Der Krieg am Ende der Welt

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Der Krieg am Ende der Welt (spanisch La guerra del fin del mundo) ist ein Roman des peruanischen Literatur-Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa aus dem Jahr 1981. Der Autor widmete sein Buch dem brasilianischen Publizisten Euclides da Cunha. Dessen „Krieg im Sertão“ (portugiesisch Os Sertões)[1] aus dem Jahr 1902 über den Krieg von Canudos diente Vargas Llosa als Vorlage.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zieht der religiöse Fanatiker Antônio der Ratgeber als christlicher Wanderprediger durch die Sertão und lässt sich 1893 in Canudos[A 1] nieder. Dieser Heilige widersteht dort auf der besetzten Fazenda zusammen mit seinen Jagunços[A 2][2] bis 1897 der jungen brasilianischen Republik, der Dienerin des Antichrist, wie er sie schimpft.

Überblick[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Sturz des Kaisers Pedro II. und der Errichtung der Republik kommt es zu Reformen wie der Trennung von Staat und Kirche, der Einführung der zivilen Eheschließung und der Errichtung staatlichen Friedhöfe, eine Volkszählung wird durchgeführt sowie das Dezimalsystem eingeführt. Dagegen kommt es zu Aufstandsbewegungen wie der des „Ratgebers“. Vergeblich schickt die Regierung der Republik Brasilien Truppenkontingent auf Truppenkontingent gegen den Ratgeber aus. Die Anhänger jenes Propheten, die sich „Katholiken“ und ihre republikanischen Gegner Protestanten[A 3] nennen, werden in Canudos im Nordosten Brasiliens erst im vierten Anlauf erfolgreich belagert. Diese messianischen Sebastianiten[3] warten in Belo Monte, wie sie Canudos umbenannt haben, auf eine Erscheinung. König Dom Sebastião soll vom Meeresgrund wiederauferstehen und an der Seite der Gerechten in Belo Monte kämpfen. Vornehmlich die Ärmsten der Armen erreichen aus allen vier Himmelsrichtungen die Fazenda. Ein Pilger, der in die Gemeinschaft aufgenommen werden will, muss sich zuvor gegen die Republik sowie für die Einheit von Kirche und Staat aussprechen. Von Bahia[A 4] aus kämpft Epaminondas Gonçalvez, Direktor des „Jornal de Notícias“, mit unlauteren Mitteln gegen die Anhänger der Monarchie. Dieser führende Politiker der Progressiven Republikanischen Partei in der Region möchte außerdem seine konservativen monarchistischen Gegner im Regionalparlament diskreditieren und bedient sich eines schottischen Revolutionärs und Phrenologen, der unter dem falschen Namen Galileo Gall in Brasilien untergetaucht ist. Gonçalvez schickt diesen Schotten mit englischen Gewehren nach Canudos und hetzt ihm Mörder auf den Hals. Es soll so aussehen, als ob die britische Krone die brasilianischen Royalisten mit Schusswaffen unterstütze, um den nationalistischen Zorn gegen diese Gruppierung anzufachen.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vargas Llosa beschreibt den Ratgeber als hochgewachsene, magere Erscheinung mit brennendem Blick. Der Heilige, wie der Ratgeber im Roman gelegentlich tituliert wird, trägt ein violettes Gewand und Sandalen. Der pilgernde Prophet besetzt mit seinen Aposteln Pajeú[4], Pedrão, João Abade[5] alias João Satanás, dem Beatinho und der Maria Quadrado die Fazenda des Barons de Canabrava in dem Dorf Canudos an dem Fluss Vaza Barris[6]. Pedrão und der nasenlose Pajeú waren Banditen. Der 30-jährige João Satanás war ein äußerst brutaler Polizistenmörder. Vor dem Ratgeber, diesem Mystiker, wird sogar ein zuvor eigenständig wirtschaftender Kaufmann aus Canudos schwach: Antônio Vilanova fällt vor dem Heiligen auf die Knie und darf ihm die Finger küssen. Antônio Beatinho, der Sohn eines Schusters, folgt seit seinem vierzehnten Lebensjahr dem Ratgeber auf dem Fuße. In Canudos organisiert er unter anderem Prozessionen. Außer dem Beatinho sind fast alle Apostel des Ratgebers Sünder gewesen. Die Priesterin Maria Quadrado zum Beispiel hatte vormals als junge Frau ihr Neugeborenes erstickt.

