Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

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Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer (Originaltitel: El sueño de la razón produce monstruos), seltener auch Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer, ist ein grafisches Werk des spanischen Künstlers Francisco de Goya (1746–1828). Es ist das 43. Bild von insgesamt 80 in der Technik der Aquatinta ausgeführten Radierungen aus Goyas 1799 veröffentlichten Sammlung Los Caprichos (Launen, Einfälle) und gehört zu den bedeutendsten und meist interpretierten grafischen Werken der Kunstgeschichte. Es war ursprünglich als Titelblatt der Sammlung geplant und zeigt Goya schlafend an einer Art Tisch, umgeben von unheimlichen nächtlichen Wesen.

Geschichte, Beschreibung und Kontext[Bearbeiten]

Das Blatt Capricho Nr. 43 zeigt den Künstler im Schlaf auf einen tischähnlichen kubischen Körper versunken. Um ihn herum erscheinen unheimliche fliegende Nachttiere und ein katzenartiges Wesen, vielleicht ein Luchs. An der Vorderfläche erscheint der Schriftzug El sueño de la razón produce monstruos als titelgebendes Element. Ursprünglich sollte dieses Werk auch der Titel der Blattsammlung Sueños, einem Vorläufer der Caprichos werden, einem aufklärerisch konzipierten Werk, gerichtet gegen Laster, Vorurteile und Aberglaube. Aber Goya nahm schließlich doch das bekannte andere, realistischere Selbstbildnis als endgültiges Titelblatt für die Serie.

Das Capricho 43 nimmt eine Sonderstellung innerhalb der Serie ein. Während bei allen anderen Blättern der Titel unterhalb platziert ist, ist es hier Bestandteil des Bildes. Es folgt auf das letzte sogenannte Eselsbild mit dem Titel Tu que no puedes (Sie, die nicht können, Cap. 42), der Darstellung zweier Bauern, die auf ihrem Rücken arrogante Esel tragen, die als Satire auf den spanischen Adel aufzufassen sind und von vielen Interpreten als das revolutionärste Blatt der Sammlung gehalten wird. Unmittelbar nach den Cap. 43 folgen einige Hexenbilder, wovon eins, Holgan delgado (Sie spinnen fein, Cap. 44) drei Hexen zeigt, über denen ein Bündel toter Kinder hängt. Es handelt sich um eine Anspielung auf Hebammen die heimlich abtreiben und daher von der Kirche als Hexen denunziert wurden.

Deutung[Bearbeiten]

Der Titel des Cap. 43 kann unterschiedlich übersetzt werden. Dem aufklärerischen Anspruch Goyas entsprechend sollte nach Ansicht des Tübinger Kunsthistorikers Peter K. Klein das Wort sueño mit Schlaf übersetzt werden.[1] Die Auffassung, dass hingegen der Traum gemeint sei, geht demnach in eine irrationale, surrealistische und unbewusste Richtung von Goyas Intentionen. Diese ist im Sprachgebrauch der modernistischen Forschung um den Kunstwissenschaftler Werner Hofmann verbreitet, der Goya mit seinen Visionen als Wegbereiter der Moderne sieht. Nach dieser Auffassung handelt es sich bei den dargestellten unheimlichen Wesen der Nacht um Traumvisionen in einer emblematischen Selbstdarstellung des Malers.[2] Zeitgenössische Kommentare zu Cap. 43 aus dem intellektuellen Umfeld Goyas sprechen von einer fantasía abandonada de la razón, also die Abwesenheit von Vernunft, die diese Monster hervorbringe (sogenannter Prado- und Ayalakommentar). 1811 erschien ein weiterer Kommentar (Sánchez Gerona-Kommentar), der ähnliches besagt: En durmiéndose la razón, la todo es fantasía y visiones monstruosas (Wenn die Vernunft schläft, verwandelt sich alles in monströse Visionen). Das Capricho 43 ist also keine Manifestation schwarzer Künste, sondern nach Ansicht des Kunsthistorikers George Levitine als aufklärerische Warnung vor dem zu verstehen, was einem Künstler droht, wenn er sich von seiner Fantasie überwältigen lässt. Die Spezialistin für Goyas Grafik und Kuratorin Eleanor Axson Sayre sieht das ähnlich: Der Betrachter des Bildes wird aufgefordert, nicht zu schlafen, sondern wachsam zu sein, denn sonst kann man die Ungeheuer der Ignoranz und des Lasters weder erkennen noch bekämpfen.[3]

Literatur[Bearbeiten]

  • Helmut C. Jacobs: Der Schlaf der Vernunft. Goyas Capricho 43 in Bildkunst, Literatur und Musik, Basel 2006, ISBN 3-7965-2261-0

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Peter K. Klein: Programm und Intention der Caprichos, in: Universitätsmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, Marburg und Consorcio cultural Goya, Zaragoza (Hrsg.): Der Schlaf der Vernunft. Originalradierungen von Francisco de Goya. Ausstellungskatalog Marburg und München 2001, ISBN 84-89721-77-7, S. 15 ff.
  2. Werner Hofmann: Goya. Vom Himmel durch die Welt zur Hölle. München 2005, ISBN 3-406-54177-1, S. 85 ff.
  3. Peter K. Klein: Programm und Intention der Caprichos, in: Universitätsmuseum für Kunst- und Kulturgeschichte, Marburg und Consorcio cultural Goya, Zaragoza (Hrsg.): Der Schlaf der Vernunft. Originalradierungen von Francisco de Goya. Ausstellungskatalog Marburg und München 2001, ISBN 84-89721-77-7, S. 19