Der Fall Maurizius

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Der Fall Maurizius ist ein zwischen 1925 und 1927 entstandener und 1928 bei S. Fischer in Berlin erschienener Roman von Jakob Wassermann.[1] Er erzählt die Aufklärung eines Justizirrtums.

Emil Orlik: Jakob Wassermann (1899)

Figuren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Baron Etzel von Andergast, Gymnasiast
  • Wolf Freiherr von Andergast, Etzels Vater, Oberstaatsanwalt
  • Sophia von Andergast, Etzels Mutter
  • Cilly von Andergast, Etzels Großmutter, Witwe, genannt die Generalin
  • Dr. Otto Leonhart Maurizius, Dozent, Verfasser der „Geschichte des Madonnenkults auf Grund bildnerischer Darstellungen“, Sträfling 357 im Zuchthaus Kressa
  • Peter Paul Maurizius, Leonharts Vater
  • Elli Maurizius, verwitwete Hensolt, geborene Jahn
  • Anna Jahn, arbeitslose Schwester Ellis
  • Hildegard Körner, Leonharts uneheliche Tochter
  • Gertrud Körner, Hildegards Mutter, Tänzerin
  • Gregor Waremme, alias Georg Warschauer, „Privatlehrer, Philolog, Philosoph, Spieler, Salonlöwe, Weiberheld“

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zwei Familienkonflikte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wassermanns Roman verknüpft zwei Handlungsstränge thematisch und personell miteinander: die Auseinandersetzungen in der Familie des Frankfurter Oberstaatsanwalts Andergast, v. a. den Vater-Sohn-Konflikt,   und die im Stil einer Detektivgeschichte im Wettbewerb zwischen dem Juristen und seinem Sohn gestaltete Aufrollung eines ca. 19 Jahre zurückliegenden Gerichtsprozesses, der mit der Verurteilung des Kölner Privatdozenten Otto Leonhart Maurizius endete, obwohl dieser kein Geständnis ablegte.

Der 16-jährige Gymnasiast Etzel Andergast lebt in Frankfurt am Main im Hause seines Vaters, des Oberstaatsanwalts Wolf Freiherr von Andergast, der im Volk seiner Prinzipientreue und Unerbittlichkeit wegen der blutige Andergast genannt wird. Auch im privaten Bereich vermeidet er Emotionen, so dass seine Frau Sophia in der gefühlskalten Ehe vereinsamte und Ehebruch beging. Seit dessen Aufdeckung muss sie im Ausland leben und auf Verbindungen zu ihrem Sohn verzichten. Im Haus wird in Gegenwart Etzels nicht über seine Mutter gesprochen.

Ausgelöst wird die Haupthandlung durch die Versuche des ehemaligen Ökonomen und Gutsbesitzers Peter Paul Maurizius aus Hanau, den Staatsanwalt, der im Prozess auf Todesstrafe plädierte, für die Begnadigung seines Sohnes zu gewinnen. Dadurch erfährt Etzel von dem Fall. Der zu lebenslanger Haft Verurteilte sitzt seit mehr als 18 Jahren im Zuchthaus Kressa, weil er seine Ehefrau Elli erschossen haben soll. Da Etzel vom Vater keine Informationen erhält und dadurch, in einer Phase der Auflehnung gegen den autoritären Erziehungsstil, der Anreiz entsteht, einem Geheimnis nachzugehen, nimmt er mit dem alten Maurizius Kontakt auf und fährt heimlich nach Hanau. Dieser erzählt ihm die Vorgeschichte des Mordes: Sein lebenslustiger und verschuldeter 23-jähriger Sohn heiratete die vermögende 38-jährige Witwe Elli Hensolt, geborene Jahn - in Erwartung von achtzigtausend Mark geerbtem Vermögen. Er verschwieg ihr seine Tochter Hildegard aus der vorehelichen Beziehung mit der Schweizer Tänzerin Gertrud Körner. Als diese starb, beauftragte er seine 19-jährige Schwägerin Anna Jahn, in die er sich verliebte, hinter dem Rücken seiner Frau das nunmehr zweijährige Kind nach England zu einer Pflegefamilie zu bringen. Etzel erfährt weiter, dass der Kronzeuge Gregor Waremme, auf dessen Aussage die Verurteilung basierte, inzwischen als Privatlehrer Georg Warschauer in Berlin in der Usedomstraße, Ecke Jasmunder Straße Schüler unterrichtet. Die ebenfalls beim Mord anwesende Anna erbte Ellis Vermögen und lebt inzwischen als Frau Duvernon und Mutter von zwei Kindern in der Nähe von Trier.

