Deutschlandticket

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Das Deutschlandticket, auch D-Ticket oder 49-Euro-Ticket genannt, ist eine für den 1. Januar 2023 angekündigte, deutschlandweit gültige Fahrkarte für den öffentlichen Personennahverkehr. Als dauerhaftes Nachfolgeangebot des 9-Euro-Tickets soll es im Abonnement 49 Euro pro Monat kosten; es wird mit je 1,5 Milliarden Euro vom Bund und den Ländern mitfinanziert.[1]

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Deutschlandticket soll, sofern bis dahin umsetzbar, zum 1. Januar 2023 eingeführt werden und monatlich 49 Euro kosten. Der Preis soll dynamisiert, das heißt jährlich automatisch an die Inflation angepasst werden.[2] Anders als das 9-Euro-Ticket soll das Deutschlandticket ausschließlich digital über die Apps und die Websites der Verkehrsunternehmen verfügbar sein.[3][4] Die Fahrkarte wird im Abonnement verkauft, das monatlich kündbar ist.[5]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine und den daraufhin verhängten Wirtschaftssanktionen stiegen die Energiepreise in Deutschland stark an, insbesondere jene für Erdgas und Strom. Deshalb beschloss das Kabinett Scholz verschiedene Maßnahmen zur finanziellen Entlastung der Bürger.[6][7] Eine davon war das 9-Euro-Ticket, das vom 1. Juni bis zum 31. August 2022 als Nahverkehrsticket bundesweit gültig war.[8] Bereits vor Einführung des 9-Euro-Tickets gab es Ideen, nach dem 9-Euro-Ticket dauerhaft einen Fahrschein, der deutschlandweit für den ÖPNV gültig ist, zu schaffen. In einem Working Paper schlug Daniel Herfurth von der Universität Konstanz das Deutschland-Ticket vor, das primär digital von einer zentralen Stelle, die dem Bundesministerium für Digitales und Verkehr angegliedert ist, vertrieben wird und langfristig die lokalen Tarifverbünde in Deutschland ersetzt. Nach Herfurths Konzept soll das Ticket nicht nur als Monatskarte, sondern perspektivisch auch für Einzelfahrten verfügbar sein und die Tickets auch bei Verkehrsunternehmen erworben werden können.[9]

Eine Nachfolge des 9-Euro-Tickets wurde von verschiedenen Seiten gefordert.[10] Beispielsweise schlug der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen ein Ticket für 69 Euro vor.[11] Während der Laufzeit des 9-Euro-Tickets lehnte vor allem Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) ein Nachfolgeangebot zunächst ab; er argumentierte, dass dem Bund keine Finanzmittel für ein Nachfolgeangebot zur Verfügung stehen,[8] und kritisierte, dass eine „Gratismentalität“ im öffentlichen Verkehr entstehe.[12] Hingegen positionierte sich Volker Wissing, Bundesverkehrsminister und Lindners Parteikollege, für ein Nachfolgeangebot und konnte Ende August 2022 mit Auslaufen des 9-Euro-Tickets bekanntgeben, dass er Lindner von einem Nachfolgeticket überzeugt habe.[13] Die Koalitionspartner Grüne und SPD befürworteten hingegen bereits von Beginn an ein Nachfolgeticket.[14][8] So nannte Bundeskanzler Olaf Scholz das 9-Euro-Ticket eines „der besten Ideen, die wir hatten“.[14] Als Preisspanne der Nachfolgefahrkarte wurden von den Grünen ein Ländermonatsticket für 29 Euro und ein Bundesmonatsticket für 49 Euro vorgeschlagen,[8] während seitens der SPD über Monatspreise zwischen 40 und 70 Euro gesprochen wurde.[14] Aus der Opposition forderte Markus Söder, Parteivorsitzender der CSU, ein ÖPNV-Jahresticket für 365 Euro.[15]

