Der Kaufmann von Venedig

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Daten
Titel: Der Kaufmann von Venedig
Originaltitel: The Merchant of Venice
Gattung: Komödie
Originalsprache: Frühneuenglisch
Autor: William Shakespeare
Erscheinungsjahr: 1596-1598
Uraufführung: spätestens Juli 1598
Ort und Zeit der Handlung: Venedig und Belmont
Personen
  • Der Doge von Venedig
  • Prinz von Marokko und Prinz von Arragon, Freier der Portia
  • Antonio, der Kaufmann von Venedig
  • Bassanio, sein Freund
  • Solanio, Salarino und Graziano, Freunde des Antonio
  • Lorenzo, Liebhaber der Jessica
  • Shylock, ein Jude
  • Tubal, ein Jude, sein Freund
  • Lanzelot Gobbo, Shylocks Diener
  • Der alte Gobbo, Lanzelots Vater
  • Salerio, ein Bote von Venedig
  • Leonardo, Bassanios Diener
  • Balthasar und Stephano, Portias Diener
  • Portia, eine reiche Erbin
  • Nerissa, ihre Begleiterin
  • Jessica, Shylocks Tochter
  • Senatoren von Venedig, Beamte des Gerichtshofes, Gefangenenwärter, Bediente und andres Gefolge

Der Kaufmann von Venedig (englisch The Merchant of Venice) ist eine Komödie William Shakespeares. Sie entstand zwischen 1596 und 1598 und wurde 1600 in der ersten Quartoausgabe veröffentlicht. Die erste bekannte Aufführung fand am 10. Februar 1605 vor König Jakob I. im Palace of Whitehall statt.

Das Stück spielt nur zum Teil in Venedig; wichtige Szenen spielen in Belmont, einem Landsitz auf dem Festland. Die Handlung beruht auf „Il Pecorone“ von Giovanni Fiorentino und der 195. Geschichte der Anekdotensammlung Gesta Romanorum.[1]

Handlung[Bearbeiten]

Antonio, ein venezianischer Kaufmann, möchte seinen Freund Bassanio unterstützen, der auf Freiersfüßen wandelt: Bassanio hat sich in Portia, eine reiche junge Adelige, verliebt, und die Brautwerbung verspricht teuer, letztlich aber auch sehr lukrativ zu werden. Um dem Freund mit dem nötigen Geld unter die Arme greifen zu können, macht Antonio selber Schulden, und zwar bei dem jüdischen Geldverleiher Shylock. Shylock, der von den Christen Venedigs verachtet, von Antonio öffentlich beleidigt wird, und der seinerseits Antonio stellvertretend für alle Christen hasst, bietet im Gegensatz zu seiner üblichen Zinspraxis an, diesmal auf Zinsen zu verzichten. Als Sicherheit verlangt er, scheinbar zum Spaß, nur dies: Gelingt es dem Schuldner nicht, das geliehene Geld rechtzeitig zurückzuzahlen, so hat Shylock Anspruch auf „ein Pfund Fleisch“ aus Antonios Körper. Antonio willigt ein und unterschreibt einen entsprechenden Schuldschein, ist er sich doch sicher, dass seine Handelsschiffe, die zur Zeit auf großer Fahrt sind, bald reich beladen nach Venedig zurückkehren werden.

In Belmont muss sich auch Bassanio auf eine ungewöhnliche Übereinkunft einlassen: Portias verstorbener Vater hat testamentarisch verfügt, dass ihre Bewerber von drei Kästchen (einem goldenen, einem silbernen, einem bleiernen) jenes auswählen müssen, welches Portias Bild enthält; wem das nicht gelingt, der muss zeitlebens ehelos bleiben. Der erste Bewerber, der geldgierige Prinz von Marokko, wählt das goldene Kästchen, denn auf dem bleiernen steht: „Wer mich wählt, muss alles geben und wagen, was er hat“, und für Blei will er nicht alles, was er hat, riskieren. Das silberne sagt: „Wer mich wählt, wird so viel bekommen, wie er verdient“, was für ihn wie eine Einladung zur Folter klingt. Auf dem goldenen jedoch steht: „Wer mich wählt, wird gewinnen, was viele begehren“, was für ihn ganz deutlich auf Portia anspielt. Im goldenen Kästchen liegen jedoch nur ein paar Goldmünzen und ein Schädel mit einer Schriftrolle, auf der der berühmte Spruch steht:

„Nicht alles, was glänzt, ist Gold, / Oft hast du das sagen hören – / Manch einer hat sein Leben verkauft, / Nur mein Äußeres zu sehen. / Vergoldete Gräber umschließen Würmer. / Wärst du so weise wie kühn gewesen, / Jung in den Gliedern, alt im Urteil, / So wäre deine Antwort nicht aufgeschrieben gewesen – / Leb wohl, deine Werbung ist kalt.“

Somit ist er kein geeigneter Bewerber und muss von jetzt an ein Leben als Junggeselle führen.

Der zweite Bewerber ist der von sich selbst sehr überzeugte Prinz von Arragon. Er wählt das silberne Kästchen, weil er denkt, dass er Portia „verdiene“. Darin findet er jedoch das Bild eines blinzelnden Idioten, der ihm ein Stück Papier entgegenhält. Damit hat auch er sich als ungeeignet erwiesen. Der letzte Bewerber ist schließlich Bassanio. Er bemerkt, dass die Zeile auf dem bleiernen Kästchen sich auf die Hochzeit als einen wichtigen Wendepunkt im Leben bezieht. Er wählt das richtige Kästchen und darf Portia heiraten.

Zurück in Venedig, findet er Antonio in argen Sorgen: Die Schiffe des Kaufmanns sind verschollen, und es scheint aussichtslos, dass er Shylock die geschuldete Summe rechtzeitig zurückzahlen kann. Shylock wetzt schon sein Messer und hat auch eine Waage mitgebracht, als der junge „Advokat“ Balthasar – bei dem es sich in Wirklichkeit um die nach Venedig gekommene verkleidete Portia handelt – erscheint und in letzter Minute die Lösung präsentiert: Zwar habe Shylock vertragsgemäß Anspruch auf das Fleisch, nicht jedoch auf das Blut Antonios, er dürfe also beim Herausschneiden keinen Tropfen Blut vergießen. Tue er es doch, so drohe ihm die Todesstrafe und alle seine Güter würden vom Staat konfisziert. Weiter sei in den Gesetzen Venedigs festgelegt, dass derjenige, der als Fremder nach dem Leben eines Bürgers trachte, die eine Hälfte seines Vermögens an die gegnerische Partei (Antonio), die andere Hälfte an den Staat verliere, sein Leben hänge von des Herzogs Gnade ab. Verbittert muss der Gläubiger seine Niederlage eingestehen. Doch zeigt der Doge Milde, und Antonio bietet die Rückgabe seiner Hälfte an, wenn Shylock zum Christentum konvertiere und seine Güter nach seinem Tod seiner Tochter Jessica und deren Freund Lorenzo vermache. Der gebrochene Shylock erklärt sich zu allem bereit und verlässt das Gericht. Zum glücklichen Ende treffen sich in Belmont die Paare Portia-Bassanio, Nerissa-Gratiano, Jessica-Lorenzo mit Antonio, der erfreut erfährt, dass seine Schiffe doch noch sicher im Hafen angekommen sind.