Etzel ist nach dem Studium der ihm vom alten Maurizius übergebenen Zeitungsartikel über den Prozess von der Unschuld Maurizius' überzeugt. Da er „über einen auffallenden Scharfsinn oder Spürsinn, eine Art Indianerinstinkt [verfügt], wenn es gilt, verborgene Dinge oder Umstände ans Licht zu bringen“,[2] hat er Lücken im Indiziengefüge entdeckt und will herausfinden, wer den Mord begangen hat. So erbittet er von seiner Großmutter Cilly von Andergast, der „Generalin“, dreihundert Markt und fährt heimlich nach Berlin.

Das Mosaikbild vom Fall Maurizius[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Angeregt durch Etzel beginnt auch der Vater mit einer Untersuchung des Falles. Im Roman werden die konkurrierenden Recherchen, v. a. im mit Zwischenreich überschriebenen zweiten Teil (Kap. 8-13), abwechselnd erzählt. Sie führen zum selben Ergebnis, allerdings beabsichtigt der Sohn die Rehabilitierung, der Vater dagegen die Begnadigung des unschuldig Verurteilten.

Der auktoriale Erzähler lässt die Protagonisten, und damit indirekt den Leser, aus verschiedenen Perspektiven auf die Vorgeschichte des Mordes blicken: aus den Prozessprotokollen, zeitgenössischen Zeitungsartikeln, den Meinungen von Etzels Gesprächspartnern und v. a. den Darstellungen von Vater und Sohn Maurizius sowie des Zeugen Waremme. Dadurch entsteht ein sich immer mehr verfeinerndes Mosaikbild.

Die Fragen nach der irdischen Gerechtigkeit und der Persönlichkeitserziehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Gesprächen werden neben der Klärung der Geschehnisse, des Beziehungsnetzes der am Fall Beteiligten und ihrer Motive die Fragen nach der Gerechtigkeit in der Welt und der Rolle des Justizwesens thematisiert. Dabei vertreten die Protagonisten unterschiedliche Positionen: Der Staatsanwalt verfolgt anfangs entsprechend seiner autoritären Persönlichkeit die strenge Linie der strafenden Gerechtigkeit, als deren Organ er sich sieht. Ein Gerichtsurteil ist für ihn unumstößlich. Im Angeklagten erblickt er einen Repräsentanten der leichtsinnigen, unmoralischen und verantwortungslosen Jugend (Kapitel 9, Abschnitt 6). Durch seine Erziehung will er Etzel vor solchen Verirrungen bewahren. Im enttäuschten Vater von Leonhart Maurizius erkennt er sich selbst wieder und in Leonhart seinen eigenen Sohn. Dadurch wird er unbewusst sensibilisiert, die Handlungen der Personen nachzuvollziehen.

Für Waremme gibt es in der Welt keine Gerechtigkeit, sondern nur psychologische Labyrinthe. (11,2). Der Einzelne ist zufälligen gesellschaftlichen Konstellationen ausgesetzt. Aus seinen Erlebnissen, einmal war er Opfer, dann wieder Täter, folgert er sein Überlebensrecht. Etzel lehnt beide Auffassungen ab. Die des Vaters ist dogmatisch und deshalb unbarmherzig, da sein Denken von der abstrakten Regel und nicht vom lebendigen Individuum ausgeht. Die Sichtweise Waremmes dagegen ist triebhaft egozentrisch und rücksichtslos (14,4-5). Leonhart Maurizius spürt in sich die Ambivalenz des Menschen zwischen edlen Gefühlen und Verbrechen, beides ist möglich (9,7). In der entseelten Maschinerie der Justiz und ihrer despotischen Willkür verliert er seine Menschenwürde und wird zum Automaten ohne Lebenskraft, wie sein Ende zeigt (9,8; 13,7-8).

