Deutsches Elektronen-Synchrotron

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Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY
Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY
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Kategorie: Großforschungseinrichtung
Bestehen: 18. Dezember 1959
Rechtsform des Trägers: Stiftung bürgerlichen Rechts
Mitgliedschaft: Helmholtz-Gemeinschaft
Standort der Einrichtung: Hamburg und Zeuthen
Grundfinanzierung: ca. 232 Mio. EUR (2020)
Mitarbeiter: ca. 2700
Homepage: desy.de

Das Deutsche Elektronen-Synchrotron DESY, kurz DESY, ist ein Forschungszentrum für naturwissenschaftliche Grundlagenforschung mit Sitz in Hamburg und Zeuthen. Aufgabe von DESY ist die Erforschung von Struktur, Dynamik und Funktion der Materie. Dies erfolgt in vier Forschungsbereichen: Beschleuniger, Forschung mit Photonen, Teilchenphysik und Astroteilchenphysik.

DESY ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Forschungszentrum DESY[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 18. Dezember 1959 wurde in Hamburg das Forschungszentrum „Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY“ gegründet.[1] Laut Satzung ist DESYs Aufgabe „die Förderung der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung (…) insbesondere durch die Entwicklung, den Bau und Betrieb von Beschleunigern und deren wissenschaftliche Nutzung, die Forschung mit Photonen und auf den Gebieten der Teilchen- und Astroteilchenphysik sowie Entwicklungsarbeiten, die damit im Zusammenhang stehen.“[2]

1979 entdeckten die Teilchenphysikexperimente am Positron-Elektron-Speicherring PETRA bei DESY das Gluon, das Trägerteilchen der Starken Kraft

Von 1959 bis 2007 wurden die DESY-Beschleuniger in erster Linie für die Teilchenphysik eingesetzt, zunächst mit dem gleichnamigen Elektronen-Synchrotron DESY (1964–heute), gefolgt von DORIS (Doppel-Ring-Speicher, 1974–1992), PETRA (Positron-Elektron-Tandem-Ring-Anlage, 1978–heute) und HERA (1992–2007). Die wichtigste Entdeckung an PETRA war der Nachweis des Gluons, des Trägerteilchens der Starken Kraft, im Jahr 1979. Ab 1990 diente PETRA als Vorbeschleuniger für den noch größeren Speicherring HERA. HERA war die einzige Speicherringanlage weltweit, in der Protonen mit Elektronen bzw. Positronen kollidierten. Dabei wirkte das punktförmige Elektron wie eine Sonde, die die innere Struktur des Protons abtastet und mit hoher Auflösung sichtbar macht. Die genauen Einblicke von HERA in das Innere des Protons bildeten die Grundlage für zahlreiche weitere Teilchenphysikexperimente, insbesondere am Large Hadron Collider (LHC) beim Forschungszentrum CERN, und für zahlreiche Entwicklungen der theoretischen Teilchenphysik.[3]

Blick über die Messstationen in der 300 Meter langen Experimentierhalle „Max von Laue“ an der Synchrotronstrahlungsquelle PETRA III bei DESY

Parallel dazu entwickelten Forschungsgruppen von DESY, verschiedenen Universitäten und der Max-Planck-Gesellschaft bereits in den 1960er Jahren die Grundlagen für die Nutzung der von den Beschleunigern produzierten Synchrotronstrahlung. Um der schnell wachsenden nationalen und europäischen Nachfrage gerecht zu werden, gründete DESY ein eigenes Großlabor: das Hamburger Synchrotronstrahlungslabor HASYLAB, das 1980 eröffnet wurde. Es bot Messplätze an DORIS, wo die israelische Biochemikerin Ada Yonath (Nobelpreis für Chemie 2009) von 1986 bis 2004 grundlegende Experimente zur Entschlüsselung des Ribosoms durchführte.[4][5] Ab 1995 wurden Synchrotronstrahlungsexperimente auch parallel zu den Teilchenphysikexperimenten an PETRA durchgeführt. Die PETRA-Anlage wurde 2009 für die ausschließliche Nutzung als Synchrotronstrahlungsquelle für harte Röntgenstrahlung (PETRA III) aufgerüstet,[6][7] die heute ca. 50 Experimentierstationen versorgt und zum 3D-Röntgenmikroskop PETRA IV ausgebaut werden soll.[8] Mit der Abschaltung von DORIS Anfang 2013[9] wurde der Name HASYLAB aufgegeben, die Nutzung der Photonenquellen von DESY erfolgt seither im Forschungsbereich Forschung mit Photonen („Photon Science“).