Zum Verständnis[Bearbeiten]

Ludwig Devrient als Shylock (Skizze von Wilhelm Hensel)
Shylock und Jessica von Maurycy Gottlieb (1856–1879)

In diesem Stück greift Shakespeare mit Shylock, dem reichen jüdischen Wucherer, auf die Figur des Vice zurück. Man begegnet dem Vice in verschiedenen anderen Figuren Shakespeares, etwa in Richard III., Jago, Lady Macbeth oder in Hamlets Onkel, dem König Claudius. Eine Verteufelung des Jüdischen ist darum hier so wenig vorhanden wie in den anderen Beispielen eine Herabsetzung des Königtums. Der Verlauf des Stücks rückt denn auch weder Shylocks Judentum noch seinen Wucher ins Zentrum, sondern, wie Karl Marx es nennt, das erbarmungslose „Shylock’sche Festklammern am Buchstaben des Gesetzes“. Dieses blinde Bestehen auf Recht und Gesetz ist es, was im Höhepunkt der Handlung auf den Vice selber zurückfällt. Portia sagt es unmissverständlich: „Denn weil du so auf Recht pochst, sei gewiss: Recht sollst du bekommen, mehr als du begehrst.“

Auf Antonio, dem Gegenspieler des Vice und Anführer der guten Mächte, lastet, ähnlich wie später auf Hamlet, die Schwermut. Obwohl im Verlauf des Stücks nicht mehr erwähnt, wird sie als eigentliches Thema dem Publikum von Antonio selbst angekündigt: „Von was für Stoff es ist, woraus erzeugt, das soll ich erst erfahren.“[2] Die „Schwermut“ ist in das Christentum unter dem Begriff der Acedia eingegangen. Im Verbund mit der Sünde der Sünden, dem Hochmut, als Verhärtung des Herzens gegen Gott, rechnet sie das Mittelalter zu den Todsünden. Im Übergang zur Renaissance wird die Acedia radikal neu bestimmt und als Tugend umgewertet. Das ist der Sinn, in dem Shakespeare sie gebraucht: die Traurigkeit kommt aus der Tugend der Empfindlichkeit für das Unrecht in der Welt.

Was „Shylock sich von seinem Todfeind halb zum Spott ausbedingt“ (Mommsen), ist moralische Allegorie auf Fortuna oder, mit christlichem Begriff gesagt, auf „die Prädestination oder das Schicksal“. Shakespeare nennt Fortuna darum gerne eine „Hure“, weil sie es mit den guten und den bösen Mächten ohne Unterscheidung „treibt“ und bald diesen und bald jenen begünstigt. Der „Vice“ hat jene launische Göttin stets zunächst auf seiner Seite. Im Falle von Macbeth tritt ihre Macht leibhaftig als die „drei Schicksalsschwestern“ auf. Im „Kaufmann“ erwirkt sie zunächst die Schicksalsschläge gegen den selbstlosen Antonio. „Nicht ein einziger Treffer“ gelingt ihm, und die höheren Mächte scheinen seine Liebe und seinen Großmut schlecht zu bezahlen. Darauf nämlich, auf das Verhängnis, genauer aber auf die Gerechtigkeit Gottes, zielt Antonios bittere Ironie in der Schicksalsstunde: „Denn schneidet der Jude tief genug, dann zahl ich sie [meine Liebe] gleich mit ganzem Herzen.“

Mit dem plötzlichen Umschwung im Prozess hat die Macht des Schicksals anscheinend nichts zu tun. Es ist aber kaum Zufall, dass die Fügung sich im Augenblick der Wende dem guten Bund wieder günstig zeigt, als hätte eigentlich sie die Hand im Spiel. Auf das Schicksal wird daher auch ausdrücklich hingewiesen: „drei Eurer Galeonen sind reich beladen plötzlich eingelaufen; ich sag Euch nicht, was für ein eigner Zufall den Brief mir zugespielt hat.“ Das erinnert an antikes Vorbild, zum Beispiel an die Formulierung Homers: „Wer auf die Götter hört, den hören sie wieder.“

Kritik[Bearbeiten]

Shakespeares Komödie wird oft Antisemitismus vorgeworfen, der in der Tat im elisabethanischen Theater nichts Ungewöhnliches war. Bekanntestes Beispiel neben Shakespeares „Kaufmann“ ist Christopher Marlowes wesentlich undifferenzierteres Drama The Jew of Malta. Shylocks Handeln wird durch die Unterdrückung der jüdischen Gemeinden und der einzelnen Juden (Gutwilligkeit des Rezipienten vorausgesetzt) verständlich, die im Stück zwar keine zentrale Rolle spielt, aber durchaus erwähnt wird. Auch der berühmte Verteidigungsmonolog Shylocks, in dem er sich über die Ungerechtigkeiten beklagt, unter denen er zu leiden hat: „Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?“ (III.1) mildert den Tenor des Stückes. Die Großmütigkeit der christlichen Protagonisten des Stücks steht im Kontrast zur Rachsucht und Engherzigkeit Shylocks.

