Didier Eribon

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Didier Eribon (* 10. Juli 1953 in Reims) ist ein französischer Journalist, Autor, Soziologe und Philosoph. Er forscht und lehrt als Professor an der Universität Amiens.[1] Im deutschsprachigen Raum kam 2016 sein Bestseller Rückkehr nach Reims heraus, eines seiner Hauptwerke, das in Frankreich bereits 2009 erschienen war.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eribon wurde 1953 in Reims geboren, wo er seine Kindheit verbrachte. In seiner „autobiografischen Analyse“ Rückkehr nach Reims aus dem Jahr 2009 (dt. 2016) erinnert er sich an Reims „als Stadt der Beleidigung“ und an seine dortige Existenz als Arbeiterkind, das seine Homosexualität entdeckt und deshalb geschmäht wird.[2]

Er studierte Philosophie zunächst in Reims, dann in Paris. Er wollte Lehrer werden, scheiterte aber und schloss auch seine Doktorarbeit nicht ab. Anders als seinerzeit in den deutschsprachigen Ländern kann man in Frankreich auch ohne Habilitationsschrift an Universitäten als Hochschullehrer tätig sein. Eribon begann als Journalist über Philosophie und Literatur zu schreiben. Von der Libération wechselte er zum Magazin Le Nouvel Observateur.[3] Eribon wandte sich dann zunehmend dem Schreiben über die Themen Geschichte des schwulen Lebens und schwuler Subjektivität zu[4] und verstand seinen Beruf als Journalist vermehrt nur noch als Broterwerb, der ihm das Verfassen von Büchern erlaubte.[5] Später erhielt er eine Anstellung als Hochschullehrer an der Universität Amiens. Daneben hatte er mehrere Jahre Gastprofessuren an der University of California in Berkeley sowie am Institute for Advanced Study in Princeton inne.

Eribon verfasste als Autor zahlreiche Bücher, darunter Gesprächs- und Interviewbände mit Georges Dumézil, Claude Lévi-Strauss und Ernst H. Gombrich. 1989 veröffentlichte er eine viel beachtete und seither in zahlreichen Auflagen und Übersetzungen erschienene Biografie zu Michel Foucault. Daniel Defert, Lebensgefährte Foucaults, urteilte über diese Biografie: „Für meinen Geschmack war sie […] zu sehr die Geschichte Foucaults als Akademiker, also war ich etwas enttäuscht, weil sie nicht Foucault zeigte, wie er war.“ Eribon habe „die fantastischen und leidenschaftlichen Aspekte“ des Lebens Foucaults ausgeblendet.[6]

Die französische Ausgabe seines autobiografisch geprägten „nonfiktionalen Romans“ Rückkehr nach Reims über seine Kindheit in einem vorwiegend kommunistischen Arbeiterviertel in Reims erschien in Frankreich 2009 und auf Deutsch 2016. Im deutschsprachigen Raum verkauft sich das Buch sehr gut.[7] Er stellt den Text partiell in die Tradition von Pierre Bourdieu. Dazu äußerte er im September 2016: „Ich habe mich schon immer für die Geschichten der sozialen Klassen und sozialen Unterschiede in der Gesellschaft und das Reproduzieren sozialer Klassen interessiert. Zum Beispiel durch das Schulsystem.“[8]

Im Abschnitt Klassen schildert Eribon, wie sich insbesondere seine Mutter seit Anfang der 1980er Jahre allmählich von der kommunistischen Partei und später auch von der kommunistischen Gewerkschaft CGT abgewandt und den Rechtspopulisten zugewandt hatte.[9]

Eribon resümierte[10]:

„Mit der Entscheidung für linke Parteien wählte man gewissermaßen gegen seinen unmittelbaren rassistischen Reflex an. (...) Außerhalb des engsten Familienkreises fühlte man sich verpflichtet, rassistische Äußerungen zurückzunehmen. (...) Der von den «französischen» populären Klassen geteilte «Gemeinschaftssinn» wandelte sich von Grund auf. Die Eigenschaft, Franzose zu sein wurde zu seinem zentralen Element und löste als solches das Arbeitersein oder Linkssein ab.“

Bei der Präsidentschaftswahl 2017 stimmte er nach eigener Aussage auf seiner Homepage im ersten Wahlgang am 23. April für den Linken Jean-Luc Mélenchon. Im zweiten und entscheidenden Wahlgang sprach er sich aufgrund der Haltung der Kandidaten zur Sozialen Gerechtigkeit für einen Wahlboykott aus. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung äußerte er in Bezug auf die Stichwahl dezidiert: „Wer Macron wählt, wählt Le Pen.“ Das Phänomen, dass frühere Linke jetzt für die Rechten votierten, finde sich in ganz Europa. Schröder und Blair hätten den Neoliberalismus adaptiert und vorangebracht und somit „die Grundsätze von Sozialismus und Sozialdemokratie verraten“.[11]

In einem Exklusivinterview mit dem Titel Der Zeitgeist ist faschistoid vom März 2017 mit dem Publikationsorgan der Bundeszentrale für Politische Bildung weist er auf die unterschiedliche historische Entwicklung in Frankreich und Deutschland seit 2009 hin.[12]

Eribon schreibt regelmäßig im französischen Wochenmagazin Le Nouvel Observateur zu philosophischen und gesellschaftskritischen Fragen.