Im Freie-Elektronen-Laser FLASH bei DESY erzeugen Elektronen beim Durchflug durch spezielle Magnetanordnungen, sogenannte Undulatoren (gelb), Laserlicht im niederenergetischen Röntgenbereich

Anfang der 1990er Jahre begann DESY, eine neue Technologie weiterzuentwickeln: die Hochfrequenz-Beschleunigertechnologie auf Basis supraleitender Resonatoren aus Niob, die mit flüssigem Helium auf annähernd 2 K (-271 °C) gekühlt werden. Der erste Beschleuniger auf dieser Basis war eine Testanlage für supraleitende Linearbeschleuniger bei DESY zur Erprobung des Prinzips der selbstverstärkten spontanen Emission (SASE) von Röntgenlaserlicht.[10] Die SASE-Theorie wurde ab 1980 bei DESY sowie an Instituten in Russland, Italien und den USA erarbeitet und weiterentwickelt.[11] Die Testanlage bei DESY erzeugte 2000–2001 als erster Freie-Elektronen-Laser weltweit Lichtblitze im vakuum-ultravioletten und weichen Röntgenbereich.[12] Heute produziert die Anlage FLASH ultrakurze Lichtpulse im niederenergetischen Röntgenbereich für sieben Experimentierstationen[13] und wird seit 2020 weiter ausgebaut, um die Eigenschaften der Strahlung weiter zu optimieren (Projekt FLASH2020+).[14]

Von 2009 bis 2016 entwickelte ein internationales Konsortium unter Federführung von DESY den europäischen Röntgenlaser European XFEL. Die internationale Forschungseinrichtung, an der 12 europäische Länder beteiligt sind, wird von der European XFEL GmbH betrieben. Kern der Anlage ist ein 1,7 km langer supraleitender Linearbeschleuniger – mit einer Elektronenenergie von 17,5 GeV der bis dato weltweit leistungsfähigste Linearbeschleuniger, der in supraleitender Technologie realisiert wurde. DESY betreibt den Beschleuniger im Auftrag der European XFEL GmbH.[15]

Seit 2010 entwickelt DESY die plasmabasierte Beschleunigertechnologie (sowohl laser- als auch elektronenstrahlgetrieben) als mögliche Alternative zur konventionellen Beschleunigertechnologie mit dem Ziel, kompakte Beschleuniger für die Forschung mit Photonen, die Teilchenphysik sowie medizinische und industrielle Anwendungen zu ermöglichen.[16]

DESY in Zeuthen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit 1992 hat DESY einen zweiten Standort in Zeuthen nahe Berlin. 1939 gründete hier das Reichspostministerium ein kernphysikalisches Labor. Nach dem Krieg sollte es für die DDR als Institut X die Möglichkeiten der Kernenergie ausloten, um später zum Institut für Hochenergiephysik zu werden. Anfang 1992 wurde es Teil von DESY mit den Schwerpunkten paralleles Rechnen für die theoretische Teilchenphysik, Entwicklung und Bau von Elektronenquellen für Röntgenlaser sowie Astroteilchenphysik mit Fokus auf Gammastrahlen- und Neutrinoastronomie.[17] Mit der Gründung des DESY-Forschungsbereichs Astroteilchenphysik im Jahr 2018 wird der Standort zu einem internationalen Zentrum für Astroteilchenphysik ausgebaut.[18]

Aufgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Deutsche Elektronen-Synchrotron DESY ist Mitglied der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren und mit den beiden Standorten Hamburg und Zeuthen eines der weltweit größten Zentren für die Forschung an und mit Teilchenbeschleunigern. Aufgabe von DESY ist die Entschlüsselung der grundlegenden Zusammenhänge von Struktur, Dynamik und Funktion von Materie als notwendige Wissensbasis zur Lösung der aktuellen Fragen und Herausforderungen von Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft.[19]

Die DESY-Forschung dient zivilen und friedlichen Zwecken. DESY orientiert sich in seinem Handeln an sozialen, ökologischen und ethischen Maßstäben und verpflichtet sich einer nachhaltigen Entwicklung und dem verantwortungsvollen Umgang mit materiellen und nichtmateriellen Ressourcen. DESY orientiert sich dazu am „Leitfaden Nachhaltigkeitsmanagement in außeruniversitären Forschungsorganisationen“ (LeNa) von Fraunhofer-Gesellschaft, Helmholtz-Gemeinschaft, Leibniz-Gemeinschaft und BMBF in folgenden Bereichen: Organisationsführung; Forschung; Personal; Gebäude und Infrastrukturen; Unterstützende Prozesse (Beschaffung, Mobilität).[20]

Vorsitzende des DESY-Direktoriums[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

DESY wird von einem Direktorium geleitet, in dem die vier Forschungsbereiche (Beschleuniger, Forschung mit Photonen, Teilchenphysik und Astroteilchenphysik) sowie die Verwaltung vertreten sind. Vorsitzende des Direktoriums waren bisher:[21]

Standorte, Finanzierung und Personal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

DESY verfügt über zwei Standorte. Der größere Standort liegt in Hamburg-Bahrenfeld in der Nähe des Altonaer Volksparks. Am 1. Januar 1992 wurde DESY um einen zweiten Standort in Zeuthen (bis 1991 Institut für Hochenergiephysik der Akademie der Wissenschaften der DDR) südöstlich von Berlin erweitert.[17]

Das Forschungszentrum ist eine Stiftung bürgerlichen Rechts und wird aus öffentlichen Mitteln finanziert. DESY hatte 2020 einen Jahresetat von etwa 232 Mio. Euro (gemäß Bundeshaushaltsplan, ohne Ausgaben für Investitionen und besondere Finanzierungsausgaben). Hinzu kamen Drittmitteleinnahmen in Höhe von ca. 18 Mio. Euro. Die Grundfinanzierung übernehmen zu 90 % das Bundesministerium für Bildung und Forschung[22] und zu 10 % die Freie und Hansestadt Hamburg[23] beziehungsweise das Land Brandenburg.[24]

Insgesamt beschäftigt DESY ca. 2.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus über 60 Nationen, davon etwa 2.430 am Standort Hamburg und etwa 270 am Standort Zeuthen. Darin eingerechnet sind über 130 Auszubildende in verschiedenen gewerblich-technischen Berufen sowie rund 500 Doktorandinnen, Doktoranden und Postdocs, die von DESY betreut werden; hinzu kommen zahlreiche Master-Studierende verschiedener Universitäten.[25]

DESY ist an mehreren Graduiertenschulen beteiligt, veranstaltet jährlich ein internationales Sommerstudierendenprogramm und bietet in seinen Schülerlaboren Experimentiertage zu verschiedenen Themen der Physik an. Hinzu kommen Lehrkräftefortbildungen, Veranstaltungen für Schulen und Studierende in den MINT-Fächern, öffentliche Vorträge und Tage der offenen Tür. DESY beteiligt sich an Veranstaltungen wie der Hamburger Nacht des Wissens oder der Berliner Langen Nacht der Wissenschaften.

Forschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

LINAC II und DESY II sind Elektronen-Vorbeschleuniger für den Speicherring PETRA III, der zusammen mit dem Freie-Elektronen-Laser FLASH als Lichtquelle für die Forschung mit Photonen dient. Ebenfalls eingezeichnet ist der europäische Röntgenlaser European XFEL, der vom DESY-Campus bis in die schleswig-holsteinische Stadt Schenefeld verläuft

Seit seiner Gründung entwickelt, baut und betreibt DESY Teilchenbeschleuniger für die naturwissenschaftliche Forschung. Derzeit (2022) betreibt DESY folgende Großanlagen:

Für die Forschung in allen Bereichen von DESY stehen umfangreiche Speicher- und Rechenkapazitäten zur Verfügung. Als Teil des Worldwide LHC Computing Grid (WLCG) betreibt DESY zudem ein Tier-2-Computerzentrum, das Rechen- und Speichersysteme für die Experimente ATLAS, CMS und LHCb am Large Hadron Collider (LHC) zur Verfügung stellt. Darüber hinaus wird die DESY-Grid-Infrastruktur von anderen Experimenten wie Belle II oder IceCube genutzt.[27]

Die Forschung bei DESY gliedert sich in vier Bereiche: Beschleuniger, Forschung mit Photonen, Teilchenphysik und Astroteilchenphysik.

Beschleuniger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die supraleitenden Resonatoren, die im Freie-Elektronen-Laser FLASH und im europäischen Röntgenlaser European XFEL eingesetzt werden, werden in einem Reinraum bearbeitet und montiert

Aufgabe dieses Forschungsbereichs von DESY ist die Entwicklung grundlegender Technologien für die Beschleunigeranlagen, die DESY und seine Partner im Rahmen ihrer wissenschaftlichen Mission einsetzen. Wesentliche Aktivitäten sind neben dem Betrieb bestehender Anlagen und ihrer Weiterentwicklung (Projekte PETRA IV und FLASH2020+, Ausbau des European XFEL) die Erforschung neuer Beschleunigerkonzepte, insbesondere der Plasma-Wakefield-Beschleunigung, sowie die Verbesserung der supraleitenden Hochfrequenz-Beschleunigertechnologie.[16][28]

Die wissenschaftlichen Grundlagen und die Technologie zur Plasmabeschleunigung werden sowohl in der elektronenstrahlgetriebenen Anlage FLASHForward als auch unter Verwendung von Hochleistungslasern entwickelt. Ziel ist die Realisierung kompakter Beschleuniger für Anwendungen in der Forschung mit Photonen (Freie-Elektronen-Laser und kompakte Röntgenquellen), für medizinische und industrielle Anwendungen sowie für künftige Konzepte für Hochenergiebeschleuniger.[16]

Darüber hinaus entwickelt DESY intelligente, auf maschinellem Lernen basierende Prozesssteuerungsmethoden für autonome Beschleuniger und erforscht den Einsatz moderner Robotertechnik für den Beschleunigerbetrieb.[16]

Forschung mit Photonen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Synchrotronstrahlungsquelle PETRA III bei DESY werden u. a. Experimente zur Erforschung des SARS-CoV-2-Virus durchgeführt

Im Bereich Forschung mit Photonen bei DESY werden die Struktur, Dynamik und Funktion von Materie mithilfe von Photonen untersucht. Dazu entwickelt, baut und betreibt der Forschungsbereich Strahlführungen und Experimente an den DESY-Photonenquellen PETRA III und FLASH.[6][13]

Jährlich führen mehr als 3.000 Forschende – hauptsächlich von Universitäten, aber auch von außeruniversitären Forschungseinrichtungen und aus der Industrie – aus über 40 Ländern Experimente an den Photonenquellen und in den Laboren bei DESY durch. Das Forschungsspektrum reicht von Grundlagenforschung bis zu anwendungsnaher Forschung und Industriekooperationen in Physik, Chemie, Biologie, Medizin, Lebenswissenschaften, Geowissenschaften, Materialforschung und dem Studium von Kulturgütern.[29]