Wie in den mittelalterlichen Mysterienspielen soll mit diesem Stück der ethische Grundsatz „Gnade vor Recht“ demonstriert werden. Gemeint ist, dass die Gnade (christlich, Neues Testament) noch über dem Recht (jüdisch, Altes Testament) stehen soll. Das ist die Tradition, die Shakespeare übernimmt, auch wenn seine Figuren nicht mehr so allegorisch wirken wie einst. Jedoch ermöglichte Shakespeares facettenreiche Charakterisierung des eigentlich als komischen Schurken angelegten Shylock auch andere Interpretationen des Stoffs. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts gab es erste mitfühlende Darstellungen des Shylock, die seine tragische Ambivalenz herausstellten. Ludwig Börne weist in seinem Essay Der Jude Shylock im „Kaufmann von Venedig“ (1828, [1]) auf die menschliche Tragik Shylocks hin. Noch engagierter tut dies Heinrich Heine in seinen Ausführungen über Jessica und Portia in seiner Schrift Shakespeares Mädchen und Frauen. (1839, [2]).

Während die Figur des Shylock in der NS-Zeit, als das Stück wieder häufiger aufgeführt wurde (etwa 1943 am Wiener Burgtheater oder in der Verfilmung mit Werner Krauß), oft als Verkörperung des der nationalsozialistischen Rassenideologie entsprechenden Judenbildes mit allen den Juden zugeschriebenen charakterlichen und physiognomischen Stereotypen dargestellt wurde,[3] hat sich angesichts des Holocausts die mitfühlende Darstellung des Shylock durchgesetzt. Auch die jüngste Verfilmung des Stoffs, Michael Radfords „Kaufmann von Venedig“ mit Al Pacino in der Rolle des Shylock, verfährt so: Der Film beginnt mit einer Montage von Szenen, die den zeitgenössischen Antisemitismus zeigen: Hetzreden fanatischer Wanderprediger, das Verbrennen von Talmud­drucken sowie das Bespucken und Schlagen von Juden. Hier wird offensichtlich, warum Shylock im entscheidenden Augenblick falsch handelt. Die Gnade, die von ihm hier erwartet wird, kann er nicht gewähren, weil ihm die Liebe als Voraussetzung dafür fehlt. Sie wurde von den venezianischen Nichtjuden zerstört.

Datierung[Bearbeiten]

Titelseite der ersten Quartoausgabe 1600

Die genaue Entstehungszeit des Werkes ist nicht überliefert; für die heute übliche Datierung 1596/97 sprechen jedoch Wahrscheinlichkeitsgründe. Mit Sicherheit lässt sich nur der spätestmögliche Zeitpunkt der Entstehung (terminus ad quem) rekonstruieren. Am 22. Juli 1598 ließ James Robert das Stück unter dem Doppeltitel „a booke of the Marchaunt of Venyce or otherwise called the Iewe of Venyce“ in das Stationers‘ Register eintragen. Erwähnt wird das Stück auch in der Essaysammlung Palladis Tamia von Francis Meres, die rund sechs Wochen später am 7. September im Druckregister verzeichnet wurde. Meres‘ Buch enthält eine Aufstellung der bekannten Shakespeare-Dramen; den Merchant of Venice nennt er als letzte und damit wahrscheinlich jüngste von sechs Komödien Shakespeares.

