Deutsche Verwaltung für Volksbildung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Deutsche Verwaltung für Volksbildung (DVV, offizielle Bezeichnung „Deutsche Zentralverwaltung für Volksbildung“) war eine 1945 gegründete Behörde in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), die nach dem Zweiten Weltkrieg das Bildungswesen im Osten Deutschlands nach sowjetischem Muster neu organisieren sollte. Ihre Hauptaufgabe bestand in der Säuberung der Lehrerschaft von Nationalsozialisten und der raschen Ausbildung neuer, sozialistisch eingestellter Lehrkräfte an den Schulen und Universitäten. Bei der Gründung der DDR 1949 ging die DVV im Ministerium für Volksbildung auf. Sitz der Behörde war die Wilhelmstraße 68 in Berlin.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die DVV wurde im August 1945 aufgrund des Befehls Nr. 17 der SMAD vom 27. Juli 1945 gebildet. Die DVV war damit das Gegenstück der Abteilung Volksbildung der SMAD unter Pjotr Wassiljewitsch Solotuchin. Der offizielle Name war Deutsche Zentralverwaltung für Volksbildung (DZfV); in der Praxis wurde aber der Name „Deutsche Verwaltung für Volksbildung“ verwendet.

Präsident der DVV war Paul Wandel (KPD). Als erster Stellvertreter des Präsidenten wurde Erwin Marquardt (SPD) durch die SMAD ernannt. Der einzige Vertreter einer bürgerlichen Partei, Emil Menke-Glückert (LDP) war nominell zweiter Stellvertreter des Präsidenten, arbeitete aber ebenso wenig in der DVV mit wie der nominelle dritte Stellvertreter Johannes R. Becher vom Kulturbund.[1]

Die DVV fungierte als Propaganda- und Medienbehörde: Seit dem 21. Dezember 1945 unterstand der ganze Rundfunk der SBZ der DVV. Hinzu kam die Verantwortung für die Filmproduktion. Sie war eine Zensurbehörde: Das „Referat für Verlagswesen“ im DVV hatte die Aufgabe der Zensur analog dem Druckgenehmigungsverfahren und der Zulassung von Verlagen, die später die Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel im Ministerium für Kultur wahrnahm.[2] Vor allem aber war die Kernaufgabe die Schulpolitik. Hierzu zählte die Lehrerausbildung, die gerade durch die massive Einarbeitung von Neulehrern Bedeutung hatte und die Steuerung der Schulpolitik über Richtlinien und Lehrpläne. Die DVV war damit ein wichtiges Instrument der Einführung der Einheitsschule in der SBZ.

Konflikte mit den Bildungsbehörden der Länder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Formal verfügten die Länder über die Kompetenzen zur Schulpolitik. In der Praxis setzten sich aber die Tendenzen zur Zentralisierung immer mehr durch.

Aufgrund des von der SMAD erlassenen Gesetzes zur Demokratisierung der deutschen Schule war die DVV für die Erstellung zentraler Lehrpläne zuständig. Auch konnte sie über Richtlinien die Schulaufsicht steuern. Letztlich verantwortlich waren aber die Länder (bzw. die Organisation der SMAD auf Länderebene). Dem Wunsch der DVV formell Weisungsrecht gegenüber den Landesbehörden zu erhalten, folgten die Sowjets nicht.

Am 23. April 1947 wurde zwischen der DVV und den Ländern die „Vereinbarung über die Zusammenarbeit der DVV und den Landes- und Provinzialverwaltungen“ abgeschlossen. Die DVV erhielt ein Einspruchsrecht gegen Landesentscheidungen und verpflichtete sich die Länder über zentrale Entscheidungen der SMAD zu informieren.[3]

Kontrolle der SED über das Bildungswesen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die sowjetische Besatzungsmacht sah im Bildungsressort ein Schlüsselressort zur Schaffung eines sozialistischen Staates. Aus diesem Grund war sowohl die Spitze der DVV als auch die der Länderbildungsministerien durchgehend mit KPD-Vertreten besetzt worden. Dies waren Fritz Rücker in Brandenburg, Gottfried Grünberg in Mecklenburg, Wilhelm Schneller in Sachsen, Walter Wolf in Thüringen und Otto Halle in Sachsen-Anhalt.

Auch die Mitarbeiter wurden gezielt aufgrund der Parteizugehörigkeit ausgewählt. Im Herbst 1946 hatte die DVV 261 Mitarbeiter, von denen 129 der SED angehörten. Von den 24 Abteilungsleitern bzw. deren Stellvertretern waren 20 Mitglieder der SED. Dies blieb auch in den Folgejahren ähnlich. Am 1. Dezember 1948 waren 436 von 844 Mitarbeitern SED-Mitglieder.[4]

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptamt Abteilungen Leiter
Allgemeine Volksbildung Amt für Verlag und Presse
Amt für Erwachsenenbildung
Amt für Volkskultur
Amt für Jugend und Frauen
Wilhelm Heise (SPD/SED)
Wissenschaft und Forschung Amt für Forschung
Amt für wissenschaftliche Lehre
Theodor Brugsch (parteilos)
Schulwesen Amt für Lehrerbildung
Amt für Volks-, Mittel-, Sonderschulen
Amt für Höhere Schulen
Amt für Berufs- und Fachschulen
Amt für außerschulische Erziehung
Ernst Hadermann (KPD/SED)
Kunst und Literatur Amt für bildende Kunst und Museen
Amt für Theater, Film, Musik und Kleinkunst
Amt für Literatur
Herbert Volkmann (KPD/SED)
Allgemeine Verwaltung Paul Reichwaldt (SPD/SED)
Personalbüro Ernst Hoffmann (KPD/SED)

Ab Oktober 1945:

Schulwesen Allgemeinbildende Schulen
Berufs- und Fachschulen
Lehrerbildung
außerschulische Erziehung
Wilhelm Heise (SPD/SED) bis Dezember 1946
Ernst Hadermann (KPD/SED) bis Dezember 1948
Hans Siebert (KPD/SED)
Hochschule und Wissenschaft Medizinische, veterinärmedizinische und landwirtschaftliche Fakultäten
Philosophische, theologische und juristische Fakultäten
Wissenschaftliche Archive und Museen
Studentenangelegenheiten
Allgemeine Wissenschaftsangelegenheiten
Theodor Brugsch (parteilos) bis 1946
Robert Rompe (KPD/SED)
Kulturelle Aufklärung Presse und eigene Druckschriften
Rundfunk
Verlagswesen
Volksbildung für Erwachsene
Volkskunst und kulturelle Freizeitgestaltung
Bildpropaganda (bis 1947)
Zentraler Jugendausschuss (bis 1947)
Frauenausschüsse (bis 1947)
Wilhelm Girnus (KPD/SED) bis 1946
Hans Mahle (KPD/SED)
Allgemeine Kunst und Literatur Theater, Musik und Kleinkunst
Bildende Kunst, Museen und Denkmalpflege
Filmwesen
Literatur
Herbert Volkmann (KPD/SED)
Herbert Gute (KPD/SED)
Erich Weinert (KPD/SED)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. SBZ-Handbuch, Seite 230
  2. SBZ-Handbuch, Seite 235
  3. SBZ-Handbuch, Seite 232
  4. Geißler: Geschichte des Schulwesens …, S. 72–73.