Deutsche Gesellschaft für Neurologie

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Deutsche Gesellschaft für Neurologie
(DGN)
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Rechtsform eingetragener Verein
Gründung 1907[1]
Sitz Berlin
Vorläufer Gesellschaft Deutscher Nervenärzte
Zweck Medizinische Fachgesellschaft für Neurologie
Vorsitz Christian Gerloff
Geschäftsführung Thomas Thiekötter
Mitglieder 10.250 (Januar 2021)[2]
Website dgn.org

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e. V. (DGN) ist eine medizinische Fachgesellschaft. Sie ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften. Ihr formuliertes Ziel ist es, die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu verbessern. Die Gesellschaft wurde 1907 als Gesellschaft Deutscher Nervenärzte in Dresden gegründet, Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin. Die DGN ist Dachgesellschaft verschiedener Schwerpunktgesellschaften. Christian Gerloff ist seit 1. Januar 2021 Präsident der DGN.

Tätigkeiten und Ziele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die DGN fördert Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie veranstaltet Kongresse und Tagungen, lobt Wissenschaftspreise aus, betreibt Informationspolitik für die Öffentlichkeit. Weiterhin vertritt sie die Interessen der neurologisch tätigen Ärzte in Deutschland. Die DGNeurologie sowie Der Nervenarzt (1928 vom Springer-Verlag gegründet) sind Publikationsorgane der DGN.

Organisationsstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zentrale Organe der DGN sind die Mitgliederversammlung, der Vorstand und der Beirat, an dem sich auch Mitglieder verwandter Gesellschaften, wie etwa der Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN), beteiligen. Die Facharbeit mit administrativen und klinischen Aufgaben findet in den Kommissionen statt, die Delegierten vertreten die DGN-Interessen in den anderen Gesellschaften. Folgende spezialisierte Schwerpunktgesellschaften arbeiten eng mit der DGN zusammen:

Die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) ist Partnergesellschaft der DGN. Weitere Gesellschaften sind mit der DGN assoziiert. Zudem betreibt bzw. unterstützt die DGN weitere Organisationen wie die Fortbildungsakademie oder die Nachwuchsorganisation Junge Neurologen.

Mitgliedschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verein hat rund 10.250 Mitglieder (Januar 2021). Die Anzahl der Mitglieder hat sich seit 2003 mehr als verdoppelt. Ordentliche Mitglieder können alle natürlichen Personen werden, denen die Approbation als Arzt in der Bundesrepublik Deutschland erteilt worden ist oder die als Wissenschaftler auf neurowissenschaftlichem Fachgebiet arbeiten. Auch Medizinstudenten können aufgenommen werden.

DGN-Kongress[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der DGN-Kongress ist mit 6.500 Teilnehmern der größte Neurologie-Kongress in Europa und der zweitgrößte neurologische Kongress der Welt. Er ist das einschlägige Forum für neurologische Wissenschaft, Therapie, Fortbildung und Gesellschaftsfragen. Das Publikum reicht von klinischen und niedergelassenen Neurologen bis zu Medizinern aus benachbarten Fachgebieten, Psychologen und Therapeuten, die sich neurologischen Patienten widmen. Das wissenschaftliche Programm wird durch die DGN-Fortbildungsakademie, das DGN Forum zu Trends in Beruf und Gesellschaft und eine separate Fachausstellung ergänzt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Forderung von Wilhelm Erb, ein Organ zur Förderung neurologischer Interessen zu schaffen, gründete Hermann Oppenheim 1906 die Gesellschaft Deutscher Nervenärzte. Auf der konstituierenden Versammlung wurde Erb 1907 zum ersten Präsidenten gewählt. 1935 wurde die Gesellschaft durch die nationalsozialistische Regierung aufgelöst und in die neu gegründete Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater zwangseingegliedert (siehe Gleichschaltung).

