Deutsche Kriegsversehrte im 20. Jahrhundert

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Versehrte des Zweiten Weltkrieges.

Kriegsversehrte werden Menschen genannt, deren dauerhafte physische (körperliche) oder psychische Versehrtheit eine Folge kriegerischer Einwirkungen beziehungsweise einer Kriegsgefangenschaft ist.[1] Kriegsbedingt Amputierte, Gelähmte, Hirnverletzte sowie Hör- und Sehgeschädigte[2] zählen zur Gruppe der Kriegsversehrten.

Nach beiden Weltkriegen wurden in Deutschland Versehrte durch unterschiedliche Maßnahmen beruflich gefördert. Kriegsversehrte haben dazu beigetragen, die Integration von Menschen mit Behinderung in der Bundesrepublik Deutschland voranzubringen.

Zu den bekannten Versehrten des Ersten Weltkrieges gehören der deutsche Sozialdemokrat Kurt Schumacher und der Hamburger Schulsenator Heinrich Landahl. Der spätere Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg wurde im Zweiten Weltkrieg, 1943, zum Kriegsversehrten.

Anzahl der Kriegsversehrten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das 20. Jahrhundert, das Jahrhundert zweier Weltkriege, ist auch das Jahrhundert der Kriegsversehrten. Im Ersten Weltkrieg kamen millionenstarke Wehrpflichtarmeen zum Einsatz. Deutlich mehr Menschen als in vorangegangenen Kriegen waren in das Kampfgeschehen einbezogen. Insbesondere die Verwendung von Explosivgeschossen durch die Artillerie hatte zahlreiche Verwundungen zur Folge.[3][4] Seit 1915 wurden zum verbesserten Kopfschutz Stahlhelme erprobt, die in der deutschen Armee ab 1916 zur Ausrüstung gehörten.

Zugleich überlebte eine größere Anzahl Verwundeter durch die möglich gewordene antiseptische Wundbehandlung auf dem Truppenverbandsplatz und in den Feldlazaretten: Der Brite Joseph Lister hatte um 1867 als erster Mediziner Wunden mit Verbänden versorgt, die mit dem Antiseptikum Phenol (Karbolsäure) getränkt worden waren. 1874 war dieses Verfahren von Johann Nepomuk von Nußbaum im deutschsprachigen Raum eingeführt worden. Als Folge der fortentwickelten Militärmedizin vergrößerte sich die Gruppe körperlich behinderter Menschen, da die Ärzte des Sanitätskorps Schussbrüche besser behandeln konnten, die teilweise Gliedmaßen­verkürzungen beziehungsweise -versteifungen nach sich zogen.[5][6]

Insbesondere die Bombenangriffe auf Deutschland hatten im Zweiten Weltkrieg zur Folge, dass auch Zivilisten zu Kriegsversehrten wurden. Beispiele hierfür sind die Angriffe auf Hamburg im Sommer 1943, welche als Operation Gomorrha bezeichnet werden oder die Luftangriffe auf das Ruhrgebiet und Stuttgart (vgl. auch Schlacht um Berlin). Unklar ist, wie groß die Anzahl verwundeter deutscher Zivilisten, zu denen auch Kinder gehörten[7], insgesamt war, jedoch verloren im Zweiten Weltkrieg mehr Zivilisten ihr Leben als Soldaten bei Kampfhandlungen (vgl. Zweiter Weltkrieg#Kriegsfolgen und Opfer).[8]

Im Deutschen Reich lebten nach dem Ende des Ersten Weltkrieges eine halbe Million und in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Ende des Zweiten eineinhalb Millionen staatlich anerkannte Kriegsversehrte.[9][10][11][12][13][14] Eine attestierte kriegsbedingte Minderung der Erwerbsfähigkeit um mindestens 25 % musste vorliegen, um als kriegsversehrt zu gelten. 372.069 Versehrte hatten im Jahr 2000 in Deutschland Anspruch auf staatliche Versorgungsleistungen.[15]

Kriegsversehrte aus Krisenregionen anderer Länder (unter anderem infolge der Libanonkriege aus dem Libanon sowie Iran und Irak als Folge des Iran-Irak-Krieges) sind im 21. Jahrhundert in Deutschland ansässig. Aufgrund der Auslandseinsätze der Bundeswehr seit 1991 mehren sich die Fälle, in denen deutsche Soldaten dauerhafte gesundheitliche Schäden erleiden; die Betroffenen werden als Wehrdienstbeschädigte bezeichnet.

