Dichter und Denker

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Dichter und Denker ist eine stehende Wendung, die die Verbindung von Kunst und Wissenschaft in einer Person oder Gruppe bezeichnet. Üblicherweise werden mit dem Volk der Dichter und Denker die Deutschen und mit dem Land der Dichter und Denker Deutschland bezeichnet.[1]

Wortgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wortverbindung, eine Zwillingsformel,[2] stammt vermutlich aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wird seit etwa 1810 auch im Ausland – zum Teil abwertend – für das deutsche Bildungsbürgertum verwendet. Die Urheberschaft ist ungeklärt und wird teilweise dem sogenannten „Franzosenfresser“, dem Literaturhistoriker Wolfgang Menzel, zugeschrieben,[3] der 1828 seinen Überblick über Die deutsche Literatur folgendermaßen begann:

„Die Deutschen thun nicht viel, aber sie schreiben desto mehr. Wenn dereist ein Bürger der kommenden Jahrhunderte auf den gegenwärtigen Zeitpunkt der deutschen Geschichte zurückblickt, so werden ihm mehr Bücher als Menschen vorkommen. […] Er wird sagen, wir haben geschlafen und in Büchern geträumt. […] Das sinnige deutsche Volk liebt es zu denken und zu dichten, und zum Schreiben hat es immer Zeit.“[4]

Einzelne haben den Ursprung des Begriffs in der Widmung des Werks Ernest Maltravers or the Eleusinia (1837) von Edward Bulwer gesehen: „To the great German people, a race of thinkers and of critics“.[5]

Ähnliche Begrifflichkeiten waren auch zuvor schon verwendet worden. Die gängigen phraseologischen Nachschlagewerke[6] führen die Wendung auf den Schriftsteller Johann Karl August Musäus zurück, der einige Jahrzehnte vor ihrer weiten Verbreitung im Vorbericht an Herrn David Runkel, Denker und Küster… zu seinen Volksmärchen der Deutschen (1782–1786) schrieb: „Was wäre das enthusiastische Volk unserer Denker, Dichter, Schweber, Seher ohne die glücklichen Einflüsse der Fantasie?“[7] Musäus hatte bereits in seinen Physiognomischen Reisen die Wortfolge „Denker und Dichter“ verwendet,[8] die auch Saul Ascher in seiner Streitschrift Germanomanie (1815) benutzte; er schrieb über „die Dichter und Denker, welche Deutschlands Kultur im achtzehnten Jahrhundert auf eine hohe Stufe der Bildung emporhoben“.[9]

Die französische Schriftstellerin Madame de Staël sprach von den Deutschen als den dichtenden und denkenden Menschen in ihrem Buch De l’Allemagne, das 1813 in England erschien, nachdem es 1810 in Frankreich verboten worden war:

„Da die ausgezeichneten Männer Deutschlands nicht in einer und derselben Stadt versammelt sind, so sehen sie sich beinahe gar nicht, und stehen nur durch ihre Schriften mit einander in Verbindung. … Die deutschen Schriftsteller beschäftigen sich nur mit Theorieen, mit Gelehrsamkeit, mit literärischen und philosophischen Untersuchungen, und davon war für die Mächtigen dieser Welt nichts zu fürchten.“[10]

Dieses romantisierende Deutschlandbild politikferner intellektueller Eliten verbreitete sich im ganzen Mittelmeerraum,[11] während es im deutschen Sprachraum wiederum durchaus mit Stolz angenommen wurde, etwa Klopstock und seine Deutsche Gelehrtenrepublik.[12] So sieht der Sprachwissenschaftler Hans-Georg Müller die Wendung als „meist von Deutschen in überheblicher Manier“ verwendet.[2]

Der Germanist Günter Schäfer-Hartmann hat das Aufkommen dieser Wendung mit den geistesgeschichtlichen Strömungen des 19. Jahrhunderts in Beziehung gesetzt: Sie stehe mit der unter anderem von Jacob Grimm vertretenen Idee im Zusammenhang, es gebe einen Volksgeist, der das Volk zu einem dichtenden Kollektiv forme und damit abseits der „Kunstpoesie“ der höfischen Überlieferung eine „Naturpoesie“ hervorbringe, die „dem deutschen Volk eigentümlich“ se. In diesem Diskurs verortet Schäfer-Hartmann auch Robert Prutz, der in seinem Aufsatz Die politische Poesie der Deutschen 1845 schrieb: „Das deutsche Volk ist kein Volk der That […]. Wir sind die weise Frau der Weltgeschichte, die großen Ideologen, die den Nationen Unterricht geben in der Philosophie und der Poesie und der Kunst und kurzum, in allen Dingen, zu deren Ausführung man nicht vom Stuhl aufzustehen braucht; wir erobern auch die Welt, aber nicht mit Schwertern, sondern mit Lehrsätzen und Gedichten.“[13]

Im 20. Jahrhundert wurde die Wendung zunehmend zur Erinnerung und Mahnung an die geistesgeschichtlich große Zeit der Klassik und Romantik benutzt.[14] So schrieb etwa Thomas Mann in seiner 1945 veröffentlichten Essaysammlung Adel des Geistes über Adelbert von Chamisso, dieser sei zu Beginn des 19. Jahrhunderts „aus einem französischen Knaben ein deutscher Dichter“ geworden: „Ein deutscher Dichter: das war etwas dazumal in der Welt. Das Wort vom Volke der Dichter und Denker stand in seiner vollen Geltung. […] Ein Deutscher sein, das hieß beinahe ein Dichter sein. Aber noch mehr: ein Dichter sein, das hieß beinahe auch schon, ein Deutscher sein.“[15]

