Der Mann, der die Frauen liebte

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Film
Deutscher Titel Der Mann, der die Frauen liebte
Originaltitel L’Homme qui aimait les femmes
Produktionsland Frankreich
Originalsprache Französisch
Erscheinungsjahr 1977
Länge 119 Minuten
Altersfreigabe FSK 16
Stab
Regie François Truffaut
Drehbuch Michel Fermaud,
Suzanne Schiffman,
François Truffaut
Produktion Marcel Berbert,
François Truffaut
Musik Maurice Jaubert
Kamera Néstor Almendros
Schnitt Martine Barraqué
Besetzung
Synchronisation

Der Mann, der die Frauen liebte (Originaltitel: L’Homme qui aimait les femmes) ist ein Film von François Truffaut aus dem Jahre 1977.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Friedhof von Montpellier. Bertrand Morane wird im Beisein zahlreicher Frauen bestattet. Zu ihnen gehört auch Geneviève Bigey, deren Erzählung über Morane und seine Affären den Film eröffnet und ihn am Ende, wiederum zu den Bildern der Frauen, die zum Begräbnis Moranes gekommen sind, auch beschließen wird. Der ganze Film zwischen diesen zwei Teilen der unterbrochenen Friedhofsszene: ein Flashback, eine Rückblende, innerhalb derer es später weitere geben wird.

Bertrand Morane arbeitet in einem Labor, in dem mit kleinen Flugzeug- und Schiffsmodellen Versuche durchgeführt werden.[A 1] Seine Obsession aber sind die Beine der Frauen. In fast jeder seiner zahllosen Beziehungen zu Frauen sind sie die erste Attraktion. Zu einer dauerhaften Bindung kommt es mit keiner von ihnen, aber seinem höflichen, etwas altmodisch wirkenden Charme geben sie dennoch nach. Eine erste Verunsicherung erlebt Morane, als Hélène, die einen kleinen Laden für Damenunterwäsche führt, ihm zu verstehen gibt, dass er sie gern wieder einmal einladen dürfe, dass sie aber für alles, das darüber hinaus gehe, jüngere Männer vorziehe.

Dies unerwartete Erlebnis lässt ihn einen Entschluss fassen: Er wird die Geschichte all seiner flüchtigen Liebschaften in einem Buch beschreiben, und der Film seinerseits beschreibt sie in zahlreichen Rückblenden. – Die längste dieser Rückblenden ist Delphine Grezel gewidmet, einer Frau, die sich, wie Morane in einem Restaurant bemerkt, mit ihrem Ehemann nicht viel zu sagen hat. Delphine ist eine Frau, die das Abenteuer liebt, und so ist es seit Moranes Begegnung mit ihr nicht klar, wer da überhaupt wen verführt. In Episoden wie dieser zeigt der eigentlich eher melancholische, manchmal ernste Film seine komödienhafte Seite. Zum Konflikt kommt es, als Delphine es wagt, ein Buch, das Morane gerade liest, in hohem Bogen aus dem Fenster zu werfen. Denn das Lesen, Literatur, Bücher sind Moranes andere große Leidenschaft.

Einige der Rückblenden führen mit sehr kurzen Szenen zurück in die Jugend Moranes – von der sexuellen Initiation des jungen Bertrand bei einer Prostituierten bis zur Mutter, die gegenüber ihrem Sohn mal übertriebene Strenge, mal Ignoranz zeigt.

Die Aufeinanderfolge der Begegnungen Moranes mit all den Frauen wird einmal unterbrochen – von einem Albtraum nämlich, von dem er in seinem Buch berichtet. Als Wachsfigur in einem Schaufenster ist er wehrlos den Blicken der Frauen preisgegeben, die ihn von der anderen Seite der Glasscheibe aus offenbar leicht amüsiert begutachten.

Nach der Fertigstellung seines Buches[A 2] bietet er es vier großen Verlagen an. Auf Grund des persönlichen Einsatzes der Lektorin Geneviève Bigey wird es von einem Pariser Verlag angenommen.