Zu den vom Ratgeber Bekehrten gehört auch der „Neger“ João Grande. Als Sklave hatte er seine Herrin mit haarsträubender Brutalität umgebracht und darauf als Cangaceiro weiter gesündigt. In Canudos steigt er zum Chef der „Katholischen Wachmannschaft“ auf. Das ist die Leibgarde des Ratgebers.

Die Republik hatte bereits um 1892 dreißig Bahianer Polizisten gegen die Aufständischen ausgeschickt, weil in Natuba[7] Steuererlasse verbrannt worden waren. Die Polizeitruppe war in Masseté[8] schimpflich geschlagen worden. Vier Polizisten waren umgekommen. Die Pilger hatten fünf Tote zu beklagen gehabt.

Der Ratgeber, ein tief religiöser, asketischer Mann, war in Monte Santo[9] der damals 20-jährigen Maria Quadrado begegnet. Das Volk hatte die frühzeitig gealterte junge Frau für eine Heilige gehalten, als sie, ein schweres Holzkreuz schleppend, aus Bahia gekommen war. Die Wachhunde hatten nicht angeschlagen, wenn sie einen der Höfe betreten hatte. Vor ihrer Behausung, einer niedrigen Grotte, hatte der Ratgeber schier endlose geistliche Gespräche mit Maria Quadrado geführt, bevor sie mit ihm zur Verwunderung der Bewohner von Santo Monte auf Nimmerwiedersehen davongezogen war.

Die Republik schickt 80 Bahianer Polizisten gegen den Ratgeber und seine Jünger aus. Die Polizisten werden genauso besiegt wie darauf eine Kompanie Infanterie. Viana[10], das ist der Gouverneur von Bahia, schickt eine Strafexpedition unter Major Febrônio de Brito. Der Major befehligt 543 Uniformierte und führt Maschinengewehre sowie Kanonen ins Feld. Die Räuberbanden unter João Abade überraschen und schlagen die Uniformierten gegen Ende 1896. Die Cangaceiros kämpfen einerseits mit nicht zu überbietender Menschenverachtung. Andererseits wird den überlebenden Uniformierten die Flucht gestattet. Beerdigt werden nur die eigenen Gefallenen. Dazu wird ein Pfarrer benötigt. Die Hellseherin Alexandrinha Corrêa wird von Canudos aus nach Cumbe[11] geschickt. Sie holt von dort ihren ehemaligen Lebensgefährten Pater Joaquim, den sie mit drei gemeinsamen Kindern in der Gemeinde zurückgelassen hat. Der Gemeindepfarrer von Cumbe ist ein Sympathisant des Ratgebers.

Gonçalvez, den Monarchisten einen Jakobiner nennen, schickt den Schotten Gall nach Queimadas[12] zu dem Arbeit suchenden Spurenleser Rufino. Dieser ortskundige Begleiter auf dem Waffentransport nach Canudos ist raffiniert gewählt. Waren doch Rufino und dessen Ehefrau Jurema früher so etwas wie Leibeigene des Barons de Canabrava gewesen und hatten auf dessen Fazenda Calumbí gearbeitet. Der Baron, Gründer der regionalen monarchistischen Partei, ist der ärgste Feind des Zeitungsdirektors. Mörder, von Gonçalvez ins Haus des Spurenlesers geschickt, kann der Schotte außer Gefecht setzen. Angesichts des Todes vergisst Gall sämtliche hehren Vorsätze und vergewaltigt Jurema. Dabei hatte er ganze zehn Jahre sexuell abstinent gelebt. Alle seine Kräfte hatte der Idealist Tag und Nacht streng auf die Verwirklichung anarchistischer Ziele fokussiert. Aus Furcht vor Rufinos Rache begleitet Jurema fortan den rothaarigen Schotten. Gall ahnt, er wird durch die Hand des Spurenlesers sterben. Zuvor möchte er seinem anarchistischen Ideal folgen. Also strebt er – verblendet – gen Canudos. Zunächst kann ihn niemand auf seinem Weg dorthin aufhalten; nicht einmal der mächtige de Canabrava. Der Baron weiß selber nicht, warum er den Anarchisten ziehen lässt und ihm auch noch einen einheimischen Ortskundigen mit auf den gefahrenvollen Weg gibt. Hatte der Baron doch mit dem Schotten einen Trumpf gegen seinen Widerpart Gonçalvez in der Hand gehalten. Später spricht de Canabrava den Grund für seine zunächst unverständliche Entscheidung aus. Der Baron sucht einen Kompromiss mit den Republikanern. Rufino, der die Fährte des Nebenbuhlers aufgenommen hat, versteht seinen ehemaligen Herrn natürlich auch nicht.