1950 erfolgte die Neugründung durch Heinrich Pette unter dem heutigen Namen. Der erste Kongress fand unter dem Vorsitz Pettes 1952 in Hamburg statt. Die Gründung wurde von damaligen Protagonisten als „Neuanfang“ bezeichnet und in die Traditionslinie der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte gerückt. Von den sieben Gründungsmitgliedern waren sechs in der Zeit des Nationalsozialismus Mitglied der NSDAP gewesen.[3] Heinrich Pette war als Gutachter an „Erbgesundheitsverfahren“ im Sinne des Gesetzes zur Verhinderung erbkranken Nachwuchses beteiligt. Ferner ist von seiner Mitwisserschaft an Verbrechen im Rahmen der Aktion T4 auszugehen.[4] Auch der Nachfolger Pettes als Vorsitzender, Werner Villinger, war als T4-Gutachter in die Aktion T4 verstrickt. Dessen Nachfolger Georg Schaltenbrand hatte in dieser Zeit Versuche an geistig Behinderten durchgeführt. Gustav Döring war ebenso NSDAP-Mitglied gewesen[5] wie Klaus-Joachim Zülch, der 1947 wegen seiner SA-Vergangenheit in Hamburg vorübergehend entlassen worden war und ein langwieriges Entnazifizierungsverfahren durchlief.[6] Eberhard Bay wurde mindestens einmal als Gutachter zu einem Erbgesundheitsgerichtsprozess hinzugezogen.[7]

2005 wurde Otto Busse erster Geschäftsführer, 2008 entstand die erste zentrale Geschäftsstelle der DGN in Berlin. Heutiger Geschäftsführer ist seit 1. Januar 2010 Thomas Thiekötter. Peter Berlit ist seit 2018 erster Generalsekretär der DGN.

Liste der Vorsitzenden von Vorgängerorganisationen (bis 1950)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Amtsperiode Vorsitzender Name der Vorgängerorganisation
1907–1911 Wilhelm Heinrich Erb, Heidelberg Gesellschaft Deutscher Nervenärzte
1912–1917 Hermann Oppenheim, Berlin Gesellschaft Deutscher Nervenärzte
1918–1924 Max Nonne, Hamburg Gesellschaft Deutscher Nervenärzte
1925–1932 Otfried Foerster, Breslau Gesellschaft Deutscher Nervenärzte
1933–1935 Oswald Bumke, München Gesellschaft Deutscher Nervenärzte
1935–1952 (bzw. 1955) Heinrich Pette, Hamburg Gesellschaft Deutscher Neurologen und Psychiater (1935–1955)

1950–1952 auch Deutsche Gesellschaft für Neurologie

Liste der bisherigen Vorsitzenden (seit 1950)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Amtsperiode Vorsitzender
1950–1952 Heinrich Pette, Hamburg
1951–1953 Werner Villinger, Marburg[8]
1953–1954 Georg Schaltenbrand, Würzburg
1955–1956 Paul Vogel, Heidelberg
1957–1958 Gustav Döring, Hamburg
1959–1960 Fritz Lüthy, Zürich
1961–1962 Klaus-Joachim Zülch, Köln
1963–1964 Eberhard Bay, Düsseldorf
1965–1966 Heinrich Kalm, Dortmund
1967–1968 Johannes Hirschmann, Tübingen
1969–1970 Richard Jung, Freiburg
1971–1972 Helmut Bauer, Göttingen
1973–1974 Friedrich Erbslöh, Gießen
1975–1976 Robert Charles Behrend, Hamburg
1977–1978 Hans Schliack, Berlin/Hannover
1979–1980 Hans Georg Mertens, Würzburg
1981–1982 Dieter Seitz, Hamburg
1983–1984 Heinz Gänshirt, Heidelberg
1985–1986 Klaus Poeck, Aachen
1987–1988 Peter Alexander Fischer, Frankfurt
1989–1990 Wolfgang Firnhaber, Darmstadt
1991–1992 Klaus Schimrigk, Homburg/Saar
1993–1994 Felix Jerusalem, Bonn
1995–1996 Klaus Felgenhauer, Göttingen
1997–1998 Thomas Brandt, München
1999–2000 Johannes Dichgans, Tübingen
2001–2002 Werner Hacke, Heidelberg
2003–2004 Hans-Christoph Diener, Essen
2005–2006 Johannes Noth, Aachen
2007–2008 Günther Deuschl, Kiel
2009–2010 Heinz Reichmann, Dresden
2011–2012 Wolfgang H. Oertel, Marburg
2013–2014 Martin Grond, Siegen
2015–2016 Ralf Gold, Bochum
2017–2018 Gereon R. Fink, Köln
2019–2020 Christine Klein, Lübeck
2021–2022 Christian Gerloff, Hamburg

