Deutscher Evangelischer Kirchentag

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Das Jerusalemkreuz ist das Logo des DEKT.
Das Plakat zum Kirchentag 2009
Das Plakat zum Kirchentag 2007
Kirchentag im „Herzen“ der Gastgeberstadt (hier: Abend der Begegnung 2009 auf dem Bremer Marktplatz)

Der Deutsche Evangelische Kirchentag (DEKT) ist eine Bewegung evangelischer Laien, die alle zwei Jahre mehrtägige Großveranstaltungen (Kirchentage) durchführt.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag versteht sich als eine freie Bewegung von Menschen, die der christliche Glaube und das Engagement für die Zukunft von Kirche und Welt zusammenführt. Er ist institutionell unabhängig von den evangelischen Kirchen.

Vom 3. bis 7. Juni 2015 war der 35. Kirchentag in Stuttgart zu Gast. Der Kirchentag 2017 fand vom 24. bis 28. Mai in Berlin und Wittenberg statt.

Themen sind neben dem Christentum viele politische und gesellschaftliche Themen unserer Zeit, wie z. B. der Dialog zwischen Juden und Christen seit 1961 in Berlin oder das Evangelisch-katholische Gespräch 1965 in Köln. Die Friedensbewegung der 1980er wurde durch den Kirchentag stark beeinflusst. Erste große Friedensdemonstrationen fanden anlässlich des Deutschen Evangelischen Kirchentages im Juni 1981 in Hamburg und 1983 in Hannover (Motto: „Umkehr zum Leben“) statt.

Das kleinere (und ältere) römisch-katholische Pendant zum Kirchentag ist der Katholikentag.[1][2] Der erste ökumenische Kirchentag fand 2003 in Berlin statt.[3] Gastgebende Stadt des zweiten Ökumenischen Kirchentages war im Mai 2010 die Stadt München.[4] Die ökumenischen Kirchentage werden gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZDK) organisiert.

Programm[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus den Anfängen des Evangelischen Kirchentages hat sich im Laufe der Jahre ein Schema entwickelt, das dem Kirchentag als Rahmen dient. Kirchentage finden meist an den Tagen um Christi Himmelfahrt oder Fronleichnam statt (=> Brückentag); sie beginnen in der Regel am Mittwoch vor dem entsprechenden Feiertag und dauern bis Sonntag. Das Rahmenprogramm eines Kirchentags folgt in der Regel einem Raster, das den örtlichen Gegebenheiten angepasst wird. Dazu gehören im Einzelnen:

Eröffnungsgottesdienst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kirchentag beginnt mit mehreren Eröffnungsgottesdiensten am Mittwochabend. Früher waren dies bis zu 70 Gottesdienste in der Region, die vom Kirchentag als Quartierbereich bezeichnet wird, da es sich dabei um die Region handelt, wo die Dauerteilnehmer ihre Übernachtungsquartiere haben. Seit dem Kirchentag 2005 gibt es wenige Gottesdienste an zentralen Orten der Stadt, z. B. große Plätze, um die Anreisewege zum folgenden Abend der Begegnung kurz zu halten.

Abend der Begegnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abend der Begegnung 2005

Kirchliche Gruppen, Initiativen und Werke aus der gastgebenden Landeskirche gestalten die zentrale Eröffnungsveranstaltung, das Straßenfest Abend der Begegnung, im Anschluss an die Eröffnungsgottesdienste in der Innenstadt des Veranstaltungsortes. Dabei stellen sich die unterschiedlichen Regionen der Landeskirche mit vielfältigen (regionalen) kulinarischen Köstlichkeiten vor; zudem wird ein breites Bühnenprogramm angeboten. Auf zahlreichen Bühnen über die Innenstadt verteilt wechseln sich Laien und Profis ab, die Gäste zu unterhalten. Der Abend der Begegnung ist mit in den letzten Jahren etwa 300.000 Besuchern eines der größten Straßenfeste Deutschlands.

Der Abend der Begegnung ist traditionell alkoholfrei, lebt von dem Begegnungselement „Mitmachaktionen“ und hat zunehmend einen „ökofairen“ Schwerpunkt (nach den Kriterien des ökologischen Landbaus und des Fairen Handels erzeugt); Speisen und Getränke kommen vorzugsweise aus der Region und werden mit umweltfreundlichem Mehrweggeschirr verkauft. Typisch ist auch sein spiritueller Abschluss mit Abendsegen, Lichtermeer und experimenteller Klanginstallation, für den z. B. bekannte Künstler wie Markus Stockhausen oder Sven Helbig komponierten.

