Deutsche Bücherei

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Deutsche Bücherei
Bücherturm und Hauptgebäude (Februar 2008)

Die Deutsche Bücherei in Leipzig, Deutscher Platz 1, war eine Vorgängereinrichtung der Deutschen Nationalbibliothek, deren Teil sie heute ist. Sie wurde am 3. Oktober 1912 durch den Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig, die Stadt Leipzig und das Königreich Sachsen als Archiv des deutschen Schrifttums und des deutschen Buchhandels gegründet. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden 1990 die Deutsche Bibliothek, 1946 in Frankfurt gegründet, und die größere Deutsche Bücherei zu einer Gesamtinstitution unter der Benennung Die Deutsche Bibliothek zusammengefasst. Seit 2006 lautet deren Bezeichnung Deutsche Nationalbibliothek und Leipzig ist ein Standort.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1906 regte der Ministerialdirektor im Preußischen Kultusministerium Friedrich Althoff in einem Gespräch mit dem damaligen Ersten Schriftführer und ab 1910 Vorsteher des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler Karl Siegismund die Gründung eines Gesamtarchivs des nationalen Schrifttums an, das kostenlose Belegexemplare der Verlage erhält und vom Börsenverein getragen wird. Eine staatliche Nationalbibliothek war aufgrund der föderalistischen Strukturen des Deutschen Reiches nicht möglich. Das starke Wachstum der deutschen Buchproduktion Anfang des 20. Jahrhunderts auf 33.000 Druckwerke im Jahr 1911 ließ die Errichtung einer Zentralbibliothek der deutschen Literatur, einschließlich bibliographischer Verzeichnung des erschienenen Schrifttums, zu einem wichtigen Ziel des Börsenvereins werden. Sowohl die Stadt Leipzig als auch das Königreich Sachsen zeigten Interesse an der Ansiedlung der Institution und sagten eine finanzielle Unterstützung zu, auch um die führende Rolle Leipzigs im deutschsprachigen Buchhandel zu festigen. Der Zweite Vorsteher des Börsenvereins, der Dresdner Verlagsbuchhändler Erich Ehlermann, verfasste schließlich 1910 die Denkschrift „Eine Reichsbibliothek in Leipzig“, die seine Vorstellungen über die Einrichtung, Aufgaben und Ziele einer Reichsbibliothek darlegte und die praktische Umsetzung aufzeigte.[1]

1912 bis 1933[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der erste geschäftsführende Ausschuss, Ölgemälde von Hugo Vogel im Treppenhaus des Mittelbaus
Plakat zur „Bekanntmachung“ des Kriegszustands vom 31. Juli 1914; Exponat der ersten Kriegsausstellung der Deutschen Bücherei vom 30. April bis zum 15. Mai 1915
Haupteingang des Hauptgebäudes
Die drei Fassadenfiguren von Felix Pfeifer und Adolf Lehnert symbolisieren die Technik, die Kunst und die Rechtswissenschaften.

Im Sommer 1912 einigten sich dann die Träger der neuen Bibliothek, der Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig, die Verlagsstadt Leipzig und das Königreich Sachsen auf die Bezeichnung Deutsche Bücherei. Am 25. September 1912 wurde im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel die Bekanntmachung über die Gründung der Deutschen Bücherei und deren Satzung veröffentlicht, nachdem am 19. September der Vertrags- und Satzungsentwurf fixiert worden war. Am 3. Oktober 1912 folgte die Unterzeichnung des endgültigen Gründungsvertrages durch die Träger der Institution. Am 13., 17. und 19. Dezember 1912 behandelten und billigten die beiden Kammern des Sächsischen Landtages die Vereinbarung.[2] Am 1. Januar 1913 begann die Arbeit in dem Erweiterungsbau des Buchhändlerhauses am Gerichtsweg 26. Die Mitglieder des ersten geschäftsführenden Ausschusses sind auf einem Gemälde von Hugo Vogel, von Arthur Meiner gestiftet, von links nach rechts dargestellt: der Leipziger Kunstverleger Artur Seemann, der Dresdner Verleger Erich Ehlermann, der Leipziger Oberbürgermeister Rudolf Dittrich, der Ministerialdirektor im sächsischen Finanzministerium Max Otto Schroeder, der Erste Vorsteher des Börsenvereines Karl Sigismund (zentral in Bildmitte stehend), der Direktor der Universitätsbibliothek Leipzig Karl Boysen, der Abteilungsleiter der Königlichen Bibliothek zu Berlin Hans Paalzow und der Leipziger Verlagsbuchhändler Arthur Meiner. Zum ersten Direktor der Anstalt wurde Gustav Wahl berufen, dem 1917 Georg Minde-Pouet folgte.

Als Archiv des deutschsprachigen Schrifttums sollte die gesamte seit 1913 in Deutschland erschienene deutschsprachige und fremdsprachige Literatur sowie die ausländische Literatur in deutscher Sprache gesammelt, in einer Nationalbibliografie verzeichnet und als Präsenzbibliothek für jedermann zur freien Verfügung gestellt werden. Die Publikationen waren daher nach formalen und nicht nach inhaltlichen Kriterien zu sammeln. Damit erfüllte sie wesentliche Teile der Funktionen einer Nationalbibliothek. Das Ziel Gesamtarchiv des deutschen Schrifttums sowie der Anspruch bibliographisches Zentrum Deutschlands zu sein, führte die Deutsche Bücherei in eine starke Konkurrenzsituation zur Preußischen Staatsbibliothek, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts dauerte.

Am 19. Oktober 1913, ein Tag nach der Einweihung des Völkerschlachtdenkmals, wurde der Grundstein auf dem ursprünglich vorgesehenen Grundstück gelegt. Am 30. April 1915 folgte anlässlich der Hauptversammlung des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler der Schlussstein für das neue Bibliotheksgebäude.[3] Eingebunden in das Festprogramm zeigte die Deutsche Bücherei im Deutschen Buchhändlerhaus vom 30. April bis zum 15. Mai 1915 in 36 Vitrinen ihre erste Kriegsausstellung zum Ersten Weltkrieg mit „deutschen, österreichischen und französischen Proklamationen sowie von russischer oder deutscher Seite in Ostpreußen und Belgien plakatierte militärische Bekanntmachungen“.[4]