Gesetzliche Regelungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kriegsversehrter Klempner.

Die Kriegsbeschädigtenfürsorge[16][17] wurde in Deutschland ab 1920 mithilfe des Reichsversorgungsgesetzes geregelt. Dessen Grundgedanke war es, den Versehrten eine Geldentschädigung durch Renten zu gewähren und ihnen die Rückkehr in das Arbeitsleben zu ermöglichen. Insofern stand der Anspruch der Beschädigten auf Heilbehandlung im Vordergrund des Gesetzes. Den kriegsversehrten Arbeitnehmer, nicht Almosenempfänger, hatte zuvor der Berliner Orthopäde Konrad Biesalski propagiert.

Die in der Weimarer Republik gelegten Grundlinien der Kriegsopferversorgung wirkten nach 1945 fort. An die Stelle des Reichsversorgungsgesetzes trat in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1950 das Bundesversorgungsgesetz (siehe auch: Kriegsopferfürsorge).

Zur Förderung der Integration Kriegsversehrter in das Erwerbsleben wurde 1953 das Gesetz zur Sicherung der Eingliederung Schwerbehinderter in Arbeit, Beruf und Gesellschaft erlassen. Das Gesetz orientierte sich am Schwerbeschädigtengesetz[18] der Weimarer Republik und legte wie dieses Pflichtquoten für die Beschäftigung Schwerbeschädigter fest. Arbeitgeber, die wenigstens sieben Arbeitsplätze stellten, hatten einen Schwerbeschädigten zu beschäftigen. Öffentliche Verwaltungen waren verpflichtet, 10 % der Arbeitsplätze mit Schwerbeschädigten zu besetzen. Für Unternehmen galt eine Quote von 8 %.

Um Kriegsversehrten Mobilität und die Teilhabe am öffentlichen Leben zu sichern, wurden sogenannte Versehrtheitsausgleichsrechte gewährt. Wer sich einen Schwerbeschädigtenausweis ausstellen ließ, konnte Freifahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln und vergünstigte Eintrittspreise für Museen, Theater etc. in Anspruch nehmen (siehe auch: Unentgeltliche Beförderung).

Ansprechpartner der Kriegsversehrten für die Gewährung von Leistungen sind in Deutschland die Hauptfürsorgestellen und Versorgungsämter.

Eine gerichtliche Klärung von Versorgungsansprüchen Versehrter leisteten nach dem Ersten Weltkrieg die hierfür geschaffenen Militärversorgungsgerichte.

Im Jahr 2007 erhielten mit dem Gesetz zur Regelung der Weiterverwendung nach Einsatzunfällen diejenigen ein Anrecht auf Weiterbeschäftigung in ihrer Dienststelle oder im Öffentlichen Dienst, welche als Bundeswehrsoldaten zu Wehrdienstbeschädigten wurden beziehungsweise werden.

Medizinische Versorgung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kriegsversehrte, die in einem versicherungspflichtigen Arbeitsverhältnis standen, hatten als Krankenkassenmitglieder nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Anspruch auf Heilbehandlung.

Das Bundesversorgungsgesetz sicherte diesen Anspruch auch nichtversicherten Kriegsversehrten zu. Nichtversicherte wurden für die Behandlung ihres Kriegsbeschädigungsleidens einer Krankenkasse zugeteilt. Die medizinische Versorgung dieser sogenannten Zugeteilten erfolgte auf der Grundlage des vom Bundesarbeitsministerium ausgegebenen Bundesbehandlungsscheines für Zugeteilte nach einem Bundestarif für Kriegsbeschädigte, dem Bundesversorgungstarif. Die Bundesbehandlungsscheine hatten die behandelnden Ärzte nach Ablauf eines Behandlungsvierteljahres den zuständigen Abrechnungsstellen der Kassenärztlichen Vereinigung zuzustellen. Diese rechneten im Weiteren mit den Kassen ab. Der Bundesversorgungstarif galt gemäß Bundesversorgungsgesetz auch für die Heilbehandlung Kriegsversehrter, die Mitglieder einer Krankenkasse waren.

