Der Staat gegen Fritz Bauer

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Filmdaten
Originaltitel Der Staat gegen Fritz Bauer
Produktionsland Deutschland
Originalsprache Deutsch
Erscheinungsjahr 2015
Länge 105 Minuten
Altersfreigabe FSK 12[1]
JMK 12[2]
Stab
Regie Lars Kraume
Drehbuch Lars Kraume,
Olivier Guez
Produktion Thomas Kufus,
Christoph Friedel
Musik Julian Maas,
Christoph M. Kaiser
Kamera Jens Harant
Schnitt Barbara Gies
Besetzung

Der Staat gegen Fritz Bauer (in Österreich unter dem Titel Die Heimatlosen erschienen) ist ein deutscher Spielfilm aus dem Jahr 2015. Der Politthriller, der auf wahren Gegebenheiten beruht und im Nachkriegsdeutschland spielt, zeigt entscheidende Jahre des Frankfurter Generalstaatsanwalts Fritz Bauer bei seiner Arbeit, Verantwortliche der NS-Verbrechen vor Gericht zu stellen, insbesondere den Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann, zu fassen und nach Deutschland zu holen. Die behördlichen und gesellschaftlichen Widerstände gegen diese Arbeit werden verwoben mit Schwierigkeiten im Bereich der Geschlechtsidentität und der sexuellen Orientierung. Der Grimme-Preisträger von 1998 und 2007, Lars Kraume, führte Regie und schrieb das Drehbuch zusammen mit Olivier Guez. Premiere des 105-Minuten-Kinofilms, der im Oktober 2015 in die deutschen Kinos kam, war beim Internationalen Filmfestival 2015 in Locarno, wo er den Publikumspreis erhielt.[3] Der Film läuft in weiteren europäischen Ländern, sowie seit März 2017 in den USA auf Netflix.[4]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bauers Fahrer findet seinen Chef ohnmächtig in der Badewanne. Er wird ins Hospital gebracht, während die Polizei, politisch motiviert, einen Suizidversuch vermutet. Seine Gegner – speziell Oberstaatsanwalt Kreidler und Paul Gebhardt vom Bundeskriminalamt (BKA) – triumphieren.

Während Bauers Genesung verschwindet eine Akte aus seinem Dienstzimmer. Daraufhin zitiert er die Staatsanwälte zu sich und befragt sie zu Fortschritten bei der Verfolgung von Nazi-Verbrechern. Die Staatsanwälte können allerdings nichts vorweisen. Der junge Staatsanwalt Karl Angermann erinnert Bauer daran, dass er die fragliche Akte mit der Bitte von ihm, Bauer, erhielt, dazu eine Stellungnahme auszuarbeiten. Bauer gewinnt das Gefühl, dass er sich auf den jungen Mann verlassen kann, und lädt ihn zu einer Besprechung am Wochenende zu sich nach Hause ein, weil er sich in seiner Behörde wie „im Feindesland“ wähnt. Denn Bauer will Adolf Eichmann aus Argentinien vor ein deutsches Gericht bringen lassen. Da jedoch das BKA und Interpol sich für politische Verbrechen nicht zuständig sehen, erwägt Bauer den israelischen Geheimdienst Mossad einzuschalten.

Mit dem Erhalt eines Briefes aus Argentinien erfährt Bauer, dass Eichmann dort unter einem anderen Namen lebt. Er leitet den Brief an den Mossad weiter und spricht auch in Israel mit diesem. Der Mossad-Chef Isser Harel überprüfte bereits diese Spur, will Eichmann aber erst entführen lassen, wenn ihm ein zweiter Nachweis vorliegt.

Angermann fragt Bauer wegen des Strafmaßes in einem Homosexuellenprozess um Rat. Nach Bauers Hinweis auf einen ähnlichen Prozess fordert Angermann dann eine aufsehenerregend geringe Strafe. Victoria, eine Freundin des Angeklagten, bedankt sich bei Angermann und lädt ihn in das Nachtlokal „Kokett“ ein. Angermann verliebt sich in die Frau, die sich als Transfrau herausstellt. Dabei lässt das BKA Fotos von Bettszenen beider anfertigen und versucht ihn mit diesen zu erpressen.