Ablauf von Donnerstag bis Samstag[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die drei vollständigen Tage des Kirchentags laufen in etwa nach dem gleichen Schema ab, wenn man von den Feierabendmahlen am Freitagabend absieht. Die Hauptpunkte sind dabei:

Bibelarbeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Veranstaltungstag beginnt jeden Morgen mit Bibelarbeiten. Diese finden in unterschiedlichen Rahmen statt (von einer Messehalle mit mehreren 1000 Besuchern bis hin zu Kleingruppen mit zehn Personen). Sie werden von Laien, wie Künstlern oder Politikern, oder von Theologen geleitet. Einige Bibelarbeiten von Persönlichkeiten aus dem Ausland finden auch in englischer Sprache statt. Allen Bibelarbeiten des Tages liegt der gleiche Bibeltext zugrunde.

Markt der Möglichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem bis zum frühen Abend geöffneten „Markt der Möglichkeiten“ präsentieren sich viele (auch nichtkirchliche) Initiativen in den Messehallen der gastgebenden Stadt. Es gibt hierbei Stände zu Themen wie Fairem Handel, Klimaschutz oder Homosexualität in der Kirche, aber auch Orthodoxie in Ägypten, Blindenschrift oder besondere Projekte einzelner Kirchengemeinden. Die thematische Anordnung der Stände führt dazu, dass z. B. die Militärseelsorge ihren Stand nur wenige Schritte neben christlichen Friedensgruppen hat.

Vorträge und Diskussionsveranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Vor- und Nachmittag werden die thematischen Schwerpunkte des Kirchentags durch Vorträge und Podiumsdiskussionen vertieft. Daran nehmen auch zahlreiche Prominente aus Politik, Kirche und Gesellschaft teil, unter denen Mitglieder der Bundesregierung genauso zu finden sind wie bekannte Schauspieler, Musiker oder Fernsehmoderatoren. Die Zahl der Zuhörer schwankt von mehreren Dutzend bis zu mehr als 10.000, je nach Thema und Besetzung des Podiums.

Abendveranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An den Abenden finden eher kulturell oder gottesdienstlich geprägte Veranstaltungen für unterschiedliche Zielgruppen statt. So gibt es beispielsweise Konzerte bekannter Popmusiker; beim Kirchentag in Dresden traten unter anderem Nina Hagen, die Wise Guys, Laith Al-Deen und Andreas Bourani auf. Es finden aber auch Konzerte von Musikern statt, die eher der christlichen Musikszene zuzuordnen sind, wie Gerhard Schöne, Clemens Bittlinger oder Judy Bailey und ebenso Aufführungen und Uraufführungen von alten und neuen kirchenmusikalischen Werken, Musicals und Theaterstücken oder thematische Abende mit musikalischen, schauspielerischen und gottesdienstlichen Elementen. Für den Kirchentag in Hamburg wurde erstmals eine Oper in Auftrag gegeben.

Gute-Nacht-Cafés[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einigen Gemeindehäusern, Jugendzentren und Gruppenquartieren kann man den Tag in einem Gute-Nacht-Café ausklingen lassen. Bei Getränken und kleinen Speisen trifft man sich dort zum Gespräch.

Feierabendmahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Freitagabend laden Kirchengemeinden aus der gastgebenden Stadt in ihren Räumen zu unterschiedlich gestalteten Gottesdiensten ein. Diesen folgt meist ein gemütliches Beisammensein, durch das versucht wird, die Kirchengemeinden der Stadt und die Gäste des Kirchentages miteinander ins Gespräch zu bringen. Parallel dazu finden diverse Veranstaltungen des Kirchentages statt; nur ein kleinerer Teil der Kirchentagsbesucher nimmt die Angebote der Gemeinden wahr.

Abschlussgottesdienst[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kirchentag endet am Sonntag mit einer zentralen Schlussversammlung mit einem Abschlussgottesdienst, in welchem seit 1983 auch Abendmahl gefeiert wird. Er findet heute in der Regel auf einem großen Platz mit über 100.000 Teilnehmenden statt.