Ein Schwerpunkt liegt auf der Strukturforschung und der Aufklärung von Abläufen auf atomarer Ebene: Mit dem kurzwelligen Röntgenlicht der DESY-Photonenquellen lassen sich der atomare Aufbau und die Dynamik in unterschiedlichen Materialien sowie die Funktion biologischer Moleküle untersuchen. Weitere Schwerpunkte sind die Erforschung neuer Nanomaterialien und Werkstoffe in Bereichen wie Materialforschung, Energietechnik und Informationstechnik sowie zeitaufgelöste Experimente unter realistischen Umgebungs- und Betriebsbedingungen (in situ und operando) zum besseren Verständnis von Prozessen, z. B. während katalytischer Reaktionen.[29][30] Seit Beginn der COVID-19-Pandemie wird PETRA III auch für Experimente genutzt, die zur Bekämpfung des SARS-CoV-2-Virus auf molekularer Ebene beitragen.[31]

Neben den eigenen Photonenquellen nutzen DESY-Forschende auch andere Photonenquellen weltweit und arbeiten im Rahmen gemeinsamer Forschungszentren mit nationalen und internationalen Partnern an spezifischen wissenschaftlichen Fragestellungen.

Teilchenphysik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der Detector Assembly Facility (DAF) bei DESY werden neue, strahlungsresistentere und präzisere Silizium-Spurdetektoren für die Experimente ATLAS und CMS am LHC-Beschleuniger bei CERN hergestellt (hier für CMS)

In der Physik mit Protonen engagiert sich DESY in den Großexperimenten am Large Hadron Collider (LHC) beim Forschungszentrum CERN in der Nähe von Genf. Im Rahmen der internationalen Kooperationen, die die Experimente ATLAS und CMS betreiben, wirkt DESY an vielen Entwicklungen am LHC mit, vom Hardwaredesign über die Datenanalyse bis zur Vorbereitung des geplanten Umbaus zur Steigerung der Luminosität.[32]

In der Physik mit Leptonen beteiligt sich DESY am Experiment Belle II am Elektron-Positron-Collider SuperKEKB des Forschungszentrums KEK in Tsukuba, Japan, sowie an Entwicklungen für mögliche zukünftige Elektron-Positron-Linearcollider.[32]

Das Experiment ALPS II bei DESY in Hamburg zielt darauf ab, axionähnliche Teilchen und andere ultraleichte schwach wechselwirkende Teilchen (WISPs) zu erzeugen und nachzuweisen.[32]

Die Aktivitäten von DESY in der theoretischen Teilchenphysik umfassen Teilchenphänomenologie (theoretische Vorhersagen für relevante Prozesse am LHC), Gittereichtheorie (Grenzbereiche verschwindenden Gitterabstands, unendlichen Volumens und physikalischer Quarkmassen), Kosmologie (Dunkle Materie, Materie-Antimaterie-Asymmetrie im Universum, Dunkle Energie, Inflation) sowie Stringtheorie (Vereinheitlichung aller fundamentalen Wechselwirkungen, Physik stark wechselwirkender Quantenfeldtheorien).[32]

Astroteilchenphysik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

DESY produziert einen großen Teil der digitalen optischen Module für das Neutrinoobservatorium IceCube am Südpol

Der Bereich Astroteilchenphysik bei DESY untersucht hochenergetische Prozesse im Universum. Mit Detektoren und Teleskopen werden Neutrinos und Gammastrahlen aus dem All analysiert, die über kosmische Phänomene wie Schwarze Löcher, explodierende Sterne und Strahlungsausbrüche von extremer Intensität Auskunft geben können.[18]