Am Tag der Grundsteinlegung wurde die Gesellschaft der Freunde der Deutschen Bücherei gegründet. Diese sollte durch die Bereitstellung von finanziellen Mitteln die Entwicklung der Bibliothek großzügig fördern. Ende 1922 zählte die Gesellschaft über 3600 Mitglieder. Als Dank erhielten die privaten Spender literarisch oder künstlerisch wertvolle Jahresgaben, die nur zu diesem Zweck in limitierter Auflage hergestellt und nicht im Buchhandel vertrieben wurden.[5] Das Hauptgebäude wurde in Leipzig am Deutschen Platz am 2. September 1916, dem sogenannten Sedantag, im Beisein des sächsischen Königs Friedrich August III. eingeweiht. Das Baugelände hatte die Stadt Leipzig zur Verfügung gestellt und die Kosten für das repräsentative Bibliotheksgebäude der sächsische Staat übernommen. Der Börsenverein verpflichtete sich die Bibliothek einzurichten, zu betreiben und zu verwalten. Einen gemeinsamen Unterhaltszuschuss von jährlich 200.000 Mark sagten außerdem die Stadt und das Land zu. Die Hauptgrundlage der Deutschen Bücherei waren die freiwilligen Übereinkünfte mit den deutschen Verlegern, die Bücherei kostenlos mit Belegexemplaren aus ihrer gesamten Verlagsproduktion zu beliefern.[6]

Inflationsbedingt unzureichende Zuschüsse der Unterhaltsträger führten im Sommer 1920 beim Vorstand des Börsenvereins zu Überlegungen, die Deutsche Bücherei aufzulösen. Alternativ wurde die Verschmelzung mit der Universitätsbibliothek Leipzig geprüft, was aber aufgrund der verschiedenen Aufgaben der beiden Anstalten scheiterte. Ab 1919 bekam die Deutsche Bücherei finanzielle Beihilfen vom Deutschen Reich. Schließlich konnte das Reich Anfang 1923 als ständiger Kostenträger gewonnen werden, um das Weiterbestehen zu sichern. Gemäß einer Vereinbarung beteiligten sich das Deutsche Reich und der Freistaat Sachsen mit je zwei Fünftel und die Stadt Leipzig mit einem Fünftel an den Verwaltungskosten. Eine Satzungsänderung des Deutschen Verlegervereins im Jahr 1925 verpflichtete außerdem jedes Mitglied des Börsenvereins, nach Erscheinen eines neuen Werkes oder einer neuen Auflage eines solchen ein Exemplar der Deutschen Bücherei unentgeltlich zur Verfügung zu stellen, was den Aufstieg der Bibliothek während der am 1. Oktober 1924 begonnenen dreißigjährigen Ära des Direktors Heinrich Uhlendahl maßgeblich förderte. Uhlendahl initiierte beispielsweise 1925 eine sogenannte Bücherlotterie, die einen Gewinn von 100.000 Mark zugunsten der Bücherei abwarf.[6]

1921 begann die Deutsche Bücherei für den Börsenverein der Deutschen Buchhändler mit der Bearbeitung und Ausgabe bibliographischer Verzeichnisse der Literatur. Es waren anfangs die „Täglichen Verzeichnisse der Neuerscheinungen“ und die „Wöchentlichen Verzeichnisse der erschienenen und der vorbereiteten Neuigkeiten des Buchhandels“. 1931 folgten die „Deutsche Nationalbibliographie“ in den Reihen A (Neuerscheinungen des Buchhandels) und B (Neuerscheinungen außerhalb des Buchhandels). Die Bearbeitung des „Halbjahresverzeichnisses der Neuerscheinungen des Deutschen Buchhandels“ und des „Deutschen Bücherverzeichnisses“ wurde nun auch übernommen.[6] Das Sammelgebiet wurde 1927 wieder um Dissertationen und andere Hochschulschriften erweitert, nachdem seit 1920 aus Kostengründen darauf verzichtet worden war.

Nach dem Inkrafttreten des Gesetzes zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften Anfang 1927 wurde an der Deutschen Bücherei eine Oberprüfstelle als Revisionsinstanz eingerichtet, die Anträge gegen Aufnahme einer Schrift in die Verbotsliste und auf Streichung von der Liste sowie über Beschwerden entschied. Die Bücherei richtete außerdem eine Sondersammlung der Schund- und Schmutzschriften ein. Heinrich Uhlendahl zählte zu den Mitgliedern der Oberprüfstelle.[7]

1933 bis 1945[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 30. Juni 1933 wurde die Deutsche Bücherei, die zuvor aus dem Etat des Reichsministeriums des Innern mitfinanziert wurde, dem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda unterstellt. Zuständig war dort die Abteilung Schrifttum, die unter anderem das in Deutschland erscheinende Schrifttum zu kontrollieren hatte. Dagegen unterstanden die Universitäts- und Landesbibliotheken dem am 1. Mai 1934 gebildeten Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Otto Erich Ebert, der seit 1920 an der Deutschen Bücherei angestellte Stellvertreter Uhlendahls, und vier weitere jüdische Mitarbeiter sowie der Bibliothekssekretär Ernst Adler und zwei Arbeiter wurden zwischen 1933 und 1934 als „Nichtarier“ bzw. aus politischen Gründen gemäß dem Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums entlassen.[8] Nachfolger von Ebert wurde 1934 der Bibliothekar und überzeugte Nationalsozialist Werner Rust. Der arbeitete zuvor an der Universitätsbibliothek der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und trat im September 1932 der NSDAP bei.[9] Rund 44 % der Mitarbeiter waren in der NSDAP und ihren angeschlossenen Verbänden organisiert, unter den wissenschaftlichen Bibliothekaren waren es 50 Prozent.[10]

Mit dem Ziel einer Nationalbibliothek folgte eine Stärkung der Stellung der Bücherei im deutschen Bibliothekswesen. Eine Anordnung der Reichskulturkammer vom 20. September 1935 verpflichtete die ihr unterstellten Verbände, Verlage und Einzelpersonen ein Exemplar der von ihnen herausgegebenen Schriften bei der Deutschen Bücherei abzugeben. Mit dem „Gesetz über die Deutsche Bücherei in Leipzig“ vom 18. April 1940 wurde sie schließlich zu einer rechtsfähigen Anstalt des öffentlichen Rechts umgewandelt, um eine Gleichstellung mit staatlichen Bibliotheken zu erreichen. Das gesamte bewegliche und unbewegliche Institutsvermögen, mit Ausnahme der buchhändlerischen Gesamtbibliographie, ging unentgeltlich vom Börsenverein in das Eigentum der Deutschen Bücherei über. Die Finanzierung erfolgte zu jeweils zwei Fünfteln durch das Reich und das Land Sachsen und zu einem Fünftel durch die Stadt Leipzig.