Thematische Schwerpunkte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die thematischen Schwerpunkte werden für jeden Kirchentag neu überlegt. Die Formulierungen sind jeweils recht allgemein gehalten, denn sie sollen die gesamte Breite der aktuellen kirchlichen Diskussionsthemen umfassen und strukturieren. Oft sind sie recht ähnlich: Fragen des Glaubens, der individuellen Lebensgestaltung, der Ethik und der Gesellschaftspolitik sollen ihren Platz finden. Arbeitsweisen sind vor allem Vorträge und Podiumsdiskussionen.

Bild von einer Veranstaltung beim Kirchentag 2005

Kulturelle Angebote[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum Kirchentag gehört immer auch ein Kulturprogramm. Dazu zählen zahlreiche Aufführungen von Theater- und Kabarettgruppen und Konzerte aller erdenklichen Musikrichtungen. In den letzten Jahren wurden auch zunehmend die bildenden Künstler zur Mitarbeit aufgefordert.

Geistliche Angebote[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von den frühen Morgenstunden bis gegen Mitternacht werden immer wieder Gottesdienste gefeiert sowie Gebetsstunden und Meditationen an verschiedenen Orten angeboten. Auch gibt es den ganzen Tag über die Möglichkeit zur Seelsorge.

Resolutionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während des Kirchentages können Resolutionen als Entschließungen der an ihrem Zustandekommen beteiligten Besucher durch Beschlussfassung oder Unterschrift gefasst und verabschiedet werden. Für das Zustandekommen von Resolutionen gibt es bestimmte Mindestvoraussetzungen, bei deren Erfüllung die Resolution durch den Kirchentag den Medien zugänglich gemacht sowie den in der Resolution genannten Adressaten zugestellt wird.

Organisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rechtsträger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rechtsträger des Deutschen Evangelischen Kirchentages ist der „Verein zur Förderung des Deutschen Evangelischen Kirchentages e. V.“ mit Sitz in Fulda. Er unterhält dort ein zentrales Büro als dauerhafte Einrichtung. An der Spitze des Vereins steht für eine Amtszeit von zwei Jahren der Präsident bzw. die Präsidentin. Die Leitung des Kirchentags obliegt dem Präsidium, dem Vorstand des Präsidiums, der Präsidialversammlung, der Konferenz der Landesausschüsse und dem Kollegium. In keinem der Gremien des Kirchentages gibt es institutionelle Vertretungen. Es gibt nur persönliche Mitglieder. Zur Ausrichtung des jeweiligen Kirchentags wird unter dem Namen „XX. Deutscher Evangelischer Kirchentag e. V.“ ein eigener Trägerverein gegründet, der dann in der Stadt der Ausrichtung des Kirchentags eine Geschäftsstelle einrichtet.

Die gastgebende Landeskirche richtet die Stelle eines Beauftragten ein, der die Koordination zwischen Kirchentag und einladender Landeskirche und ihren Einrichtungen und Gemeinden übernimmt. Außerdem sind Mitarbeiter der Landeskirche und der jeweiligen Stadtverwaltung in der Kirchentags-Geschäftsstelle tätig und kümmern sich dort besonders um regional bedeutsame Projekte.

Laienorganisation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Aufgaben der Organisation werden von ehrenamtlichen Helfern übernommen, unter anderem viele christliche und überkonfessionelle Pfadfinder. Insgesamt gibt es auf einem Kirchentag ca. 4000 Helfer. Etwa 10 Prozent der Helfer, auch als „Harter Kern (HaKa)“ bezeichnet, sind zwischen neun Tagen und drei Wochen vor Ort. Die „Mitwirkenden“ im Programm und auf dem Markt der Möglichkeiten bekommen für ihre Auftritte und Stände kein Geld, sondern vergünstigte Eintrittskarten. Eine Ausnahme sind vom Kirchentag eingeladene „Zugpferde“ (z. B. bekannte Pop-Gruppen).

Sanitätsdienstliche Absicherung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die medizinische Versorgung während eines Kirchentages wird traditionell durch die Johanniter gesichert. Sanitätsdienst, Mobilitätsdienst für Menschen mit Behinderungen und außerdem Kinderbetreuung sind einige der Aufgaben, die von ehrenamtlichen Helfern aus ganz Deutschland erfüllt werden.