Als Bauer herausfindet, dass der frühere Nazi Schneider bei Daimler-Benz in der Personalabteilung für Südamerika arbeitet, setzt er ihn unter Druck und erhält somit den Decknamen Eichmanns in Argentinien. Diesen leitet er dem Mossad zu, um die erste Spur zu bestätigen. Eichmann wird in der Folge in Argentinien vom Mossad entführt und nach Israel verschleppt. Bauers Antrag auf Auslieferung Eichmanns wird von der Bundesregierung unter Konrad Adenauer abgelehnt, da umfangreiche Waffengeschäfte zwischen der BRD und Israel anstehen und durch mögliche Aussagen Eichmanns vor einem deutschen Gericht eine Regierungskrise befürchtet wird, da viele Altnazis im Staatsapparat bis hin ins Kabinett vertreten sind.

Angermann lässt sich nicht mit kompromittierenden Fotos erpressen und zeigt sich wegen Verstoßes gegen den § 175 bei der Polizei selbst an.

Bauer, der zeitweilig daran dachte aufzugeben, stürzt sich daraufhin in die NS-Ermittlungen, die schließlich zum Auschwitz-Prozess führen.

Geschichtlicher Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film behandelt wichtige Abschnitte im Leben des hessischen Generalstaatsanwaltes Fritz Bauer (1903–1968), der die juristische und publizistische Aufarbeitung der NS-Massenmordverbrechen gegen europäische Juden (Shoah, Holocaust) im Nachkriegs-Deutschland wesentlich vorantrieb. Bauers Name wird mit dem Auschwitz-Prozess, dem ersten Strafverfahren gegen Verantwortliche des Lagerkomplexes Auschwitz ab 1963 in Frankfurt am Main, verknüpft. Der Film lässt ahnen, wie es hinter den Gerichtskulissen bei der Vorbereitung dieses spektakulären Prozesses gegen schließlich 22 Angeklagte zugegangen sein mag, endet aber chronologisch vorher. Der Film betont stattdessen den nach Kraumes Ansicht bisher zu wenig berücksichtigten Beitrag Bauers zum Jerusalemer Eichmann-Prozess 1961/62.

Darsteller und Rollen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptrollen spielen Burghart Klaußner (bekannt aus Elser – Er hätte die Welt verändert), Ronald Zehrfeld (als Johnny Lenz im Shoah-Drama Phoenix), Sebastian Blomberg, Jörg Schüttauf und Lilith Stangenberg. Auf die Frage, wieso man die Rolle des transsexuellen Strichers mit einer Frau (Lilith Stangenberg) besetzt habe, antwortete Kraume, dass es auch an der Darstellung des Gangs durch Männer gelegen habe.[5] In der Rolle des erfundenen Staatsanwalts Karl Angermann werden verschiedene Aspekte der Mitarbeiter Bauers zusammengebracht.

In weiteren Rollen spielten Laura Tonke, Götz Schubert, Robert Atzorn, Matthias Weidenhöfer, Cornelia Gröschel, Rüdiger Klink, Dani Levy, Michael Schenk, Anna von Haebler und Nikolai Will.

Rezensionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Deutschen Film- und Medienbewertung vergab das Prädikat besonders wertvoll, da der Film „ein gut inszenierter und spannender sowie solide ausgestatteter Film“ sei „über ein Kapitel deutscher Geschichte, das bisher kaum erzählt wurde.“ Die Leistungen der Darsteller wurden gelobt, insbesondere Klaußner, „der viele Elemente des realen Fritz Bauer übernimmt.“[6]

Dagegen kritisierte Daniel Kothenschulte in der Frankfurter Rundschau, der Film dränge die „eigentliche Mission“ Bauers, nämlich die innerdeutsche juristische Aufarbeitung des Holocausts, in den Hintergrund, und rücke neben der geheimdienstlichen Jagd auf Adolf Eichmann in Argentinien „als Spannungshebel“ „Bauers angebliche Homosexualität, gespiegelt an Mitarbeiter Angermann“, dramaturgisch in den Mittelpunkt. Die dafür inszenierten „muffigen Barszenen“ seien „die Tiefpunkte der Inszenierung“. Auch Klaußners Darstellungsleistung kritisiert Kothenschulte; dieser führe „als knorrig-treibende Kraft herrisch durch den ganzen Film“, was dem bescheidenen Auftreten des realen Bauer nicht gerecht werde.[7]

