Deutsche Volkszeitung (1953–1989)

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Die Deutsche Volkszeitung (DVZ) wurde am 12. Mai 1953 als eine dem Bund der Deutschen nahestehende Tageszeitung gegründet. Ab 1954 erschien sie als Wochenzeitung. Sie nahm in der deutschen Frage eine nichtkonfrontative Haltung gegenüber der DDR ein und schloss auch kommunistische Stimmen in das von ihr angebotene Meinungsspektrum mit ein. Im Herbst 1990 verschmolz sie mit der ehemaligen Zeitung des Kulturbundes der DDR Sonntag zum Freitag.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Deutsche Volkszeitung wurde 1953 von den vormaligen Zentrumspolitikern Joseph Wirth, Wilhelm Elfes und Georg Herrmann gegründet.[1] Herausgeber der Zeitung war zunächst Joseph Wirth, die Chefredaktion lag bis 1972 bei dem ehemaligen Redakteur der Zeitschrift der Zentrumspartei Germania Georg Herrmann. In der ersten Ausgabe erklärte der Chefredakteur die Programmatik der neuen Zeitung als ein Unternehmen, das „keiner Partei im alten Sinne“ dienstbar sein solle. In bildungsbürgerlicher Diktion sah er mit der Zeitung „eine Welle geistiger Bewegung“ ähnlich dem „Bund der Deutschen“. Er lehne „jede zu harte Grenzsetzung nach rechts oder links“ ab und wende sich auch „an Gleichgesinnte innerhalb der bestehenden Parteien“ mit dem Ziel, „ihre Kraft und ihre Begeisterung“ im Rahmen dieser politischen Organisationen „für die große deutsche und menschliche Sache“ wirksam zu machen.[2]

Mit Jahresbeginn 1954 musste die DVZ aufgrund finanzieller Probleme auf eine wöchentliche Erscheinungsweise umgestellt werden (nun: Deutsche Volkszeitung. Wochenzeitung für demokratischen Fortschritt) und erschien jetzt im Monitor-Verlag in Düsseldorf. In ihr kamen, ungewöhnlich für die Bundesrepublik Deutschland, neben vor allem linksliberalen Meinungen auch westdeutsche und ausländische kommunistische Stimmen zu Wort. Sie habe sich, so der zeitweilige Chefredakteur Franz Sommerfeld im Rückblick in den 1990er Jahren, als „linkspluralistisches Forum“ verstanden.[3] Sie bezog die vom Mainstream der westdeutschen Publizistik nicht repräsentierten linken Positionen mit ein. Sie habe sich vor allem in ihrem umfangreichen Feuilleton als anspruchsvolle linke Alternative zu den beiden christlich-konservativen Wochenblättern Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt und Rheinischer Merkur/Christ und Welt sowie der liberalen Zeit gesehen (Sommerfeld). Sie hatte einen „kleinen Leserstamm“ (Kapitza) auch in der DDR.[4] Die kulturpolitische Rolle und Bedeutung der DVZ spiegelt sich in der Breite und Bekanntheit ihrer Beiträger und Gesprächspartner.

Inhaltlich fokussierte sich die Berichterstattung der DVZ in den 1950er und 1960er Jahren besonders auf innerdeutsche Themen wie etwa die „deutsche Frage“, „Kampf dem Atomtod“ und „Remilitarisierung“. Mit der Kampagne gegen die Notstandsgesetze und das Aufkommen einer linken Studentenbewegung bemühte sie sich, diesen eine Plattform zu sein.[5] Innen- und außenpolitisch plädierte sie ähnlich wie die Blätter für deutsche und internationale Politik bzw. die ihr nahestehenden Parteien Bund der Deutschen und Deutsche Friedens-Union für eine föderative Entwicklung in der „deutschen Frage“ und für eine föderative Lösung zwischen den deutschen Staaten.[6] In der internationalen Politik wandte sie sich ausführlich dem Vietnam-Krieg zu,[7] und angesichts der langwirkenden von den USA eingesetzten chemischen Gifte noch lange nach dessen offiziellem Ende.[8] Mit der Initiierung der Berufsverbote im Zusammenhang der Wiederzulassung einer kommunistischen Partei in der BRD und der neuen Ostpolitik entwickelte sich der „Radikalenerlass“ zu einem Themenschwerpunkt.[9] Anfang der 1980er Jahre unterstützte die DVZ die breite Protestbewegung gegen die nukleare Rüstung der Supermächte und den NATO-Doppelbeschluss zur Stationierung weiterer Mittelstreckenraketen in Europa („Friedensbewegung“).[10]