Im Mai 1933 begann die Deutsche Bücherei auf Veranlassung des Kampfbundes für deutsche Kultur und des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler mit der Zusammenstellung schwarzer Listen für den Buchhandel. Unter Leitung des Bibliothekars Wilhelm Frels wurden die vier Listen Sexualliteratur, Schöne Literatur, Politische Literatur und Jugendschriften für die Indizierung erstellt. Die Einzellisten wurden Anfang Herbst 1933 zu einer „Gesamtliste der unerwünschten Literatur“ zusammengefasst. Um negative Reaktionen des Auslandes zu vermeiden, wurden den Verlegern die betroffenen Werke in streng vertraulichen Einschreiben mitgeteilt.[11]

Anfang 1934 begann die Deutsche Bücherei offiziell unter der Leitung des Bibliothekars Hans Cordes mit den Arbeiten an der bibliographischen Gesamtschau des NS-Schrifttums. Ab April 1934 leitete Werner Rust die Arbeiten an der NS-Bibliographie. Ab Mitte 1934 übernahm die Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums die politische Bearbeitung und richtete im Februar 1935 in der Deutschen Bücherei eine Abteilung ein. Die Deutsche Bücherei war noch für die bibliographischen Arbeiten zuständig.[12]

Während der Zeit des Nationalsozialismus verfolgte die Deutsche Bücherei aber weiterhin das Ziel der Vollständigkeit des gesamten deutschsprachigen Schrifttums. Folglich sammelte sie auch die außerhalb Deutschlands erschienenen Werke der geflohenen, ausgebürgerten, vertriebenen Autoren, unter anderem durch Kauf der Publikationen im Ausland. Allerdings durften die Werke nicht mehr lückenlos in die Verzeichnisse mit kommerziellen Funktionen, das „Tägliche Verzeichnis“ und die „Nationalbibliographie A“ (wöchentliches Verzeichnis), aufgenommen werden. Nachdem es seit 1934 eine Zusammenarbeit mit der Leipziger „Arbeitsstelle für Schrifttumsbearbeitung“ des Sicherheitsdienstes (SD) unter Leitung von Wilhelm Spengler gab, folgte ab März 1936 die Einrichtung einer als „Verbindungsstelle an der Deutschen Bücherei“ bezeichneten Außenstelle des SD mit Arbeitsräumen im Gebäude der Deutschen Bücherei. Der SD benutzte im Rahmen der Überwachung politischer Gegner die Deutsche Bücherei als Informationsquelle. Die Tätigkeit umfasste die Datenbeschaffung über Neuerscheinungen, das Erstellen von Dossiers zur Ergänzung von Personengutachten, Lage- und Schrifttumsberichte mit Hinweisen auf potentiell gefährliche Personen und Vereinigungen einschließlich Vorschlägen zur Überwachung und die Empfehlungen zum Verbot von politisch und weltanschaulich nicht passenden Veröffentlichungen.[13] Die Entscheidung über die bibliographische Anzeige von Neueingängen und die Selektion des nichtdeutschen Schrifttums oblag ab 1936 für etwa ein Jahr dem abkommandierten SS-Hauptscharführer Heinz Lämmel.[14] Nicht zum deutschen Schrifttum zählte im Jahr 1936 der zuständige Abteilungsleiter im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda Heinz Wismann in Deutschland verbotene Bücher, Bücher die von Emigranten geschrieben waren, Bücher deutschfeindlichen Inhaltes und Bücher in denen bolschewistische Theorien vertreten wurden. 1937 ergänzte Wismann seine Anweisung der Geheimhaltung um Werke jüdischer Verfasser über jüdische Themen. 5485 Titel wurden bis 1945 als geheim deklarierte, die Aufnahme in ein Verzeichnis untersagt und die Benutzung überwacht.[10]

Ab 1933 schloss die Deutsche Bücherei ihre Bestandslücken mit Hilfe der NS-Behörden, die ihr, wie auch anderen Bibliotheken, beschlagnahmte Literatur von Privatsammlungen, Museen, Bibliotheken und Archiven zu kommen ließ. Die wurde als Geschenk deklariert und in die Bestände eingeordnet.[15] Nach der Eingliederung des Bundesstaates Österreich in das nationalsozialistische Deutsche Reich im März 1938 beschlagnahmten der Sicherheitsdienst und die Gestapo etwa zwei Millionen Bände. Mit der Leitung einer Sichtungs- und Ordnungsaktion der Bücherverwertungsstelle des Reichspropagandaamts in Wien wurde der Leiter Erwerbungsabteilung Albert Paust beauftragt. Paust sorgte für die Aneignung und unrechtmäßige Übernahme von über 500 beschlagnahmten und geraubten Titeln in das Depot der Deutschen Bücherei.[16]

1938 hatte die Deutsche Bücherei einen Bestand von 1,5 Millionen Exemplare sowie rund 200 Mitarbeiter. Von 1939 bis 1944 erstellte die Bücherei daher monatlich eine Liste der in der Deutschen Bücherei unter Verschluss gestellten Druckschriften, die nur für den dienstlichen Gebrauch von Behörden und wissenschaftlichen Bibliotheken veröffentlicht wurde. 1942 wurde das Sammelgebiet rückwirkend ab 1941 erweitert auf die Übersetzungen deutscher Werke in fremde Sprachen und die fremdsprachigen Werke über Deutschland und deutsche Persönlichkeiten.

Im Januar 1942 richtete das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda als Verbindungsstelle ein Erkundungsreferat in der Deutschen Bücherei ein, deren Leitung Wilhelm Emrich oblag. Der Referent sollte unter anderem die deutschsprachigen Neuerscheinungen überwachen und die sogenannte Judenbibliographie betreuen.[17] Um „alle jüdischen Autoren deutschsprachiger Bücher“ und Universitätsschriften festzustellen und „alle jüdisch-deutschen Mischehen in ihren Nachkommensverhältnissen und Verzweigungen“ zu untersuchen hatte das Reichsministerium zuvor im Jahr 1941 die Deutsche Bücherei mit der Bearbeitung einer „Bibliografie des jüdischen Schrifttums in deutscher Sprache“ beauftragt. Dies erfolgte bis 1944 durch den Bibliotheksrats Johannes Ruppert.[18] Im Dezember 1943 kam es nach einem Luftangriff zu Brandschäden, durch die rund 50.000 gestapelte Zeitschriften und 14 Arbeitsräume vernichtet wurden. Dies hatte im Sommer 1944 die Verlagerung von 1,6 Millionen Bänden nach zehn Ausweichstellen zur Folge.

