Deutsche Kurrentschrift

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Beispiel der deutschen Kurrentschrift: Brief Schillers (1782)
Alphabet der Kurrentschrift, um 1865 (die vorletzte Zeile zeigt die Umlaute ä, ö, ü und die entsprechenden Großbuchstaben Ae, Oe, Ue; die letzte Zeile zeigt die Ligaturen ch, ck, th, sch, sz und st)
Gotisk skrift (dänische Kurrent) um 1800 mit Æ und Ø am Ende des Alphabets

Die deutsche Kurrentschrift (lateinisch currere „laufen“), auch und insbesondere im Ausland nur als Kurrent bezeichnet, ist eine Schreibschrift. Sie war etwa seit Beginn der Neuzeit bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts (in der Schweiz bis Anfang des 20. Jahrhunderts) die allgemeine Verkehrsschrift im gesamten deutschen Sprachraum. Sie wird auch deutsche Schreibschrift oder deutsche Schrift genannt. Der Begriff „deutsche Schrift“ kann sich jedoch auch auf bestimmte gebrochene Satzschriften beziehen.

Typografisch gehört die deutsche Kurrentschrift zu den gebrochenen Schriften. Sie unterscheidet sich durch spitze Winkel („Spitzschrift“) von der runden, „lateinischen“ Schrift – wenngleich aber auch die Kurrent viele Rundungen aufweist. Mit geringen Abwandlungen wurde sie auch in Skandinavien – in Dänemark und Norwegen als „Gotisk skrift“ bezeichnet – bis 1875 verwendet.

Die deutsche Kurrentschrift wurde typischerweise ursprünglich mit einem Federkiel, später dann auch mit einer Bandzugfeder geschrieben, was zu richtungsabhängigen Änderungen der Strichstärke führte. Seit dem 19. Jahrhundert wurde sie auch mit einer Spitzfeder geschrieben, was an- und abschwellende Linien erzeugte.

Eine im 20. Jahrhundert als Ausgangsschrift für den Schulunterricht in Deutschland eingeführte Variante der deutschen Kurrentschrift ist die Sütterlinschrift, die zum Schreiben mit der Gleichzugfeder mit einer gleichmäßigen Strichstärke entwickelt wurde.

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wird die deutsche Kurrentschrift (einschließlich ihrer Sütterlinschrift-Variante) kaum noch verwendet. Historiker und Wissenschaftler anderer Disziplinen sowie genealogisch Interessierte müssen sie kennen, um in deutscher Kurrentschrift verfasste Dokumente lesen zu können.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die deutsche Kurrentschrift entwickelte sich im frühen 16. Jahrhundert aus der Bastarda.[1] Sie etablierte sich als die übliche Verkehrsschrift im gesamten deutschen Sprachraum. Insbesondere in Österreich etablierte sich Kurrent auch als Amts- und Protokollschrift. In der Schweiz war Kurrent bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts als Verkehrs-, Amts- und Protokollschrift gebräuchlich.

Außer im deutschsprachigen Raum etablierte sich die Kurrentschrift auch in anderen nichtromanischen Sprachräumen, etwa im Dänischen, Norwegischen oder Tschechischen.

Kurrent wurde hauptsächlich nur für Texte in der jeweiligen eigenen Sprache, also im deutschsprachigen Raum für deutsche Texte, verwendet. Analog zur parallelen Verwendung von Antiqua und Fraktur in der gedruckten Schrift verwendete man im deutschen Sprachraum in handgeschriebenen Texten für bestimmte Einsatzgebiete, wie etwa Überschriften, Eigennamen, Fremdsprachen oder für die Briefkorrespondenz mit Ausländern, parallel zur deutschen Kurrentschrift die lateinische Schreibschrift. Gebildete Schreiber beherrschten und verwendeten also zwei verschiedene Schreibschriften.