1968 gab es mit der Gründung der DKP in der Führung der SED die Überlegung, darauf hinzuwirken, die DVZ mit der Zeitung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) Die Tat zu fusionieren, was jedoch nicht geschah. Beide Zeitungen standen „in scharfer Opposition zur Regierung Adenauer.“ Die Tat war bekannt für die Enthüllung von ehemaligen Nationalsozialisten unter den hohen westdeutschen Beamten und Politikern und von ihnen zu verantwortende Verbrechen.[11]

Die Zusammenlegung von DVZ und Tat zur Deutschen Volkszeitung/die tat. Wochenzeitung für Demokratie und Frieden erfolgte dann 1983. Das neue Blatt wurde durch den Röderberg-Verlag verlegt, der 1987 vom Pahl-Rugenstein Verlag übernommen wurde.[12] Gegen Ende der 1980er Jahre nahm das Blatt vermehrt Beiträge auf, die krisenhafte Entwicklungen in den sozialistischen Staaten thematisierten. Sie wechselte auf den von dem als „Reformer“ geltenden Michail Gorbatschow und dessen populistischem „Protegé“ Boris Jelzin[13] eingeschlagenen Kurs der Politik.[14]

Im Zuge der nachfolgenden „Wende“ entfielen 1990 die Aufträge für die zum Teil großformatigen Anzeigen von Buchverlagen, Touristik-, Werft- und Außenhandelsunternehmen der DDR, die seit vielen Jahren in der DVZ erschienen und mit denen bis dahin ein wesentlicher Teil der Kosten abgedeckt werden konnte. Es habe sich zu diesem Zeitpunkt um Anzeigeneinnahmen von etwa einer Million DM jährlich gehandelt, wie der Autor Arne Kapitza annimmt. Dieser Teil der Einnahmen habe die Herstellkosten abgedeckt.[15] Ohne diese Anzeigen geriet die Zeitung in finanzielle Schwierigkeiten und ging Ende 1989 in Liquidation. Ein Spendenaufruf brachte daraufhin innerhalb von einer Woche DM 320.000 auf ein von dem Mitherausgeber Dieter Lattmann eingerichtetes Konto. Bis 1990 kamen durch 812 stille Gesellschafter DM 1,27 Mio zusammen.[16] Anfang 1990 wurde die Zeitung in Berlin im Verbund mit der Verlagsgruppe Elefantenpress unter dem Namen Volkszeitung neu gegründet. Im Herbst 1990 verschmolz sie mit der ehemaligen Zeitung des Kulturbundes der DDR Sonntag zum Freitag.[17] Zu den wenigen Zeitungen, denen die Durchdringung des ost- wie westdeutschen Pressemarktes gelang, gehört dieses Blatt, dessen 1994 etwa 20.000 Abonnenten sich „gleichmäßig“ auf beide Landesteile verteilten.[18]

Autoren (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auflagenhöhe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(nach Angaben von Kapitza, Mellies,[21])

  • 1950er Jahre: ca. 24.000–32.000
  • 1960er Jahre: ca. 25.000
  • 1970er Jahre: ca. 20.000–35.000
  • 1980er Jahre (Fusion mit der Tat): 23.000–40.000
  • 4/1989: 26.000 bis 29.000

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Arne Kapitza: Transformationen der ostdeutschen Presse. Berliner Zeitung, Junge Welt, und Sonntag/ Freitag im Prozess der deutschen Vereinigung, Opladen 1997. ISBN 3-531-13010-2
  • Dieter Lattmann: Artikel: Eine Stimme wird gebraucht, im Freitag Nr. 51 vom 17. Dezember 1999, zuerst in: Volkszeitung, 8. Dezember 1989.
  • Dirk Mellies: Trojanische Pferde der DDR? Das neutralistisch-pazifistische Netzwerk der frühen Bundesrepublik und die Deutsche Volkszeitung, 1953–1973. Frankfurt am Main (u. a.) 2006. ISBN 3-631-55825-2

