Die Ameisen (Ringelnatz)

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In: Kuttel Daddeldu (Ausgabe von 1924 ohne die beiden Schlussverse und nunmehr mit „dann“ statt mit „denn“ in Vers 6)

Die Ameisen ist der Titel eines Gedichts von Joachim Ringelnatz (1883–1934). Es erschien erstmals 1912. Seit 2014 gibt es eine dem Gedicht gewidmete Skulptur in Hamburg-Altona mit den beiden Titelameisen in Bronze.

Das Gedicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Hamburg lebten zwei Ameisen,
Die wollten nach Australien reisen.
Bei Altona auf der Chaussee
Da taten ihnen die Beine weh,
Und da verzichteten sie weise
Denn auf den letzten Teil der Reise.

So will man oft und kann doch nicht
Und leistet dann recht gern Verzicht.

Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Band 1: Gedichte, Zürich 1994, S. 65–66[1]

Erläuterungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Inhalt und Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nobistor zwischen Hamburg und Altona, markiert durch zwei gusseiserne Laternenpfosten beiderseits der Straße, um 1880.

Das Gedicht Die Ameisen erzählt in Versen eine Fabel über den Verzicht auf große Pläne. Zwei Ameisen, die um die halbe Welt wandern wollen, geben ihr Vorhaben bereits in der nächsten Stadt wegen Beinweh auf. Um 1912, als Ringelnatz das Gedicht erstmals veröffentlichte, war die benachbarte holsteinische Stadt Altona städtebaulich längst mit der Stadt Hamburg zusammengewachsen: man konnte auf der Reeperbahn von Hamburg zur Großen Freiheit nach Altona wechseln, indem man über die Straße ging.[2]

Die Knittelverse haben ein regelmäßiges Metrum, und zwar einen vierhebigen Jambus. Im ersten Vers verschiebt die vierte Hebung die Betonung des Wortes „Ameisen“ von der korrekten ersten Silbe auf die zweite Silbe, und die eigentlich betonte Silbe wird zu einer Senkung: statt Ameisen soll Ameisen gelesen werden.[3] Die Verspaare schließen wechselnd in sogenannter weiblicher und männlicher Kadenz.

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Noch unter seinem bürgerlichen Namen Hans Bötticher veröffentlichte Ringelnatz das Gedicht Die Ameisen erstmals 1912 in dem Gedichtband Die Schnupftabaksdose. Stumpfsinn in Versen und Bildern.[4] Es erschien zu seinen Lebzeiten weitere Male, zuletzt 1933,[5] und zwar ohne die beiden Schlussverse mit der Moral, die erst wieder in postumen Ausgaben ergänzt wurden. Des Weiteren ersetzte Ringelnatz in der zweiten Veröffentlichung des Gedichts in Kuttel Daddeldu (in mehreren Ausgaben in den 1920er Jahren erschienen[6]) das Adverb „denn“ am Anfang des sechsten Verses durch ein „dann“.

Zürcher Ringelnatz-Buchausgabe mit Illustrationen von Tatjana Hauptmann, erschienen 2005 (Umschlag)

Das Gedicht erscheint heute in zahlreichen Anthologien und Gedichtbänden, auch in Schulbüchern, mal mit, mal ohne die beiden Schlussverse, desgleichen variieren „dann“ und „denn“. Die Zürcher siebenbändige Ausgabe des Gesamtwerks von Joachim Ringelnatz, erschienen 1994, folgte der Erstveröffentlichung von 1912: Die beiden Moralverse werden mitgeführt, und der sechste Vers beginnt wiederum mit dem ursprünglichen, aber später abgeänderten „denn“.

Illustration[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Lebzeiten Ringelnatz’ wurde das Gedicht nur in der Erstveröffentlichung 1912 illustriert. Richard Seewald (1889–1976) legte die Entfernung von einer Stadtsilhouette oben, in der die beiden Ameisen mit Wanderstöcken von Hamburg nach Altona krabbeln, zum ebenfalls grob umrissenen antipoden Kontinent unten mit angedeuteter Bundesstaateneinteilung als eine lapidar von oben nach unten geschwungene, gestrichelte Linie an. Ganz oben endet die Silhouette in einer kurzen Doppellinie, die aus einem angedeuteten Stadttor[7] hinausführt und die am Ende zurückgelegte Wegstrecke andeutet; die daran anschließende gestrichelte Linie stellt den von den Ameisen erträumten, aber nicht vollbrachten Reiseweg dar.[8]