Kirchentag und Umweltschutz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Kirchentag legt großen Wert auf die umweltfreundliche Durchführung der Veranstaltung. Er erstellt eine Ökobilanz. Für die Anreise wird großen Wert auf die Verwendung der Eisenbahn oder auf die Bildung von Mitfahrgelegenheiten gelegt,[5] die teilnehmenden Gruppen beispielsweise im Markt der Möglichkeiten werden durch eine Marktordnung auf umweltfreundliches Verhalten wie z. B. Müllreduktion und Energieeinsparung verpflichtet.[6] Die Menge der verbrauchten Energie des Kirchentages wird durch Investitionen in umweltfreundliche Energieerzeugung kompensiert. Seit 2007 ist der Kirchentag als erste deutsche Serien-Großveranstaltung nach Eco Management and Audit Scheme (EMAS) zertifiziert. Seit 2013 wird auch im Bereich Verpflegung verstärkt auf die Auswirkungen auf das Klima geachtet. Im Rahmen des Projekts „KleVer – Klimaeffiziente Verpflegung“ arbeitet der Kirchentag an einem Konzept zur klimafreundlichen und nachhaltigen Verpflegung aller Beteiligten.[7]

Sponsoring und Finanzierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2007 kostete der Kirchentag in Köln circa 14 Millionen Euro. Aus öffentlicher Hand (Stadt Köln, Land Nordrhein-Westfalen und Bundesrepublik Deutschland) kamen etwa 5 Millionen Euro.[8] Gut 5 Millionen Euro stellte auch die damals gastgebende Evangelische Kirche im Rheinland bereit. Sponsoren und Eintrittskarten sind weitere Säulen der Finanzierung.

Für den Kirchentag in Dresden 2011 sicherten der Freistaat Sachsen 5,5 Millionen und die Landeshauptstadt Dresden 2,0 Millionen Euro zu.

Der Kirchentag wird von verschiedenen Unternehmen und Organisationen gefördert. Im Jahr 2007 waren dies unter anderem die Volkswagen AG, die Axel Springer Stiftung, Deichmann, E-Plus Mobilfunk und Brot für die Welt.[9]

Der Kirchentag 2017 war mit einem Kostenrahmen von 23 Millionen Euro veranschlagt, wovon die Hälfte aus öffentlichen Zuwendungen finanziert wurde. Der Rest kam von Sponsoren (darunter Volkswagen und Bosch) und Eintrittsgeldern. Der Eigenanteil der evangelischen Kirchen lag bei drei Millionen Euro.[10]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahr 2017 wurde die Auswahl der Sponsoren innerhalb der Landeskirchen, der Kirchentagsleitung und auch in den Medien kontrovers diskutiert.[10][11] Insbesondere die Zusammenarbeit mit Volkswagen und Bosch wurde vereinzelt als „Ablasshandel“ kritisiert, während eine Sprecherin von Volkswagen dies als „Aufarbeitung der Dieselkrise“ bezeichnete.[12]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gab in der deutschen Kirchengeschichte bereits vor 1949 Zusammenschlüsse und Treffen unter dem Namen Deutscher Evangelischer Kirchentag; sie haben mit dem heutigen DEKT keine direkte Verbindung. Siehe hierfür Deutscher Evangelischer Kirchentag (Begriffsklärung).

Im Jahr 1848 fand eine Versammlung „evangelischer Männer“ in Wittenberg statt, die als Kirchentag bezeichnet wurde. Bis 1872 wurden 15 solcher Kirchentage durchgeführt („Deutscher Evangelischer Kirchentag“).

Nach dem Ersten Weltkrieg entstand eine zweite Kirchentagsbewegung. In Dresden fand im Jahr 1919 ein Kirchentag statt, zu dem vor allem die einzelnen Landeskirchen zusammenkamen, mit dem Ziel der Gründung eines Kirchenbundes, eines Vorläufers der heutigen EKD.

Kirchentag 1999 Stuttgart mit Salzberg:
„Ihr seid das Salz der Erde.“
Ὕμεῖς ἐστε τὸ ἅλας τῆς γῆς·

Der heute bekannte DEKT wurde 1949 nach der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges vor allem von Reinold von Thadden-Trieglaff und Freunden ins Leben gerufen und hatte seine Wurzeln in einer Mischung des Pietismus und der Verbundenheit zur weltweiten Ökumene. Ihm waren bereits ab 1932 kleinere regionale Kirchentage vorangegangen. Zuerst gab es 1932 in Stettin einen pommerschen Kirchentag, den von Thadden mit organisiert hatte, und an welchem 20.000 Menschen zusammenkamen. In den Folgejahren wurden diese Kirchentage vor allem von der Bekennenden Kirche zur Zurüstung der Gemeinde genutzt. 1935 fand in Hannover eine erste „evangelische Woche“ statt, die von Kirchen organisiert wurde, die sich in Opposition zur gleichgeschalteten Kirche sahen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es erste „Evangelische Wochen“ 1947 in Flensburg[13], 1948 in Frankfurt am Main[14].