Im Jahr 1897 rückt Brasiliens 1200 Mann starkes Siebtes Infanterieregiment unter Antônio Moreira César[13], einem kleinen, fast rachitischen, aber sehr agilen Oberst, an. Dieser ehemalige Gefolgsmann des verstorbenen Präsidenten Peixoto verschwendet bei seinem Vormarsch in die Caatinga keine Kugel an Zivilisten am Wege. Gemeint sind solche Abtrünnige, die trotz schriftlicher Aufforderung weder Waffe noch Munition abliefern. Den Verrätern der Republik wird die Kehle durchgeschnitten.

Der Zeitungsmann Gonçalvez hat dem kurzsichtigen Journalisten großzügigerweise erlaubt, die Strafexpedition zu begleiten. Wegen eines epileptischen Anfalls muss der republikanische Oberst den Vormarsch unterbrechen und sich in der Fazenda Calumbí – also im Anwesen eines monarchistischen Feindes – ausruhen. Baron de Canabrava ist zu Hause. Die Begegnung der beiden Todfeinde verläuft glimpflich. In Eilmärschen zieht das Siebte Regiment weiter gegen den Feind.

Die Sebastianiten wollen die Versorgung der Soldaten erschweren. Pajeú markiert den höflichen Bürger. Er sucht den Baron in Calumbí auf und brennt nach kurzer Frist dessen Fazenda nieder. Infolgedessen verliert Baronin Estela, die Ehegattin des Barons, den Verstand. Das adelige Paar muss sich notgedrungen via Queimadas in seine Bahianer Stadtwohnung zurückziehen.

Als der Oberst vor Canudos steht, möchten auf der Gegenseite die Getreuen ihren Ratgeber gern in einen sicheren Unterstand schicken. Vergeblich, der Prophet will sich zu den Verteidigern in die Schützengräben begeben.

Indes kann der unaufhaltsam marschierende Rufino den Schotten kurz vor Canudos an der Seite Juremas und eines versprengten Zirkus-Zwerges stellen. Dem Spurenleser ist lediglich ein Messer geblieben. Der Zweikampf endet unentschieden. Beide Kontrahenten zerfleischen sich und sterben. Widerstrebend lässt sich Jurema von einem der Soldaten vergewaltigen, weil sie überleben will. Der Frauenschänder wird von Jagunços bestialisch umgebracht. Pajeú bringt Jurema zusammen mit dem Zwerg nach Canudos.

Als es während einer Attacke so aussieht, als ob der Angriff der Soldaten in den Gassen von Canudos stockt, will der Oberst die Angreifer ermuntern, verlässt den schützenden Befehlsstand und fällt sogleich. Die Soldaten flüchten. Die Sieger spießen Oberst Moreira Césars Kopf auf einen Ast. Die Sebastianiten überlassen die Leichen der Feinde den Geiern. Für die Beerdigung der eigenen Gefallenen benötigen sie eine Woche.