Diese beiden Eintragungen belegen eindeutig, dass das Stück spätestens im Sommer 1598 zum Repertoire der Schauspieltruppe Shakespeares gehörte. Meres konnte das Werk nur aus einer zuvor erlebten Aufführung kennen; die Anmeldung zur Drucklegung der Komödie im Juli 1598 erfolgte zwei Jahre vor dem tatsächlichen Erstdruck und enthielt zudem eine blockierende Klausel (proviso), dass das Stück nur mit der ausdrücklichen Zustimmung von „Lord Chamberlain“ gedruckt werden durfte. Gemeint ist damit die Schauspieltruppe Shakespeares, die Lord Chamberlain’s Men, die sich auf diese Weise die Rechte an dem Stück sichern wollte, wahrscheinlich um so unautorisierte Raubdrucke zu unterbinden.

Einige Shakespeare-Forscher betrachten die frühe Druckanmeldung ebenso als Indiz dafür, dass das Werk wohl erst in der Theatersaison 1597/98 entstanden sein dürfte. Der blockierende Eintrag könnte dann, so die Annahme, in erster Linie dazu gedient haben, das aufgrund seiner Aktualität noch mit großem Erfolg aufgeführte Stück vor Nachahmungen durch konkurrierende Schauspieltruppen zu schützen.[4]

Zweifelsfreie Belege oder sichere Hinweise, ob das Stück bei der Eintragung tatsächlich neu war oder aber bereits einige Zeit zuvor verfasst und möglicherweise auch gespielt wurde, liegen jedoch nicht vor.

Auch der frühestmögliche Zeitpunkt der Entstehung kann nicht mehr mit letzter Gewissheit festgestellt werden; als terminus a quo gilt in der jüngeren Forschung allgemein der Sommer 1596. Dem liegt vor allem eine heute kaum mehr strittige Textdeutung zugrunde, die eine Eingangspassage des Stückes (I, i, 27) als Anspielung auf das spanische Schiff San Andrés (St. Andrews) versteht, das 1596 im Hafen von Cadiz von den Engländern gekapert wurde. Die Nachricht von der Einnahme des spanischen Schiffes erreichte den englischen Hof am 30. Juli 1596 und war allgemeiner Gesprächsstoff; auch im Sommer und Herbst des folgenden Jahres sorgte die Galleone in den Händen der Engländer mehrfach für Aufmerksamkeit, da sie zu stranden oder unterzugehen drohte. Möglicherweise beziehen sich die Andeutungen in der Anfangsszene des Stücks auch auf diese späteren Ereignisse im Jahre 1597.

Grundsätzlich wäre es zwar denkbar, dass die historischen Andeutungen in der Anfangsszene erst nachträglich einer zuvor fertiggestellten Fassung des Stückes hinzugefügt wurden; gegen eine solche Annahme sprechen jedoch vor allem stilistische Vergleichsanalysen mit anderen Werken Shakespeares, die ebenfalls einen Entstehungszeitraum vor 1596 mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit ausschließen lassen. Frühere Datierungen des Werkes auf 1594 gelten daher aus heutiger Sicht überwiegend als ungesichert. Die antisemitische Stimmung, die durch den Hochverratsprozess gegen Roderigo Lopez, den jüdischen Leibarzt Königin Elisabeths, und dessen Hinrichtung 1594 ausgelöst worden war, wurde durch die Wiederaufführung von Marlowes The Jew of Malta von Januar bis Juni 1596 weiter geschürt; ein entsprechendes Publikumsinteresse war wohl auch zu dieser Zeit noch zu erwarten.[5]

Text[Bearbeiten]