Er lebt in Paris.

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Brudner Prize, 2008.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • (mit Georges Dumézil): Entretiens avec Didier Eribon. Gallimard, Paris 1987. ISBN 2-07-032398-6.
  • Michel Foucault (1926–1984). Flammarion, Paris 1989. ISBN 2-08-064991-4. 3., durchgesehene und erweiterte Aufl. 2011. ISBN 978-2-08-121800-0.
    • dt.: Michel Foucault. Eine Biographie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1991. ISBN 3-518-40335-4.
  • (mit Ernst H. Gombrich): Ce que l'image nous dit. Entretiens sur l'art et la science. Biro, Paris 1991. ISBN 2-87660-134-6
    • dt.: Die Kunst, Bilder zum Sprechen zu bringen. Ein Gespräch mit Didier Eribon, übersetzt von Joachim Kafka. Klett-Cotta, Stuttgart 1993. ISBN 3-608-93187-2.
  • (mit Claude Lévi-Strauss): De près et de loin. Jacob, Paris 1988. ISBN 2-7381-0039-2.
    • dt.: Das Nahe und das Ferne. Eine Autobiographie in Gesprächen, übersetzt von Hans-Horst Menschen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1989. ISBN 3-10-021405-6
  • Michel Foucault et ses contemporains. Fayard, Paris 1994. ISBN 2-213-59336-1.
    • dt.: Michel Foucault und seine Zeitgenossen, übers. von Michael von Killisch-Horn. Boer, München 1998. ISBN 3-924963-82-7.
  • (als Hrsg.): Les études gay et lesbiennes. Paris 1998. ISBN 2-85850-956-5
  • Réflexions sur la question gay. Fayard, Paris 1999. ISBN 2-213-60098-8.
    • engl.: Insult and the Making of the Gay Self, übersetzt von Michael Lucey. Duke University Press, Durham 2004. ISBN 978-082-233-371-5.
  • Papiers d'identité. Interventions sur la question gay. Fayard, Paris 2000. ISBN 2-213-60576-9
  • Une morale du minoritaire. Variations sur un thème de Jean Genet. Fayard, Paris 2001. ISBN 2-213-60918-7
  • Hérésies. Essais sur la théorie de la sexualité. Fayard, Paris 2003. ISBN 2-213-61423-7.
  • (als Hrsg.): Dictionnaire des cultures gays et lesbiennes. Larousse, Paris 2003. ISBN 2-03-505164-9.
  • Sur cet instant fragile... Carnets, janvier-août 2004. Fayard, Paris 2004. ISBN 2-213-62279-5.
  • Echapper à la psychanalyse. Editions Léo Scheer, Paris 2005. ISBN 2-915280-93-2
  • D'une révolution conservatrice et de ses effets sur la gauche française. Editions Léo Scheer, Paris 2007. ISBN 978-2-7561-0082-1.
  • Retour à Reims. Fayard, Paris 2009. ISBN 978-2-213-63834-8.
  • De la subversion. Droit, norme et politique. Cartouche, Paris 2010. ISBN 978-2-915842-66-1.
  • Théories de la littérature. Système du genre et verdicts sexuels. PUF, Paris 2015. ISBN 978-2-13-065100-0.
  • Principes d'une pensée critique. Fayard, Paris 2016 ISBN 978-2-213-70132-5

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dirck Linck: Die Politisierung der Scham. Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“. In: Merkur, Jg. 70, 9, 2016, Nr. 808, S. 34–47 Volltext online

Theaterstück[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Website der Université Amiens
  2. Enrico Ippolito: Arbeiterklasse und Homosexualität: Der Mythos der Revolution, Spiegel Online, 30. Juni 2016, abgerufen am 2. Juli 2016
  3. Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, S. 223–225.
  4. Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, S. 227.
  5. Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, S. 226.
  6. Daniel Defert über Michel Foucault: „Er kämpfte immer mit der Polizei“; TAZ, 13. 10. 2015
  7. Didier Eribon im Interview mit Felix Stephan: „Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk“. In Zeit online, 4. Juli 2016
  8. Didier Eribon zur Krise der Linken: „Ihr seid nicht das Volk“; taz.de, 23. September 2016, abgerufen am 25. September 2016
  9. Klassen, (Auszug aus Rückkehr nach Reims): in der Anthologie: BLAU WEISS ROT. Frankreich erzählt. München 2017, S.79-83.
  10. Klassen. S. 81
  11. Präsidentschaftswahl in Frankreich. Didier Eribon: "Wer Macron wählt, wählt Le Pen". Süddeutsche Zeitung, 20. April 2017
  12. Charlotte Noblet (Text), Anne-Charlotte Compan (Fotos): Interview mit Didier Eribon: Der Zeitgeist ist faschistoid. In: bpb:magazin 1/2017 [22.03.2017]
  13. Nina Hoss: „Man kann sich nicht weckducken.“ Interview mit Peter Kümmel, ZEIT online 19. April 2917, aktualisiert 11. Mai 2017.
  14. Interview in frz. Sprache, das kurze Vorwort auch in Deutsch. Als ein Text von 2 Texten wieder in Didier Eribon: Retours sur „Retour à Reims“. Cartouche, Paris 2011 S. 39–94. Vergriffen. Schwerpunkt des Interviews ist der Begriff der Scham