In der Gammaastronomie ist DESY zurzeit (2022) an allen Großexperimenten beteiligt: an den Gammateleskopen MAGIC auf der Kanarischen Insel La Palma, H.E.S.S. in Namibia und VERITAS in den USA sowie am Weltraumteleskop Fermi Gamma-ray Space Telescope. Zudem wirkt DESY am geplanten Gammaobservatorium der nächsten Generation mit, dem Cherenkov Telescope Array (CTA). In der Neutrinoastronomie ist DESY zweitgrößter Partner am Observatorium IceCube am Südpol. DESY ist auch am Aufbau eines globalen Multimessenger-Programms beteiligt, bei dem Beobachtungen verschiedener Observatorien weltweit (elektromagnetische Strahlung, Neutrinos und Gravitationswellen) kombiniert werden, um ein Gesamtbild der jeweiligen kosmischen Prozesse zu erhalten.[18]

Weitere Aktivitäten von DESY betreffen den Bau des israelischen Ultraviolett-Satelliten ULTRASAT zusammen mit dem israelischen Weizmann-Institut für Wissenschaften, eine deutsche Beteiligung am Einstein-Teleskop – einem in Europa geplanten Gravitationswellendetektor der nächsten Generation – sowie die theoretische Astroteilchenphysik.[18]

Gemeinsame Forschungszentren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der DESY-Campus in Hamburg ist Standort mehrerer nationaler und transnationaler Zentren, an denen DESY beteiligt ist. Dies sind insbesondere:[33]

  • Center for Free-Electron Laser Science (CFEL): Untersuchung von Ultrakurzzeit-Phänomenen mit Freie-Elektronen-Lasern und optischen Lasern, Untersuchungen zur Licht-Materie-Wechselwirkung unter extremen Bedingungen
  • Centre for Structural Systems Biology (CSSB): Strukturelle Systembiologie zur Erforschung von Infektionsprozessen auf der molekularen Ebene von Viren, Bakterien und Parasiten
  • Centre for X-ray and Nano Science (CXNS): Untersuchung von kondensierter Materie mit Röntgen- und komplementären Methoden, höchstauflösende Röntgenbildgebung, Analyse von Materialprozessen

Wissens- und Technologietransfer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im September 2021 wurden die Start-up Labs Bahrenfeld eröffnet, ein Innovationszentrum von DESY, der Universität Hamburg und der Freien und Hansestadt Hamburg

DESY hat sich zum Ziel gesetzt, Gründungen zu fördern und das Know-how aus der Grundlagenforschung durch gezielten Transfer und Innovationstätigkeiten in die Anwendung zu bringen. Die Aktivitäten beruhen auf drei Schwerpunkten:

  • Innovationsdienstleistungen auf Basis des Know-hows und der Forschungsinfrastruktur von DESY: DESY bietet Wirtschaftsunternehmen Unterstützung bei industriellen Fragestellungen, z. B. durch einen speziellen Industriezugang zu den Photonenquellen und Laboren.
  • Verwertung wissenschaftsgetriebener Technologien: DESY entwickelt aus der Grundlagenforschung neue Ideen, Anwendungen und Produkte, von denen neben der Wissenschaft auch Gesellschaft und Wirtschaft mittelfristig profitieren sollen.
  • Ausgangspunkt für Gründungen bzw. Start-ups: DESY unterstützt seine Beschäftigten bei der Gründung von Start-ups auf Basis von DESY-Technologien in den Regionen Hamburg und Brandenburg.

