Deutsch-reformierte Kirche (Magdeburg)

Die Deutsch-Reformierte Kirche war ein Kirchengebäude in Magdeburg in Sachsen-Anhalt am Kaiser-Otto-Ring, heute Ecke Lüneburger Straße/Henning-von-Tresckow-Straße.
Vorgeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Erzstift Magdeburg war im 16. Jahrhundert die lutherische Reformation eingeführt worden; diesem Bekenntnis gehörte in den folgenden Jahrhunderten die große Mehrheit der Bevölkerung an. Durch Zuwanderung aus den Niederlanden und dem Westen Deutschlands bildeten sich in den Städten auch kleine reformierte (calvinische) Gemeinden. In Magdeburg hielten sich vermutlich einige Reformierte auf, ohne jedoch eine Gemeinde zu bilden. Elisabeth Charlotte von Anhalt-Harzgerode, Ehefrau des ersten brandenburgischen Gouverneur Magdeburgs und reformierter Konfession, bestellte am 26. Oktober 1666 den reformierten Heinrich Duncker als Hofprediger. Er hielt im damaligen Regierungsgebäude am Domplatz Weihnachten 1666 seine erste reformierte Predigt in Magdeburg. Hier sammelten sich die Reformierten der Stadt, ohne dass jedoch eine offizielle Gemeinde gebildet wurde.[1] Von Seiten der Mehrheitsbevölkerung gab es ernste Anfeindungen.[2] 1680 kam das Gebiet des Erzstifts endgültig an Brandenburg-Preußen, dessen Herrscherhaus seit 1613 calvinisch war. Das bedeutete für die reformierte Minderheit – in Magdeburg die „wallonische“ (französischsprachige) und die „deutsche“ – eine gesellschaftliche Aufwertung und das Heraustreten aus der Verborgenheit. Beim Ausbruch der Pest im Jahr 1681 verließ der Hofstaat des Gouverneurs samt Prediger Duncker die Stadt. Nach dem Ende der Seuche lebten noch 60 Reformierte in Magdeburg.[3]
Nutzung der Sankt-Gangolfi-Kapelle
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Am 23. Juni 1681 wies der Kurfürst den Reformierten in Magdeburg die Sankt-Gangolfi-Kapelle zu, wodurch die reformierte Gemeinde der Stadt begründet wurde.[4] Der Kurfürst berief am 18. Juli 1681 Friedrich Wilhelm Thulemeyer als Prediger.[5] Die Kapelle wurde hergerichtet. Nach dem während der Arbeiten die Gottesdienste zunächst im Freien auf dem Hof statt fanden, fand der erste Gottesdienst in der Kapelle am 31. August 1681 statt.[6] Die Bezahlung Thulemeyers war mit 200 Talern im Jahr sehr knapp und wurde dann vom Kurfürsten auf 300 Taler erhöhte. Um eine finanzielle Grundlage zu schaffen, veranlasste der Kurfürst 1684, dass die eigentlich der zerstörten Ambrosiuskirche in der Sudenburg zustehenden Einnahmen nun an die reformierte Gemeinde gingen. Hierbei handelte es sich um 28 Morgen Acker im Wiedersdorfer Feld, zwölf Scheffel Weizen die von 3,5 Vierteln Land vor Sohlen zu leisten waren und 1,25 Hufe Acker im Rottersdorfer und Schrotdorfer Feld.[7] Weitere Einnahmen wurden aus Langenweddingen, Hohenwarsleben, Schnarsleben, Groß Ottersleben, Salbke, Atzendorf, Altenweddingen, Osterweddingen und Biere erzielt.[8] Die Gemeinde war in der Folge in der Lage auch einen Kantor und Schulmeister sowie einen Organisten einzustellen, so dass inklusive des Predigers drei Personen beschäftigt wurden.[9] Der Gemeinde gehörte auch der Gouverneur der Festung Magdeburg, Generalmajor Ernst Gottlieb von Börstell. Er stiftete anlässlich der ersten in der Kapelle gefeierten Kommunion einen vergoldeten silbernen Abendmahlskelch und Brotteller. Kriegskommissarius Johann Steinhäuser stiftete bereits 1681 ein Taufbecken und Ostern 1686 einen weiteren Abendmahlskelch. Diese Gegenstände waren zumeist auch noch im 20. Jahrhundert in der Gemeinde in Benutzung. Gleiches galt für zwei silber-vergoldete Kannen. Ein aus rotem Samt und Silber gefertigter Klingelbeutel wurde 1683 vom Apotheker Johann Adam Tuchscherer gestiftet,[10] der jedoch bereits 1690 gestohlen wurde und dann neu angeschafft werden musste.
1692 nahm die Gemeinde, auf kurfürstlichen Befehl hin, aus Mannheim geflohene Glaubensflüchtlinge mitsamt ihrem Prediger Tilemann Ghim auf.
Das Verhältnis zu den Lutheranern war weiter nicht frei von Problemen. So wurde 1686 beklagt, dass die lutherische Seite bei der Heirat von Reformierten und Lutheranerinnen Probleme bereitete, soweit die Hochzeit in der reformierten Kirche erfolgen sollte. Der Kurfürst musste streitentscheidend eingreifen.[11]
Das Taufregister der Gemeinde ist seit dem Jahr 1681, das Heiratsregister seit 1683, das Sterberegister seit 1711 und das der Kommunionen seit 1717 erhalten. Vor 1683 vorgenommene Trauungen wurden, soweit die Häuser der Pest verdächtigt waren, vor der Kirchentür durchgeführt.[12]
Nutzung der Sankt-Pauls-Kirche
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die wallonisch-reformierte Gemeinde erhielt 1690/94 die ehemalige Augustiner-Klosterkirche, jetzt Wallonerkirche genannt. Für die deutsch-reformierte Gemeinde wurde ab 1693 die 1631 ausgebrannte ehemalige Dominikanerkirche St. Pauli am Breiten Weg wiederhergestellt, 1698 übergeben und 1700 eingeweiht.