Nach der Vertragsunterzeichnung kommt es in der Lobby des Hotels, in dem Morane übernachtet, zu einer seltsamen Begegnung. Nicht er ergreift hier die Initiative, sondern im Gegenteil: er will sich schon davonstehlen, aber eine elegant gekleidete Dame hat ihn bemerkt und eilt ihm nach – Véra. Im Garderobenraum kommt es zu einem langen Gespräch der beiden, aus dem man entnehmen kann, dass sie vor fünf Jahren eine leidenschaftliche Liebesbeziehung miteinander verband. Die Beziehung zerbrach, und die Verbitterung darüber ist bei Morane nie gewichen.

Zurück in Montpellier wird er in der Vorweihnachtszeit von Geneviève Bigey besucht, und auch mit ihr beginnt er eine Affäre. Als sie sich von ihm nach einer Nacht im Hotel verabschiedet, um nach Paris zurückzukehren – „sois sage!“, „bleib schön brav!“, sagt sie, und dass sie Weihnachten noch nichts vorhabe – mag man schon glauben, dass Morane geläutert ist. Aber keineswegs. Wieder schaut er im abendlichen Straßenverkehr fasziniert den Beinen der Frauen nach, wird von einem Auto angefahren und schwer verletzt. Und noch im Krankenhausbett wendet er sich zur Seite, um auf die Beine der Krankenschwester blicken zu können. Er reißt dabei die Infusionsschläuche heraus und stirbt.[A 3]

Gestaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Es können vier Zeitebenen unterschieden werden: Den äußeren Rahmen bietet die Friedhofsszene am Anfang und am Ende des Films. Sie ist als einzige genau datiert: Weihnachten 1976. Darunter liegt der Zeitraum einiger Begegnungen Moranes, mit denen die „eigentliche“ Handlung beginnt, und später der Abfassung seines Buchtextes. Darunter liegen wiederum zwei Zeitebenen, in denen – als Rückblenden – Einzelnes aus Moranes Buchtext filmisch dargestellt wird: Die Episoden mit den verschiedenen Frauen und die insgesamt fünf Szenen mit Bertrand als Jugendlichem.
  • Wenn man annimmt, dass Morane zum Zeitpunkt seines Todes ein Mann Anfang der Vierziger war (sein Darsteller Charles Denner war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten bereits fünfzig Jahre alt) und der jugendliche Bertrand vielleicht zehn oder zwölf Jahre alt ist, dann würde sich ergeben, dass die Szenen mit dem jugendlichen Bertrand ungefähr in den Jahren 1946 oder 1947 spielen. Diese Szenen des Films sind nicht in Farbe, sondern in Schwarzweiß gedreht, was sie vom Zeiteindruck her schon einmal vom übrigen Film abhebt und ihnen auch eine gewisse dokumentarische Anmutung gibt.[1]

Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Truffaut beschreibt die Abenteuer eines scheinbaren Schürzenjägers mit Humor, manchmal auch etwas hintergründig, und deutet sie als Suche nach einem Traumbild, nach dem Geheimnis des Weiblichen.“