Im 20. Jahrhundert[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ab 1911 wurde in Preußen eine Veränderung und Normierung der deutschen Kurrentschrift durch den Grafiker Ludwig Sütterlin eingeleitet. Er entwickelte 1911 zwei Ausgangsschriften für den Schulgebrauch, eine deutsche und eine lateinische Schreibschrift. Die Sütterlinschrift wurde in Deutschland forciert eingeführt, da sie graphisch einfacher zu formen ist als die bis dahin übliche Variante der deutschen Kurrentschrift. In Folge kam der Begriff Kurrent in Deutschland außer Gebrauch. Die Sütterlinschrift zog zwischen 1915 und der Zeit des Dritten Reichs nach und nach in Deutschlands Schulen ein, nicht jedoch in Österreichs Schulen; dort schrieb man weiterhin in der traditionellen Kurrentschrift.

1941 kam es durch den Normalschrifterlass dazu, dass im sogenannten Großdeutschen Reich die gebrochenen und deutschen Schriften zugunsten der lateinischen Schrift abgeschafft wurden, die nun als „deutsche Normalschrift“ bezeichnet wurde. Durch Martin Bormanns Erlass vom 3. Januar 1941 wurden zunächst nur die gebrochenen Druckschriften verboten. Mit einem zweiten Rundschreiben vom 1. September 1941 wurde auch die Verwendung der deutschen Schreibschriften untersagt. Als Schreibschrift-Version der „deutschen Normalschrift“ kam eine Form der lateinischen Schreibschrift zum Einsatz, die auf Sütterlins lateinisches Alphabet zurückgeht. Seit Beginn des Schuljahres 1941/42 durfte an den deutschen Schulen nur noch die „deutsche Normalschrift“ verwendet und gelehrt werden.

Bis 1952 gab es noch die „Schulschrift Kurrent, schöne Schreibschrift, mit Feder“ parallel zu erlernen.

Noch bis ins späte 20. Jahrhundert wurden in der Mathematik oft Kleinbuchstaben der Kurrentschrift zur Bezeichnung von Vektoren und komplexen Zahlen und Großbuchstaben dieser Schrift zur Bezeichnung von Matrizen oder Tensoren zweiter Stufe verwendet.

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die deutsche Kurrentschrift ist rechtsschräg und hat Schleifen an den Oberlängen. Die Schäfte der Buchstaben f und ſ sind wie bei den älteren Kanzleibastarden nach unten verlängert. Zahlreiche Buchstaben sind in einem einzigen Federzug geschrieben. Die Buchstaben h und z haben durchgezogene Schleifen an den Unterbögen. Das e hat eine eigene, charakteristische Form, die an das n erinnert.[1] Aus dieser Form des e sind historisch die Umlaut-Punkte im deutschen Alphabet entstanden.[2][3]

Da die Buchstaben n und u ansonsten gleich aussehen, wird zur Unterscheidung über das u ein Bogen gezeichnet. Ein gerader Strich über einem n oder m ist ein Reduplikationsstrich, der die Verdoppelung des Konsonanten anzeigt.