Im Jahr 1949 fand dann auf Einladung des Landesbischofs Hanns Lilje in Hannover eine erneute, dieses Mal deutschlandweit initiierte „Evangelische Woche“ statt, die heute als erster Kirchentag betrachtet wird. Der Präses der EKD-Synode und spätere Bundespräsident Gustav Heinemann verlas hier die Gründungserklärung eines fortan regelmäßig durchzuführenden Deutschen Evangelischen Kirchentages, der

„der Zurüstung der evangelischen Laien für ihren Dienst in der Welt und in der christlichen Gemeinde dienen sowie die Gemeinschaft und den Austausch mit den Laien der im Weltrat der Kirchen zusammengeschlossenen Kirchen fördern“ sollte. Zunächst fanden diese Treffen jährlich statt, bis dann Mitte der 1950er Jahre ein zweijährlicher Rhythmus eingeführt wurde.
Evangelischer Kirchentag 1961

Von großer Bedeutung war der Kirchentag 1951 in Gesamt-Berlin, der auch von den Ostberliner Behörden unterstützt wurde. So wurde das FDJ-Zeltlager („Schmetterlingshorst“) zur Unterbringung der jungen Kirchentagsgäste zur Verfügung gestellt. Der Kirchentag 1953 in Hamburg fand kurz nach dem Kurswechsel und dem Volksaufstand in der DDR statt. Aus den Großstädten der DDR wurden Sonderzüge nach Hamburg eingesetzt.

Die Teilnehmer kamen ursprünglich aus beiden Teilen Deutschlands: Noch 1954 fand der Kirchentag in Leipzig statt, und zu dem Kirchentag, der 1961, kurz vor dem Bau der Mauer, in West-Berlin abgehalten wurde, kamen 19.700 der 42.900 Dauerteilnehmer aus der DDR. Nach dem Mauerbau 1961 wurde die Abhaltung eines gemeinsamen deutschen Kirchentages immer schwieriger. Daher fanden in der DDR eigene Kirchentage statt.

Evangelischer Kirchentag in Köln, 1965

Ende der 1960er Jahre bedurfte der Kirchentag einer grundlegenden Überarbeitung. Die Kirchentage der 1950er und 1960er Jahre dienten vor allem der Vergewisserung des spezifisch evangelischen Glaubens in einem zunehmend säkularer werdenden Deutschland. Themen wie Ökumene oder Friedenspolitik kamen nur am Rande vor, ebenso neue geistliche Impulse. Dennoch war der Kirchentag auch in seiner damaligen Form dem konservativen Flügel des Protestantismus bereits zu liberal. Diese gründeten mit dem Gemeindetag unter dem Wort eine Alternativveranstaltung.

Der Kirchentag 1969 in Stuttgart wurde zum einen von diesem Gegensatz geprägt, zum anderen vom Einfluss der Evangelischen Studentengemeinden, welche die damals aktuellen Themen APO und Vietnamkrieg thematisierten. Als Denkpause fand 1971 kein Kirchentag statt. Stattdessen kam es zu einem ökumenischen Pfingsttreffen und verschiedenen regionalen Kirchentagen. Der Kirchentag 1973 in Düsseldorf war zwar der Kirchentag mit der bis heute geringsten Zahl an Dauerteilnehmern, doch fand hier erstmals ein Kirchentag mit dem bis heute verwendeten Rahmen statt. Neu war beispielsweise die Feier einer „Liturgischen Nacht“, die großen Einfluss auf die Jugendgottesdienste des folgenden Jahrzehnts hatte.

Neue Kirchenlieder und Neue Geistliche Lieder finden häufig über den Kirchentag hinaus Verbreitung. Ferner nahmen Friedens- und Ökologiediskussionen ihren Anfang bei Kirchentagen.

