Didier Eribon

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Didier Eribon, 2017

Didier Eribon (* 10. Juli 1953 in Reims) ist ein französischer Journalist, Autor, Soziologe und Philosoph. Im deutschsprachigen Raum kam 2016 sein Bestseller Rückkehr nach Reims heraus, eines seiner Hauptwerke, das in Frankreich bereits 2009 erschienen war.

Seine akademischen Karriere ist vor allem mit der École des hautes études en sciences sociales (EHESS) in Paris sowie dem Dartmouth College in den Vereinigten Staaten verknüpft.

Leben und Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eribon wurde 1953 in Reims geboren. Seine Mutter arbeitete als Putzfrau, der Vater war Fabrikarbeiter. In seiner Familie wählten alle, so erzählt er später, zunächst die Kommunistische Partei.[1] In seinem autobiografischen Werk Rückkehr nach Reims aus dem Jahr 2009 (auf Deutsch 2016 erschienen) erinnert er sich an Reims „als Stadt der Beleidigung“ und an seine dortige Existenz als die eines Arbeiterkindes, das seine Homosexualität entdeckte und deshalb geschmäht wurde.[2]

Eribon gelang es, zum Hochschulstudium zugelassen zu werden, und er studierte Philosophie zunächst in Reims, dann in Paris. Er wollte Gymnasiallehrer werden, scheiterte jedoch und beendete auch seine Dissertation nicht. So begann er als Journalist über Philosophie und Literatur zu schreiben. Von der linksgerichteten Tageszeitung Libération wechselte er zum Wochenmagazin Le Nouvel Observateur.[3] Dabei wandte er sich zunehmend Themen der Geschichte schwulen Lebens und schwuler Subjektivität zu,[4] doch verstand er seine journalistische Tätigkeit vor allem als Broterwerb, um sich das Verfassen von Büchern erlauben zu können.[5]

Von 1998 bis 2004 gab er ein Seminar an der École des hautes études en sciences sociales in Paris über Queer Studies im In- und Ausland, zu dem er neben französischen Denkern wie Pierre Bourdieu und Michel Tort bedeutende amerikanische Stimmen, etwa Judith Butler, George Chauncey, Leo Bersani, Michael Warner, Michael Lucey und Carolyn Dinshaw, einlud. Damit trug er dazu bei, das junge Studiengebiet in Frankreich zu etablieren. Im Jahr 2009 erhielt Eribon eine Professur an der Université de Picardie Jules Verne in Amiens, die er bis 2017 ausübte. Außerdem hatte er Gastprofessuren an der University of California in Berkeley und dem Institute for Advanced Study in Princeton. Im Jahr 2021 ist er Gastprofessor am Lehrstuhl für französische Literatur der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.

Eribon verfasste zahlreiche Bücher, darunter Gesprächs- und Interviewbände mit Georges Dumézil, Claude Lévi-Strauss und Ernst Gombrich. 1989 veröffentlichte er eine viel beachtete und seither in zahlreichen Auflagen und Übersetzungen erschienene Biografie Michel Foucaults. Daniel Defert, Lebensgefährte Foucaults, urteilte: „Für meinen Geschmack war [sie] zu sehr die Geschichte Foucaults als Akademiker“, hingegen zeige sie nicht, wer er wirklich war. Eribon habe „die fantastischen und leidenschaftlichen Aspekte“ von Foucaults Leben ausgeblendet.[6]

Sein autobiografisch geprägter „nonfiktionaler Roman“ Rückkehr nach Reims[7] über seine Kindheit in einem vorwiegend kommunistischen Arbeiterviertel in Reims fand im deutschsprachigen Raum ein lebhaftes Echo.[8] Das Buch wurde breit rezipiert und erschien seit 2016 in mehreren Auflagen. Der Dramatiker Falk Richter betitelte eine Szene seines Stückes Verräter. Die letzten Tage nach Eribons Rückkehr nach Reims und ließ darin die Figur Daniel eine längere Passage des Buches (Seite 139–140) vorlesen.[9] Eine Bühnenfassung von Rückkehr nach Reims wurde am 24. September 2017 an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin unter der Regie von Thomas Ostermeier uraufgeführt.[10]

