Der schwarze Kanal

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Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Der schwarze Kanal (Begriffsklärung) aufgeführt.
Seriendaten
Originaltitel Der schwarze Kanal
Der schwarze Kanal Logo.png
Produktionsland Deutsche Demokratische Republik
Originalsprache Deutsch
Jahr(e) 1960–1989
Produktions-
unternehmen
DFF
Episoden 1519
Genre Propagandasendung
Moderation Karl-Eduard von Schnitzler
Erstausstrahlung 21. März 1960 auf DFF

Der schwarze Kanal war eine politisch-agitatorische Sendung des DDR-Fernsehens zu Zeiten des Kalten Krieges.

Im Vorspann der Sendung lief unter anderem ein kurzer Trickfilm mit grotesk verzerrter Melodie: der Bundesadler landet auf einem Fernsehantennenwald, hüpft das Gleichgewicht suchend hin und her und stürzt kopfüber ab. Sein schwarz-weiß-rotes Brustband sollte eine nationalkonservative Gesinnung des Westfernsehens symbolisieren, der Absturz einen – durch den Kommentator der Sendung Karl-Eduard von Schnitzler vereitelten – Versuch westlicher Propagandamedien, Lügen und Halbwahrheiten zu verbreiten.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Sendung startete am 21. März 1960. Sie war ein Gegenstück zur westdeutschen ARD-Fernsehsendung Die rote Optik, in der Thilo Koch, der Leiter des West-Berliner Studios des Norddeutschen Rundfunks, anhand von Sendungsausschnitten die Fernsehpropaganda der DDR analysierte. Der Titel Der schwarze Kanal war eine Anspielung auf diese Sendung und als Synonym für das westdeutsche Fernsehen gemeint. Die ARD hatte die Reihe in den Jahren zwischen 1958 und 1960 im Abstand von drei Monaten ausgestrahlt.[1] In späteren Jahren galt wegen seiner ähnlich polarisierenden Wirkung das zwischen 1969 und 1988 ausgestrahlte ZDF-Magazin mit Gerhard Löwenthal als Pendant.

Über die Beweggründe für seine „polemisch-aggressiven Hasstiraden“ äußerte sich Schnitzler zu Beginn der ersten Sendung wie folgt:

„Der Schwarze Kanal, den wir meinen, meine lieben Damen und Herren, führt Unflat und Abwässer; aber statt auf Rieselfelder zu fließen, wie es eigentlich sein müßte, ergießt er sich Tag für Tag in hunderttausende westdeutsche und Westberliner Haushalte. Es ist der Kanal, auf welchem das westdeutsche Fernsehen sein Programm ausstrahlt: Der Schwarze Kanal. Und ihm werden wir uns von heute an jeden Montag zu dieser Stunde widmen, als Kläranlage gewissermaßen.“

Karl-Eduard von Schnitzler: Der schwarze Kanal, zitiert in den Medienobservationen (vgl. Weblink)

Im Zuge der politischen Wende setzte das DDR-Fernsehen am 30. Oktober 1989 nach 1519 Folgen die Sendung Der schwarze Kanal ab. Im Jahr 1992 strahlte der ORB einen Ende 1991 neu produzierten „allerletzten schwarzen Kanal“ aus, mit selbstgeschriebenen und -vorgetragenen Kommentaren Schnitzlers.

Konzept[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Schwarze Kanal zeigte montagabends, unmittelbar nach der Ausstrahlung des populären Montagsfilms,[2] Ausschnitte aus dem Westfernsehen und wurde zumeist von Schnitzler kommentiert, der in 1322 der 1519 Ausgaben vor der Kamera stand. Stellvertretend agierten unter anderem auch Günter Herlt, Ulrich Makosch sowie Heinz Grote, die einen weniger aggressiven Duktus pflegten. Weitere Sprecher der Sendung, die nur wenige Ausgaben kommentierten, waren Götz Förster, Volker Ott und Albert Reisz.

Intention der Sendung war es, „Multiplikatoren“ (z. B. Offiziere der NVA, denen der Konsum westlicher Fernsehsendungen untersagt war, Lehrer, Journalisten) und interessierten Bürgern ausgewählte westliche Nachrichten nebst ideologischer Interpretation zu präsentieren. Dabei wurden in propagandistischer Manier die westdeutschen Nachrichten- und Magazinsendungen ihrerseits als Propaganda des Klassenfeindes dargestellt.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Deutsche Rundfunkarchiv wirft Schnitzler vor, durch sinnentstellende Kürzungen von Szenen und speziell geordnete Abfolgen von Ausschnitten Aussagen manipuliert zu haben.

Schnitzler, der ursprünglich beim Nordwestdeutschen Rundfunk arbeitete, war einer der bekanntesten Kommentatoren der DDR-Medien. Er war unter dem Schmähnamen „Sudel-Ede“ bekannt.[3][4] Zumeist wurde er in respektvoll-ambivalenter Weise „Karl-Eduard“ genannt. Im sprichwörtlichen DDR-Witz wurde er auch als „Karl-Eduard von Schni-“ bezeichnet, um auszudrücken, dass noch vor der vollständigen Aussprache seines Namens der Fernseher ab- oder umgeschaltet wurde. Auch Wolf Biermann schmähte Schnitzler am 1. Dezember 1989 in seiner Ballade von den verdorbenen Greisen[5] als „Sudel-Ede“, der „im Grab noch die Würmer belügen“[6] müsse.