Schriftbeispiele[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hellmut Gutzwiller: Die Entwicklung der Schrift in der Neuzeit. In: AfD, Archiv für Diplomatik, Schriftgeschichte, Siegel- und Wappenkunde 38 (1992), S. 381–488.
  • Tamara N. Tacenko: Zur Geschichte der deutschen Kursive im 16. Jahrhundert. Bemerkungen zur Entwicklung dieser Schrift anhand von Dokumenten einer Sammlung aus St. Petersburg. In: AfD 38, Köln u. a. 1992, S. 357–380.
  • Friedrich Beck: Die „deutsche Schrift“ – Medium in fünf Jahrhunderten deutscher Geschichte. In: AfD 37 (1991), S. 453–479.
  • Heribert Sturm: Einführung in die Schriftkunde. München-Pasing 1955.
  • Leo Santifaller: Bozener Schreibschriften der Neuzeit. Gustav Fischer, Jena 1930.
Lernhilfsmittel
  • Kurt Dülfer und H. E. Korn: Schrifttafeln zur deutschen Paläographie des 16.–20. Jahrhunderts, 2 Teile, 6. Aufl., hrsg. von Günter Hollenberg, Marburg 1987 (Veröffentlichungen der Archivschule Marburg 2).
  • M. Kobuch und E. Müller: Der deutsche Bauernkrieg in Dokumenten. Weimar 1977 (nur für das 16. Jahrhundert geeignet).
  • Lehrbrief Paläographie. Fachschule für Archivwesen, Potsdam o. J.
  • Harald Süß: Deutsche Schreibschrift. Lesen und Schreiben lernen, Droemer Knaur, 2002, ISBN 3-4266-6753-3 (Lehrbuch für Deutsche Kurrent, Sütterlinschrift und Offenbacher Schrift).
  • Paul Arnold Grun: Leseschlüssel zu unserer alten Schrift, Limburg 2002 (Reprint der Originalauflage von 1935), ISBN 3-7980-0358-0 (Dokumentation der Schriftentwicklung vom 14. bis 19. Jahrhundert, mit zahlreichen Schriftproben).
  • Helmut Delbanco: Schreibschule der deutschen Schrift. Eine Anleitung zum selbständigen Erlernen der deutschen Schreibschrift, Verlag Bund für deutsche Schrift und Sprache, 2005, ISBN 3-930540-23-1 (Lern- und Anleitungsheft für die deutsche Schreibschrift, auch bekannt unter dem Namen Sütterlinschrift).
  • Karl Gladt: Deutsche Schriftfibel. Anleitung zur Lektüre der Kurrentschrift des 17.–20. Jahrhunderts, Graz 1976.
  • Berthold zu Dohna: Warum nicht mal deutsch? Übungsbuch für die deutsche Schreibschrift. 4. Auflage. Christians, Hamburg 2001, ISBN 3-7672-1241-2, 168 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen.
  • Johannes Seidl: Schriftbeispiele des 17. bis 20. Jahrhunderts zur Erlernung der Kurrentschrift. Übungstexte aus Perchtoldsdorfer Archivalien (Memento vom 19. März 2013 im Internet Archive) (PDF-Datei; 1,4 MB), 1996

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Deutsche Kurrentschrift – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Karin Schneider: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten: Eine Einführung. 3. Auflage. Walter de Gruyter & Co KG, 2014, ISBN 978-3-11-037308-0, S. 84 (books.google.de).
  2. Albert Derolez: The Palaeography of Gothic Manuscript Books: From the Twelfth to the Early Sixteenth Century. Cambridge University Press, 2003, ISBN 978-0-521-80315-1, S. 188 (books.google.de).
  3. Bernhard Bischoff: Latin Palaeography: Antiquity and the Middle Ages. Cambridge University Press, 1990, ISBN 978-0-521-36726-4, S. 135 (books.google.de).
  4. Orgel Designation so in 6 Registern sambt eines Subbass ins Pedal sauber ausgeförtigten Casten Und dreÿen Blasbalgen besteht: Als Erstens ein Principal von guaten Zÿnn in 4 f – Schuech Anderns ein Copl von Holz in 8 f – Dritens ein Fleten von Holz in 4 f – Virtens ein Quint von metal in 3 f – Fünfdtens ein Superoctav von metal in 2 f – Sechstens ein dopelte Mÿxtur in 1 f – Sibtens ein Subbass in 16 f – Schuech mit aller Zuegeherer schreiner undt schlosserarbeit von mier entbenandten per 4hundert fünfzig Gulden nöb[en] 3 species Tugaten Leÿkhauf (3 Dukaten Trinkgeld) ohne raiß Unkosten recht ist khan verförtigt undt gesözt werdten. Johann Christoph Egedacher Hof Orglmacher in Salzburg. Zitiert nach: Roman Schmeißner: Orgelbau in Salzburger Wallfahrtskirchen. WiKu-Verlag, Duisburg/Köln 2015, ISBN 978-3-86553-446-0, S. 148f.