Zu den Ärzten, welche Versehrte des Ersten Weltkrieges medizinisch behandelten, gehörten August Blencke, Moritz Borchardt, Kurt Goldstein, Karl Kleist, Hermann Oppenheim und Ferdinand Sauerbruch. Oppenheim wandte sich den Kriegszitterern zu. Sauerbruch entwickelte eine Prothese für Kriegsversehrte, den Sauerbruch-Arm. Versehrte des Zweiten Weltkrieges versorgten in medizinischer Hinsicht Klaus Conrad, Max Lange, Gerd Peters, Friedrich Schmieder, Wilhelm Tönnis und Alfred Nikolaus Witt.

Kriegsversehrte, deren Erwerbsminderungsgrad mindestens 50 % betrug und Zugeteilte befreite das Bundesversorgungsgesetz von der sogenannten Verordnungsblattgebühr, d. h. von einer Zuzahlung für Medikamente und Hilfsmittel.

Die medizinische Behandlung Kriegsversehrter erfolgte in Deutschland auch in speziell hierfür eingerichteten Krankenhäusern, z. B. in der BDH-Klinik Elzach, der BDH-Klinik Hessisch Oldendorf und in der Klinik Hohe Warte in Bayreuth.

Die Versorgung mit Prothesen war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges zunächst unzureichend. Fehlende Materialien und eine mangelhafte Zusammenarbeit zwischen Handwerk und Industrie sind hierfür als Gründe zu nennen. Auch sogenannte Selbstfahrer, dreirädrige Fahrzeuge für Beinamputierte, standen in nur begrenzter Anzahl zur Verfügung.[19]

Franz von Papen begrüßte 1932 Veteranen des Ersten Weltkrieges, die in Selbstfahrern saßen.

Zu den Unternehmen, welche sich der Prothesenherstellung zuwandten, zählte ab 1919 die Orthopädische Industrie GmbH. Seit 1915 untersucht die Prüfstelle für Ersatzglieder beziehungsweise deren Nachfolgeeinrichtung verfügbare Prothesen hinsichtlich ihrer Eignung für unterschiedliche Nutzergruppen.

Das Gehen mit Prothesen erlernten Beinamputierte, indem sie an Gehschulkursen teilnahmen. Diese wurden beispielsweise von der Gehschule des Versorgungskrankenhauses Bad Pyrmont und der Gehschule Malente angeboten. 1952 eröffnete die Hamburger Arbeitsbehörde in Wentorf eine Gehschule für Beinamputierte. Die dort stattfindenden vierwöchigen Kurse wurden kostenfrei angeboten. Das Alter der Teilnehmer des ersten Gehschulkurses, zu denen auch zwei Frauen gehörten, lag zwischen 13 und 67 Jahren.

Die grundsätzliche Bedeutung der körperlichen Aktivität für Versehrte betonte nach dem Ersten Weltkrieg der Arzt Arthur Mallwitz. Insbesondere sein Engagement führte dazu, dass die Bewegungstherapie als Heilmaßnahme für Kriegsversehrte anerkannt wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand die Förderung des Versehrtensports ihren Ausdruck in der 1950 erfolgten Gründung des Deutschen Versehrtensportverbandes und der ein Jahr später, 1951, ins Leben gerufenen Arbeitsgemeinschaft Deutscher Versehrtensport (ADV), deren erster Vorsitzender Mallwitz wurde.

Eine ‚Versehrtengruppe’ wies nach dem Zweiten Weltkrieg u. a. der Segel-Club Münster auf.

Der Rehabilitation von Kriegsversehrten widmete sich nach dem Ersten Weltkrieg mit dem von ihm entwickelten Ganzkörpertraining des Weiteren Joseph Pilates.[20]

Auch die Deutsche Demokratische Republik förderte den Versehrtensport: Kriegsversehrten konnte das Sportleistungsabzeichen verliehen werden.

Darüber hinaus entstanden Einrichtungen, in denen sich Kriegsversehrte gesundheitlich erholen sollten. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang die Bundeskurfürsorge und die von Stig Guldberg organisierten Rehabilitationsmaßnahmen.

Unterstützung durch einen Blindenführhund erhielten kriegsbeschädigte Blinde auf Antrag gemäß dem Bundesversorgungsgesetz. Für den Unterhalt des Hundes wurde ein monatlicher Zuschuss von 25.- DM gewährt.

Zentrale Stelle für Auskünfte hinsichtlich der Krankenunterlagen aus beiden Weltkriegen war bis in das 21. Jahrhundert hinein das Krankenbuchlager in Berlin.

Soziale Situation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kriegsversehrter Straßenmusikant.