1945 bis 1990[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutsche Bücherei 1979 mit drittem Erweiterungsbau
Magazine im Hauptgebäude

Am 7. September 1945 erließ der Stellvertreter des obersten Chefs der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland Wassili Danilowitsch Sokolowski den Befehl Nr. 12 zur „Wiedererrichtung der Leipziger Bibliothek“.[19] Im September 1945 wurden die ausgelagerten Bücher, die Bestände der Deutschen Bücherei waren unter allen deutschen, wissenschaftlichen Bibliotheken am wenigsten von den Folgen des Zweiten Weltkriegs betroffen, zurücktransportiert. Am 24. November 1945 folgte die Wiedereröffnung, der seit Anfang 1944 geschlossenen Bücherei, zur Nutzung durch den SMAD als bibliographisches Auskunfts- und Informationszentrum. Ab September 1947 hatte die Allgemeinheit wieder Zugang zur Deutschen Bücherei.[20]

Im Zuge der 1945 durchgeführten Entnazifizierungsverfahren wurden 80 von etwa 220 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufgrund ihrer Mitgliedschaft zu NS-Organisationen entlassen.[21] Leiter der Deutschen Bücherei blieb Heinrich Uhlendahl. Im August 1945 wurde die Deutsche Bücherei dem Ministerium für Volksbildung der Landesverwaltung Sachsens unterstellt und ab März 1951 der Leitung und Aufsicht des Staatssekretariats für Hochschulwesen, ab 1958 der des Staatssekretariats für das Hoch- und Fachschulwesen beziehungsweise ab 1967 der des Ministeriums für Hoch- und Fachschulwesen der DDR. Die Deutsche Bücherei hatte eine zentrale Stellung für die Versorgung von Wissenschaft und Praxis in der DDR inne. Bei Gesamtausgaben von rund drei Millionen Mark beschäftigte sie 1961 340 Mitarbeiter. 1977 betrug der Etat 7,5 Millionen Mark und es gab 500 Mitarbeiter.[22]

Auf Anweisung der Abteilung Volksbildung der Sowjetischen Militäradministration erstellte und veröffentlichte die Deutsche Bücherei zwischen 1946 und 1952 eine „Liste der auszusondernden Literatur[23], die später 38.700[24] Bücher und Zeitschriften mit „faschistischem oder militaristischem“ Inhalt umfasste und als Grundlage zur Säuberung von Bibliotheken diente. In der Deutschen Bücherei kamen die Publikationen in den auch als Sperrbibliothek bezeichneten, unter Verschluss gehaltenen Bestand, später in die „Abteilung für spezielle Forschungsliteratur“. Eine zweite Gruppe ausgesonderter Literatur umfasste politische Literatur mit sogenanntem „antidemokratischen“ Charakter, die Ende 1989 etwa 100.000 Bände umfasste. Als dritte Gruppe war pornografische Literatur seit längerem in speziellen Magazinen aufbewahrt worden. Dissertationen mit Vertraulichkeitsgrad wurden ab 1977 nicht mehr ordnungsgemäß inventarisiert. Bücher aus DDR-Verlagen von Autoren, die die DDR verlassen hatten, wurden gesperrt. Die Sekretionen führten besonders ausgewiesene Mitarbeiter der Bücherei eigenständig durch. Die Entscheidung oblag dem Leiter des Sperrmagazins. Kriterien für die Sekretierung existierten bis auf die „Liste der auszusondernden Literatur“ nicht.[25] Gemäß der Benutzungsordnung vom 1. Januar 1974 waren „Bücher, die faschistische, militaristische, antikommunistische, neofaschistische, neokolonialistische, und andere undemokratische Ideen zum Ausdruck bringen“ abzusondern. Die Titel mussten umgehend inventarisiert und anschließend in Stahlschränken verwahrt werden. Etwaige Bindearbeiten durften nur im Haus erfolgen.[26] Unterschiede zwischen offizieller Literaturpolitik und Ausleihpraxis in der Deutschen Bücherei kamen aber vor.[27] Die Einsichtnahme der sogenannten speziellen Forschungsliteratur in einem separaten Lesesaal war nur einem eingeschränkten Benutzerkreis möglich, der die Notwendigkeit nachweisen musste und eine Genehmigung des Generaldirektors Rötzsch benötigte.[28]

Ab dem 1. September 1955 regelte eine Durchführungsbestimmung, die im Juli 1960 durch eine neue Anordnung ersetzt wurde, die Ablieferung von Pflichtexemplaren aus der DDR-Verlagsproduktion an die Deutsche Bücherei. 85 % der sammelpflichtigen, westdeutschen Literatur wurde der Deutschen Bücherei freiwillig und kostenlos von den Verlegern aus der Bundesrepublik Deutschland geliefert.[29] Die Motive der Verleger waren neben Traditionsbewußtsein vor allem die Aufnahme ihrer Werke in die Deutsche Nationalbibliographie, die im Vergleich zur Deutschen Bibliographie der Deutschen Bibliothek qualitativ besser war für Werbezwecke. Da die Nationalbibliographie das gesamte Verlagsschrifttum der DDR beinhaltete diente sie auch zur Information für Geschäfte mit den Staaten des Ostblock.[30] Zur Literaturbeschaffung standen jährlich eine Million Mark der DDR und 450.000 Deutsche Mark zur Verfügung. Im Zeitraum von 1961 bis 1989 hatte sie an westdeutscher Literatur 1,97 Millionen Neuzugänge, aus der DDR-Produktion gingen 0,84 Millionen Exemplare (einschl. Zweitexemplare) ein.[31] Mit Hilfe einer Sondereinfuhrgenehmigung durfte sie Druckerzeugnisse, Schallplatten, andere Tonträger, Filme und Dias ohne Wertung des Inhalts in die DDR einführen beziehungsweise erhalten.[29] 1982 besaß die Bücherei einen Gesamtbestand von 4,3 Millionen Bänden. 1956 wurde eine technisch-wissenschaftliche Auskunfts- und Beratungsstelle eingerichtet, die Auskünfte und Literaturzusammenstellungen vor allem für die Industrie und Landwirtschaft erteilen und bearbeiten sollte.

1950 wurde der Deutschen Bücherei das 1884 vom Zentralverein für das gesamte Buchgewerbe gegründete Deutsche Buch- und Schriftmuseum, als ältestes Buchmuseum der Welt, als Abteilung eingegliedert. Zur Sammlung in Leipzig zählen auch besondere Bestände wie die durch den Buchhändler Hahn initiierte und durch den Bibliothekar Johann Heinrich Plath betreute Reichsbibliothek der Frankfurter Nationalversammlung von 1848/49, die im Mai 1938 als Spende des deutschen Buchhandels für einen ersten Grundstock einer deutschen Nationalbibliothek gedacht war. Anfang April 1953 wurden außerdem die Restbestände, rund 20.000 Bände, der Bibliothek des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler zu Leipzig übernommen. Im Dezember 1943 waren durch einen Luftangriff dreiviertel des ehemaligen buchhistorischen Bestandes der Bibliothek im Buchhändlerhaus zerstört worden.