Erste Folio-Ausgabe 1623, gedruckt von Edward Blount und Isaac Jaggard

Die erste Quarto-Ausgabe von The Merchant of Venice (Q1) erschien 1600; der entsprechende Eintrag im Stationers‘ Register vom 28. Oktober 1600 verzeichnet allerdings eine Übertragung der Druckrechte von James Roberts auf Thomas Hayes. Die Titelseite des Erstdrucks enthält neben der Angabe des Verfassers („Written by William Shakespeare“) ebenso den Zusatz „Printed by I.R. [James Roberts] for Thomas Heyes“ und einen Hinweis auf vorangegangene Aufführungen der Lord Chamberlaine‘s Men („As it hath beene diuers times acted by the Lord Chamberlaine his Seruants“). Die Hintergründe des Übergangs der Druckrechte sind ungeklärt, da es keinerlei gesicherten Informationen über die geschäftlichen Beziehungen zwischen Roberts, Hayes und der Schauspieltruppe Shakespeares gibt. Verschiedene Shakespeare-Herausgeber mutmaßen allerdings, dass Roberts in eigenem Namen oder im Auftrag der Lord Chamberlain’s Men handelte und bei den Stationers zur Legitimation des Druckes im Oktober 1600 nochmals eine Theaterabschrift bzw. ein Regiebuch (prompt-book) der Schauspieltruppe vorlegen musste. Dafür spricht auch die merkwürdige Redundanz in dem Eintrag der Stationers („a booke called the booke of the m chant of Venyce“), da die elisabethanischen prompt-books in der Regel die Aufschrift („The book of ...“) enthielten.

Dem Druck der ersten Quarto-Ausgabe von The Merchant of Venice lag jedoch aus heutiger textkritischer Sicht - entgegen früherer Hypothesen - höchstwahrscheinlich keine Theater- oder Regieabschrift, sondern ein handschriftliches Manuskript Shakespeares zugrunde. Die für die prompt-books charakteristischen präziseren Bühnenanweisungen fehlen nahezu vollständig; orthografisch lassen sich an markanten Stellen ebenso Übereinstimmungen mit der Entwurfsfassung (sogenanntes foul paper) von Hamlet finden. Da der Text andererseits nur eine erstaunlich geringe Anzahl von Druckfehlern oder Irrtümern aufweist, wurde möglicherweise eine Reinschrift der ersten Schmierfassung (fair copy) für den Druck genutzt.[6]

1619 erfolgte ein weiterer Druck im Quarto-Format (Q2) mit der trügerischen Angabe „Printed by J. Roberts, 1600“. Lange Zeit wurde dieser Druck fälschlicherweise als erste Quarto-Ausgabe betrachtet. Pollard, Greg und andere Shakespeare-Forscher konnten jedoch Anfang des 20. Jahrhunderts zweifelsfrei nachweisen, dass es sich tatsächlich um einen teilweise fehlerhaften Nachdruck von Q1 handelt, der von William Jaggard im Auftrag von Thomas Pavier vorgenommen wurde und Teil der sogenannten False Folio war. Pavier, der offenbar eine erste Sammlung von Shakespeare-Dramen herausgeben wollte, verfügte nicht über die erforderlichen Druckrechte und täuschte diese daher durch falsche Rückdatierungen und unwahre Angaben vor.[7] Dieser zweiten Quarto-Ausgabe (Q2), die an verschiedenen Stellen von Q1 abweicht, wird heute in der Regel keine Textautorität mehr zuerkannt.

Die erste Folio-Ausgabe (F1) von The Merchant of Venice erschien 1623 auf Grundlage des Quarto-Drucks (Q1) von 1600, wie orthografische und typografische Übereinstimmungen zeigen. Allerdings wurde der ursprüngliche Text von Q1 durch verschiedene Bühnen- und Regieanweisungen sowie Akteinteilungen ergänzt, was darauf schließen lässt, dass zusätzlich wahrscheinlich ein prompt-book für die Drucklegung herangezogen wurde.

Weitere Folio-Ausgaben wurden 1632 (F2), 1663 (F3) und 1685 (F4) als Nachdrucke der ersten Folio-Ausgabe veröffentlicht; eine dritte Quarto-Ausgabe (Q3), die überwiegend der Fassung des ersten Quarto-Drucks (Q1) folgt, wurde 1637 von Hayes‘ Sohn Laurence gedruckt. Diese nach 1623 erschienen Ausgaben können als bloße Nachdrucke vorhergehender Druckfassungen jedoch keine größere Textgeltung beanspruchen.[8]

Verfilmungen und Fernsehfassungen[Bearbeiten]