Der Autor greift damit eine zeitgenössische Diskussion über autoritäre staatliche und familiäre Strukturen und die Erziehung der Jugendlichen zu eigenverantwortlichen Persönlichkeit auf. Etzels Lehrer Dr. Camill Raff (3,1; 4,5) repräsentiert im Die Kostbarkeit des Lebens betitelten ersten Romanteil (Kap. 1-7) Gedanken der Reformpädagogik. Bezeichnenderweise bewertet ihn Andergast nach einem Gespräch als Gefahr für die Entwicklung seines Sohnes, erkennt ihn als seinen Rivalen und veranlasst dessen Versetzung in die Provinz (5,5-6).

Die Untersuchungen des Oberstaatsanwalts von Andergast[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor seiner Abreise hat Etzel seinem Vater einen Brief geschrieben, in dem er ihm den Hauptgrund seines Verschwindens nennt: „Ich will die Wahrheit finden“.[3] Als der Staatsanwalt seine Mutter als Mitwisserin der Pläne seines Sohnes verdächtigt, wirft sie ihm vor, sein „Kasernenregiment“ habe die Nacht- und Nebel-Aktion des Jungen verschuldet und er habe damals seine Gattin, „die arme Sophia wie einen Hund hinausgejagt in die Welt“[4] und deren Liebhaber in den Tod getrieben. Andergast ist durch die Vorwürfe und das Vorhaben Etzels verunsichert, lässt die Akten Maurizius nach Hause kommen und überprüft Tathergang und Zeugenaussagen (5,7-8; 6,3-9).

Zuerst bewundert er seine „meisterhafte[] Arbeit“, doch muss er „einen Schönheitsfehler“ zugeben: „das fehlende Geständnis“. Beim Weiterlesen bemerkt er Unstimmigkeiten in den Aussagen. Er vermutet, dass das Unheil mit der Auseinandersetzung um Leonharts Kind Hildegard und Annas Rolle dabei zusammenhängt, da Elli ihre Schwester verflucht und gedroht hatte, sie und dann sich umzubringen. Weitere Fragen stellen sich zu Annas Verhältnis zu Waremme, sie war zeitweise seine Sekretärin, und zu Leonhart Maurizius, der oft mit ihr zusammen war und ihr sein Bild mit einem Liebesbekenntnis schenkte, sowie zur Freundschaft zwischen Leonhart und Waremme (7,2). Der Oberstaatsanwalt betrachtet die Angaben zum Tathergang noch einmal genauer. Sie bauen auf Waremmes Beobachtungen auf, dass Maurizius den Revolver aus der Manteltasche geholt und seine Frau erschossen habe. Die Tatwaffe wurde allerdings nie gefunden. Jetzt wundert sich Andergast, dass er damals die Ungereimtheiten zu Ungunsten von Leonhart Maurizius ausgelegt und die Angaben der Zufallszeugen nicht überprüft hatte.

Herr von Andergast sucht den Zuchthaussträfling Leonhart Maurizius im Zuchthaus Kressa auf (9,5-9) und fragt ihn, warum er während des Prozesses und die vielen Jahre danach geschwiegen habe. Dieser erwidert: „Weil ich nicht einen Mord begehen wollte“. Der Besucher mutmaßt, dass Anna geschont werden sollte.