Die Bundesregierung gab im September 2022 bekannt, ein Nachfolgeticket zu planen, das zwischen 49 und 69 Euro koste.[16] Im selben Monat verlautbarte das Fernverkehrsunternehmen Flix, dass es seine Angebote in das 9-Euro-Nachfolgeticket integrieren möchte.[17] Während des 9-Euro-Tickets hatten sich die Fahrgastzahlen von Flix teilweise deutlich reduziert.[18] Christian Lindner betonte zudem, dass die Länder das Angebot mitfinanzieren müssten, da sie sowohl für den ÖPNV zuständig sind als auch anders als der Bund finanzielle Überschüsse hätten.[19] Aufgrund der geplanten Finanzierung gab es jedoch Kritik aus einigen unionsgeführten Bundesländern.[20] Sie gaben zwar an, ein Nachfolgeangebot des 9-Euro-Tickets zu befürworten, forderten jedoch mehr Regionalisierungsmittel für den öffentlichen Verkehr.[21] Aufgrund der gestiegenen Preise meinte Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter, dass die Länder anderenfalls das ÖPNV-Angebot reduzieren müssten.[22] Um die Differenzen zwischen Bund und Ländern zu beseitigen, wurde eine Arbeitsgruppe bis Ende Oktober 2022 gebildet.[21] Schließlich wurde am 2. November 2022 das Deutschlandticket für monatlich 49 Euro als Nachfolgeticket des 9-Euro-Tickets zum 1. Januar 2023 angekündigt. Dabei finanzieren Bund und Länder die Mehrkosten in Höhe von 3 Milliarden Euro pro Jahr jeweils zur Hälfte.[1] Zusätzlich erhalten die Länder mit einer Milliarde Euro dauerhaft höhere Regionalisierungsmittel zur Finanzierung des Bus- und Bahnangebots.[5] Mit dem Ticket soll die Attraktivität des ÖPNV erhöht, die Klimaziele besser erreicht und die Bürger finanziell entlastet werden. Über die weitere Entwicklung des Deutschlandtickets und der Regionalisierungsmittel ab 2025 planen Bund und Länder ab Ende 2024 zu diskutieren.[23]

Vor der Einführung müssen noch einige Gesetze geändert und beihilferechtliche Fragen auf EU-Ebene geklärt werden.[24]

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Verbraucherzentrale Bundesverband, der Verkehrsclub Deutschland und verschiedene Wissenschaftler kritisierten den als zu hoch angesehenen Preis der Fahrkarte und forderten, Sozialtickets für Bedürftige zu einem deutlich niedrigeren Preis (19 oder 29 Euro pro Monat) anzubieten.[25] Laut Greenpeace Deutschland käme dem Staat ein Preis von 29 Euro für jeden sogar günstiger zu stehen, da Umfragen zufolge doppelt so viele 29- wie 49-Euro-Tickets verkauft würden.[26] Auch Richard Seelmaecker von der CDU-Bürgerschaftsfraktion Hamburg kritisierte den Preis als zu hoch und forderte ein Monatsticket für 30 Euro, das jedoch eine regionalere Gültigkeit hat. Zudem kritisierte er, dass durch den digitalen Vertrieb vor allem älteren Menschen der Zugang zum Ticket erschwert wird.[27] Des Weiteren bemängelt der Mobilitätsexperte Jürgen Follmann, dass das Ticket finanziell nicht für alle, die von seiner Nutzung profitieren würden, zugänglich sei und es eines mehrstufigen Systems bedürfe, um allen Menschen in Deutschland Mobilität zu ermöglichen – unabhängig von ihrem sozioökonomischen Status. Vor allem Senioren, Schüler, Studierende sowie Landesbedienstete sollten in diesem Kontext einer besonderen Berücksichtigung unterzogen werden, so Follmann.[28] Auch aus Sicht der Linken ist das Ticket zu teuer,[29] während die AfD die staatlichen Subventionen für das Deutschlandticket als Fehlinvestition betrachtet und stattdessen forderte, die Subventionen in die Senkung der Diesel-Preise zu investieren.[30]