Im Zeitraum 1945 bis 1950 erfolgte die Versorgung Kriegsversehrter in der Britischen Besatzungszone Deutschlands beziehungsweise Bundesrepublik Deutschland auf der Grundlage des 1938 in Kraft getretenen Wehrmachtsfürsorge- und Versorgungsgesetzes, der Sozialversicherungsrichtlinien Nr. 11 (1946), der Sozialversicherungs-Direktive Nr. 27 (1947) und des Bundesversorgungsgesetzes sowie seitens der Fürsorge; wobei zwischen fürsorge- und versorgungsberechtigten Versehrten zu unterscheiden ist.

Die soziale Situation Kriegsversehrter im Jahr 1950 kann am Beispiel der Stadt Hamburg veranschaulicht werden: Die Höhe des mittleren monatlichen Einkommens lag für einen vier-Personen-Arbeitnehmerhaushalt in der Bundesrepublik Deutschland im betreffenden Jahr bei 343.- DM. Die durchschnittliche monatliche Unterstützung je Kriegsversehrtem seitens der Fürsorge betrug 1950 in Hamburg 34.- DM, mithin lediglich 40 % dessen, was den einzelnen Mitgliedern eines westdeutschen Arbeitnehmerhaushaltes zur Verfügung stand. Inwieweit die Lücke durch Leistungen geschlossen werden konnte, die Kriegsversehrten auf Grundlage der Sozialversicherungs-Direktive Nr. 27 beziehungsweise des Bundesversorgungsgesetzes zustanden, ist nicht zu beantworten. Zu sagen ist lediglich, dass Kriegsversehrte Ende der vierziger Jahre in der Britischen Besatzungszone monatlich zwischen 10.- und 100.- DM Rente erhielten.[21]

Durch die einsetzende Hochkonjunktur in der Bundesrepublik Deutschland und das Gesetz über die Beschäftigung Schwerbeschädigter veränderte sich die Lage Kriegsversehrter Mitte der fünfziger Jahre positiv. Die Anzahl der mit Versehrten abgeschlossenen Beschäftigungsverhältnisse erhöhte sich deutlich. 1953 waren circa 48.000 Schwerbeschädigte arbeitslos. Bis zum Ende des Jahres 1956 verringerte sich die Arbeitslosigkeit unter den Schwerbeschädigten um nahezu die Hälfte. Kriegsversehrte Blinde arbeiteten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges u. a. als Masseure und Telefonisten. In Hamburg waren Kriegsversehrte auch in der Bearbeitung von Bernstein tätig.[22]

Zur beruflichen (Wieder-)Eingliederung Kriegsversehrter existierten in Deutschland verschiedene Einrichtungen[23]; zu nennen sind beispielsweise das Berufsförderungswerk Bad Pyrmont, welches 1945 als Landesversehrtenberufsfachschule gegründet wurde[24], das Berufsförderungswerk Birkenfeld (Elisabeth-Stiftung) und das Berufsförderungswerk Weser-Ems sowie das Theodor-Schäfer-Berufsbildungswerk und die Hamburger Werkstatt für Erwerbsbeschränkte (HAWEE).

Auch verfügten die Arbeitsämter nach 1945 über technische Beratungsstellen, die dazu beitrugen, Arbeitsplätze behindertengerecht zu gestalten, um die Integration Kriegsversehrter zu fördern.

In den Betrieben wurden zudem Vertrauensmänner eingesetzt, welche mit über die Einstellung Versehrter entschieden und die die besonderen Belange Kriegsversehrter zu vertreten hatten.

Darüber hinaus berichtete die Presse über Kriegsversehrte, die trotz entsprechender Bemühungen keine Arbeit fanden. Aufgefordert wurden Arbeitgeber dazu, diesen eine Chance zu geben.[25]

Ein Landesverband der CDU sprach sich auf einem Kommunalwahlplakat im Oktober 1946 dafür aus, Kriegsversehrte ausreichend zu versorgen.

Kommunalwahlplakat der CDU im Jahr 1946.

Im Rahmen von Großdemonstrationen machten Kriegsversehrte in der Bundesrepublik Deutschland öffentlich auf ihre soziale Lage aufmerksam; beispielsweise 1950 in Düsseldorf.

Kriegsversehrte Akademiker und Studenten unterstützte der 1915 gegründete Akademische Hilfs-Bund bis in die 1920er Jahre hinein bei der Integration in das Erwerbsleben.