Maurizius erzählt dem Staatsanwalt bei seinen Besuchen nach und nach die Geschichte seiner unglücklichen Ehe und der Verstrickungen (12,1-7; 13,6-10). Dadurch erhält Andergast aufschlussreiche Hintergrundinformationen, z. B. dass der Kronzeuge Waremme sich bei der Einstudierung eines Theaterstücks in die 17-jährigen Anna verliebte und sie in der Garderobe vergewaltigte.[5] Als dann die arbeitslose Anna bei der um 20 Jahre älteren Schwester Elli Schutz suchte, war ihr Waremme gefolgt, und er, ein „Polyglott, ein neuer Winckelmann, ein Poet, ein Kerl von Gottes Gnaden“,[6] hatte sich mit Maurizius befreundet. Waremme, ein despotischer Mensch, liebte den Freund, dann hasste er ihn. In der Vierergruppe mit dem komplizierten Beziehungs- und Eifersuchtsgeflecht steigern sich die Auseinandersetzungen, die wegen Leonharts Kind Hildegard begannen und mörderisch endeten. Leonhart reflektiert diesen Konflikt: „Es war eine perfekte Zermalmungsprozedur, wo jeder zugleich Rad und Geräderter war. Anna zwischen mir und Waremme, Elli zwischen mir und Anna, Anna zwischen Elli und mir, ich zwischen Anna und Waremme und Elli zwischen allen dreien. Das ging Tag für Tag, Woche um Woche, bis ans entsetzliche Ende.“[7] Elli konnte die Hinwendung ihres Gatten zu der Schwester nicht ertragen. „Eine blutgierige reißende Wölfin brach aus ihr heraus, als sie sich gegen die Schwester kehrte.“[8] "In den Erzählungen des Häftlings treten nach und nach jene bis zur Undurchschaubarkeit verflochtenen Beziehungen der Prozeßbeteiligten an den Tag, ein Chaos von Konvention, Leidenschaft, Verlogenheit und Promiskuität. Andergast erkennt, daß die Grundlagen allen juristischen Urteilens, Kategorien wie Verantwortung, Gerechtigkeit, Schuld und Bestrafung, die auch die Basis seiner eigenen Existenz sind, in diesem Labyrinth ihre Geltung einbüßen, daß die Grenze zwischen Recht und Unrecht verwischt, ja ganz aufgehoben zu werden droht."[9]

Der Oberstaatsanwalt überdenkt nach dem Zuchthausbesuch alle Fakten aus den Akten wie auch die Eröffnungen des Inhaftierten und schlussfolgert, Waremme müsse einen Meineid geschworen haben. Er fasst die Entlassung von Maurizius auf dem Gnadenweg ins Auge, besucht Maurizius noch einmal und legt dem Justizminister in einer Depesche die sofortige Begnadigung des Strafgefangenen Maurizius dringend nahe.

Die Recherchen Etzel Andergasts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Etzel schleicht sich ins Berliner Wohnumfeld Waremmes als dessen Englischschüler und Famulus ein (8,1-6). Obwohl der Junge ihm bald den Grund seines Besuchs nennt, bricht Waremme die Verbindung nicht ab, sondern der Vereinsamte benutzt ihn als Zuhörer, dem er seine Erlebnisse und Weltanschauungen vorträgt (10,1-5;11,1-4). Er findet Gefallen an dem naiven und idealistischen Jungen, lädt ihn in die Konditorei und zu Jazz-Veranstaltungen ein und will ihm die Augen für die seiner Auffassung nach korrupte Wirklichkeit öffnen. Dabei behandelt er Etzel herablassend, dosiert spielerisch seine Informationen und geht lange Zeit nicht auf dessen Kernfrage nach dem Meineid ein. Unbeirrt breitet jedoch der Junge Details aus, die er vom alten Maurizius erfahren hat: Der Alte wolle nicht eher sterben, als bis sein Sohn Leonhart aus dem Zuchthaus entlassen sei. Allmählich offenbart Waremme seine Beziehung zu Maurizius und Anna. Etzel insistiert: „Das Urteil ist falsch, das Urteil ist ein Justizmord… Dem Menschen muß Gerechtigkeit widerfahren“.[10] und stellt dem „Kronzeugen“ die Gewissensfrage: „Wer hat geschossen? Hat sie geschossen, die Anna Jahn?“[11] Schließlich gesteht Waremme in einer emotionalen Situation, als er vom schlanken Jünglingskörper Etzels fasziniert ist: „Nu ja, sie hat geschossen“,[11] und erklärt das Motiv der Mörderin: „Daß sie [Anna] ihn [Maurizius] so über alles Maß liebte, verzieh sie ihm nicht und verzieh sie sich selber nicht. Dafür mußte er seine Strafe leiden. Er durfte nicht mehr auf der Welt sein. Daß sie die Schwester erschossen hatte um seinetwillen, durfte niemals ein Weg von ihm zu ihr werden.“[12] Seine Falschaussage rechtfertigt er mit dem „Duell“ mit Maurizius um die Geliebte und dem „Schimmer der Hoffnung“ auf Anna, aber Etzel könne mit seinem Geständnis nichts anfangen, öffentlich würde er nichts zugeben und der Meineid sei verjährt. Damit hatte Etzel allerdings gerechnet und Melitta, die Tochter der Zimmerwirtin Schneevogt, als Zeugin hinter der Tür lauschen lassen.