Wie Seelmaecker monierte der Landesverband Hessen des Fahrgastverbands Pro Bahn den digitalen Vertrieb der Fahrkarte, weil dadurch alle ausgeschlossen werden, die die dazu notwendige Technik nicht nutzen.[31] Verdi wies darauf hin, die Arbeitsbedingungen für Beschäftigte im ÖPNV sollten verbessert werden, um Mitarbeiter zu halten und neue zu gewinnen. Dem Verkehrswissenschaftler Christian Böttger zufolge setze der neue Tarif falsche Anreize, weil vor allem Pendler davon profitierten, die weitere Strecken führen. Gleichzeitig fehle es am Ausbau der Infrastruktur. Dagegen sah Jan Schlüter von der TU Dresden durch eine Stimulierung der Nachfrage die Möglichkeit eröffnet, zukünftige Investitionen zu tätigen.[25] Evelyn Palla, Vorstandsvorsitzende DB Regio, bewertete es als wegweisend für den Nahverkehr.[32] Dagegen kritisierten Thomas Prechtl, Präsident des Bundesverbands SchienenNahverkehr, und Martin Burkert, Vorsitzender der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, die zusätzlichen Regionalisierungsmittel als nicht ausreichend. Demnach sei es schwierig, mit diesen Mitteln den ÖPNV auszubauen.[5]

Die Verkehrsunternehmen betonten, die Einführung der neuen Fahrkarte sei wahrscheinlich erst zum März 2023 möglich, da der Aufbau der neuen Vertriebswege aufwändig sei. Viele Betriebe würden das Ticket zumindest zu Anfang auch als Fahrkarte auf Papier anbieten müssen, da der digitale Vertrieb erst vorbereitet werden müsse.[33] Pro Bahn hält eine Einführung zum April für wahrscheinlicher.[34]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Deutschlandticket. Fragen und Antworten zum Deutschlandticket auf dem Internetauftritt der Deutschen Bahn