DESY bietet Start-ups und Vorgründungsprojekten im DESY Innovation Village Zugang zu Büros, Laboren und Werkstätten. Im September 2021 eröffneten DESY, die Universität Hamburg und die Freie und Hansestadt Hamburg die Start-up Labs Bahrenfeld, die Büros, Laborflächen und Werkstätten für Existenzgründer und Start-ups aus Photonik, Biotechnologie und Lebenswissenschaften sowie Detektortechnologie und Sensorik bieten.[34] Darüber hinaus plant DESY bis 2025 die DESY Innovation Factory für Start-ups, Projekte und Kooperationen mit etablierten und jungen Unternehmen sowie mit Partnern der angewandten Forschung aus den Bereichen Lebenswissenschaften, Bio- und Nanotechnologie sowie neue Materialien.[35]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erich Lohrmann, Paul Söding: Von schnellen Teilchen und hellem Licht: 50 Jahre Deutsches-Elektronen-Synchrotron DESY, Wiley/VCH 2009.
  • Olof Hallonsten, Thomas Heinze: From particle physics to photon science: Multi-dimensional and multi-level renewal at DESY and SLAC. Science and Public Policy, Nr. 40. Oxford University Press, Oxford 2013, S. 591–603.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Deutsches Elektronen-Synchrotron – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Erich Lohrmann, Paul Söding: Von schnellen Teilchen und hellem Licht: 50 Jahre Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY, Wiley/VCH 2009. S. 5. Online-Ausgabe 2013 (PDF; 55 MB). In: www.desy.de, abgerufen am 1. Oktober 2021.
  2. DESY: Satzung der Stiftung „Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY“. (PDF; 40 KB) In: www.desy.de. 8. Dezember 2021, abgerufen am 28. Februar 2022
  3. DESY: WEGWEISER. Mit HERA die Zukunft der Physik gestalten. (PDF; 4 MB) In: www.desy.de. Juni 2007, abgerufen am 12. Oktober 2021.
  4. DESY: DORIS. Ein Beschleuniger schreibt Wissenschaftsgeschichte. (PDF; 6 MB). In: www.desy.de. April 2013, abgerufen am 20. Oktober 2021.
  5. Erich Lohrmann, Paul Söding: Von schnellen Teilchen und hellem Licht: 50 Jahre Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY, Wiley/VCH 2009. S. 247. Online-Ausgabe 2013 (PDF; 55 MB). In: www.desy.de, abgerufen am 1. Oktober 2021.
  6. a b c PETRA III. In: www.desy.de, abgerufen am 28. Februar 2022 (englisch).
  7. Erich Lohrmann, Paul Söding: Von schnellen Teilchen und hellem Licht: 50 Jahre Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY, Wiley/VCH 2009. S. 320. Online-Ausgabe 2013 (PDF; 55 MB). In: www.desy.de, abgerufen am 1. Oktober 2021.
  8. Christian Schroer et al.: PETRA IV: the ultralow-emittance source project at DESY. In: J. Synchrotron Radiat. 25 (5), 1277–1290. September 2019, abgerufen am 6. Oktober 2021 (englisch). DOI 10.1107/S1600577518008858.
  9. Erich Lohrmann, Paul Söding: Von schnellen Teilchen und hellem Licht: 50 Jahre Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY, Wiley/VCH 2009. S. 325. Online-Ausgabe 2013 (PDF; 55 MB). In: www.desy.de, abgerufen am 1. Oktober 2021.
  10. Erich Lohrmann, Paul Söding: Von schnellen Teilchen und hellem Licht: 50 Jahre Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY, Wiley/VCH 2009. S. 250. Online-Ausgabe 2013 (PDF; 55 MB). In: www.desy.de, abgerufen am 1. Oktober 2021.
  11. A.M. Kondratenko and E.L. Saldin: Generation of Coherent Radiation by a Relativistic Electron Beam in an Ondulator. In: Part. Accelerators 10, 207–216 (1980), abgerufen am 28. Februar 2022 (englisch).