Die Unwiderruflichkeit des Todes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leonhart Maurizius wird aus dem Zuchthaus entlassen (15,1-3). Der Freigelassene erkennt die Welt nicht wieder: Die Damen tragen kurze Röcke und helle Seidenstrümpfe. Daheim in Hanau hat sein Vater Peter Paul alles für den Sohn vorbereitet: Wäsche, alle möglichen Utensilien für den feinen Herrn und Geld. Dann setzt er sich in den „Kanapeewinkel“ und stirbt (15,4).

Maurizius ist durch die lange Isolation vereinsamt. Seine Träume lassen sich nicht realisieren und die Kontaktversuche enden desillusionierend. Zuerst will er seine Tochter Hildegard in Kaiserswerth besuchen, aber sie wurde rechtzeitig ins Ausland geschickt (15,5). Darauf sucht Maurizius seine Schwägerin in Echternach auf. Anna Duvernon hat alles verdrängt und mit der Vergangenheit abgeschlossen. Sie ist heilfroh, dass Maurizius nicht auf ihre Tat zu sprechen kommt. Die Jahre haben ihre Schönheit zerstört. „Wunderlosigkeit“ ist übrig geblieben (15,6). Auch er ist durch die lange Haft seelisch entkernt, ohne Zukunftsperspektiven und nicht mehr lebensfähig, wie die Überschrift des dritten Teils Die Unwiderruflichkeit des Todes (Kap. 14 und 15) signalisiert. Nach Fahrten in die Schweiz und nach Berlin mit einer unbefriedigenden Affäre tötet sich Maurizius durch einen Sprung von einem Viadukt in die Tiefe (15,7).

Auch das Leben des Oberstaatsanwalts hat, durch das stille Eingeständnis seines Irrtums und seiner Voreingenommenheit, wodurch er nur in einer Richtung ermittelte, seinen Sinn verloren. Er ersucht um seine Pensionierung. Die private Niederlage folgt: Als Etzel mit seiner vermeintlichen Erfolgsmeldung von Berlin zurückkommt und von der Begnadigung erfährt, schreit er den Vater an: „Wenn er unschuldig ist, braucht er doch die Gnade nicht!“[13] und bricht die Beziehung ab: „Ich will nicht dein Sohn sein!“[14] Andergast erleidet darauf einen Schlaganfall und muss, halb offenen Mundes, in eine Heilanstalt gebracht werden. Etzel schließt die Romanhandlung mit den Worten: „»Man soll meine Mutter holen.« Was auch [geschieht]“[15]

Sophia ist bereits vor einigen Tagen nach Frankfurt zurückgekehrt (13,1), nachdem ihre Schwiegermutter sie über das Verschwinden Etzels benachrichtigt hatte. In der Abrechnung mit ihrem Mann (13,3-5) wird der Staatsanwalt zum Angeklagten im Fall Maurizius wie im Fall Andergast: Sie wirft ihm, dem prinzipientreuen Gerechtigkeitsfanatiker, Anstiftung zum Meineid vor, gibt ihm sowohl die Schuld am Tod ihres Liebhabers als auch an der Flucht des Sohnes, bezeichnet ihren Ehebruch sie „als misslungenen Fluchtversuch aus einem Kerker“[16] und erinnert Andergast daran, dass sie an die Schuld Maurizius' nie glauben konnte.