Die Skulptur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bronzeskulptur Die Ameisen von Peter Schröder (2014; Foto: 2020)

Im Auftrag der Alfred Toepfer Stiftung F. V. S. fertigte der norddeutsche Bildhauer Peter Schröder (* 1947) im Jahr 2014 eine Bronzeskulptur zweier Ameisen in Überlebensgröße an.[9] Die beiden Insekten krabbeln hintereinander auf einer Platte herum, die oben an einer Stele aus Granit angebracht ist. Auf dem Granitsockel in Bodenhöhe befindet sich eine von einem Kirchendach stammende 150 Jahre alte Kupferplatte.[10] Darauf eingraviert ist das Gedicht, und zwar ohne die beiden letzten Verse mit der Moral und mit „dann“ im sechsten Vers. Die Skulptur wurde im Mai 2014 an der Ecke Liebermannstraße / Elbchaussee (Lage) in Hamburg aufgestellt.[11]

Die Bronze-Ameisen wurden im selben Jahr und in Folge wiederholt beschädigt bzw. ganz oder teilweise gestohlen, vermutlich auch von Metalldieben.[12]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nils Büttner: Ringelnatz und seine Illustratoren. In: Ringelnatz! Ein Dichter malt sich seine Welt. Herausgegeben von Frank Möbus, Friederike Schmidt-Möbus, Frank Woesthoff, Indina Woesthoff. Wallstein: Göttingen 2000, S. 109–117 ISBN 3-89244-337-8 (online)
  • Joachim Ringelnatz: Das Gesamtwerk in sieben Bänden. Herausgegeben von Walter Pape. Band 1: Gedichte 1. Band 2: Gedichte 2. Band 3: Dramen. Band 4: Erzählungen. Band 5: Vermischte Prosa. Band 6: Mein Leben bis zum Kriege. Band 7: Als Mariner im Krieg. Diogenes, Zürich 1994, ISBN 978-3-257-06040-9

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wikisource: Die Ameisen – Quellen und Volltexte
Commons: Joachim Ringelnatz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Online via Zeno.org. Die Zürcher Werkausgabe von 1994 übernimmt den Textkorpus der Erstausgabe von 1912.
  2. Karte von Hamburg und Altona 1890
  3. Tonbeugung (bei Lyrikmond, abgerufen am 30. September 2020)
  4. Die Schnupftabaksdose. Stumpfsinn in Versen und Bildern von Hans Boetticher und Richard Seewald. München: R. Piper, 1912, S. 5 (online); Wikisource: Die Schnupftabaksdose (Sammelband)
  5. Joachim Ringelnatz, 103 Gedichte. Rowohlt, Berlin 1933, S. 32
  6. Zum Beispiel in Joachim Ringelnatz: Kuttel Daddeldu. Kurt Wolff, München 1923, S. 48
  7. Die Stadt Altona hatte nie eine Stadtmauer; die Mauer um die Stadt Hamburg war mit ihren Wallanlagen seit Mitte des 19. Jahrhunderts abgebaut worden.
  8. Joachim Ringelnatz: Die Schnupftabaksdose, 1912, S. 5 (archive.org, abgerufen am 30. September 2020); siehe dazu: Nils Büttner: Ringelnatz und seine Illustratoren (2000), S. 109–110
  9. Peter Schröder: Die Ameisen (bei: kunst@sh, abgerufen am 30. September 2020)
  10. kulturkarte.de/hamburg (abgerufen am 30. September 2020)
  11. Zwei Ringelnatz-Ameisen für die Elbchaussee (welt.de, 9. Mai 2014, abgerufen am 30. September 2020)
  12. Bergedorfer Zeitung am 1. August 2014: Diebe verstümmeln die „Ameisen von Altona“ (abgerufen am 30. September 2020); HafenNewsHamburg am 14. Mai 2017: Die Ameisen von der Elbchaussee sind weg (abgerufen am 30. September 2020); Hamburger Morgenpost am 27. September 2017: Anonym abgelegt: Geklaute Bronze-Ameisen wieder aufgetaucht (abgerufen am 30. September 2020)