Eribon stellt Rückkehr nach Reims teilweise in die Tradition Pierre Bourdieus, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verband.[11] Dazu äußerte er im September 2016: „Ich habe mich schon immer für die Geschichten der sozialen Klassen und sozialen Unterschiede in der Gesellschaft und das Reproduzieren sozialer Klassen interessiert. Zum Beispiel durch das Schulsystem.“[12] In Teil III (Kapitel 2) schildert Eribon, wie sich insbesondere seine Mutter seit Anfang der 1980er Jahre von der kommunistischen Partei, später auch von der kommunistischen Gewerkschaft CGT ab- und dem rechtspopulistischen Front National zugewandt habe.[13] Er resümiert:[14]

„Mit der Entscheidung für linke Parteien wählte man gewissermaßen gegen seinen unmittelbaren rassistischen Reflex an, ja gegen einen Teil des eigenen Selbst, so stark waren diese rassistischen Empfindungen. (...) Außerhalb des engsten Familienkreises fühlte man sich verpflichtet, rassistische Äußerungen zurückzunehmen. (...) Der von den «französischen» populären Klassen geteilte «Gemeinschaftssinn» wandelte sich von Grund auf. Die Eigenschaft, Franzose zu sein wurde zu seinem zentralen Element und löste als solches das Arbeitersein oder Linkssein ab.“

Der Text gilt als „Schlüsselwerk zum Verständnis der gesellschaftlichen Gegenwart“.[10]

Mit dem Buch Gesellschaft als Urteil. Klassen, Identitäten, Wege,[15] das 2013 auf Französisch und 2017 auf Deutsch herauskam, schließt Eribon an Rückkehr nach Reims an, indem er sich weiterhin mit dem Konzept der Klasse beschäftigt. Unter anderem setzt er sich mit Pierre Bourdieu und Michel Foucault als Soziologen sowie Annie Ernaux, Simone de Beauvoir, Jean Paul Sartre, Assia Djebar, Marcel Proust und Paul Nizan als Schriftstellern auseinander. Er greift erneut den Begriff der Scham auf und beschreibt seine Verbindung zu Bourdieu, insbesondere bezogen auf dessen Werk Die feinen Unterschiede, als Prozess der „Selbstanalyse“ zur Überwindung der „sozialen Scham“. Foucaults Arbeit Wahnsinn und Gesellschaft beeinflusste ihn gleichermaßen, was die Bewältigung der „sexuellen Scham“ betrifft – in beiden Fällen mit dem Ziel der Veränderung des Selbst und seiner Umgebung.[16] Während er Bourdieu überwiegend positiv, doch mitunter auch kritisch rezipiert, ist sein häufiger Bezug auf Annie Ernaux durchweg anerkennend.

Bereits vor Rückkehr nach Reims und dem Folgeband, Gesellschaft als Urteil, erschien 2005 Échapper à la psychanalyse, eine kritische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse (unter dem Titel Der Psychoanalyse entkommen 2017 auf Deutsch erschienen). Dabei handelt es sich um die erweiterte Fassung eines Vortrags, den Eribon 2003 an der Universität Berkeley im Rahmen eines Kolloquiums (an dem u. a. auch Judith Butler teilnahm) gehalten hat. Anhand der Texte Roland Barthes' (Fragmente einer Sprache der Liebe)[17] (franz. 1977)[18] und Foucaults (Sexualität und Wahrheit, Bd. 1: Der Wille zum Wissen)[19] (franz.: 1976)[20] entwickelt er scharf formulierte Thesen gegen den infolge der 68er-Bewegung verbreiteten Freudo-Marxismus und betont die Bedeutung von „Liebe“ und „Sexualität“ in verschiedenen Zusammenhängen. Auch die Queer-Theorie sei zu stark vom Gedankengut Sigmund Freuds und Jacques Lacans beeinflusst. Seine Schrift versteht er als Manifest gegen die Normativität der Psychoanalyse.[21][22]

