Deutsches Haus (Dinkelsbühl)

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Deutsches Haus

Das Deutsche Haus am Weinmarkt in Dinkelsbühl ist ein Fachwerkhaus, im Kern aus dem 15. Jahrhundert mit einer Fassade aus der Spätrenaissance 1593/94. Es ist das Stammhaus der Grafen von Drechsel und der Freiherren Drechsel von und zu Unterdeufstetten.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Deutsche Haus [1] steht am reichsstädtischen Top-Platz zwischen verputzten Häusern und fällt sogleich als prächtiger Fachwerkbau ins Auge. Mit seinem kunstvollen Schnitzwerk ist es das bedeutendste Bürgerhaus der deutschen Renaissance und das Schmuckstück unter den Dinkelsbühler Wohnhäusern.

Das Haus war im Besitz des 1540 verstorbenen Ratsherrn und Bürgermeisters Hans Drechsel. Sein Sohn, der Stadtamman, Metsieder und Wirt Peter Drechsel I. baute es dann im Jahr 1543 um – zumindest ist dies aus den Daten auf der Inschrifttafel zu schließen, die 1765 neben dem Eingang angebracht und in späterer Zeit durch Renovierungsdaten ergänzt wurde. Im Hausgang ist sein Epitaph mit dem Sterbedatum 1591 eingebaut. Wiederum dessen Sohn, der Stadtammann Peter Drechsel II., ebenfalls Metsieder, ließ dann die Fachwerkfassade auf das in Sandstein gebaute Erdgeschoss 1593/94 überaus sinnig gestalten. Zu dieser Zeit wurde im Haus kein Met gesiedet und verkauft, er zahlte kein Ungeld.

Das wohlhabende Patriziergeschlecht der Drechsel besaß nachweislich seit dem 15. Jh. in Dinkelsbühl und außerhalb der Stadt Häuser und Grundstücke. Im Lauf zweier Jahrhunderte hatten die Männer wichtige städtische Ämter inne, hinauf bis zu Ratsherren und Bürgermeistern. Peter I. wurde mit dem Titel „von und zu Unterdeufstetten“ geadelt. Außerhalb der Stadtmauern sind seine Brüder Dr. Melchior Drechsel (ebenso geadelt) als Beisitzer am Kaiserlichen Kammergericht zu Speyer und Dr. Walter Drechsel (ebenso geadelt) als Rat und Kanzler der Pfalzgrafschaft Neuburg a. D. zu nennen. Das Herrengut Unterdeufstetten erwarb Bürgermeister Hans Drechsel um 1544. Das dortige Schloss erbaute Peter Drechsel II. um 1600. Da Bürgermeister Hans Drechsel das Deutsche Haus besaß und seine Söhne darin geboren wurden, kann es gewissermaßen als „Stammhaus der Grafen von Drechsel“ und als „Stammhaus der Freiherren von und zu Unterdeufstetten“ bezeichnet werden. Walter Drechsel war Stammvater der gräflichen, Peter I. Stammvater der freiherrlichen Linie. Die Wappen erinnern an die einstigen Hausbesitzer.

Das Deutsche Haus bezeichnet im Fachwerkbau der deutschen Spätrenaissance den absoluten Höhepunkt. In seiner einzigartigen Fassade bilden Holzkonstruktion und Schnitzornamente sowie Monochrom-Malerei in Grau trotz vielfältiger Formen und Figuren eine harmonische Einheit.

Bei der Wandbemalung sind im zweiten Obergeschoss die an den Hausecken in Nischen stehenden Personen als Christus und weibliche Allegorie des Glaubens zu deuten. Für die Renaissance typisch sind ebenso die Maskengesichter der Konsolen, die Pfostenschnitzereien und die bewehrten Atlanten in den Geschossbrüstungen, die wie aus Stein gemeißelt wirken.

Ikonologisch einmalig ist auch das Gestaltungskonzept, das auf einen gebildeten Hausbesitzer als Auftraggeber hinweist. Im ersten und zweiten Obergeschoss sind links und rechts von den Fenstern leicht abgeschrägte Pfostensäulen mit Figuren zu sehen: Es handelt sich um sieben Planetengötter und den Menschen. Man glaubte, die Planeten seien Götter, die das Schicksal der Menschen vorausbestimmten. Die Verehrung durch ihre Darstellung am Haus sollte sie gütig stimmen und den Bewohnern Glück bringen. Im ersten Obergeschoss sind dies von links Luna (Mond), Merkur und Sol (Sonne), im zweiten Obergeschoss Saturn, Jupiter, Mars und Venus. Damals waren die Planeten Uranus, Neptun und Pluto noch unentdeckt, währenddessen man die Sonne und den Mond fälschlich für Planeten hielt und die Erde für den Mittelpunkt des Universums.

In der Hausmitte steht im ersten Obergeschoss in einer Nische eine Muttergottes-Statue mit Jesuskind, um 1700 in Holz geschnitzt. Die Fenstermittelpfosten zeigen Pflanzendekor. Darüber befinden sich in den drei Dachgeschossen Speichertüren, die geschnitzte Säulenmenschen flankieren. Als Krönung reitet unter dem Aufzugsbalken in der Giebelspitze ein kleiner Nackedei auf einem Weinfässchen, der Weingott Bacchus, denn schließlich steht das ehemalige Metsieder- und Wirtshaus am Weinmarkt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gerfrid Arnold: Kalendertext in "Dinkelsbühl ist es wert ...", 2013. Erschienen zur 58 Cent-Briefmarke der Deutschen Post "Mitteldeutscher Fachwerkbau/vor 1600 Dinkelsbühl."

Koordinaten: 49° 4′ 10″ N, 10° 19′ 7″ O