Auch die tageszeitung sah den Film kritisch; Bauers eigentlich wichtigste Leistungen, der Auschwitz-Prozess und das Bemühen um die Entfernung von Altnazis aus der deutschen Justiz, seien kaum thematisiert worden. Der Eichmann-Plot werde „nachvollziehbar“, aber „mit unnötig exotisierenden Ausflügen nach Argentinien und Israel und grob geschnitzten Altnazifiguren“ inszeniert, und der Film fokussiere zu sehr auf einer zweifelhaften „Erlösungsgeschichte“, dass nämlich Bauer erst nach einem 1933 unterschriebenen Treuebekenntnis zu Hitler die Flucht aus Deutschland gelungen sei und er deshalb seinen Nachkriegskampf aufgenommen habe. Dieser „Hang zum assoziativen Psychologisieren“ bestimme auch den Handlungsstrang um den schwulen jungen Staatsanwalt. Dagegen lobte die taz Klaußners Darstellung Bauers; er interpretiere ihn „lebendig als den einsamen, aber hoch intelligenten, kommunikativen, der Jugend zugewandten und humorvollen Mann, der er war“.[8]

The Hollywood Reporter lobte zwar den spannenden Erzählstoff, sah aber in der Ausführung „viel Raum für Verbesserung“: Der Film sei „stickig“ („stuffy“) inszeniert; die faktenüberladene Handlung sei zu komplex, lasse den Kern hinter Details verschwinden und mache Bauers Antagonisten zu leblosen Pappfiguren. Die stillos und peinlich erzählte Geschichte um die Homosexualität überzeuge in keiner Weise. Dagegen zeige Klaußner eine würdige Leistung als Bauer, der neben aller dargestellten Ruhe „Andeutungen von intellektueller Schärfe … und unbeirrbarer Bestimmtheit“ zeige und damit die Figur zum Leben bringe.[9]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Film erhielt neben dem Publikumspreis in Locarno 2015 die Auszeichnung als Bester Film beim Hessischen Filmpreis. Burghart Klaußner wurde für seine Verkörperung Bauers beim Bayerischen Filmpreis 2015 als Bester Darsteller geehrt und 2016 beim Jupiter Award als Bester deutscher Schauspieler nominiert. Beim Günter-Rohrbach-Filmpreis 2015 erhielt der Film insgesamt drei Preise: Neben dem Darstellerpreis für Burghart Klaußner und dem Preis des Oberbürgermeisters für die Musik von Christoph M. Kaiser und Julian Maas gewann er den Preis als Bester Film.

Bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2016 gewann Der Staat gegen Fritz Bauer den Hauptpreis als bester Film sowie die Auszeichnungen in den Kategorien Regie, Nebendarsteller (Ronald Zehrfeld), Drehbuch, Szenenbild und Kostümbild.[10]

Christoph M. Kaiser und Julian Maas erhielten 2016 den Rolf-Hans Müller Preis für Filmmusik für die Musik zu Der Staat gegen Fritz Bauer.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Freigabebescheinigung für Der Staat gegen Fritz Bauer. Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft, August 2015 (PDF; Prüf­nummer: 153 743 K).
  2. Alterskennzeichnung für Der Staat gegen Fritz Bauer. Jugendmedien­kommission.
  3. Publikumspreis für „Der Staat gegen Fritz Bauer“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. August 2015.
  4. Scott Roxborough: TIFF: German Drama ‘The People vs. Fritz Bauer’ Sells Wide. In: The Hollywood Reporter, 21. September 2015 (englisch).
  5. Rhein-Neckar-Zeitung vom 7. Oktober 2015, Seite 3 (Burghart Klaußner und Regisseur Lars Kraume im Gespräch über den Film).
  6. Der Staat gegen Fritz Bauer. Jury-Begründung: Prädikat besonders wertvoll. In: Deutsche Film- und Medienbewertung. Abgerufen am 14. Oktober 2015.
  7. Daniel Kothenschulte: Im falschen Film. Kritik. In: Frankfurter Rundschau, 29. September 2015.
  8. Ulrich Gutmayr: Film über Nazi-Jäger. Die Dame ist keine Dame. In: die tageszeitung, 1. Oktober 2015.
  9. Boyd van Hoeij: ‘The People vs. Fritz Bauer’ (‘Der Staat gegen Fritz Bauer’): Locarno Review. In: The Hollywood Reporter, 7. August 2015 (englisch).
  10. Preisträger des Deutschen Filmpreises 2016 (PDF; 46 kB), abgerufen am 28. Mai 2016.