In einem Interview mit dem Titel Der Zeitgeist ist faschistoid mit dem Publikationsorgan der Bundeszentrale für politische Bildung weist er im März 2017 auf die unterschiedliche historische Entwicklung in Frankreich und Deutschland seit 2009 hin.[23]

Bei der französischen Präsidentschaftswahl 2017 stimmte Eribon nach eigener Aussage im ersten Wahlgang für den Kandidaten der extremen Linken, Jean-Luc Mélenchon. Wenige Tage zuvor hatte er Mélenchon in einem Essay für die FAZ noch als „Linkspopulisten“ bezeichnet und betont, den vielfältigen Formen der Herrschaft müssten heterogene Formen des Widerstands entgegengesetzt werden. Das linke Denken könne im Geist von ’68 erneuert werden.[24] Im zweiten Wahlgang sprach sich Eribon – aus Enttäuschung über die Haltung der beiden verbliebenen Kandidaten zur sozialen Gerechtigkeit – für einen Wahlboykott aus. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärte er dies folgendermaßen: „Wer Macron wählt, wählt Le Pen“, die nach enttäuschenden Jahren unter Macron bei den nächsten Wahlen vorn liegen würde. Das Phänomen, dass frühere Linke jetzt für die Rechten votierten, finde sich in ganz Europa. Schröder und Blair hätten den Neoliberalismus adaptiert und vorangebracht und somit „die Grundsätze von Sozialismus und Sozialdemokratie verraten“.[25]

Auch auf der Frankfurter Buchmesse 2017, deren Partnerland Frankreich war, wandte er sich entschieden gegen Macrons „Neoliberalimus“ und blieb der Eröffnungsveranstaltung demonstrativ fern. Während der Messe trat er mehrmals auf, so zu Gesprächen mit Nils Minkmar[26] und Annie Ernaux. Mit Ernaux diskutierte er über autobiografische Elemente in ihrer beider Werk. Das Literarische Colloquium Berlin war zudem am 16. Oktober Gastgeber einer Lesung Eribons und Édouard Louis'.[27]

Die meisten Rezensionen der Werke Eribons fielen in Deutschland 2016/17 positiv aus, doch gab es auch kritische Stimmen, insbesondere zu seinen politischen Aussagen.[28]

2018 wurde sein 2016 erschienenes Werk Principes d'une pensée critique unter dem Titel Grundlagen eines kritischen Denkens veröffentlicht.

Eribon lebt in Paris. Sein Lebenspartner ist der Philosoph Geoffroy de Lagasnerie.[29]