  • In Kay Wenigers Das große Personenlexikon des Films hieß es, Truffaut setze mit „Der Mann, der die Frauen liebte“, [der] Geschichte eines besessen Suchenden (Charles Denner) nach dem ewig Weiblichen, eines unverbesserlichen Schürzenjägers und liebenswerten Frauenbein-Fetischisten, … stilistisch den mit „Die amerikanische Nacht“ eingeschlagenen Weg nonchalanter Lebensleichtigkeit fort.[2]
  • Eine ganz andere Wahrnehmung des Films beim französischen Filmkritiker Serge Daney. Er unterschied zwischen einem Jekyll-Truffaut, der immer Familien gründen wollte (im wörtlichen oder im übertragenen Sinn), und einem Hyde-Truffaut: „Asozial, einsam, gefühlskalt, fetischistisch.“ Dieser Hyde-Truffaut, zu dessen Filmen Daney Der Mann, der die Frauen liebte zählt, habe „alles, um Familien zu erschrecken, denn er ignoriert sie absolut und lebt ausschließlich für seine privaten Leidenschaften.“ Der Mann, der die Frauen liebte („und an ihnen starb“, fügt er hinzu) zeige die „Wahnvorstellung eines Sammlers“, er sei „ein schöner Film über die Einsamkeit des Mannes, der immer derselbe bleibe, während die Frauen an seiner Seite einander ablösen. Denn es zählt nicht diese oder jene Frau, sondern nur der immer gleiche Platz, den sie der Reihe nach einnehmen.“[3]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • François Truffaut nahm mit diesem Film am Wettbewerb der Berlinale 1977 teil
  • Charles Denner, Nelly Borgeaud und Geneviève Fontanel wurden 1978 für den César nominiert.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Dreharbeiten des Films fanden Ende 1976 in Montpellier statt. Das Insert am Ende des Vorspanns „Montpellier – Noël (Weihnachten) 1976“ trifft also nicht nur für die erzählte Geschichte, sondern annähernd vermutlich auch für das Datum der Aufnahmen auf dem Friedhof in Montpellier zu, mit denen der Film beginnt.
  • Auch in diesem Film hat Truffaut kleine Nebenrollen wieder mit Freunden besetzt: Den Arzt, der bei Morane eine Gonorrhoe diagnostiziert, spielt Jean Dasté; den Chef des Verlags, der schließlich Moranes Buch akzeptiert, spielt Roger Leenhardt. Truffaut selbst hat am Ende des Vorspanns einen Cameoauftritt, als er gleich am Anfang des Films vor dem Friedhof hinter einem vorbeifahrenden Leichenwagen zu sehen ist. Und in weiteren Cameos sind die Co-Drehbuchautorin Suzanne Schiffman – im Treppenhaus, als Morane nach Madame Duteil fragt – und Produktionsleiter Marcel Berbert – als Monsieur Grezel, dem biederen Ehemann von Delphine – zu sehen.
  • Im Presseheft zum Film deutete Truffaut an, wo man die Ursache für Moranes Obsession suchen könnte: „Wenn ein Satz als gemeinsamer Nenner für Bertrands Liebesaffären dienen kann, dann wäre es dieser aus Bruno Bettelheims The Empty Fortress: ‹Es sah so aus, als sei Joey nie zu seiner Mutter durchgedrungen.›“[4]

Synchronisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rolle Darsteller Sprecher[6]
Bertrand Morane Charles Denner Helmut Wildt
Geneviève Bigey Brigitte Fossey Hallgerd Bruckhaus
Delphine Grezel Nelly Borgeaud Uta Hallant
Hélène Geneviève Fontanel Inken Sommer
Véra Leslie Caron Renate Küster
Martine Desdoits Nathalie Baye Vera Müller-Weidner
Liliane Nella Barbier Liane Rudolph

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • L’Homme qui aimait les femmes, (Cinéroman). Flammarion, Paris 1977, ISBN 2-08-060970-X.
  • Dominique Rabourdin: Truffaut by Truffaut. Harry N. Abrams, New York 1987, ISBN 0-8109-1689-4, S. 154–157. (Vorwort des Presseheftes, zwei Briefe Truffauts an Charles Denner, Interview von Jacques Fieschi mit Truffaut; englisch.)
  • Robert Fischer (Hrsg.): Monsieur Truffaut, wie haben Sie das gemacht? – Truffaut im Gespräch mit José-Maria Berzosa, Jean Collet und Jérôme Prieur. Heyne, München 1993, ISBN 3-453-06524-7, S. 167–172. (Das Gespräch geht aus von zwei Szenen, im Buch dargestellt durch Dialog und Abbildungen: Bertrand als Jugendlicher, der die Liebesbriefe seiner Mutter abfängt, und der erwachsene Bertrand, der ein Mädchen tröstet.)
  • Antoine de Baecque, Serge Toubiana: François Truffaut. Gallimard – folio, Paris 1996/2004, ISBN 2-07-041818-9, S. 647–661.