Fünftausend Mann unter General Artur Oscar[14] kesseln die Aufständischen ein. Nur sieben Eingeschlossenen gelingt die Flucht. Einer davon ist der kurzsichtige Journalist. Dieser war in Canudos auf den Zwerg getroffen. Der Wicht hatte ihn zu Jurema geführt. Der Zwerg hatte von Jurema seinen ersten Kuss im Leben erhalten. Pajeú hatte Jurema einen Heiratsantrag gemacht. Die Frau hatte zwar abgelehnt, ihm aber einen sehnlichen Wunsch erfüllt. Jurema hatte Pajeú das Essen in den Schützengraben getragen. Pater Joaquim war bei den Eingeschlossen geblieben und hatte dem kurzsichtigen Journalisten, der den Kessel verlassen wollte, Vorhaltungen gemacht. Obwohl der Sehbehinderte im Gefolge des Oberst César gekommen sei, habe er Obdach erhalten, sei gespeist worden und lebe noch.

Der Ratgeber hatte den Kaufmann Antônio Vilanova angewiesen, mit den Seinen und den drei Fremden Canudos zu verlassen. Darauf hatte der Heilige das Zeitliche gesegnet. Im Angesicht des Todes hatten sich der kurzsichtige Journalist und Jurema in ihrem schäbigen Quartier gepaart. Die Kopulierenden hatten im Glück die nächste Nähe des Zwerges geduldet. Pajeú war unterdessen draußen im Kampf um Canudos gefallen. Sein Leichnam war von den Belagerern geschändet worden. Der Beatinho hatte erreicht, dass sich Kinder, Alte und Schwangere ergeben durften. Die Gefangenen waren von den Belagerern umgebracht worden. Pater Joaquim war an der Barrikade erschossen worden.

De Canabrava überlässt Gonçalvez die Macht. Hat der Baron doch im Verlauf der kriegerischen Auseinandersetzungen zwei Fazendas verloren und vermisst schmerzlich das jahrelang gewohnte Zusammensein mit der immer geliebten, ehemals verständigen Ehegattin. Längst Gewolltes wird in solcher Untergangsstimmung ertrotzt. Entgeistert vergewaltigt der Baron im Beisein und mit Duldung der Baronin Estela deren Zofe Sebastiana.

Zitate[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „Die Politik ist ein Metier für Lumpen.“[15]
  • „Man kann nicht zwei Kriege auf einmal führen.“[16]

Selbstzeugnisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „Für mich ist es ein Abenteuerroman.“[17]
  • „Ich… begann, die Idee von Demokratie zu akzeptieren“, schreibt Vargas Llosa über die Zeit, als er Euclides da Cunha las und darauf den Roman schrieb.[18]

Form und Interpretation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman, in vier Bücher geteilt, erscheint als unübersichtlich. Figurenvielfalt, ausgeprägte Stofffülle und eine Unzahl zeitlich konkurrierender Handlungsstränge drängen diese Ansicht auf. Scheerer[19] nennt zudem da Cunhas Quelle eine „heterogene“ Vorlage. Auf den zweiten Blick kann, ausgehend von nur zwei Protagonisten, der rote Faden aufgenommen werden. Mit den beiden Figuren sind der namenlose kurzsichtige Journalist und Jurema gemeint. Über diese zwei gelangt der Sinn suchende Leser zu weiteren Handlungsträgern. Der Journalist wird von Gonçalvez ausgeschickt, bleibt in Moreira Césars Nähe, erlebt die vierte Strafexpedition der Republikaner bei den Sebastianiten in Canudas und sucht Canabrava hinterher in Bahia auf. Über den kurzsichtigen Journalisten führt zudem der Weg auf bedeutsame Formelemente. Vargas Llosa hat in seinem dickleibigen Werk den steten Fluss der Zeit glattweg aufgebrochen. Zum Beispiel wird die tödliche Verwundung Moreira Césars während der dritten Strafexpedition sowohl aus der Sicht der Angreifer als auch aus der Sicht der Verteidiger geboten. Weil die Verteidigerseite viel später mit dem tödlichen Schuss Pajeús auf den zu Pferde vorpreschenden Oberst an der Reihe ist, muss der Leser beim zweiten Vortrag das bekannte Ereignis erst einmal wiedererkennen. Eine weitere auffällige Behandlung der Chronologie wohnt dem Gespräch des Journalisten mit Canabrava inne. Der Journalist blickt zurück und Vargas Llosa greift den Faden auf – geht in medias res; erzählt von der vierten Strafexpedition.[20] Es hat den Anschein, als erzähle der kurzsichtige Journalist. Der Schein trügt, denn in der Erzählpassage ist unter anderem vom kurzsichtigen Journalisten die Rede.[21]