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die DGN verleiht folgende Preise:

  • Wilhelm-Erb-Gedenkmünze (seit 1913)
  • Heinrich-Pette-Preis (seit 1969)
  • Wilhelm-Erb-Becher (seit 1992)
  • Adolf-Wallenberg-Preis (seit 1998)
  • Rehabilitationspreis H. J. Bauer (seit 2000)
  • Robert-Wartenberg-Preis (seit 2001)
  • Dingebauer-Preis (seit 2002)
  • Hans Georg Mertens-Preis (seit 2003)
  • Romberg-Glas (seit 2004, Moritz Heinrich Romberg)
  • Stiftung Felgenhauer zur Förderung junger Neurowissenschaftler (seit 2004)
  • Deutscher Journalistenpreis Neurologie (seit 2008)
  • Multiple Sklerose Preis der Eva und Helma Lehmann-Stiftung (seit 2012)
  • Thiemann-Fellowship (seit 2015)

Von 1961 bis 2012 verlieh sie die Max-Nonne-Gedenkmünze an sechzehn Neurologen.[9]

Junge Neurologen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Jungen Neurologen (JuNos) sind die Nachwuchsorganisation des Vereins in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband Deutscher Neurologen (BDN) sowie dem Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN). Sie richtet sich an Medizinstudierende, Assistenz- und Fachärzte, die in der Neurologie tätig sind. Ziel der Jungen Neurologen ist es, Studierende für das Fach Neurologie zu gewinnen, Netzwerke zu schaffen, Bedürfnisse zu identifizieren, Nachwuchskräfte in ihrer Weiterbildung zu unterstützen und die Faszination des Berufsfeldes Neurologie zu vermitteln. Die unabhängige, offene Initiative wird mit ehrenamtlichem Engagement und ohne feste Vereinsstruktur betrieben. Die Mitgliederschaft umfasst rund 1.300 Personen (Stand: 2013).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. https://www.dgn.org/rubrik-dgn/geschichte
  2. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie. In: dgn.org. Abgerufen am 15. November 2019.
  3. Zur Geschichte der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und ihrer Vorläufer - Deutsche Gesellschaft für Neurologie e. V. Abgerufen am 26. Mai 2021.
  4. Leibniz-Institut für experimentelle Virologie: Entscheidung für Namensänderung. Abgerufen am 26. Mai 2021.
  5. Männer ohne Vergangenheit? (Ehren-)Vorsitzende der DGN nach 1957 und ihre NS-Belastung. Abgerufen am 26. Mai 2021.
  6. Michael Martin, Heiner Fangerau, Axel Karenberg: Die zwei Lebensläufe des Klaus Joachim Zülch (1910–1988). In: Der Nervenarzt. Band 91, Nr. 1, 1. Februar 2020, ISSN 1433-0407, S. 61–70, doi:10.1007/s00115-019-00819-6 (springer.com [abgerufen am 26. Mai 2021]).
  7. Männer ohne Vergangenheit? (Ehren-)Vorsitzende der DGN nach 1957 und ihre NS-Belastung. Abgerufen am 26. Mai 2021.
  8. Rolf Castell, Jan Nedoschill, Madeleine Rupps, Dagmar Bussiek: Geschichte der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Deutschland in den Jahren 1937 bis 1961. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2003, ISBN 3-525-46174-7, S. 112 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  9. Michael Martin, Heiner Fangerau, Axel Karenberg: Max Nonne (1861–1959) und seine Einstellung zur „Euthanasie“, Der Nervenarzt 91, 2020, S. S13, doi:10.1007/s00115-019-00839-2