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutsche Volkszeitung (1945/46)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Friedrich-Martin Balzer/Hans Manfred Bock/Uli Schöler, Wolfgang Abendroth. Wissenschaftlicher Politiker, bio-bibliographische Beiträge, Leverkusen 2001, S. 453.
  2. Dirk Mellies, Trojanische Pferde der DDR? Das neutralistisch-pazifistische Netzwerk der frühen Bundesrepublik und die Deutsche Volkszeitung, 1953-1973, Frankfurt am Main u. a. 2006, S. 66.
  3. Arne Kapitza: Transformation der ostdeutschen Presse: „Berliner Zeitung“, „Junge Welt“ und „Sonntag/Freitag“ im Prozess der deutschen Vereinigung. Opladen 1997, S. 90.
  4. Arne Kapitza: Transformation der ostdeutschen Presse: „Berliner Zeitung“, „Junge Welt“ und „Sonntag/Freitag“ im Prozess der deutschen Vereinigung. Opladen 1997, S. 89 ff.
  5. Dirk Mellies: Trojanische Pferde der DDR? Das neutralistisch-pazifistische Netzwerk der frühen Bundesrepublik und die Deutsche Volkszeitung, 1953-1973. Frankfurt am Main u. a. 2006, S. 78.
  6. By Dong-Ki Lee: Option oder Illusion?: die Idee einer nationalen Konföderation im geteilten Deutschland 1949-1990. Berlin 2010, passim.
  7. Siehe z. B.: Peter Weiss, Zur Lage in Vietnam, in: DVZ, 7. Dezember 1978; ders., Die Hetze gegen Vietnam geht weiter, in: DVZ, 14. Dezember 1978.
  8. Siehe z. B.: Karl-Rainer Fabig, Kriegswunden für 100 Jahre, in: DVZ, 24. Februar 1983.
  9. Siehe z. B.: Agnes Hüfner, Pen-Club verurteilt Berufsverbote. Dortmunder Tagung verurteilt Meinungsmonopole, in: DVZ, 13. April 1972.
  10. Arne Kapitza, Transformation der ostdeutschen Presse: „Berliner Zeitung“, „Junge Welt“ und „Sonntag/Freitag“ im Prozess der deutschen Vereinigung, Opladen 1997, S. 90.
  11. Arne Kapitza, Transformation der ostdeutschen Presse: „Berliner Zeitung“, „Junge Welt“ und „Sonntag/Freitag“ im Prozess der deutschen Vereinigung, Opladen 1997, S. 90.
  12. Dirk Mellies, Trojanische Pferde der DDR? Das neutralistisch-pazifistische Netzwerk der frühen Bundesrepublik und die Deutsche Volkszeitung, 1953-1973, Frankfurt am Main u. a. 2006, S. 75 und S. 101f.
  13. Catherine Merridale, Der Kreml: Eine neue Geschichte Russlands, Berlin 2014.
  14. Arne Kapitza: Transformation der ostdeutschen Presse: „Berliner Zeitung“, „Junge Welt“ und „Sonntag/Freitag“ im Prozess der deutschen Vereinigung, Opladen 1997, S. 91.
  15. Arne Kapitza, Transformation der ostdeutschen Presse: „Berliner Zeitung“, „Junge Welt“ und „Sonntag/Freitag“ im Prozess der deutschen Vereinigung, Opladen 1997, S. 91f.
  16. Arne Kapitza, Transformation der ostdeutschen Presse: „Berliner Zeitung“, „Junge Welt“ und „Sonntag/Freitag“ im Prozess der deutschen Vereinigung, Opladen 1997, S. 92.
  17. Franz Sommerfeld, Als die Geschichte zu rotieren begann – Von der Volkszeitung zum Freitag, 9. November 2015, in: [1].
  18. Arne Kapitza, Transformation der ostdeutschen Medien und ihre Auswirkung auf die journalistische Kultur in Ostdeutschland, in: Marcel Machill (Hrsg.), Journalistische Kultur.Rahmenbedingungen im internationalen Vergleich, Opladen 1997, S. 53–69, hier: S. 54.
  19. Zu Fabig siehe das „Gemeinnützige Netzwerk für Umweltkranke e. V.“: [2].
  20. @1@2Vorlage:Toter Link/www.faz.net (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven) FAZ.net
  21. Mellies, S. 67 und 102.