  12. Erich Lohrmann, Paul Söding: Von schnellen Teilchen und hellem Licht: 50 Jahre Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY, Wiley/VCH 2009. S. 251. Online-Ausgabe 2013 (PDF; 55 MB). In: www.desy.de, abgerufen am 1. Oktober 2021.
  13. a b c FLASH. In: www.desy.de, abgerufen am 1. März 2022 (englisch).
  14. DESY: FLASH2020+. Conceptual Design Report. (PDF; 3,8 MB) In: www.desy.de. 22. März 2020, abgerufen am 1. März 2022 (englisch).
  15. Eric Beaurepaire, Fabrice Scheurer, Hervé Bulou, Kappler Jean-Paul (Hrsg.): Magnetism and Synchrotron Radiation, Springer, Berlin Heidelberg 2010, ISBN 9783642044984 S. 416.
  16. a b c d DESY: Accelerators 2020. Highlights and Annual Report. (PDF; 13 MB) In: www.desy.de. 1. Mai 2021, abgerufen am 4. Oktober 2021 (englisch).
  17. a b Erich Lohrmann, Paul Söding: Von schnellen Teilchen und hellem Licht: 50 Jahre Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY, Wiley/VCH 2009. S. 255. Online-Ausgabe 2013 (PDF; 55 MB). In: www.desy.de, abgerufen am 1. Oktober 2021.
  18. a b c d DESY: Astroparticle Physics 2020. Highlights and Annual Report. (PDF; 10,8 MB) In: www.desy.de. Juni 2021, abgerufen am 1. März 2022 (englisch).
  19. DESY: Mission und Leitbild des Deutschen Elektronen-Synchrotrons. (PDF; 3 MB) In: www.desy.de. Mai 2013, abgerufen am 9. November 2021.
  20. DESY: DESY 2030. Strategie für die Zukunft. (PDF; 3 MB) In: www.desy.de. März 2018, abgerufen am 20. Oktober 2021.
  21. Erich Lohrmann, Paul Söding: Von schnellen Teilchen und hellem Licht: 50 Jahre Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY, Wiley/VCH 2009. S. 327–329. Online-Ausgabe 2013 (PDF; 55 MB). In: www.desy.de, abgerufen am 1. Oktober 2021.
  22. Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF): Bundeshaushaltsplan 2021 – Einzelplan 30. In: www.bundeshaushalt.de, abgerufen am 14. April 2022.
  23. Freie und Hansestadt Hamburg: Haushaltsplan 2019/2020. In: www.hamburg.de, abgerufen am 14. April 2022.
  24. Land Brandenburg: Haushaltsplan 2019/2020 – Band VI. In: mdfe.brandenburg.de, abgerufen am 14. April 2022.
  25. DESY im Überblick. In: www.desy.de, abgerufen am 1. Oktober 2021.
  26. Test Beams at DESY. In: www.desy.de, abgerufen am 1. März 2022 (englisch).
  27. Computing Infrastruktur. In: www.desy.de, abgerufen am 1. März 2022.
  28. Sven Kiele et al.: Nationale Strategie zur Weiterentwicklung beschleunigerbasierter Nutzereinrichtungen für die Forschung mit Photonen und mit hohen elektromagnetischen Feldern („Helmholtz Photon Science Roadmap“). (PDF; 6 MB). In: www.helmholtz.de. 15. Juni 2021, abgerufen am 7. Oktober 2021.
  29. a b DESY: Photon Science 2021. Highlights and Annual Report. (PDF; 18 MB) In: www.desy.de. Dezember 2021, abgerufen am 28. Februar 2022 (englisch).
  30. DESY: PETRA III. Brillantes Röntgenlicht für Wissenschaft und Technologie. (PDF; 2 MB). In: www.desy.de. März 2019, abgerufen am 7. Oktober 2021.
  31. S. Günther et al.: X-ray screening identifies active site and allosteric inhibitors of SARS-CoV-2 main protease. In: Science 372, 642–646 (2021). 2. April 2021, abgerufen am 1. März 2022 (englisch)
  32. a b c d DESY: Particle Physics 2020. Highlights and Annual Report. (PDF; 7 MB) In: www.desy.de. 15. Februar 2021, abgerufen am 7. Oktober 2021 (englisch).
  33. BMBF: Deutsches Elektronen-Synchrotron - DESY, 12. April 2022, abgerufen am 27. April 2022.
  34. Start-up Labs Bahrenfeld. In: slb.hamburg, abgerufen am 1. März 2022.
  35. DESY Innovation Factory. In: www.desy.de, abgerufen am 1. März 2022.

Koordinaten: 53° 34′ 33″ N, 9° 52′ 46″ O