Diabetes insipidus

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Klassifikation nach ICD-10
E23.2 Hypophysärer Diabetes insipidus
N25.1 Renaler Diabetes insipidus
ICD-10 online (WHO-Version 2019)

Der Diabetes insipidus (von altgriechisch διαβαίνειν diabainein ‚hindurch passieren‘ und lateinisch insipidus ‚ohne Geschmack‘: „geschmacklose Harnruhr“ – im Gegensatz zur „honigsüßen Harnruhr“, „Honigharnruhr“,[1] dem Diabetes mellitus), auch Diabetes spurius, Wasserharnruhr und (seltener) Wasserruhr oder Durstkrankheit genannt, ist eine angeborene oder erworbene Krankheit.

Der Diabetes insipidus ist charakterisiert durch eine vermehrte Urinausscheidung (Polyurie, hier eine primäre Polyurie) und ein gesteigertes Durstgefühl (Polydipsie) mit vermehrtem Trinken. Meistens liegt ihre Ursache in einer Störung der neurohumoralen Regulation zwischen Hypophysenhinterlappen und hypothalamischen Kernen. Betroffen sind eher Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene als ältere Menschen.[2][3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schon 1886 unterschied die Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde bei der „einfachen Harnruhr“ zwischen dem vererbten primären Diabetes insipidus und dem erworbenen sekundären Diabetes insipidus. „Pathogenetisch lässt sich der Diabetes insipidus zumeist auf nervöse Störungen zurückführen. Fälle auf hereditärer Basis können das ganze Leben fortbestehen. Heilungen sind im Allgemeinen selten. Von Medicamenten vermindern die Harnausscheidung am meisten das Opium und seine Präparate. Auch Belladonna und Valeriana werden gerühmt. Bei offensichtlicher Aetiologie des Leidens muss die Therapie gegen das Grundübel gerichtet sein.“[4]

Symptomatik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die 24-stündige Harn-Menge kann in excessiven Fällen sogar die Menge von 20 Liter übersteigen. „Es gibt aber Fälle, die 30 l trinken.“[5] „Im Extremfall kann es zur Ausscheidung von bis zu 40 l Urin pro Tag kommen.“[6]

Formen des Diabetes insipidus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diabetes insipidus centralis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Beim zentralen Diabetes insipidus (genannt auch hypophysärer Diabetes insipidus,[7] Diabetes insipidus neurohormonalis oder hypophysär-dienzephale Polyurie) ist die Ursache ein Fehlen oder eine unzureichende Produktion des antidiuretischen Hormons ADH (Syn.: Vasopressin) im Hypothalamus, ein fehlender Transport des ADH vom Hypothalamus über den Hypophysenstiel in den Hypophysenhinterlappen oder ein Fehlen der Speicherung oder eine ausbleibende Sekretion des ADH im Hypophysenhinterlappen. Das ADH wirkt an den Sammelrohren antidiuretisch – es wirkt also der Harnausscheidung entgegen – und führt zur Bildung eines konzentrierteren Urins.

Für den ADH-Mangel können ein Schädel-Hirn-Trauma mit Abriss des Hypophysenstiels, eine Zyste, eine Operation, eine Entzündung, eine infiltrative Erkrankung, eine Blutung, ein Infarkt oder ein Tumor im Hypothalamus oder in der Hypophyse verantwortlich sein. Seltener können auch eine septische Granulomatose, zum Beispiel eine Langerhans-Zell-Histiozytose, eine Sarkoidose oder eine Granulomatose mit Polyangiitis, einen zentralen Diabetes insipidus auslösen. Aber auch ein familiärer Diabetes insipidus mit einem kongenitalen, autosomal-dominant vererbten Erbfehler ist möglich als Ursache. Bei einem Drittel aller Diabetes-insipidus-Fälle ist die Ursache nicht bekannt, und es wird eine Autoimmunerkrankung mit Autoantikörpern gegen die vasopressinproduzierenden Zellen vermutet.

