Der Fall Collini

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Der Fall Collini ist ein 2011 erschienener Roman von Ferdinand von Schirach. Der Roman erzählt den Mord am Industriellen Jean-Baptiste Meyer durch den pensionierten Gastarbeiter Fabrizio Collini.[1]

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Berliner Luxushotel Adlon wird der 85-jährige Inhaber der Meyer-Werke, Hans Meyer, auf brutale Art und dem Anschein nach motivlos ermordet. Unmittelbar nach der Tat stellt sich Fabrizio Collini der Polizei in Erwartung einer Verurteilung. Der junge Anwalt Caspar Leinen wird als Pflichtverteidiger Collinis bestellt und beginnt seinen ersten größeren Fall.

Erst als Leinen von der Enkelin des Opfers angerufen wird, mit der er Kindheit und Jugend verbracht hat, wird ihm bewusst, dass der Ermordete ein väterlicher Freund aus seiner Jugend war. Die Enkelin, Johanna Meyer, bittet ihn, sein Mandat als Verteidiger niederzulegen, was er zunächst tun möchte, nach Rat eines älteren, berühmten Strafverteidigers, Mattinger, und eines Bäckers jedoch unterlässt.

Johanna beginnt mit Leinen eine Liebesbeziehung. Johanna beauftragt Mattinger, sie als Nebenklägerin in dem Strafverfahren zu vertreten.

Nachdem Collini im Prozess schweigt und alles auf eine Verurteilung wegen Mordes hinausläuft, erkrankt eine Schöffin; der Prozess wird zehn Tage unterbrochen. Am Abend geht Leinen erneut die Akten durch, weil er spürt, etwas übersehen zu haben. Als er seinen Vater anruft, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, berichtet dieser, ein Jäger und Waldbesitzer, über ein Gewehr. Nach dem Telefonat fällt Leinen ein, dass er eine Walther P38, wie Collinis sie bei der Tat benutzt hat, auch einmal bei seinem Vater gesehen hat. Ein zweiter Anruf beim Vater bringt die Erleuchtung und die Wende im Fall Collini. Leinen nutzt die Prozessunterbrechung und fährt am nächsten Tag zur Nebenstelle des Bundesarchivs in Ludwigsburg, der Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Dort hält er sich fünf Tage auf und kopiert eine Vielzahl von Unterlagen. Was er gefunden hat, erfährt der Leser zunächst nicht.

Zurück in Berlin besucht Leinen die Feier zum 65. Geburtstag von Mattinger. Der Justiziar der Meyer-Werke, Baumann, verwickelt Leinen am Ufer des Wannsees in ein Gespräch und erklärt ihm, er wisse von Leinens Nachforschungen in Ludwigsburg. Für den Fall, dass Leinen das Mandat für Collini niederlege, werde Leinen lukrative Mandate erhalten. Leinen lehnt ab und verlässt die Feier.

In den folgenden Prozesstagen legt Leinen anhand der in Ludwigsburg gefundenen Akten dar, dass der junge Hans Meyer im faschistischen Italien als SS-Sturmbannführer eine Ermordung von Partisanen leitete, bei der Collinis Vater erschossen wurde. Das Motiv Collinis scheint nun klar. In der Folge wird auf Mattingers Antrag die Leiterin des Bundesarchivs Ludwigsburg vernommen. Sie sagt aus, dass Collini Meyer bereits in den 1960er Jahren angezeigt hatte, das Verfahren aber nach einem Jahr eingestellt wurde. Mit dem Hinweis des Vertreters der Nebenklägerin, Mattinger, dass die Erschießung nach dem Völkerrecht legal war, wird die laufende Verhandlung erneut unterbrochen. Leinen verweist darauf, dass der Fall nicht eingestellt wurde, weil es kein Mord gewesen wäre, sondern wegen der Verjährung des Falles.

Am folgenden Tag wird Collini tot in seiner Zelle aufgefunden; er hat Selbstmord begangen. Das Verfahren wird eingestellt. Collini hat einen Brief an Leinen hinterlassen mit einem vergilbten Foto seiner fünf Jahre älteren Schwester. Collini hatte nach der Verhaftung des Vaters mit ansehen müssen, wie ein deutscher Soldat sie vergewaltigte und dann erschoss. Danach brannte der Hof von Collinis Vater ab und die Leiche der Schwester verbrannte. Auf einem Zettel bittet Collini Leinen um Entschuldigung.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman behandelt die Verjährung von Beihilfetaten zu Morden aus der Zeit des Nationalsozialismus, die für bestimmte Anwendungsfälle durch Art. 1 Nr. 6 [Einführungsgesetz zum Gesetz über Ordnungswidrigkeiten (EGOWiG) vom 24. Mai 1968 (BGBl. 1968 I 503-547)][2] mit einer Änderung des damaligen § 50 StGB verkürzt wurde. Durch das von Eduard Dreher initiierte Gesetz verjährten Morde durch Schreibtischtäter schon nach 15 Jahren, sofern ihre Taten von der Rechtsprechung nur als Beihilfe eingeordnet wurden und beim Helfer persönlich kein Mordmerkmal vorlag. (Verjährungsskandal)

Was die Wende im Fall Collini bringt, wird im Roman nur angedeutet: Collini hatte behauptet, die Tatwaffe, eine Walther P38, auf einem Flohmarkt in Italien gekauft zu haben. Dieses Modell war aber zugleich die Standardpistole der deutschen Wehrmacht.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Der Fall Collini. Norddeutscher Rundfunk. Archiviert vom Original am 6. November 2013. Abgerufen am 31. Dezember 2011.
  2. Bundesgesetzblatt Nr. 33 vom 30. Mai 1968. In: bgbl.de, abgerufen am 6. Dezember 2017. (PDF; 5 MB)