Die Sendung wurde zeitweise, vor allem in den 1960er und Anfang der 1970er Jahre, in einigen Bereichen als eine Art Pflichtveranstaltung betrachtet. So wurde der Inhalt des Schwarzen Kanals zum Beispiel im Politunterricht bei der Armee (NVA oder Grenztruppen) und für den Staatsbürgerkundeunterricht in der Schule verwendet. Das hing aber von den jeweiligen Lehrern und Schulen ab und war regional sehr unterschiedlich. Die Sendung wurde Dienstag früh um 11:30 Uhr wiederholt, wie alle Sendungen des jeweiligen Vorabends.

Im DDR-Bezirk Dresden und in anderen Orten, in denen kein Westempfang möglich war (umgangssprachlich „Tal der Ahnungslosen“) bot Der schwarze Kanal zwar die Möglichkeit, wenigstens Ausschnitte aus Nachrichten von ARD und ZDF zu sehen, diese waren allerdings oft stark gekürzt und aus dem Zusammenhang gerissen, sodass sie kaum als neutrale Informationsquelle dienen konnten.

Das Deutsche Rundfunkarchiv hat die Sehbeteiligungskartei der Sendung von 1965 bis 1990 archiviert. In den ersten Jahren kam Der schwarze Kanal – Wiederholungen ausgenommen – auf Quoten von meist 14 bis 25 Prozent mit großen Abweichungen einzelner Sendungen. Ende der 1970er Jahre erreichte sie kaum noch zweistellige Werte und sank kontinuierlich weiter mit durchschnittlichen Quoten um drei bis fünf Prozent bis zur Einstellung.[7]

Verbleib der Sendungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wie auf den Webseiten des Deutschen Rundfunkarchivs als Nachlassverwalter des DDR-Fernsehens ausgeführt ist, zeichnete das DDR-Fernsehen bei Magazinsendungen wie dem Schwarzen Kanal allein die Einspielfilme, nicht aber die live gesprochenen Kommentare und Einleitungen der Moderatoren auf. Im Falle des Schwarzen Kanals sind weder die Aufzeichnungen der Kommentare des Autors und Moderators Schnitzler überliefert, noch die Einspielfilme, die aus Ausschnitten des Westfernsehens bestanden, weil Schnitzler sie zumeist schon wenige Tage nach der Ausstrahlung vernichten ließ.

Erhalten geblieben sind rund 350 der 1519 Folgen des Schwarzen Kanals, die westliche Einrichtungen während der Liveausstrahlung des DDR-Fernsehens aufgezeichnet hatten und sich heute im Besitz des Deutschen Rundfunkarchivs befinden. Im Zuge der deutschen Wiedervereinigung wurden dieser Mitschnittsammlung die vollständigen schriftlichen Sendemanuskripte der Kommentare Schnitzlers aller Sendungen des Schwarzen Kanals hinzugefügt, die heute auf den Webseiten des DRA als PDF-Dateien abgerufen werden können. 33 Folgen des Schwarzen Kanals sind im Handel auf einer 12-stündigen DVD Box erhältlich.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Marc Levasier: Der Schwarze Kanal. In: Jürgen Wilke (Hrsg.): Journalisten und Journalismus in der DDR. Berufsorganisation. Westkorrespondenten. „Der Schwarze Kanal“. Böhlau, Köln, Weimar, Wien 2007, ISBN 978-3-412-36205-8, S. 217–305.
  • Kirsten Nähle: Der schwarze Kanal – Ein politisches Magazin des DDR-Fernsehens. Tectum-Verlag, 1.Aufl., Marburg 2005, ISBN 3-8288-8908-5
  • Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.; Red.: Hans Walter Hütter): Bilder, die lügen. Begleitbuch zur Ausstellung der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. 3. Aufl., zahlr. Ill., graph. Darst., Bouvier Verlag, Bonn 2003, ISBN 3-416-02902-X.
  • Karl-Eduard von Schnitzler: Der rote Kanal: armes Deutschland. Orig.-Veröff., 3. Aufl., Ed. Nautilus, Hamburg 1993, ISBN 3-89401-211-0.
  • Matthias Steinle: Vom Feindbild zum Fremdbild. Die gegenseitige Darstellung von BRD und DDR im Dokumentarfilm. Mit einem Vorwort von Marc Ferro, (Reihe CLOSE UP, Bd. 18), UVK, Konstanz 2003, ISBN 978-3-89669-421-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Propaganda. Riesel-Feldschlacht. Information des Spiegel vom 13. April 1960
  2. Das waren UFA-Reprisen aus dem Staatlichen Filmarchiv der DDR; dazu Claudia Dittmar: Feindliches Fernsehen. Das DDR-Fernsehen und seine Strategien im Umgang mit dem westdeutschen Fernsehen. Transcript, Bielefeld 2010, ISBN 978-3-8376-1434-3, S. 146, zur Platzierung des Schwarzen Kanals Jürgen Wilke (Hrsg.): Journalisten und Journalismus in der DDR. Berufsorganisation. Westkorrespondenten. „Der Schwarze Kanal“. Böhlau, Köln, Weimar, Wien 2007, ISBN 978-3-412-36205-8, S. 300
  3. „Sudel-Ede“ ist tot. In: Manager Magazin, 20. September 2001.
  4. Schnitzlers Schnitzer. In: Spiegel Online, 23. April 2004.
  5. Nicht Rache, nein, Rente! In: Der Spiegel. Nr. 48, 1999 (online).
  6. Wolf Biermann – Ballade von den verdorbenen Greisen
  7. Sehbeteiligungskartei (1965–1990). Publizistische Reihen Hauptabend – Der Schwarze Kanal. Deutsches Rundfunkarchiv, dra.de.