Bis zum Machtwechsel von Walter Ulbricht zu Erich Honecker im Jahr 1971 waren der Generaldirektor Helmut Rötzsch und sein Stellvertreter Helmut Lohse als IM des MfS der DDR tätig. Danach wurden 15 weitere IM, vor allem im Leitungspersonal, angeworben.[32]

Da die Elektronische Datenverarbeitung ab 1971 nur unzureichend zur Anwendung kam, dauerten die Bearbeitungszeiten der Bibliographien trotz verstärktem Personaleinsatz bei wachsendem Buchmarkt im Vergleich mit der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main immer länger. Die Bearbeitungsrückstände führten zu einem starken Verlust an Aktualität.[33] Die Anwendung der EDV blieb bis Ende der 1980er Jahre auf die Bibliographien begrenzt.

Nach 1990[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachdem die Deutsche Bücherei nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone lag, war im Zuge der Ost-West-Teilung 1947 in der damaligen Bizone in Frankfurt am Main eine zweite Nationalbibliothek mit dem Namen Deutsche Bibliothek gegründet worden. Im Einigungsvertrag wurde 1990 die Zusammenführung der Leipziger und der Frankfurter Institution (einschließlich des Deutschen Musikarchivs in Berlin) zur DDB (Die Deutsche Bibliothek) geregelt. Sitz der Bibliothek wurde Frankfurt. Die Deutsche Bücherei hatte zu diesem Zeitpunkt 8,8 Millionen Medieneinheiten[34] und 540 Mitarbeiter[35]. Die Anzahl der Mitarbeiter wurde in der Folge in Leipzig stark vermindert. Ende des 20. Jahrhunderts besaßen die Bibliotheksmagazine eine Kapazität von rund 12 Millionen Bänden.

Mit dem Inkrafttreten eines neuen Gesetzes über die Zuständigkeit und Organisation der deutschen Nationalbibliothek zum 29. Juni 2006 wurde die Institution in Deutsche Nationalbibliothek umbenannt. Mit einem Bestand von 16,23 Millionen Medien (Stand: 2010)[36] ist die Deutsche Bücherei, die inzwischen offiziell als Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig bezeichnet wird, die größte Bibliothek Deutschlands und der größere Standort der Deutschen Nationalbibliothek.

In Leipzig werden die beiden Pflichtexemplare der Verlage aus den Bundesländern Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen formal und sachlich erschlossen. Das Zweitexemplar wird anschließend nach Frankfurt weitergegeben. Außerdem ist der Standort zuständig für das Archivieren der nur in einem Exemplar gesammelten deutschsprachigen Veröffentlichungen des Auslands, der Übersetzungen aus dem Deutschen und der fremdsprachigen Germanica.

Die Deutsche Bücherei übernahm bis 2004 innerhalb der DDB die Funktion als internationale Depotbibliothek. Vor der Wiedervereinigung wurden von UNO, UNESCO und WTO beide Standorte als Depotbibliothek angesehen.

Neben dem Deutschen Buch- und Schriftmuseum als Dokumentationszentrum für Buchkultur mit 782.000 Studiensammlungen[36] befindet sich die Sammlung Exil-Literatur 1933–1945 und die Anne-Frank-Shoah-Bibliothek, eine internationale Fachbibliothek zur Dokumentation der Verfolgung und Vernichtung der Juden, in Leipzig. Das Deutsche Musikarchiv mit 1,68 Millionen Musiktonträgern und Musikalien[36] zog im Rahmen der Errichtung des vierten Erweiterungsbaus 2011 von Berlin nach Leipzig um und wurde mit der Leipziger Musikalien- und Tonträgersammlung zusammengeführt. Die aus der Restaurierungswerkstatt, die 1964 eingerichtet wurde, im Jahr 1992 hervorgegangene Abteilung „Zentrum für Bucherhaltung“ wurde 1998 als privatwirtschaftlich geführtes Zentrum für Bucherhaltung ausgegründet.

Gebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Bauplatz für den Bibliotheksneubau stellte die Stadt Leipzig ein Grundstück mit 12.500 Quadratmeter Größe an der Karl-Siegesmund-Straße, neben der damaligen Samuel-Heinicke-Hörgeschädigten-Schule, unentgeltlich zur Verfügung. Die zugehörigen Baupläne entwarf der Leiter des gesamten sächsischen Hochbauwesens Edmund Waldow, unter Mitwirkung des Bauamtmanns Oskar Pusch.

Hauptgebäude[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Großer Lesesaal
Fassade Philipp-Rosenthal-Straße

Wachsende Kritik an der zukünftigen versteckten Lage der Bibliothek, gegenüber der Hinterfront der damaligen Reitzenhainer Straße gelegen, führten dann dazu, dass am 11. Februar 1914 ein neues, 16.850 Quadratmeter großes Areal an der repräsentativen Achse zwischen Völkerschlachtdenkmal und dem Neuen Rathaus, an der Straße des 18. Oktobers neuer Standort wurde. Das erforderte neue Baupläne, die Pusch nach dem Rücktritt von Waldow alleine erstellte. Die Bauleitung oblag dem Leipziger Baurat Karl Julius Baer und dem Baumeister Karl Schmidt. Die zweite Grundsteinlegung folgte am 21. Juli 1914. Am 30. April 1915 war der Rohbau fertiggestellt und am 2. September 1916 die feierliche Einweihung. Auf einer Grundfläche von 4.148 Quadratmetern war ein umbauter Raum von 76.736 Kubikmeter errichtet worden. Die Decken wurden in Eisenbeton hergestellt. Die Wände der unteren Etagen bestehen auch aus Eisenbeton, in den oberen Etagen sind sie gemauert. Die Fassaden weisen eine Natursteinverkleidung auf oder sind verputzt.

Die symmetrische Hauptfassade des im modernen Frührenaissancestils errichteten Gebäudes ist 120 Meter lang und im Grundriss leicht konkav gekrümmt. Der Haupteingang in der Mittelachse steht am Deutschen Platz. Das Bauwerk umfasste anfangs das Frontgebäude, mit Keller und Dachgeschoss insgesamt neun Stockwerke hoch, in dem die Verwaltungsräume und in den oberen Etagen die Magazine für 1,23 Millionen Bände untergebracht waren. Hinter dem mittleren Abschnitt steht das Treppenhaus, gefolgt von einem 19 Meter breiten und 20 Meter langen, fünfgeschossigen Zwischentrakt an den als Mittelpunkt der hinteren Anbauten der Lesesaaltrakt anschließt. Neben dem 614 Quadratmeter großen Lesesaal gab es anfangs noch den 364 Quadratmeter großen Zeitschriftenlesesaal im ersten Obergeschoss des Zwischenbaus. Der Lesesaaltrakt sollte später bei den für alle zwanzig Jahre vorgesehenen Erweiterungen mit Magazinanbauten umbaut werden.