Diabetes insipidus renalis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe Hauptartikel: Diabetes insipidus renalis

Bei der seltenen Form des renalen (auch: nephrogenen = von der Niere ausgehenden) Diabetes insipidus (Syn. ADH- bzw. Vasopressin-resistenter Diabetes insipidus) liegt der Defekt in der Niere, die trotz Anwesenheit des Hormons ADH keinen normal konzentrierten Harn bilden kann, da der für die Rückresorption des Wassers aus dem Primärharn nötige Aquaporinkanal AQP2 defekt ist bzw. fehlt oder da die Nierentubuli durch chronische Nierenerkrankungen oder Medikamente (z. B. Lithium) zu stark geschädigt sind.[8]

Bei beiden Formen scheidet die Niere vermehrt Wasser aus. Wenn Wasser nicht genügend durch Trinken ersetzt wird, kommt es zu einer Konzentrierung von Natrium im Blut (Hypernatriämie), einer sogenannten hypertonen Dehydratation.

Andere Formen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Diabetes insipidus occultus, Diabetes insipidus hypersalaemicus occultus oder auch Diabetes insipidus hypersalaemicus ist eine vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern vorkommende Form, bei der infolge einer Störung des Durstmechanismus die Stoffwechselstörung nicht erkannt wird. Eine unzureichende Flüssigkeitszufuhr führt zu einer Hyperelektrolytämie, zu intermittierendem Durstfieber, zu einer Obstipation und zu Mindergedeihen. Der Durstmechanismus setzt meistens vor dem zehnten Lebensmonat ein.[9]

Diagnostik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anamnese
  • Laboruntersuchung von Serum- und Urinosmolarität
  • ADH-Gabe mit Anstieg der Urinosmolarität beim zentralen Diabetes insipidus und fehlendem Anstieg beim renalen Diabetes insipidus
  • Beim Durstversuch wird nach einer nächtlichen Durstperiode die ADH-Konzentration (Antidiuretisches Hormon, Vasopressin) im Blutplasma oder im Urin gemessen; bei vorliegendem Diabetes insipidus centralis bleibt ein Anstieg des ADH aus. Ein weiterer Test besteht darin, während des Durstens periodisch Messungen in Bezug auf Volumen, spezifisches Gewicht und Osmolarität des gesammelten Harns vorzunehmen. Ein konstantes Harnvolumen und niedrige Osmolarität sind für einen Diabetes insipidus symptomatisch. Beim Gesunden steigen Uringewicht und Osmolarität physiologischerweise an. Statt ADH wird mittlerweile Copeptin gemessen, da es leichter messbar ist als ADH.[10]
  • Suche nach der Grunderkrankung
Differentialdiagnose der Harnkonzentrierungsstörungen[11]
Bartter-Syndrom Schwartz-Bartter-Syndrom Diabetes insipidus centralis Diabetes insipidus renalis
Pathophysiologie Kanaldefekt in der Niere
(Na+/K+/2Cl-Symporter, ROMK oder CLCKB)
unangemessen hohe ADH-Sekretion
unzureichende ADH-Sekretion
ADH-Typ 2-Rezeptordefekt
oder Aquaporin 2-Defekt
Ätiologie erblich (autosomal-rezessiv)
  1. paraneoplastisch (kleinzelliges Bronchialkarzinom)
  2. sekundär bei Infektionen oder ZNS-Störungen
  1. idiopathisch (ca. 1/3 der Fälle)
  2. sekundär bei Tumoren, nach Trauma, bei Infektionen
  1. erblich (X-chromosomal- oder autosomal-rezessiv)
  2. erworben bei Nierenerkrankung
Klinik Salzappetit, Muskelschwäche und Muskelschmerzen, Krämpfe ZNS-Symptomatik, Muskelschwäche und Muskelschmerzen, Krämpfe erhöhte Urinmenge, erhöhte Trinkmenge erhöhte Urinmenge, erhöhte Trinkmenge
Labor Serum: Na+ ↓, K+ ↓, Osmolalität ↓, pH-Wert Serum: ADH ↑, Na+ ↓, K+ ↓, Osmolalität ↓, pH-Wert Serum: ADH ↓, Na+ ↑, Osmolalität Serum: ADH ↔, Na+ ↑, Osmolalität
Urin: Na+ ↑, K+ ↑, Osmolalität Urin: Na+ ↑, Osmolalität Urin: Na+ ↓, Osmolalität Urin: Na+ ↓, Osmolalität
Weitere Diagnostik Nachweis eines sekundären Hyperaldosteronismus
  1. Durstversuch: ADH
  2. Desmopressin-Test: Urin-Osmolalität
  1. Durstversuch: ADH
  2. Desmopressin-Test: Urin-Osmolalität