Von Jurema schließlich führt der Weg zu ihren Ehemann Rufino, dessen Widersacher Gall und den späteren abgeblitzten Geliebten Pajeú. Spannung wird über die Frage gehalten: Wie wird es mit Jurema weitergehen? Zudem ist das Trio Jurema, kurzsichtiger Journalist und Zirkus-Zwerg Quelle poetischer Bilder. Alle drei sitzen in einem Lager erbeuteter Waffen eingepfercht, wollen Canudos verlassen, werden aber von den Belagerern an der Rückkehr in die Außenwelt gehindert. Jurema gibt die beiden verstörten, ängstlichen Männer zuweilen als ihre Kinder aus.

Kriegsgräuel werden zuhauf einprägsam kundgetan. Das immer einmal schockierend Abstoßende in diesen Kriegsgemälden ist nichts für den zart besaiteten Leser. Aber manchmal wird zu dem kalten Grauen sogar eine Fabel geboten, wie zum Beispiel die Geschichte des Leutnants Pires Ferreira[22], der an allen vier Expeditionen teilgenommen hat und bei der letzten furchtbar verstümmelt wird.[23] Allerdings liegen die beiden gemeinten Passagen hundert Seiten auseinander. Dieser Abstand zusammengehörender Textabschnitte, der letztendlich das oben genannte Attribut „unübersichtlich“ mitverursacht, ist im „Krieg am Ende der Welt“ gang und gäbe. Zum Beispiel jagt der Polizist Fähnrich Geraldo Macedo am Romananfang den Banditen João Satanás, verschwindet in der Versenkung und erkundigt sich, sechshundert Seiten später als Oberst Geraldo Macedo wieder aufgetaucht, insistierend, wie dieser João Satanás als militärischer Chef von Canudos umgekommen ist.

Der Erzähler übergibt ein paar Mal – kurzzeitig nur – dem Schotten Gall die Feder. Dieser anarchistische Schreiber kann aus den Adressen an europäische Gesinnungsgenossen identifiziert werden.

Gelegentlich wird das Tempus gewechselt.[24]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nach Scheerer[25] ist die Aufarbeitung einer literarischen Vorlage – wie hier die des Euclides da Cunha durch Vargas Llosa – in analogen Fällen, zum Beispiel in prominenten französischen Literatenkreisen[A 5], ein durchaus gebräuchliches Prozedere. Historische Abläufe würden chronologisch getreu abgebildet. Die Erzählerschar lässt sich hierarchisch ordnen. Auf deren unterster Stufe steht der Zwerg aus jenem untergegangenen Wanderzirkus, der dem Publikum von der Prinzessin Magelone erzählte. Der Löwe von Natuba, ein zottelhaariger Junge, der auf allen vieren läuft, folgt. Dieser Schreiber darf in der Nähe des Ratgebers verweilen, weil jedes Wort der Nachwelt überliefert werden muss. Der Schotte Gall verweist in seinen Briefen an europäische Anarchisten auf abendländisch-abseitiges Denken. Ohne den kurzsichtigen Journalisten, der sich meist an Brennpunkten des Geschehens aufhält, wäre der Roman womöglich bloßer Bericht. Vargas Llosa hatte mit dem ohne Brille hilflosen Schreiber sein Vorbild Euclides da Cunha im Sinn.[26] Der Journalist steht deshalb auf der obersten Sprosse der soeben skizzierten Leiter, weil er zwar halb blind durch die Caatinga tappt, doch hinter die Kulisse blicken kann. Augenfällig für jeden der genannten Erzähler sei ein physischer oder im Fall des Schotten psychischer Defekt – Synonym für die Unvollkommenheit, aber Notwendigkeit, allen Schreibens und Erzählens.
  • Der Ratgeber stehe – verzerrt zwar und übertrieben – für das Christentum, das Lateinamerika Leid gebracht habe.[27] Eine politische Lösung schlage Vargas Llosa nicht vor. Er lege nur den Finger auf die Wunde.[28] Nicht alle Figuren seien historisch verbürgt. Der Schotte Gall[29] und der Spurenleser Rufino[30] seien erfunden. Da Cunha habe an der letzten der vier Strafexpeditionen als Kriegsberichterstatter teilgenommen.[31] In seinem Roman sei Vargas Llosa in dem Sinne über da Cunhas Bericht hinausgegangen: Breiter Raum in den Schlachtengemälden werde der Gegenseite – dem Ratgeber und seinen Aposteln – zugestanden. Außerdem werde in dem Roman naturgemäß das Emotionale betont.[32]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verwendete Ausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Krieg am Ende der Welt. Roman. Aus dem Spanischen von Anneliese Botond. Verlag Volk und Welt, Berlin 1984. 741 Seiten (Lizenzgeber: Suhrkamp, Frankfurt am Main 1981), ohne ISBN[A 6]