Über dem Haupteingang des Gebäudes befinden sich Büsten von Otto von Bismarck, Johannes Gutenberg und Johann Wolfgang von Goethe, letztere vom Dresdner Bildhauer Fritz Kretzschmar signiert. Statuen von Adolf Lehnert und Felix Pfeifer repräsentieren die Technik, Kunst, Justiz, Philosophie, Theologie und Medizin, seitlich flankiert von Wappenhaltern von Johannes Hartmann mit den Wappen der Stadt Leipzig (links) und des Börsenvereins (rechts). Die über dem Haupteingang stehenden Sätze lauten: „Körper und Stimme leiht die Schrift dem stummen Gedanken, durch der Jahrhunderte Strom trägt ihn das redende Blatt.“ und „Freie Statt für freies Wort, freier Forschung sichrer Port, reiner Wahrheit Schutz und Hort“. Der erste Vers stammt von Friedrich Schiller, der zweite wurde vom damaligen sächsischen Minister Graf Vitzthum von Eckstädt zur Grundsteinlegung vorgetragen. Über dem Portal ist eine große, schmiedeeiserne Fassadenuhr mit vergoldeten Ziffern und Zeigern angebracht. Sie hat einen Durchmesser von vier Metern und stammt vom Leipziger Schlossermeister Hermann Kayser.

Die Fassade des großen Lesesaales in der Philipp-Rosenthal-Straße ist verputzt und hat einen 27 Meter langen und 1,5 Meter breiten Balkon als markantes Gestaltungselement. Sieben gewulstete Konsolen tragen den Balkon mit seiner steinernen Balustradenbrüstung. Die Verblendung über den Lesesaalfenstern dekorieren sieben Löwenkopfmasken in Medaillonform.

Im heutigen geisteswissenschaftlichen, dem großen Lesesaal befindet sich ein im Jugendstil geschaffenes Gemälde von Ludwig von Hofmann, das Arkadien darstellt und von November 1917 bis Juli 1920 geschaffen wurde (ein Schwestergemälde auf der anderen Seite des Saales wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört). Im ersten Stock des Gebäudes im Treppenhaus befindet sich ein Wandgemälde, ein Gruppenbild mit den Mitgliedern des Ersten Geschäftsführenden Ausschusses der Deutschen Bücherei.

Erste Erweiterung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Bedarf an Lesesaalplätzen, Verwaltungs- und Magazinräumen für weitere 15 Jahre erforderte bei einem jährlichen Zuwachs von 50.000 Bänden planmäßig die erste Erweiterung 20 Jahre nach der Eröffnung des Bibliothekneubaus. Da die Baukosten vom Reichsarbeitsministerium auf 600.000 Reichmark gedeckelt wurden, entfielen die oberen Geschosse. An deren Stelle wurde ein provisorisches Dach errichtet.[37] Mit 1036 Quadratmeter bebauter Fläche und 16.636 Kubikmeter umbautem Raum wurde der Südostflügel zwischen 1934 und 1936 gebaut. Die Baumaßnahme bestand aus einem kleinen Lesesaal mit 267 Quadratmeter Fläche, im Stil der Neuen Sachlichkeit gestaltet, und aus einem Magazintrakt für 750.000 Bände, der nur bis zum zweiten Obergeschoss errichtet wurde. Der Baukörper wurde im Anschluss an den großen Lesesaal gebaut und reichte winkelförmig bis zum Vorderbau, wodurch ein Innenhof entstand. Oskar Pusch und Karl Julius Baer übernahmen wieder die Bauleitung. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Gebäudekomplex durch Brände im Dachstuhl, im Großen Lesesaal und im Keller beschädigt. Der neue Lesesaal war an den beiden Stirnseiten mit je einem Gemälde des Malers und SA-Mannes Clemens Kaufmann im Stil des nationalsozialistischen Realismus versehen. Aufgrund einer unzureichenden Qualität befahl Joseph Goebbels die Entfernung der Bilder, die vor Eröffnung des neuen Lesesaals überstrichen wurden.[37]

Zweite Erweiterung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die zweite Erweiterung mit 1243 Quadratmeter bebauter Fläche und Platz für etwa eine Million Bücher wurde zwischen 1959 und 1963 durchgeführt. Sie umfasste in der ersten Bauetappe den Nordwestflügel mit dem Flügelbau und dem Lesesaalanbau. Die Bauleitung hatte der Leipziger Bauingenieur Gerhart Helmer. Oskar Pusch wirkte beratend mit. Der Flügelbau war im Erd- und ersten Obergeschoss für das Deutsche Buch- und Schriftmuseum und in den übrigen vier Stockwerken für Büchermagazine vorgesehen. Der Lesesaalanbau erhielt unter anderem im Sockelgeschoss einen Kultur- und Speiseraum mit Großküche sowie einen weiteren kleinen Lesesaal für die technisch-wissenschaftliche Literatur. Die zweite Bauetappe bestand aus der Aufstockung des Südostflügels von 1936 zur Erweiterung der Büchermagazine. Umbauten im Vordergebäude schlossen die Baumaßnahmen, die 8,5 Millionen Mark kosteten, ab. Damit besaß der Gebäudekomplex wieder eine symmetrische Grundform mit einer 63 Meter tiefen Mittelachse. Die bebaute Fläche betrug insgesamt 6484 Quadratmeter.

Dritte Erweiterung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Magazinturm und Büchertransportanlage der Deutschen Bücherei vor dem Umbau 2009/2010

Pusch ging im Jahre 1914 in seinem Entwurf des Gesamtkomplexes von einem Endausbau mit einer bebauten Fläche von 9064 Quadratmetern für einen Bestand von zehn Millionen Bänden aus. Dabei wurde ein jährlicher Zuwachs von 50.000 Büchern angesetzt. Die sukzessive Erweiterung der Sammelgebiete der Bibliothek bei zugleich stark wachsender Buchproduktion machten jedoch Ende der 1970er Jahre eine dritte, vom ursprünglichen Entwurf abweichende Erweiterung notwendig. Nach Plänen und unter der Leitung des Architekten Dieter Seidlitz wurde 55 Meter westlich vom Hauptgebäude ein siloartiger Magazinturm aus Stahlbeton erbaut, der rund fünf Millionen Bänden Platz bietet. Seine Grundsteinlegung war am 7. Juni 1977, das Richtfest am 22. November 1978 und die Einweihung am 9. Dezember 1982; die Baukosten betrugen 25 Millionen Mark der DDR.