Wohnraum für Kriegsversehrte hielt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Hamburg die Sozialverwaltung bereit. Nissenhüttenlager und Kasernen dienten als Unterbringungsorte. 1954 eröffnete die Alida Schmidt-Stiftung eine Unterkunft für Kriegsversehrte mit 53 Wohnungen. Nach beiden Kriegen wurden in Deutschland gesonderte Siedlungen für Kriegsversehrte errichtet; eine von diesen Kriegersiedlungen ist die Kosegartensiedlung in Rostock.

Auf Initiative Versehrter konnte in München im Jahr 1921 ein Erholungspark für Kriegs- und Körperbeschädigte eröffnet werden.

Künstler wie die Maler Otto Dix und Heinrich Zille oder die Schriftsteller Joseph Roth (vgl. den Roman Die Rebellion) und Ernst Toller (vgl. die Tragödie Hinkemann) thematisierten in ihren Werken das Schicksal Versehrter des Ersten Weltkrieges. Mit seiner Veröffentlichung Krieg dem Kriege führte Ernst Friedrich 1924 das menschliche Leid vor Augen, welches sich mit dem Weltkrieg verband.

Der Hamburger Senator Gottfried Holthusen stand im Ersten Weltkrieg einem Gremium vor, dem Hamburgischen Landesausschuß für Kriegsbeschädigte, welches sich die Unterstützung Kriegsversehrter zur Aufgabe gemacht hatte.

In der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands beziehungsweise Deutschen Demokratischen Republik nahm sich die Volkssolidarität der Situation Kriegsversehrter an.[26]

Erlöse aus dem Verkauf von Wohlfahrtsmarken kamen nach beiden Weltkriegen in Deutschland u. a. Kriegsversehrten zugute.

Organisationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um ihre soziale Lage[27] zu verbessern, organisierten sich Kriegsversehrte: Der Bund erblindeter Krieger (1916), der Bund hirnverletzter Kriegs- und Arbeitsopfer (1917) und der Reichsbund der Kriegs- und Zivilbeschädigten, Sozialrentner und Hinterbliebenen (1917) wurden während des Ersten Weltkrieges gegründet.

Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden der Internationale Bund der Opfer des Krieges und der Arbeit (1919) sowie der Zentralverband Deutscher Kriegsbeschädigter und Kriegerhinterbliebener (1919). 1927 schlossen sich Vereine, welche in den deutschen Ländern entstanden waren, um die Interessen Hirnverletzter zu vertreten, zum Bund deutscher hirnverletzter Krieger e. V. zusammen.[28]

In der Zeit des Nationalsozialismus existierte mit der NS-Kriegsopferversorgung eine der NSDAP angeschlossene Wohlfahrtseinrichtung für Schwerkriegsbeschädigte. 1934 wurde zudem der Reichsverband Deutscher Kriegsopfer gegründet. Dieser umfasste die verbliebenen Organisationen der Kriegsversehrten, welche sich nach 1933 nicht selbst aufgelöst hatten. Die Alliierten liquidierten die nationalsozialistischen Organisationen nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges.

1945/46 wurde in Flensburg-Mürwik das Gemeinnützige Versehrtenwerk Schleswig-Holstein e. V. gegründet.

Nach Kriegsende kamen als Interessenvertretungen in Bonn der Bund hirnverletzter Kriegs- und Arbeitsopfer[29], in Hamburg die Union der Schwerbeschädigten beider Weltkriege (1946) und überregional der Verband der Kriegsbeschädigten, Kriegshinterbliebenen und Sozialrentner Deutschlands (1948/50) hinzu. Maßgeblich an dessen Aufbau beteiligt war Walter Nothelfer.

Nicht ausschließlich zur Unterstützung Kriegsversehrter, aber im Interesse einer Verbesserung auch ihrer Lebenssituation wurde 1945 die Deutsche Hilfsgemeinschaft ins Leben gerufen.

Im Gefolge der Auslandseinsätze der Bundeswehr entstanden für Wehrdienstbeschädigte Organisationen wie beispielsweise die Deutsche Kriegsopferfürsorge oder die Jenny-Böken-Stiftung.

Kriegsversehrtenschicksale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Menschen unterschiedlichen Alters und Geschlechts wurden im 20. Jahrhundert zu Kriegsversehrten.