Friedrich Wilhelm von Steuben und Karl Friedrich Friesen wurden hier getauft. Die 1821 neu geweihte Kirche wurde 1890 an die Post verkauft, die sie 1895 für die geplante neue Zentralpost abriss. Ein Eingangsportal der Kirche steht heute vor dem Roncallihaus.[13]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Grundsteinlegung der neuen deutsch-reformierten Kirche erfolgte am 10. Juli 1896. Sie entstand nach einem Entwurf des Düsseldorfer Architekten Leo von Abbema, der aus einem 1895 durchgeführten Architektenwettbewerb hervorgegangen war. Die Bauleitung hatte Stadtbauinspektor Emil Jaehn. Wegen des großen Andrangs mussten zur Einweihung am 31. Januar 1899 Eintrittskarten ausgegeben werden.
Die in Sandstein gearbeitete neugotische Kirche war bis zum Dachfirst 28,5 m hoch, bis zur Turmspitze 72 m. Sie war 43 m lang und 30,5 m breit; der Gewölbescheitel lag in der Mitte in 21 m Höhe, unter den Emporen in 4,5 m Höhe, die Oberkante der Emporenbrüstung in 5,5 m Höhe. Die diagonale Spannweite der Gewölbe betrug 18 m, Breite und Tiefe des Schiffs 25 m.
Die Emporenbrüstung umschloss in einem konzentrischen Zwölfeck den Innenraum, über den sich die Gewölbekuppel frei erhob. Die breite Westempore bot Raum für Chor bzw. Orchester. Sie war mit drei großen farbigen mit Blumenornamenten verzierten Fenstern ausgestattet. In der Hauptachse lagen der Abendmahlstisch, die in Marmor ausgeführte Kanzel und die Orgel. Im Westturm befand sich das Hauptportal, außerdem gab es fünf Seiteneingänge.
Neben den konzentrischen Bankreihen auf der Westempore gruppierten sich auf der Nord- und Südempore vermietete Familienlogen. Ein von Jaehn entworfener Kronleuchter symbolisierte das himmlische Jerusalem mit seinen zwölf Toren.
Die Orgel wurde von Wilhelm Rühlmann 1899 erbaut und besaß drei Manuale und 37 Register.[14]

1897 erhielt die Kirche drei von Kommerzienrat Peter Schmidt gestiftete Glocken mit den Namen Glaube, Liebe und Hoffnung. 1917 wurden die zwei größten Glocken für Rüstungszwecke eingeschmolzen. Am 20. Oktober 1929 konnte das Geläut – als Geschenk der Gebrüder Adolf, Heinrich, Johannes und Fritz Mittag – wieder vervollständigt werden. Erneut wurden die großen Glocken 1940 eingeschmolzen. Die 1929 umgegossene Glocke Hoffnung blieb jedoch erhalten. Sie befindet sich unter den Glocken auf dem Johanniskirchhof in Magdeburg.[15]
Die Kirche wurde beim Luftangriff auf Magdeburg am 16. Januar 1945 schwer beschädigt und nicht wiederaufgebaut. 1955 wurde ihre Ruine abgetragen, wobei etliche Steine zum Bau von St. Andreas im Magdeburger Stadtteil Cracauer genutzt wurden.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Hans-Joachim Krenzke: Kirchen und Klöster zu Magdeburg. Landeshauptstadt Magdeburg, Stadtplanungsamt, 2000, S. 99 f.
- Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Fotos
- kirchensprengung.de
- Verlorene Kirchen: Der Meditationsweg „Verlorene Kirchen“ - Erinnern - Nachdenken - Beten, abgerufen am 27. März 2022
- Holger Zürch: Verlorene Kirche in Magdeburg: die Deutsch-reformierte Kirche. In: Leipziger Internet Zeitung.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 6
- ↑ Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 7
- ↑ Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 8
- ↑ Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 9
- ↑ Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 12
- ↑ Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 13 f.
- ↑ Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 15 f.
- ↑ Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 41 f.
- ↑ Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 18
- ↑ Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 19
- ↑ Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 21 f.
- ↑ Ralph Meyer, Geschichte der Deutsch-Reformierten Gemeinde zu Magdeburg, Erster Band, Verlag von Julius Neumann, Magdeburg 1914, Seite 30
- ↑ Barockes Eingangsportal. In: Tag des Herrn. Ausgabe 42/1995 vom 15. Oktober 1995, S. 10.
- ↑ Roland Eberlein (Hrsg.): Hermann Mund Sammlung Orgeldispositionen Heft A. (walcker-stiftung.de [PDF; 787 kB; abgerufen am 24. Februar 2024] Disposition Nr. 25).
- ↑ Anfrage von Stadtrat Olaf Meister, Glocken im Besitz der Stadt Magdeburg, F0342/24 vom 29. November 2024 auf mandatos.magdeburg.de
Koordinaten: 52° 8′ 29,6″ N, 11° 38′ 26,3″ O