Der Turm besteht aus einem 55 Meter hohen Kern, um den sich fünf vertikale Segmente mit Höhen von 41,5 bis 51,4 Meter gruppieren. Für das sozialistische Städtebaubild hatte der Magazinturm als Schlussstein einer nahegelegenen Reihe neu errichteter Wohnhochhäuser eine wichtige Funktion. Seine fensterlose Fassade wurde mit etwa 50.000 Fliesen aus Betonwerkstein in weißlichen und grauen Farbtönen verkachelt. Der Leipziger Künstler Arnd Schultheiß ordnete die Platten zu geometrischen Mustern.[38] In etwa zehn Meter Höhe befand sich eine freitragende, 55 Meter lange und 2,88 Meter breite Verbindungsröhre zum Altbau, durch die eine Förderbandanlage den automatischen Büchertransport zwischen den Gebäuden ermöglichte. Der Magazinturm hat 14 Geschosse und 9 Zwischengeschosse.

Sanierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 1991 begann eine Grundsanierung und Rekonstruktion des unter Denkmalschutz stehenden Bibliotheksgebäudes. Die dauerte bis 2004 und kostete rund 26 Millionen Euro.

Vierte Erweiterung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vierte Erweiterung
Magazinturm mit neuer Fassade

Die vierte Erweiterung beruht auf einem Entwurf der Stuttgarter Architektin Gabriele Glöckler, die 2002 mit ihrem Konzept „Inhalt-Hülle-Umschlag“ einen europaweiten Architekturwettbewerb gewann. Das Gebäude steht auf einer Fläche zwischen dem historischen Hauptgebäude und dem Bücherturm. Es rundet die Bebauung am Deutschen Platz ab. Die Grundsteinlegung für das rund 59 Millionen Euro teure Gebäude folgte am 4. Dezember 2007, das Richtfest war am 23. März 2009, die offizielle Eröffnung fand am 9. Mai 2011 statt.

Der frei geformte Baukörper hat eine Nutzfläche von 14.000 Quadratmetern, die sich auf neun Geschosse, davon drei unterirdische Magazinetagen verteilt. Die Bodenplatte ist 1,9 Meter dick. Die Baugrube hatte eine Fläche von 3.450 Quadratmetern und reichte bis zu 12 Meter unter Geländeniveau. Die benachbarten Magazintürme erforderten eine knapp 8 Meter hohe Unterfangung. Die Stahlbetonkonstruktion besitzt Decken, die in den Magazinen für eine Nutzlast von 17,5 Kilopascal ausgelegt sind. Die gekrümmte Dachkonstruktion wird von verleimten, hölzernen Dachbindern getragen.

Der Bruttorauminhalt des Neubaus beträgt 90.346 Kubikmeter. Das Gebäude beherbergt das Deutsche Buch- und Schriftmuseum und das nach Leipzig verlegte Deutsche Musikarchiv. Die Magazinräume mit einer Fläche von 10.600 Quadratmetern haben eine Kapazität von fünf Millionen Einheiten und sollen die Publikationen der nächsten beiden Jahrzehnte in unter- und oberirdischen Stockwerken aufnehmen.

Am Deutschen Platz ist ein eigener Eingang vorhanden, wobei das Hauptgebäude über einen öffentlichen Weg durch den Neubau erreichbar ist. Die bisherige Buchtransportanlage wurde durch eine Behälterförderanlage und die zugehörige Verbindungsröhre zwischen den Büchertürmen und dem Altbau durch einen Verbindungsgang im Erweiterungsbau ersetzt. Zusätzlich erfuhr die Fassade des Bücherturmes eine Neugestaltung mit glatten großflächigen weißen Alu-Verbundkassettenplatten und abgesetzten, hinterleuchteten Segmentfugen. Außerdem entstand im westlichen Innenhof des Oskar-Pusch-Gebäudes als verglaster, zweigeschossiger Baukörper der Musiklesesaal.

Nach der Fertigstellung hat der Gesamtkomplex 62.022 Quadratmeter Hauptnutzfläche, davon sind 48.482 Quadratmeter Magazinfläche. Insgesamt 535 Lesesaalplätze sind vorhanden.[36]

Leiter der Deutschen Bücherei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit der Vereinigung der Deutschen Bücherei in Leipzig mit der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main und Einrichtung einer gemeinsamen Generaldirektion in Frankfurt wird die Deutsche Bücherei von einem „Direktor als dem ständigen Vertreter des Generaldirektors“ geleitet:

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Deutsche Bücherei nach dem ersten Jahrzehnt ihres Bestehens. Leipzig: Deutsche Bücherei, 1925
  • Heinrich Uhlendahl: Fünfundzwanzig Jahre Deutsche Bücherei. Festvortrag zur Feier des 25-jährigen Bestehens 15. Mai 1938 (= Sondergabe der Gesellschaft der Freunde der Deutschen Bücherei 1938).
  • Heinrich Uhlendahl: Vorgeschichte und erste Entwicklung der Deutschen Bücherei. Leipzig: Deutsche Bücherei, 1957.
  • Helmut Rötzsch und Hans-Martin Pleßke: Die Deutsche Bücherei in Leipzig. Ein Abriß der Geschichte des Gesamtarchivs des deutschsprachigen Schrifttums 1912 bis 1987. Aus Anlass der 75-Jahr-Feier. Vorabdruck aus: Jahrbuch der Deutschen Bücherei. Jg. 23 (1987). Leipzig: Deutsche Bücherei, 1987.
  • Alfred Langer: Die Deutsche Bücherei in Leipzig. Architektur und künstlerischer Schmuck. Beucha: Sax-Verlag, 1998.
  • Bernd Aschauer(Red.): Umschlag - Hülle - Inhalt: Erweiterung Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig. Deutsche Nationalbibliothek, Landesamt für Steuern und Finanzen des Freistaates Sachsen (Hrsg.), Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-7757-2763-1 (Digitalisat)
  • Christian Rau: »Nationalbibliothek im geteilten Land«. Die Deutsche Bücherei 1945–1990. Wallstein Verlag, Göttingen 2018, ISBN 978-3-8353-3199-0.
  • Sören Flachowsky: »Zeughaus für die Schwerter des Geistes«. Die Deutsche Bücherei während der Zeit des Nationalsozialismus. Wallstein Verlag, Göttingen 2018, ISBN 978-3-8353-3196-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Deutsche Bücherei – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikisource: Deutsche Bücherei – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Erich Ehlermann: Eine Reichsbibliothek in Leipzig : Denkschrift (1910). Gesellschaft d. Freunde d. Deutschen Bücherei, Leipzig 1927, DNB 579329062.
  2. Deutsche Bücherei : 1912–1962 ; Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der Deutschen Nationalbibliothek. Verl. für Buch- und Bibliothekswesen, Leipzig 1962, DNB 980282381, S. 53.
  3. Deutsche Bücherei : 1912–1962 ; Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der Deutschen Nationalbibliothek. Verl. für Buch- und Bibliothekswesen, Leipzig 1962, DNB 980282381, S. 272.
  4. N.N.: Die Deutsche Bücherei stellt aus: Erste Kriegsausstellung der Deutschen Bücherei 1915 auf der Seite der Deutschen Nationalbibliothek, zuletzt abgerufen am 3. August 2014
  5. Sören Flachowsky: »Zeughaus für die Schwerter des Geistes«. Die Deutsche Bücherei während der Zeit des Nationalsozialismus. S. 189.
  6. a b c Deutsche Bücherei 1912–1962, Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der deutschen Nationalbibliothek, Leipzig 1962
  7. Sören Flachowsky: »Zeughaus für die Schwerter des Geistes«. Die Deutsche Bücherei während der Zeit des Nationalsozialismus. S. 687.
  8. Sören Flachowsky: »Zeughaus für die Schwerter des Geistes«. Die Deutsche Bücherei während der Zeit des Nationalsozialismus. S. 585.
  9. Sören Flachowsky: »Zeughaus für die Schwerter des Geistes«. Die Deutsche Bücherei während der Zeit des Nationalsozialismus. S. 590.
  10. a b Jan-Pieter Barbian, Frank Simon-Ritz: Deutsche Nationalbibliothek 100 Jahre – und kein bisschen leise. In: boersenblatt.net, 8. Oktober 2012
  11. Sören Flachowsky: »Zeughaus für die Schwerter des Geistes«. Die Deutsche Bücherei während der Zeit des Nationalsozialismus. S. 695 f.
  12. Sören Flachowsky: »Zeughaus für die Schwerter des Geistes«. Die Deutsche Bücherei während der Zeit des Nationalsozialismus. S. 913 f.
  13. Sören Flachowsky: »Zeughaus für die Schwerter des Geistes«. Die Deutsche Bücherei während der Zeit des Nationalsozialismus. S. 759.
  14. Volker Dahm: Das jüdische Buch im Dritten Reich. ISBN 978-3-406-37641-2, S. 188
  15. Sören Flachowsky: »Zeughaus für die Schwerter des Geistes«. Die Deutsche Bücherei während der Zeit des Nationalsozialismus. S. 835.
  16. Sören Flachowsky: »Zeughaus für die Schwerter des Geistes«. Die Deutsche Bücherei während der Zeit des Nationalsozialismus. S. 842 f.
  17. Sören Flachowsky: »Zeughaus für die Schwerter des Geistes«. Die Deutsche Bücherei während der Zeit des Nationalsozialismus. S. 1112 f.
  18. Sören Flachowsky: Der gelbe Stern in der Wissenschaft. In: Dialog mit Bibliotheken. Band 28, Nr. 2, 2016, DNB 1115811932, S. 37–44, hier 39, urn:nbn:de:101-2016100662.
  19. Christian Rau: »Nationalbibliothek« im geteilten Land. S. 73.
  20. Christian Rau: »Nationalbibliothek« im geteilten Land. S. 82.
  21. Sören Flachowsky: Geschichte der Deutschen Bücherei Leipzig in der NS-Zeit. In: Dialog mit Bibliotheken. Band 27, Nr. 1, 2015, DNB 1077224109, S. 31–34, urn:nbn:de:101-2015100163.
  22. Helmut Rötzsch: Die Deutsche Bücherei in Leipzig Entwicklung und Aufgabenstellung des Gesamtarchivs des deutschsprachigen Schrifttums, 1978 (PDF; 1,8 MB)
  23. Ministerium für Volksbildung der Deutschen Demokratischen Republik, Liste der auszusondernden Literatur Dritter Nachtrag, Berlin: VEB Deutscher Zentralverlag, 1953
  24. Deutsche Bücherei 1912–1962, Festschrift zum fünfzigjährigen Bestehen der deutschen Nationalbibliothek, Leipzig 1962, S. 281.
  25. Christian Rau: Nationalbibliothek im geteilten Land : Eine Projektskizze zur Erforschung der Geschichte der Deutschen Bücherei in der SBZ/DDR (1945–1989/90). In: Dialog mit Bibliotheken. Band 27, Nr. 2, 2015, DNB 1077323638, S. 38–43, hier 42, urn:nbn:de:101-20151001234.
  26. Christian Rau: »Nationalbibliothek« im geteilten Land. S. 571
  27. Christian Rau: »Nationalbibliothek« im geteilten Land. S. 572
  28. Ulrike Geßler, Jenifer Hochhaus, Kerstin Schmidt: Die Deutsche Bücherei. In: Siegfried Lokatis, Ingrid Sonntag: Heimliche Leser in der DDR. Christoph Links Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86153-494-5, S. 201–207.
  29. a b Helmut Rötzsch: Eine Gratwanderung ohne Absturz. Die Deutsche Bücherei Leipzig in jener Zeit. In: Mark Lehmstedt, Siegfried Lokatis (Hrsg.): Das Loch in der Mauer. Der innerdeutsche Literaturaustausch. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden, 1997, ISBN 3-447-03918-3, S. 137.
  30. Christian Rau: »Nationalbibliothek« im geteilten Land. S. 671.
  31. Gottfried Rost: Die Deutsche Bücherei als “Loch in der Mauer”. In: Mark Lehmstedt, Siegfried Lokatis (Hrsg.): Das Loch in der Mauer. Der innerdeutsche Literaturaustausch. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden, 1997, ISBN 3-447-03918-3, S. 132.
  32. Christian Rau: »Nationalbibliothek« im geteilten Land. S. 544.
  33. Christian Rau: »Nationalbibliothek« im geteilten Land. S. 669.
  34. Ute Schwens, Jörg Räuber: Aus Zwei mach Eins : Deutsche Bücherei Leipzig und Deutsche Bibliothek Frankfurt am Main seit 25 Jahren zur Deutschen Nationalbibliothek vereint. In: Dialog mit Bibliotheken. Band 27, Nr. 2, 2015, DNB 1077077041, S. 4–24, hier 10., urn:nbn:de:101-2015100108.
  35. Christian Rau: »Nationalbibliothek« im geteilten Land. S. 537
  36. a b c d Bernd Aschauer(Red.): Umschlag - Hülle - Inhalt : Erweiterung Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig. Deutsche Nationalbibliothek, Landesamt für Steuern und Finanzen des Freistaates Sachsen (Hrsg.), Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-7757-2763-1
  37. a b Sören Flachowsky: „Braune Flecken“ unter weißer Patina. In: Dialog mit Bibliotheken. Band 29, Nr. 2, 2017, DNB 1140660691, S. 25–31, hier 26, urn:nbn:de:101-20170929325.
  38. Bernd Hettlage: Deutsche Nationalbibliothek Leipzig. In: Die neuen Architekturführer Nr. 181, Stadtwandel Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-86711-190-4.

Koordinaten: 51° 19′ 20,5″ N, 12° 23′ 48,1″ O