Auszeichnungen (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 2008: Brudner Prize (Rückgabe am 19. Mai 2011)[30]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Interviews und Artikel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theaterstück, Feature[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rezensionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rückkehr nach Reims[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gesellschaft als Urteil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Didier Eribon – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Enrico Ippolito: Arbeiterklasse und Homosexualität: Der Mythos der Revolution. In: Spiegel Online. 30. Juni 2016 (spiegel.de [abgerufen am 29. Oktober 2017]).
  2. Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, S. 191.
  3. Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, S. 223–225.
  4. Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, S. 227.
  5. Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, S. 226.
  6. Tania Martini, Enrico Hippolito (Interview): Daniel Defert über Michel Foucault: „Er kämpfte immer mit der Polizei“. In: Taz online, 13. Oktober 2015.
  7. Klappentext und Rezensionen auf Perlentaucher online
  8. Didier Eribon im Interview mit Felix Stephan: „Ihr könnt nicht glauben, ihr wärt das Volk“. In: Die Zeit online, 4. Juli 2016.
  9. Falk Richter: Ich bin Europa. FEAR und andere Theaterstücke. Verlag Theater der Zeit, Berlin 2017 ISBN 978-3-95749-122-0 S. 238–239
  10. a b Rückkehr nach Reims. In: schaubuehne.de. 1. September 2017, abgerufen am 6. März 2018.
  11. Nach eigener Auskunft lernte er Bourdieu 1979 kennen und sah ihn seitdem fast jeden Tag oder telefonierte mit ihm. Gesellschaft als Urteil. Klassen, Identitäten, Wege. Berlin 2017, S. 43.
  12. Didier Eribon zur Krise der Linken: „Ihr seid nicht das Volk“; Taz online, 23. September 2016, abgerufen am 25. September 2016.
  13. Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, S. 133–140.
  14. Rückkehr nach Reims, Berlin 2016, S. 135 u. S. 137.
  15. Klappentext und Rezensionen auf Perlentaucher online.
  16. Gesellschaft als Urteil. Klassen, Identitäten, Wege. Berlin 2017, S. 106f.
  17. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1984
  18. Fragments d'un discours amoureux. Seuil, Paris 1977
  19. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1983
  20. Histoire de la sexualité. Bd. 1: La volonté de savoir. Gallimard, Paris 1976
  21. Verlagsnotiz. Turia und Kant, Wien 2017
  22. Angela Gutzeit: Neue Bücher von Didier Eribon. Der sanfte Rebell. Deutschlandfunk, 13. Dezember 2017.
  23. Charlotte Noblet (Text), Anne-Charlotte Compan (Fotos): Interview mit Didier Eribon: "Der Zeitgeist ist faschistoid". In: bpb:magazin 1/2017 [22.03.2017].
  24. Didier Eribon: Frankreich im Wahljahr: Ein neuer Geist von ’68. In: FAZ online, 18. April 2017, S. 3
  25. Dorothea Grass: Didier Eribon: „Wer Macron wählt, wählt Le Pen“. Präsidentschaftswahl in Frankreich. Süddeutsche online, 20. April 2017, abgerufen am 23. November 2017.
  26. Veranstaltungskalender.
  27. "Gesellschaft als Urteil" und "Im Herzen der Gewalt.". Moderation: Patricia Klobusiczky, Stimme Mehmet Ateşçi.
  28. Hannah Lühmann: Didier Eribon. Der überschätzte Front-National-Erklärer. Die Welt, 1. November 2017.
  29. Daniel Binswanger: «Die Herrschenden haben Angst – und das ist wundervoll», Interview in: Republik vom 12. Januar 2019, abgerufen am 14. Januar 2019.
  30. Brief vom 19. Mai 2011 an John Treat.
  31. Bernhard Schmid: Didier Eribons Beschreibung einer konservativen Revolution in Frankreich. Vorgeschichte eines Wandels. In: Jungle World, 12. Januar 2017; online und print.
  32. Leseprobe bei Suhrkamp.
  33. Leseprobe bei Suhrkamp.
  34. Interview in frz. Sprache, das kurze Vorwort auch in Deutsch. Als ein Text von 2 Texten wieder in Didier Eribon: Retours sur „Retour à Reims“. Cartouche, Paris 2011 S. 39–94. Vergriffen. Schwerpunkt des Interviews ist der Begriff der Scham.
  35. Nina Hoss: „Man kann sich nicht weckducken.“ Interview mit Peter Kümmel, Die Zeit online, 19. April 2017, aktualisiert 11. Mai 2017. Zugang nach Anmeldung.
  36. Peter Kümmel: "Rückkehr nach Reims": Sind wir nicht alle aus Reims? Thomas Ostermeier inszeniert Didier Eribons viel diskutierte Autobiografie beim Theaterfestival in Manchester. In: Die Zeit online, 12. Juli 2017, abgerufen am 22. November 2017.
  37. Anke Dürr: "Rückkehr nach Reims" mit Nina Hoss. Vaterliebe, Vaterhass. In: Spiegel online, 9. Juli 2017, abgerufen am 22. November 2017.
  38. "Rückkehr nach Reims" mit Nina Hoss. Theaterkritik. In: Der Freitag online, 25. September 2017.
  39. Peter Laudenbach: Rückkehr nach Reims. Didier Eribons "Rückkehr nach Reims" wird in Berlin mit Nina Hoss auf die Bühne gebracht. In: Süddeutsche online, 30. September 2017, abgerufen am 22. November 2017.
  40. Annette Stiekele: Hamburg. Vom Hass der Linken auf die Arbeiterklasse. Nina Hoss brilliert in "Rückkehr nach Reims" bei den Lessingtagen. In: Hamburger Abendblatt online, 22. Januar 2018.