Heinz Rudolf Kunze komponierte für den Kirchentag in Hannover 2005 erstmals einen offiziellen Kirchentags-Popsong.[15] Seitdem haben unter anderem die Wise Guys (2007 in Köln und 2009 in Bremen) und der Kabarettist Bodo Wartke (2011 in Dresden) Losungs-Songs im Auftrag des Kirchentags komponiert. 2013 in Hamburg zeichneten Komponist Dieter Falk und Sänger Mic Donet für den Kirchentags-Song verantwortlich.

Um die Ökumene voranzubringen, haben das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken und der Deutsche Evangelische Kirchentag den Ökumenischen Kirchentag ins Leben gerufen. Der erste Ökumenische Kirchentag fand 2003 in Berlin, der Zweite Ökumenische Kirchentag fand vom 12. bis 16. Mai 2010 in München statt.

Geplante Kirchentage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Reinoldikirche in Dortmund

Briefmarken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur Geschichte

  • Carola Wolf: Zwanzig Jahre Kirchentag. Kreuz, Stuttgart 1969.
  • Carola Wolf, Hans Hermann Walz: hören, handeln, hoffen. 30 Jahre Deutscher Evangelischer Kirchentag. Kreuz, Stuttgart 1982, ISBN 3-7831-0573-0.
  • Lutz von Padberg, Burghard Affeld: Umstrittener Kirchentag. Berichte, Analysen und Kommentare zum Deutschen Evangelischen Kirchentag von 1949 bis 1985. Verlag und Schriftenmission der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland, Wuppertal 1985, ISBN 3-87857-195-X. (= Evangelium und Gesellschaft, 4)
  • Rüdiger Runge, Christian Krause (Hrsg.): Zeitansage. 40 Jahre Deutscher Evangelischer Kirchentag. Kreuz, Stuttgart 1989, ISBN 3-7831-0966-3.
  • Otto Schröder, Hans-Detlef Peter (Hrsg.): Vertrauen wagen. Evangelischer Kirchentag in der DDR. Selbstverlag, Berlin 1993.
  • Rüdiger Runge, Margot Käßmann: Kirche in Bewegung. 50 Jahre Deutscher Evangelischer Kirchentag. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2001, ISBN 3-579-02099-4.
  • Rüdiger Runge, Ellen Ueberschär (Hrsg.): Fest des Glaubens. Forum der Welt. 60 Jahre Deutscher Evangelischer Kirchentag. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009, ISBN 978-3-579-08202-8.