DVD[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Mann, der die Frauen liebte. Süddeutsche Zeitung Cinemathek, 2010. Nr. 7 der Reihe „22 Filmhighlights aus 60 Jahren Berlinale“. Französische Originalfassung, wahlweise mit Untertiteln „Deutsch für Hörgeschädigte“, und deutsch synchronisierte Fassung.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Eine Berufstätigkeit, der in sehr ähnlicher Weise in zwei anderen Truffaut-Filmen auch bereits Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) in Tisch und Bett (Domicile conjugal) nachgegangen ist und Bernard Coudray (Gérard Depardieu) in Die Frau nebenan (La Femme d'à côté) nachgehen wird.
  2. In die Entstehungsgeschichte des Buches baute Truffaut eine selbst erlebte Anekdote ein: Mit der Erstellung der Reinschrift seines Buchtextes beauftragt Morane eine gewisse Madame Duteil. Nach einigen übergebenen Kapiteln teilt sie ihm mit, dass sie diese Arbeit nicht weiter für ihn leisten könne. Sie habe ihn, Morane, als einen höflichen Menschen kennengelernt, aber Weiteres über seine Affären zu erfahren und gar an ihrer Verbreitung mitzuwirken, das verbiete ihr ihre Vorstellung von Moral. Eben dies, und mit der gleichen Begründung, hatte Anfang der 1960er auch Truffaut erlebt, als er nach dem Erfolg seines Films Jules et Jim sich mit dem Gedanken trug, die erotischen Memoiren des Autors Henri-Pierre Roché in Buchform zu veröffentlichen. (So erzählt von Truffaut in Henri-Pierre Roché Revisité, wiederveröffentlicht in der Aufsatzsammlung Le Plaisir des yeux. – In Frankreich sind Auszüge aus Rochés Carnets später veröffentlicht worden.)
  3. Im Cinéroman zum Film vergleicht Truffaut Moranes Tod mit dem des alten Grandet in Balzacs Roman Eugénie Grandet. So wie für Morane seine Fixierung auf die Beine der Frauen, wie sich in der Schlussszene erweist, letztlich tödlich war, so war es für den todkranken Grandet seine Gier nach Gold, wenn es bei Balzac heißt: „Als der Priester das vergoldete Kruzifix an seine Lippen brachte, damit er das Bild Christi küsse, machte er eine wütende Anstrengung, um es an sich zu reißen, und das kostete ihn das Leben.“ (Zitiert nach der deutschen Übersetzung bei projekt-gutenberg.org; abgerufen am 26. September 2021.)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zu beiden Aspekten der Gestaltung - Schachtelung der Zeitebenen und Szenen aus der Jugend Moranes – ausführlich bei: Anne Gillaín: François Truffaut - Le Secret perdu, L'Harmattan, Paris 2014, ISBN 978-2-343-04005-9, S. 252–265.
  2. Das große Personenlexikon des Films, Band 8, S. 65. Berlin 2001
  3. Serge Daney: Ciné-Journal, Vol. II, Cahiers du cinéma, Paris 1998, ISBN 978-2866422134. – Das gesamte Zitat im französischen Original: „Le Truffaut-Hyde est tout le contraire. Asocial, solitaire, passionné à froid, fétichiste. Il a tout pour faire peur aux familles, car il les ignore absolument, occupé qu’il est à vivre des passions exclusives et privées. Il y a ainsi toute une série de films signés François Truffaut centrés sur des couples bizarres et stériles, dégageant un fort parfum de cadavre ou d’encens. Des couples composés d’un homme et d’une effigie: femme vivante ou morte, image de femme, défilé de femmes, cuisse de femme. Les films de cette série furent toujours des semi-échecs et la maison de production Truffaut et Co soucieuse de son image de marque, fit en sorte que la branche Hyde ne sorte pas trop souvent, sinon en rasant les murs. La Peau douce, L'homme qui aimait les femmes, La Chambre verte appartiennent à cette série. Fantasme de collectionneur L’homme qui aimait les femmes (et qui en meurt) est un beau film sur la solitude de l’homme qui ne change pas auprès des femmes, qui, à ses côtés, se succèdent. Car ce n’est pas telle ou telle femme, qui compte, mais la place, toujours la même, qu’elles occupent tour à tour.“
  4. „If a sentence can serve as a common denominator for Bertrand’s love affairs, it would be that of Bruno Bettelheim in The Empty Fortress: ‹It appeared that Joey had never had much success with his mother.›“ Foreword to press book, April 1977; zitiert in: Truffaut by Truffaut, S. 155. – Die deutsche Übersetzung des Bettelheim-Satzes, zitiert gemäß Bruno Bettelheim: Die Geburt des Selbst – The Empty Fortress – Erfolgreiche Therapie autistischer Kinder; aus dem Amerikanischen von Edwin Ortmann; Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1989, ISBN 3-596-42247-7, S. 317.
  5. Komödie: „Frauen waren sein Hobby“. Abgerufen am 23. September 2014.
  6. Der Mann, der die Frauen liebte. In: synchronkartei.de. Deutsche Synchronkartei, abgerufen am 15. Februar 2021.