Die erste Verfilmung war, unter der Regie von Lois Weber, der Stummfilm von 1914, The Merchant of Venice. 1923 wurde die Komödie erneut, diesmal von Peter Paul Felner, verfilmt. 1969 zeigte das deutsche Fernsehen eine vielbeachtete Interpretation, in der der jüdische Schauspieler und Regisseur Fritz Kortner die Rolle des Shylock übernahm. Max Eckard spielte die Titelrolle, Sabine Sinjen die Portia, Folker Bohnet den Bassiano, weitere Rollen übernahmen Boy Gobert, Karl Paryla, Gertraud Jesserer und Peter Vogel (Regie: Otto Schenk). In Douglas Hickox’ Horrorfilm Theater des Grauens von 1973 zeigt Vincent Price als Edward Lionheart zusammen mit Diana Rigg eine leichte Abwandlung der Szene, die dort als lebendiges Theater angekündigt und auch durchgeführt wird.

Eine weitere Fernsehfassung wurde am 18. September 1990 ausgestrahlt. Unter der Regie von George Moorse und Peter Zadek und nach einer Übersetzung von Elisabeth Plessen spielten Ignaz Kirchner den Antonio und den Prinzen von Marokko, Eva Mattes die Portia, Gert Voss den Shylock und den Prinzen von Arragon, Heinz Zuber den Salerio, Paulus Manker den Bassanio und Julia Stemberger die Jessica.

2004 drehte Michael Radford eine Hollywood-Fassung mit Al Pacino als Shylock, Jeremy Irons als Antonio, Joseph Fiennes als Bassanio und Lynn Collins als Portia.

Bühnenadaptionen[Bearbeiten]

Der bekannte englische Dramatiker Arnold Wesker veröffentlichte erstmals 1977 eine Neufassung der Shakespeareschen Komödie. In seinem Werk The Merchant, das auch als Shylock erschien und unter diesem Titel 1977 von Nina Adler ins Deutsche übersetzt wurde, stellt Wesker Shakespeares Shylock-Figur in einen neuen Deutungszusammenhang. Im historischen und sozialen Kontext der venezianischen Welt von 1563 steht Weskers Shylock unter den Zwängen, die von den dortigen staatlichen Instanzen den Juden auferlegt werden: Er lebt in einem Ghetto, ist in seiner beruflichen Tätigkeit auf den Geldhandel eingeschränkt und wird vom venezianischen Staat durch willkürliche Besteuerung skrupellos ausgebeutet. In Weskers Stück ist nicht der Jude Shylock geldgierig, sondern die jungen Adeligen der alteingessenen Familien, die sogar in ihrem Liebeswerben ausschließlich von materiellen Beweggründen geleitet werden. Der wahre Reichtum Shylocks liegt bei Wesker nicht in seinem Geldvermögen, sondern in seinen Büchern, welche die Leidensgeschichte seines Volkes zum Ausdruck bringen und es Shylock erlauben, seine eigene Lebenssituation in einem übergeordneten Zusammenhang zu begreifen. Mit diesem Wissen ist er den venezianischen Protagonisten überlegen und in der Lage, deren moralisch-ethische Substanzlosigkeit im Umgang mit dem Recht zu durchschauen. Antonio ist in Weskers Spiel der Freund Shylocks und bewundert dessen Intellektualität und Menschlichkeit. Der Vertrag wird zwischen den beiden nur geschlossen, weil das venezianische Gesetz dies für jegliche geschäftliche Beziehung zwischen Juden und Nicht-Juden so verlangt. Das von Shakespeare übernommene Pfand des Pfundes Fleisch wird in Weskers Stück von Shylock und Antonio gewählt, um ihrer Verachtung für die venezianischen Gesetze Ausdruck zu verleihen. So ist es bei Wesker auch nicht Antonio, sondern der venezianische Staat, der die buchstabengetreue Anwendung des Vertrages als ein Instrument der Vernichtung einfordert. Wie in Shakespeares Vorlage gelingt es auch hier Portia, den Kopf von Shylock und Antonio aus der Schlinge zu ziehen; allerdings werden Shylocks Bücher wegen seiner Verspottung des Gesetzes konfisziert. Die humanistische, aufklärerische Haltung scheitert damit bei Wesker an einem mechanistischen Verständnis von Legalität, das vor allem in Rassismus und Antisemitismus begründet liegt.[9]