Analysen

  • Gert Pickel, Yvonne Jaeckel, Alexander Yendell: Der Deutsche Evangelische Kirchentag – Religiöses Bekenntnis, politische Veranstaltung oder einfach nur Event? Eine empirische Studie zum Kirchentagsbesuch in Dresden und Hamburg. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2015, ISBN 978-3-8487-2276-1.
  • Teresa Schall: Kommunikation des Protestantismus. Wirkungen und Rückwirkungen von Rundfunkkommentaren zum Kirchentag 1969 auf das mediale Bild des Protestantismus. In: Christian Albrecht, Reiner Anselm (Hrsg.): Teilnehmende Zeitgenossenschaft. Studien zum Protestantismus in den ethischen Debatten der Bundesrepublik Deutschland 1949–1989. Mohr Siebeck, Tübingen 2015, S. 235–264. (= Religion in der Bundesrepublik Deutschland; 1.)
  • Sebastian Tripp: Fromm und politisch. Christliche Anti-Apartheid-Gruppen und die Transformation des westdeutschen Protestantismus 1970–1990. Wallstein Verlag, Göttingen 2015, ISBN 978-3-8353-1628-7. (= Geschichte der Religion in der Neuzeit: 6.)
  • Benjamin Pearson: A Divided Nation in a Divided World. The Kirchentag and the Globalization of German Protestantism from the 1950s to the 1970s. In: Katharina Kunter, Annegreth Schilling (Hrsg.): Globalisierung der Kirchen. Der Ökumenische Rat der Kirchen und die Entdeckung der Dritten Welt in den 1960er und 1970er Jahren. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2014, S. 257–276. (= Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte, 58.)
  • Harald Schroeter-Wittke: Kirchentage und ihre Gottesdienstformen. In: Albert Gerhards, Matthias Schneider (Hrsg.): Der Gottesdienst und seine Musik. Band 2: Liturgik: Gottesdienstformen und ihre Handlungsträger. Laaber Verlag, Laaber 2014, S. 217–225. (= Enzyklopädie der Kirchenmusik; 4/2.)
  • Thomas Mittmann: Kirche im performativen Wandel. Die Entwicklung der Katholikentage und der Evangelischen Kirchentage in der Bundesrepublik Deutschland. In: Frank Bösch, Lucian Hölscher (Hrsg.): Jenseits der Kirche. Die Öffnung religiöser Räume seit den 1950er Jahren. Wallstein Verlag, Göttingen 2013, S. 107–148.
  • Harald Schroeter-Wittke: Evangelische Kirche und Eventkultur. Beobachtungen zu einer popkulturellen Vergemeinschaftungsform anhand der Deutschen Evangelischen Kirchentage seit 1949. In: Jahrbuch für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes, 62 (2013), S. 221–240.
  • Harald Schroeter-Wittke: Kirche als Messe. Zum Verhältnis von Deutschem Evangelischem Kirchentag und öffentlichem Raum, dargestellt unter besonderer Berücksichtigung der Kirchentage im Ruhrgebiet. In: Kirche im Revier. Mitteilungen des Vereins zur Erforschung der Kirchen- und Religionsgeschichte des Ruhrgebiets e. V. 26 (2013), S. 9–16.
  • Harald Schroeter-Wittke: Kirchentage, Festivals, Conventions. Religiöse Happenings als Orte der Glaubensbildung (Kirchentags, Festivals, Conventions. Religious Happenings as Places for the Formation of Faith). In: Martin Friedrich, Hans Jürgen Luibl (Hrsg.): Glaubensbildung. Die Weitergabe des Glaubens im europäischen Protestantismus (Formation of Faith. Handing down Faith in European Protestantism). Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig, 2012, S. 416–436.
  • Harald Schroeter-Wittke: Transmission und Eventuelle Kirche. Beobachtungen zu Kirchen-, Katholiken- und Weltjugendtagen zwischen Religion und Gesellschaft. In: Zeitschrift für Theologie und Gemeinde, 17 (2012), S. 84–103.
  • Thomas Mittmann: „Christliche Identität“ in der Anstaltskirche. Die „Eventisierung“ kirchlicher Formate in der Bundesrepublik der sechziger und siebziger Jahre. In: Wilhelm Damberg (Hrsg.): Soziale Strukturen und Semantiken des Religiösen im Wandel. Transformationen in der Bundesrepublik Deutschland 1949-1989. Klartext-Verlag, Essen 2011, S. 155–169.
  • Benjamin Pearson: The Pluralization of Protestant Politics: Public Responsibility, Rearmament, and Division at the 1950s Kirchentage. In: Central European History, 43 (2010), S. 270–300.
  • Peter Bubmann: Der Kirchentag als Bildungsangebot. In: Gottfried Adam, Rainer Lachmann (Hrsg.): Neues Gemeindepädagogisches Kompendium. Göttingen 2008, S. 413–424.
  • Benjamin Carl Pearson: Faith and Democracy: Political Transformations at the German Protestant Kirchentag, 1949-1969. Diss. phil. University of North Carolina, Chapel Hill 2007.