Nicht ihre Verwundungen allein machten sie zu Versehrten. Kriegsversehrter war, wer entsprechend den Bestimmungen des Reichs- und Bundesversorgungsgesetzes einen festgelegten Grad der Erwerbsminderung zuerkannt bekommen hatte, der Verwundete von Versehrten trennte.

Eine gewichtige Rolle spielte hierbei die Frage, in welcher Art und Weise psychische Erkrankungen infolge des Kriegserlebnisses beurteilt wurden: „Da die verletzte Seele keine nach außen hin sichtbare Wunde darstellt, mussten die davon betroffenen Kriegsteilnehmer stets besonders hart um ihre ‚Ehrenrente’ kämpfen.“[30]

Menschen, die Kriegsversehrte genannt werden, sind durch eine medizinische Begutachtung zu solchen erklärt worden.

Eine Auswertung der erstellten Gutachten liegt ansatzweise vor. Unbekannt ist die Anzahl der Verwundeten, denen Gutachter nicht den Status der oder des Kriegsversehrten zuerkannt haben.

Auch gibt es keine Daten, die Aussagen hinsichtlich des Alters und Geschlechts Kriegsversehrter zum Zeitpunkt ihrer Verletzung oder Begutachtung treffen.

Biografien erlauben Einblicke in die Gruppe Kriegsversehrter.

Biografien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachstehende Personen gehör(t)en (außer den im Artikel selbst genannten) zur Gruppe der Kriegsversehrten:

Versehrte des Ersten Weltkrieges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Paul Alverdes, Johann Gerdes Eilts, Hugo Gräf, Ernst Heilmann, Hermann Katzenberger, Hermann Knoll (Priester), Rudolf Ladewig, Rupert Mayer, Heinrich Otto, Friedrich August Pinkerneil, Richard Schallock, Alfred Schüz, Karl Friedrich Stellbrink, Karl Tiedt, Egmont Zechlin.

Versehrte des Zweiten Weltkrieges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helmut Bazille, Jürgen Bolland, Günther Buck, Walter Eichenberg, Ernst Fricke, Herbert Grasemann, Greußener Jungs, Hanno Hahn, Werner Krusche, Otto Graf Lambsdorff, Karl Heinz Mai, Dario Malkowski, Ernst Plener, Friedrich-Karl Proehl, Heinz Radloff, Erwin Reinholz, Heinrich Rombach, Horst Sanmann, Hanns Martin Schmidramsl, Hugo Schreiber, Maximilian Skiba, Volker Starke, Johannes Steinhoff, Wolfgang Weimar, Karl Wienand.

Ehrenzeichen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für kriegsbedingte Verletzungen wurde in Deutschland erstmals im Jahr 1918 ein Verwundetenabzeichen gestiftet. Diesem folgten weitere Auszeichnungen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