Textausgaben[Bearbeiten]

Englische Textausgaben
  • William Shakespeare: The Merchant of Venice. The Arden Shakespeare. Third Series. Edited by John Drakakis. 2010. ISBN 978-1-903-43681-3.
  • William Shakespeare: The Merchant of Venice. NCS The New Cambridge Shakespeare. Edited by M. M. Mahood. CUP 1987. Updated Edition 2003. 10th Printing 2012. ISBN 978-0-521-53251-8.
  • William Shakespeare: The Merchant of Venice. The Oxford Shakespeare. Oxford Worlds Classics. Edited by J. L. Halio. Ausgabe 2008 [1993]. ISBN 978-0-19-953585-9.
Zweisprachige Textausgaben Englisch-Deutsch
  • William Shakespeare: The Merchant of Venice. Englisch-Deutsche Studienausgabe. Deutsche Prosafassung, Anmerkungen, Einleitung und Kommentar von Ingeborg Heine-Harabasz. Stauffenburg, Tübingen 1982, ISBN 3-86057-547-3.
  • William Shakespeare, Der Kaufmann von Venedig. Zweispr. Ausg. Neu übers. und mit Anmerkungen versehen von Frank Günther. Mit einem Essay und Literaturhinweisen von Wolfgang Weiß. Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2. Auflage 2003, ISBN 3-423-12485-7.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Der Kaufmann von Venedig – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  Wikiquote: Der Kaufmann von Venedig – Zitate (Englisch)
 Wikisource: Der Kaufmann von Venedig – Quellen und Volltexte (englisch)

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Friedmar Apel (Hrsg.): Ein Shakespeare für alle, Zweitausendeins, Frankfurt/M. 1995
  2. Übersetzung von August Wilhelm Schlegel, Project Gutenberg
  3. Zeno Ackermann (Hrsg.): Shylock nach dem Holocaust. Zur Geschichte einer Erinnerungsfigur. S. 66f.
  4. Vgl. M. M. Mahood: The New Cambridge Shakespeare 2000, Introduction S. 1f., John Russel Brown: Arden Shakespeare (Second Series) 2006, S. XIIf. und XXII. Siehe auch Jay L. Halio: Oxford Shakespeare 2008, S. 285f., sowie Schabert, Shakespeare-Handbuch 2009, S. 506 sowie 197-199 und 205.
  5. Vgl. John Russel Brown: Arden Shakespeare (Second Series) 2006, S. XXVIf. und M. M. Mahood: The New Cambridge Shakespeare 2000, S. 1f. Siehe auch Jay L. Halio: Oxford Shakespeare 2008, S. 27f., sowie Schabert, Shakespeare-Handbuch 2009, S. 406.
  6. Vgl. Jay L. Halio: Oxford Shakespeare 2008, S. 85ff., und John Russel Brown: Arden Shakespeare (Second Series) 2006, S. XI-XIII und XVf.
  7. Vgl. Schabert: Shakespeare-Handbuch 2009, S. 211f.
  8. Vgl. John Russel Brown: Arden Shakespeare (Second Series) 2006, S. XIII-XX. Siehe auch Jay L. Halio: Oxford Shakespeare 2008, S. 88-93.
  9. Vgl. Bernhard Reitz: „Forget Things and you‘ll go to pieces“: Jüdische Identität zwischen Erinnerung und Annäherung, Utopie und Holocaust im englischen Drama der Gegenwart. In: Beate Neumeier (Hrsg.): Jüdische Literatur und Kultur in Großbritannien und den USA nach 1945. Wiesbaden 1998, ISBN 3-447-04108-0, S. 25-42, hier S. 35-37.