Gelegentlich wird auch von einer bestimmten Stadt der Dichter und Denker gesprochen, darunter Weimar.[16]

Abwandlungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wendung ist vielfach abgewandelt worden. Ein bekanntes Beispiel ist der Satiriker Karl Kraus, der in Die letzten Tage der Menschheit den „Nörgler“ (sein literarisches Alter Ego) vom „Volk der Richter und Henker“ sprechen ließ: „Die deutsche Bildung ist kein Inhalt, sondern ein Schmückedeinheim, mit dem sich das Volk der Richter und Henker seine Leere ornamentiert.“[17]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Siehe Wolfgang Frühwald u. a.: Sind wir noch das Volk der Dichter und Denker? Winter, Heidelberg 2004, ISBN 3-8253-1556-8.
  2. a b Hans-Georg Müller: Adleraug und Luchsenohr: Deutsche Zwillingsformeln und ihr Gebrauch. Peter Lang, Frankfurt am Main 2009, S. 158 f.
  3. Siehe etwa Günter Schäfer-Hartmann: Literaturgeschichte als wahre Geschichte: Mittelalterrezeption in der deutschen Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts und politische Instrumentalierung des Mittelalters durch Preußen. Peter Lang, Frankfurt am Main 2009, S. 134; Torsten Unger: Goethes Kritiker: Fürstenknecht und Idiotenreptil. Sutton, Erfurt 2012, S. 114.
  4. Wolfgang Menzel: Die deutsche Literatur. 2., vermehrte Auflage (zuerst 1828). Hallberg, Stuttgart 1836, S. 3 f.
  5. Widmung; diese Deutung wird beispielsweise vertreten von Friedrich Kainz: Klassik und Romantik. In: Friedrich Maurer, Heinz Rupp (Hrsg.): Deutsche Wortgeschichte. Bd. 2. De Gruyter, Berlin 1974, ISBN 3-11-003619-3, S. 338 und von Helmut Schmidt: Außer Dienst. Siedler, München 2008, ISBN 978-3-88680-863-2, S. 76.
  6. Das große Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten. Freiburg 1991, S. 318 f.; Duden-Redewendungen. 2008, S. 827; Georg Büchmann: Geflügelte Worte. Berlin 1961, S. 162.
  7. Mit dem Hinweis, der Ausdruck gehe auf Musäus zurück, zitiert nach Gottfried Honnefelder, Anne-Katrin Leenen: Geistiges Eigentum: Schutzrecht oder Ausbeutungstitel? (= Bibliothek des Eigentums. Bd. 5). Springer, Heidelberg 2008, ISBN 978-3-540-77749-6, Kapitel Das „Volk der Dichter und Denker“ ohne Schutz seines geistigen Eigentums? S. 47–56 (Vorschau).
  8. Johann Karl August Musäus: Physiognomische Reisen. 3. Heft, 1779, S. 101.
  9. Saul Ascher: Die Germanomanie. Skizze zu einem Zeitgemälde. Achenwall, Berlin 1815, S. 18 f. Die Verbindung mit dem Volk der Dichter und Denker stellt Friedrich Kainz her; ders.: Klassik und Romantik. In: Friedrich Maurer, Heinz Rupp (Hrsg.): Deutsche Wortgeschichte. Bd. 2. De Gruyter, Berlin 1974, ISBN 3-11-003619-3, S. 338.
  10. Germaine de Staël: Deutschland. Aus dem Französischen übersetzt. 1. Band, Reutlingen 1815, S. 111 f.
  11. Hanna Milling: Das Fremde im Spiegel des Selbst: Deutschland seit dem Mauerfall aus Sicht französischer, italienischer und spanischer Deutschlandexperten. Berlin 2010, S. 88.
  12. Klopstocks Gelehrtenrepublik (mit Einordnung) in Literatur-Live.de, abgerufen am 11. Januar 2014.
  13. Zitate und Gedankengang nach Günter Schäfer-Hartmann: Literaturgeschichte als wahre Geschichte: Mittelalterrezeption in der deutschen Literaturgeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts und politische Instrumentalierung des Mittelalters durch Preußen. Peter Lang, Frankfurt am Main 2009, zugleich Dissertation, Universität Kassel, 2008, S. 133–135.
  14. Walter Boehlich: Sind wir noch ein Volk der Dichter und Denker? In: Die Zeit, 14. Februar 1964; Hans Meyer: Das Wort von den Dichtern und Denkern. In: Die Zeit, 10. April 1964.
  15. Zitiert nach Heinrich Detering u. a. (Hrsg.): Große Frankfurter Ausgabe. Thomas Mann: Essays I, 1893–1914. Fischer, Frankfurt am Main 2002, S. 250 f. Zuerst bei Thomas Mann: Chamisso. In: ders.: Adel des Geistes. Sechzehn Versuche zum Problem der Humanität. Bermann, Stockholm 1945, S. 26–48. Diese Stelle wird als Referenz für die Verwendung von Dichter und Denker zitiert bei Hans-Georg Müller: Adleraug und Luchsenohr: Deutsche Zwillingsformeln und ihr Gebrauch. Peter Lang, Frankfurt am Main 2009, S. 159.
  16. Weimar – Stadt der Dichter und Denker. In: Erfurt.de.
  17. Mit Kontextualisierung zitiert nach Joachim W. Storck: Karl Kraus – ein Antipode der Identitäten. In: Ariane Huml, Monika Rappenecker (Hrsg.): Jüdische Intellektuelle im 20. Jahrhundert. Literatur- und kulturgeschichtliche Studien. Königshausen & Neumann, Würzburg 2003, S. 99–118, hier S. 107 f.