  • Harald Schroeter-Wittke: Der Deutsche Evangelische Kirchentag in den 1960er und 70er Jahren – eine soziale Bewegung? In: Siegfried Hermle, Claudia Lepp, Harry Oelke (Hrsg.): Umbrüche. Der deutsche Protestantismus und die sozialen Bewegungen in den 1960er und 70er Jahren. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 213–225. (= Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte, 47.)
  • Andreas Klawikowski: Wenn dein Kind dich morgen fragt – Impulse, Erfahrungen und Geschichten zum Kirchentag. Biblioviel, Bochum 2005, ISBN 3-928781-57-X.
  • Dirk Palm: „Wir sind doch Brüder!“. Der evangelische Kirchentag und die deutsche Frage 1949–1961. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2002, ISBN 3-525-55736-1.
  • Gabriele Kammerer: In die Haare, in die Arme. 40 Jahre Arbeitsgemeinschaft „Juden und Christen“ beim Deutschen Evangelischen Kirchentag. Gütersloher Valergshaus, Gütersloh 2001, ISBN 3-579-05322-1.
  • Peter Bubmann: Pfingst-Wallfahrt und Konfirmationsritual. Der Kirchentag als Zeitansage in der Erlebnisgesellschaft. In: Wolfgang Ratzman (Hrsg.): Der Kirchentag und seine Liturgien. Auf der Suche nach dem Gottesdienst von morgen. Leipzig 1999, S. 33–55. (= Beiträge zu Liturgie und Spiritualität, 4.)
  • Harald Schroeter: Kirchentag als vor-läufige Kirche. Der Kirchentag als eine besondere Gestalt des Christseins zwischen Kirche und Welt. W. Kohlhammer, Stuttgart 1993, ISBN 3-17-012556-7. (= Praktische Theologie heute, 13.)
  • Erika Godel: Gegenreden. Bibelarbeiten von Frauen auf Deutschen Evangelischen Kirchentagen. Mosaiksteine zur verborgenen Kirchengeschichte der Frauen. Zugleich Dissertation an der Universität Hamburg, 1992. Kaiser, München 1992, ISBN 3-459-01959-X.
  • Andreas Feige, Ingrid Lukatis: The Religio-political Functions of the Present-Day „Kirchentags“ in West-Germany in the Context of Post-modern Societies. In: Journal of Empirical Theology, 2 (1989), S. 44–58.
  • Frans Haarsma: The Theological Place of the Kirchentag between Local Congregation and Denomination. In: Journal of Empirical Theology, 2 (1989), S. 59–68.
  • Andreas Feige, Ingrid Lukatis, Wolfgang Lukatis: Kirchentag zwischen Kirche und Welt. Auf der Suche nach Antworten. Eine empirische Untersuchung auf dem 21. Deutschen Evangelischen Kirchentag Düsseldorf 1985. Wichern-Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-88981-029-2.
  • Tilman Schmieder, Klaus Schuhmacher (Hrsg.): Jugend auf dem Kirchentag. Eine empirische Analyse von Andreas Feige, Ingrid Lukatis und Wolfgang Lukatis. Edition aej, Stuttgart 1984, ISBN 3-7831-0773-3. (Kreuz-Verlag, ISBN 3-88862-015-5.)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Deutscher Evangelischer Kirchentag – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Katholikentag – Gremien. Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK); abgerufen am 9. Juni 2015.
  2. Katholikentag – Unterbringung. Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK); abgerufen am 9. Juni 2015.
  3. Ökumenischer Kirchentag 2003. Evangelische Kirche in Deutschland; abgerufen am 9. Juni 2015.
  4. 2. Ökumenischer Kirchentag. 2. Ökumenischer Kirchentag München 2010 e. V.; abgerufen am 9. Juni 2015.
  5. Siehe: Deutscher Evangelischer Kirchentag, Programm 2005, S. 576 f.
  6. Siehe z. B. Marktordnung „Markt der Möglichkeiten“, Deutscher Evangelischer Kirchentag Hannover 2005.
  7. KleVer – Klimaeffiziente Verpflegung. Deutscher Evangelischer Kirchentag; abgerufen am 26. November 2015.
  8. 3.000 Veranstaltungen, 80.000 Schals, 55.000 Papphocker. Evangelischer Pressedienst, 6. Juni 2007, archiviert vom Original am 1. Juni; abgerufen am 26. November 2015.
  9. Deutscher Evangelischer Kirchentag: Wer uns fördert und hilft
  10. a b Andre Seifert: VW und Bosch Abgas-Sünder sponsern Kirchentag. MDR.de; abgerufen am 29. Mai 2017.
  11. Zuschüsse, Sponsoren, Eintritte - Warum Berlin so viel Geld in den Kirchentag steckt. rbb.de, 24. Mai 2017; abgerufen am 29. Mai 2017.
  12. Trotz Protesten: Volkswagen sponsert den Kirchentag. FAZ.de; abgerufen am 29. Mai 2017.
  13. http://www.geschichte-bk-sh.de/index.php?id=384
  14. https://www.hdg.de/lemo/kapitel/nachkriegsjahre/neuanfaenge/kirchen.html
  15. Rock-Poet Heinz Rudolf Kunze stellt Kirchentags-Song vor. Evangelische Kirche in Deutschland, 14. Januar 2005; abgerufen am 26. November 2015.
  16. Land unterstützt Kirchentag 2019. dortmund.de, 29. März 2015; abgerufen am 26. November 2015.
  17. Mitteilung des DEKT vom November 2016. Abgerufen am 20. November 2016.
  18. Kommt der Kirchentag nach Nürnberg? idea.de, 7. April 2012; abgerufen am 26. November 2015.