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b 49-Euro-Ticket: Bund und Länder einigen sich auf Finanzierung. In: Spiegel Online. 2. November 2022, abgerufen am 3. November 2022.
  2. 49-Euro-Ticket kommt: Das sind die Details, abgerufen am 4. November 2022.
  3. 49-Euro-Ticket: Wo und ab wann kann ich die Fahrkarte kaufen? In: merkur.de. 3. November 2022, abgerufen am 4. November 2022.
  4. 49-Euro-Ticket: Was du über das Deutschlandticket wissen solltest, abgerufen am 4. November 2022.
  5. a b c So soll das „Deutschlandticket“ funktionieren. In: tagesschau.de. 3. November 2022, abgerufen am 8. November 2022.
  6. Alisha Mendgen: 9-Euro-Ticket: Verkehrsverbünde visieren Einführung am 1. Juni an. In: rnd.de. 1. April 2022, abgerufen am 18. April 2022.
  7. Jona Spreter, Tina Groll: Ampel beschließt 300 Euro Einmalzahlung – Tanken wird günstiger. In: zeit.de. 24. März 2022, abgerufen am 26. April 2022.
  8. a b c d Grünen-Chefin Lang will schnell Nachfolger für 9-Euro-Ticket, abgerufen am 4. November 2022.
  9. Daniel Herfurth: Das Neun-Euro-Ticket als Startschuss für ein dauerhaftes Deutschland-Ticket. Ein zweistufiges Modell zur Umsetzung. KOPS Universität Konstanz, Konstanz 2022.
  10. Verkehrsminister beraten: Nachfolger für das 9-Euro-Ticket gesucht. tagesschau, 12. Oktober 2022, abgerufen am 3. November 2022.
  11. Pressezitat Wolff: „Bundesweites Klimaticket für 69 Euro zum 1. September ist umsetzbar“. VDV Die Verkehrsunternehmen, 15. Juli 2022, abgerufen am 3. November 2022.
  12. Christian Lindner und die deutsche Gratismentalität, abgerufen am 4. November 2022.
  13. Wissing überzeugt Lindner von Nachfolger für 9-Euro-Ticket, abgerufen am 4. November 2022.
  14. a b c SPD-Verkehrspolitiker für „40-bis-70-Euro-Ticket“, abgerufen am 4. November 2022.
  15. Markus Söder fordert 365-Euro-Jahresticket, abgerufen am 4. November 2022.
  16. Ampel streitet weiter über bundesweites Ticket. ntv, 5. September 2022, abgerufen am 3. November 2022.
  17. „Wir stehen bereit“ – Flix-CEO André Schwämmlein will Fernbusse in 9-Euro-Nachfolge integrieren, abgerufen am 4. November 2022.
  18. Flixbus leidet unter 9-Euro-Ticket, abgerufen am 4. November 2022.
  19. Lindner sieht Länder beim Nahverkehr in der Pflicht, abgerufen am 4. November 2022.
  20. 9-Euro-Ticket: Bayern will kein Geld für Nachfolger geben. RedaktionsNetzwerk Deutschland, 5. September 2022, abgerufen am 3. November 2022.
  21. a b 9-Euro-Ticket-Nachfolger soll kommen – Bayern will nicht zahlen, abgerufen am 4. November 2022.
  22. Bayern sieht keine Chance für 49-Euro-Ticket ohne mehr Geld vom Bund, abgerufen am 4. November 2022.
  23. Besprechung des Bundeskanzlers mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs der Länder am 2. November 2022: Beschluss, Ziffer 4, S. 6f., abgerufen am 3. November 2022.
  24. Corinna Budras: Das Deutschlandticket hat Verspätung. In: www.faz.net. 21. November 2022, abgerufen am 22. November 2022.
  25. a b 49-Euro-Ticket: Verbände fordern „Sozialvariante“, Wissenschaft reagiert unterschiedlich. In: Deutschlandfunk Nachrichten. 3. November 2022, abgerufen am 3. November 2022.
  26. Anschluss nicht verpassen. In: greenpeace.de. 10. Oktober 2022, abgerufen am 4. November 2022.
  27. 49-Euro-Ticket: Hamburger CDU und Linke sind unzufrieden. NDR, 14. Oktober 2022, abgerufen am 8. November 2022.
  28. 49-Euro-Ticket im Nahverkehr: Schafft Deutschland so die Verkehrswende? In: Tagesschau. 17. November 2022, abgerufen am 24. November 2022.
  29. Linke hält ein 49-Euro-Ticket für zu teuer. Handelsblatt, 13. Oktober 2022, archiviert vom Original am 6. November 2022; abgerufen am 8. November 2022.
  30. Dirk Spaniel: Milliarden für Deutschlandticket besser zur Reduzierung der Kraftstoffpreise einsetzen, abgerufen am 6. November 2022.
  31. Vivian Werg: Das 49-Euro-Ticket kommt: Was die Verkehrsverbünde in Hessen zum „Deutschlandticket“ sagen. In: Frankfurter Neue Presse. 4. November 2022, abgerufen am 5. November 2022.
  32. „Flatrate für den Regionalverkehr“: Deutsche Bahn-Vorständin lobt Einigung bei Deutschlandticket für 49 Euro. In: Der Tagesspiegel, 3. November 2022, via Microsoft Start, abgerufen am 4. November 2022.
  33. Verkehrsunternehmen: 49-Euro-Ticket ab Januar nicht machbar. In: tagesschau.de. 3. November 2022, abgerufen am 3. November 2022.
  34. Pro Bahn: 49 Euro Ticket wohl erst im April. In: ZDF heute. Zweites Detusches Fernsehen, 22. November 2022, abgerufen am 24. November 2022.