Therapie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Therapeutische Ansätze sind die Korrektur und Vermeidung eines etwaigen Wasserdefizits sowie eine Reduktion der Urinverluste. Bei wachen Patienten mit intaktem Durstgefühl sind Polyurie und Polydipsie oft einschränkend im Alltag und deshalb zu beheben. Bei komatösen Patienten besteht dagegen die Gefahr der Dehydratation und Hypernatriämie.[12]

Bei ADH-Mangel wird synthetisches ADH (bzw. das ADH-Analogon Desmopressin) täglich als Nasenspray, Tablette oder subkutane Injektion verabreicht. Das ADH gelangt ins Blut und mit dem Blut zu den Nieren. Beim renalen Diabetes insipidus ist die Therapie schwieriger. Erhöhte Flüssigkeitszufuhr ist hier obligat. Außerdem können Thiazid-Diuretika hilfreich sein, da sie eine vermehrte Natriumausscheidung und konzentrierteren Urin bewirken. Insbesondere bei Vorliegen eines zentralen Diabetes insipidus muss nach behandelbaren Grunderkrankungen, wie beispielsweise Tumoren des Zwischenhirns (Diencephalon), gesucht werden.

Ältere Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Joachim Frey: Hypophysär-diencephale Poly- und Oligurie. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. 1. Auflage, Springer-Verlag, Berlin/ Göttingen/ Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 917–919.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage, Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, S. 305. Digitalisat der Ausgabe von 1844, Internet Archive.
  2. Ludwig Weissbecker: Krankheiten des Hypophysen-Zwischenhirnsystems. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/ Göttingen/ Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 1008–1013, hier: S. 1009 f.
  3. Diabetes insipidus. Auf: medizinfo.de; abgerufen am 9. Februar 2018.
  4. Real-Encyclopädie der gesammten Heilkunde. Band V. Urban & Schwarzenberg, Wien/ Leipzig 1886, S. 249 f.
  5. Ernst Lauda: Lehrbuch der inneren Medizin. 3. Band, Springer-Verlag, Wien 1951, Kapitel: Diabetes insipidus, S. 14 f.
  6. Peter Reuter: Springer Klinisches Wörterbuch 2007/2008. 1. Auflage, Springer-Verlag, Heidelberg 2007, ISBN 978-3-540-34601-2, S. 410.
  7. Tinsley Randolph Harrison: Harrisons Innere Medizin. 20. Auflage, Thieme, Berlin 2020, ISBN 978-3-13-243524-7, 4. Band, S. 3332.
  8. Ralf Zarbock: Diabetes insipidus renalis (NDI). In: MVZ Martinsried. Zentrum für Humangenetik und Laboratoriumsdiagnostik (MVZ) Dr. Klein, Dr. Rost und Kollegen, abgerufen am 1. Februar 2022.
  9. Günter Thiele, Heinz Walter (Hrsg.): Reallexikon der Medizin und ihrer Grenzgebiete. Loseblattsammlung 1966–1977, 2. Ordner (Carg–Ez), Urban & Schwarzenberg, München/ Berlin/ Wien 1967, ISBN 3-541-84000-5, S. D 111 f.
  10. Wiebke Fenske, Julie Refardt, Irina Chifu, Ingeborg Schnyder et al.: A Copeptin-Based Approach in the Diagnosis of Diabetes Insipidus. In: The New England Journal of Medicine. Band 379, 2018, S. 428-39, doi:10.1056/NEJMoa1803760.
  11. Gerd Herold und Mitarbeiter: Innere Medizin 2020. Selbstverlag, Köln 2020, ISBN 978-3-9814660-9-6, S. 633 und 803–805.
  12. Sandrina Balanescua, Jonas Rutishauser: Diabetes insipidus: Differentialdiagnostik und Therapie. In: Schweizerisches Medizin-Forum. 2010, Nr. 123.