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wo nicht gesprochen wird, ist auch kein Widerspruch.[17]
  • Jede Generation ist eine Gattung für sich, gehört einem andern Baum an.[18]
  • Die höhere Welt wird nur durch das Gleichnis erschlossen.[17]
  • Ein Weib versteht nicht, was das ist, die Zeit des Mannes.[19]
  • Der Sehende wird kalt.[20]
  • Vielleicht entsteht die Wahrheit erst durch die Zeit und in der Zeit?[21]
  • Manche Leidenschaft verdankt ihre Entstehung nur der Furcht vor der Leere.[16]
  • Verantwortungen werden immer dann zu groß, wenn man sich ihnen entziehen will.[22]
  • Teilhat jeder an der Gerechtigkeit, wie er teilhat an der Luft.[23]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Henry Miller geht in seinem Essay „Maurizius Forever“ auf den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Romans ein.
  • Wassermanns konventionell vorgetragene Prosa enthalte zum Teil Triviales.[24]
  • Nach Koester[25] habe der Fall Carl Hau lediglich als stoffliche Vorlage gedient. Im Grunde habe Wassermann aber Vaterhass und Gerechtigkeit psychologisch durchdringen und ein Zeitgemälde präsentieren wollen.

Trilogie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Werk umfasst die Romane

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jakob Wassermann: Der Fall Maurizius. S. Fischer, Berlin 1928. 577 Seiten. Leinen

Quelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jakob Wassermann: Der Fall Maurizius. Rütten & Loening, Berlin 1976. 488 Seiten. Häufige Neuaufl., z. T. mit Nachwort von Fritz Martini

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jakob Wassermann: Der Fall Maurizius. Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-458-34784-4.
  • als Hörbuch (gekürzt) Herbig, 2003.

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jörg von Uthmann: Zwölf Minuten vor zwölf, über Jakob Wassermanns Der Fall Maurizius in Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.) Romane von gestern - heute gelesen, Bd. II 1918 - 1933, S. 148 - 152, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 1989, ISBN 3-10-062911-6.
  • Margarita Pazi, in: Gunter E. Grimm, Frank Rainer Max (Hg.): Deutsche Dichter. Leben und Werk deutschsprachiger Autoren. Band 7: Vom Beginn bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. S. 40 - 46. Stuttgart 1991, ISBN 3-15-008617-5.
  • Rudolf Koester: Jakob Wassermann. Berlin 1996, ISBN 3-371-00384-1.
  • Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur 1900 - 1918. München 2004, ISBN 3-406-52178-9.
  • Henry Miller in: Jakob Wassermann: Etzel Andergast. Roman. Mit einem Nachwort von Henry Miller. S. 611 - 667, München im April 2002, 667 Seiten, ISBN 3-423-12960-3.
  • Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Deutsche Autoren A - Z. Stuttgart 2004. S. 651, ISBN 3-520-83704-8.
  • Marcus Bullock: 1928: Jakob Wassermann's novel „Der Fall Maurizius“ presents the final expression of his views on the relationship of Germans and Jews. In: Sander L. Gilman, Jack Zipes (Hrsg.): Yale companion to Jewish writing and thought in German culture 1096–1996. New Haven : Yale Univ. Press, 1997, S. 471–478

Verfilmungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Koester, S. 72, 9. Z.v.o.
  2. Quelle, S. 117.
  3. Quelle, S. 107.
  4. Quelle, S. 111.
  5. Quelle, S. 343.
  6. Quelle, S. 342.
  7. Quelle, S. 359.
  8. Quelle, S. 366.
  9. Rudolf Radler
  10. Quelle, S. 435.
  11. a b Quelle, S. 442.
  12. Quelle, S. 444.
  13. Quelle, S. 482.
  14. Quelle, S. 486
  15. Quelle, S. 488.
  16. a b Quelle, S. 387.
  17. a b Quelle, S. 97.
  18. Quelle, S. 249.
  19. Quelle, S. 294.
  20. Quelle, S. 307
  21. Quelle, S. 378.
  22. Quelle, S. 465.
  23. Quelle, S. 484.
  24. Sprengel, S. 377, 16. Z.v.o.
  25. Koester, S. 72–74