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Canudos liegt inmitten kahler Berge und ist nach den kurzen Pfeifen benannt, die die Bewohner einstens rauchten (Verwendete Ausgabe, S. 70 oben).
  2. Der schottische Anarchist, der sich Galileo Gall nennt, umschreibt in seinen Briefen an Freunde „Jagunço“ mit „Aufständischer“ (Verwendete Ausgabe, S. 67, 6. Z.v.u.).
  3. „Protestant“ könnte vielleicht von den Sebastianiten als Verunglimpfung der Republikaner gebraucht worden sein, denn auch diese nennen sich Katholiken (Verwendete Ausgabe, S. 591, 16. Z.v.u.). Überhaupt entsteht der Eindruck, beide Parteien geben sich nicht ganz zutreffende Namen. Zum Beispiel nennen die Sebastianiten die Republikaner wiederholt „Freimaurer“, „Gottlose“, „Ketzer“ oder auch „Hunde“.
  4. Vargas Llosa schreibt „Salvador de Bahia de Todos os Santos (kurz Bahia oder Salvador genannt)“ (Verwendete Ausgabe, S. 44, 3. Z.v.u.).
  5. Vor 1974 hielt sich Vargas Llosa mehrmals längere Zeit in Paris auf.
  6. Die verwendete Ausgabe ist nicht frei von Druckfehlern (siehe zum Beispiel verwendete Ausgabe, S. 395, 11. Z.v.o.).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. eng. Os Sertões
  2. eng. Jagunço
  3. Verwendete Ausgabe, S. 16, 8. Z.v.o.
  4. port. Pajeú
  5. Johann der Abt (Scheerer, S. 115, 7. Z.v.u.); port. João Abade
  6. eng. Vaza Barris
  7. port. Natuba
  8. eng. Masseté
  9. port. Monte Santo
  10. port. Luís Viana
  11. eng. Cumbe
  12. port. Queimadas
  13. port. Antônio Moreira César
  14. eng. Arthur Oscar de Andrade Guimarães
  15. Verwendete Ausgabe, S. 248, 2. Z.v.u.
  16. Verwendete Ausgabe, S. 371, 11. Z.v.o.
  17. Vargas Llosa zitiert bei Scheerer, S. 114, 7. Z.v.u.
  18. Vargas Llosa zitiert bei Scheerer, S. 123, 16. Z.v.u.
  19. Scheerer, S. 114, 11. Z.v.o.
  20. Verwendete Ausgabe, S. 550, 10. Z.v.o.
  21. Verwendete Ausgabe, S. 550, 14. Z.v.u.
  22. Verwendete Ausgabe, S. 486 unten – S. 493
  23. Verwendete Ausgabe, S. 590, 15. Z.v.o. - S. 593
  24. siehe zum Beispiel verwendete Ausgabe, S. 312, 6. Z.v.u.
  25. Scheerer, S. 112–118
  26. siehe auch Lentzen, S. 105, 1. Z.v.u.
  27. Lentzen, S. 93, 4. Z.v.u.
  28. Lentzen, S. 95, 6. Z.v.o.
  29. Lentzen, S. 104, 14. Z.v.o.
  30. Lentzen, S. 110, 7. Z.v.o.
  31. Lentzen, S. 109, 7. Z.v.o.
  32. Lentzen, S. 110, 13. Z.v.u.