DVD[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Kriegsinvalide – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Wiktionary: Kriegsversehrter – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Zur Situation in den Kriegsgefangenenlagern vgl. Lager Heilbronn und Rheinwiesenlager.
  2. Erblindungen gehörten im Ersten Weltkrieg auch zu den Folgeerscheinungen des Gaseinsatzes, vgl. Gaskrieg während des Ersten Weltkrieges.
  3. Gebrochen an Leib und Seele, abgerufen am 23. Februar 2017.
  4. Vgl. des Weiteren Grabenkrieg im Ersten Weltkrieg.
  5. Philipp Osten: Erster Weltkrieg 1914–1918: „Keine Wohltat, sondern Arbeit für verkrüppelte Krieger“, Deutsches Ärzteblatt 2014; 111(42): A-1790 / B-1538 / C-1470, abgerufen am 23. Februar 2017.
  6. Ein Kalenderblatt des Jahres 2016 veranschaulicht anhand einer Alltagssituation, wie sich kriegsbedingte Lähmungen auf das tägliche Leben der Betroffenen bis in das Alter hinein auswirkten: „Mein Vater hatte aus dem Frankreichfeldzug einen gelähmten rechten Arm mitgebracht. Vor drei Jahren ist er gestorben und hat mir – unter anderem – einen Schlüsselanhänger vererbt, der einen Euro für den Einkaufswagen festhält. Immer wenn ich vom Auto zu den Einkaufswagen gehe, versuche ich den Euro – es ist noch der französische, den mein Vater benutzte – mit der linken Hand zu befreien. Manchmal gelingt es mir! Ein paar Sekunden lang denke ich an ihn und daran, wie er fast sein ganzes Leben mit dieser einen Hand gemeistert hat.“ Rainer Hitzler, Weitnau, Bayern (Was mein Leben reicher macht, ZEIT-Kalender, 11. Mai 2016).
  7. Überliefert ist das Schicksal des im April 1945 neunjährigen Karl Pagel und seiner Schwester Hilde, die in Penkun von den Splittern einer durch Bombardierung zertrümmerten Fensterscheibe getroffen wurden und erblindeten (Karl Pagel: Doppelschicksal. In: Kriegsblinden-Jahrbuch 2003, hrsg. v. Bund der Kriegsblinden Deutschlands e. V., Bonn o. J., S. 39–41).
  8. Schwer verwundet oder getötet wurden auch Kinder, die mit gefundenen Waffen hantierten. Das Schicksal der im Mai 1945 siebenjährigen Alice Losse legt hiervon Zeugnis ab. Gemeinsam mit anderen fand sie in Reit im Winkl eine Handgranate, die bei dem Versuch explodierte, diese zu öffnen. Einige der Kinder starben, Alice Losse erblindete (Alice Losse: Ein Leben als Kriegsblinde. In: Kriegsblinden-Jahrbuch 2006, hrsg. v. Bund der Kriegsblinden Deutschlands e. V., Bonn o. J., S. 88–90).
  9. Versehrter des Zweiten Weltkrieges war Rudolf Beil (S. 44–45), abgerufen am 23. Februar 2017.
  10. Versehrter des Ersten Weltkrieges war Walter Bunge, abgerufen am 23. Februar 2017.
  11. Versehrter des Ersten Weltkrieges war Julius Netheim, abgerufen am 23. Februar 2017.
  12. Versehrter des Ersten Weltkrieges war Hermann Peschel, abgerufen am 23. Februar 2017.
  13. Versehrte des Ersten Weltkrieges war Frau Pfeifer, abgerufen am 23. Februar 2017. (PDF; 19 kB)
  14. Versehrter des Ersten Weltkrieges war Friedrich August Pinkerneil, abgerufen am 23. Februar 2017.
  15. BT-Drs. 14/3421: Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Günther Friedrich Nolting, Hildebrecht Braun (Augsburg), Rainer Brüderle, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der F.D.P. (PDF; 100 kB)
  16. Siehe hierzu auch: Der Beginn der sozialen Fürsorge für Kriegsversehrte im Rheinland, abgerufen am 23. Februar 2017.
  17. Siehe hierzu auch: 1914–1918: Ein rheinisches Tagebuch, abgerufen am 23. Februar 2017.
  18. Vgl. Bekanntmachung der neuen Fassung des Gesetzes über die Beschäftigung Schwerbeschädigter. Vom 12. Januar 1923, abgerufen am 23. Februar 2017. (PDF; 90 kB)
  19. Schilderung eines beinamputierten Kriegsversehrten, abgerufen am 23. Februar 2017.
  20. Pilates-Reha-Training, abgerufen am 23. Februar 2017.
  21. Ein Schlaglicht auf die Rentendiskussion wirft der Artikel Dankessold der Nation, abgerufen am 23. Februar 2017.
  22. Kriegsversehrte Mitarbeiter der Bernsteinmanufaktur Hamburg, abgerufen am 23. Februar 2017.
  23. Berufliche Rehabilitation nach dem Ersten Weltkrieg in Bethel, abgerufen am 23. Februar 2017.
  24. Bad Pyrmont: Geschichtliche Daten, abgerufen am 25. Februar 2017.
  25. „Bin ich zu nichts mehr nütze?“ Arbeit statt Almosen für Schwerbeschädigte. In: Hamburger Abendblatt, Nr. 29, 9. März 1949, S. 3.
  26. Die Volkssolidarität wird gegründet, abgerufen am 23. Februar 2017.
  27. Kriegskrüppel und Prothesen, abgerufen am 23. Februar 2017.
  28. BDH Bundesverband Rehabilitation e. V.: Die Geschichte des BDH, abgerufen am 23. Februar 2017.
  29. BDH Bundesverband Rehabilitation e. V.: Die Geschichte des BDH, abgerufen am 23. Februar 2017.
  30. Philipp Rauh / Livia Prüll: Krank durch den Krieg? Der Umgang mit psychisch kranken Veteranen in Deutschland in der Zeit der Weltkriege, S. 2, abgerufen am 23. Februar 2017.