“: „Junta-Kumpel löst Hitlerjunge ab“. In: Der Standard, 7. Juni 2013.
  19. Deutscher Presserat: Titelseiten von drei Sportmagazinen gerügt. Pressemitteilung. 6. Juni 2013.
  20. Sebastian Heiser: Papst Franziskus: Presserat rügt taz-Titelseite. In: die tageszeitung, 6. Juni 2013.
  21. meedia: Nach Merkel-PK: Hetzkampagne türkischer Medien gegen Welt-Korrespondent Deniz Yücel, 11. Februar 2016, abgerufen am 11. Februar 2016.
  22. Folgen einer Pressekonferenz. In: welt.de. 10. Februar 2016, abgerufen am 11. Februar 2016.
  23. Can Merey: Auch Spiegel-Verlag zieht Türkei-Korrespondent ab. Die Welt, 17. März 2016, abgerufen am 17. März 2016.
  24. Selbstdarstellung der Hate Poetry, abgerufen am 20. Dezember 2014.
  25. „Gehen Sie doch zurück nach Fickdeppenarschland“. In: Die Welt, 1. Februar 2013.
  26. Philipp Gessler: „Lachen im Fickdeppenarschland“. In: die tageszeitung, 2. April 2012.
  27. Begründung der Jury vom 19. Dezember 2014, abgerufen am 20. Dezember 2014.