Die Andere Bibliothek

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Die Andere Bibliothek ist eine bibliophile Buchreihe, die von 1985 bis 2004 von Hans Magnus Enzensberger herausgegeben und von Franz Greno gestaltet wurde. Von Oktober 2007 bis Ende 2010 waren Michael Naumann und Klaus Harpprecht als Herausgeber tätig. Ab 2011 ging die Programmleitung auf Christian Döring über, der die Reihe bereits seit Herbst 2009 als Lektor begleitet hatte.[1]

Editionsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gesamtausgabe der Essais (1998)

Das von Enzensberger zusammen mit Verleger und Buchkünstler Greno erdachte Konzept sah vor, allmonatlich ein inhaltlich wie formal hervorragendes Buch zu veröffentlichen, das von Enzensberger ausgewählt und von Greno mit höchster Qualität gestaltet und in dessen Druckerei und Verlag in Nördlingen hergestellt und vertrieben wurde. Die Bände der Anderen Bibliothek wurden bis Dezember 1996 nach alten Regeln der Buchdruckerkunst in Bleisatz gesetzt und mit Leder-Rückenschildern und Lesebändchen ausgestattet. Ab Oktober 1989 übernahm Vito von Eichborn die Andere Bibliothek von Greno in den Eichborn Verlag, Franz Greno blieb jedoch bis 2007 weiter als Buchkünstler für die Gestaltung der Bände verantwortlich. 1997 (ab Band 145) wurde das Druckverfahren von Greno auf Offsetdruck umgestellt, da mittlerweile der Computersatz den „Standard des besten Bleisatzes übertraf“.[2] Im November 2011 wurde bekanntgegeben, dass Die Andere Bibliothek nach der Insolvenz des Eichborn Verlags ab Januar 2012 als eigenständiger Verlag – „AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG“ – innerhalb der Aufbau-Gruppe weitergeführt werden soll.[3]

Für Bibliophile gab es in den Jahren 1985 bis 2007 von jeder Ausgabe eine auf 999 Exemplare limitierte und nummerierte Vorzugsausgabe. Die ersten 36 Bände verfügen über einen Einband aus Handbütten à Fleur mit echten eingeschöpften Blüten und Blättern aus der Auvergne, geschützt von einem Lederschuber aus indischem Ziegenleder. Ab Band 37 erschien die Vorzugsausgabe im Einband aus Ziegenleder. Alle Bände, die ein rotes, grünes, violettes oder schwarzes Titelschild mit Goldprägung haben, sind Originalausgaben. Nach jeweils 36 Bänden (drei Jahren) wurde eine andere Farbe für das Titelschild verwendet: von 1985 bis 1987 rot, ab 1988 grün, ab 1991 violett, ab 1994 schwarz und seit 1997 bis heute rot.

Seit dem Start der Reihe im Januar 1985 mit Lügengeschichten und Dialoge des Lukian von Samosata erschien in der Anderen Bibliothek ein buntes Spektrum von wiederentdeckten Klassikern, zu Unrecht in Vergessenheit geratenen literarischen Kostbarkeiten bis hin zu Originalausgaben und deutschen Erstausgaben von im deutschsprachigen Raum unbekannten Schriftstellern anderer Kulturen. Neben spektakulären Erfolgen wie Christoph Ransmayrs Die letzte Welt mit einer Gesamtauflage von mehr als 150 000 Exemplaren, Irene Disches Erzählungen Fromme Lügen, Rolf Vollmanns „Roman(ver)führer“ Die Wunderbaren Falschmünzer und Raoul Schrotts Erfindung der Poesie bewegte sich die Andere Bibliothek mit vielen Titeln abseits des Mainstreams. Michel de Montaignes Essais erschienen 1998 als Sonderband im abweichenden Quartformat. Übersetzer ist Hans Stilett.[4]

Im Laufe der Zeit erschienen von einigen Autoren mehrere Bände:

Vom 222. Band, Gustave Flauberts Bouvard und Pécuchet, kamen nur rund 2.000 Exemplare der ersten Auflage in der Originalfassung in den Handel. Bei den restlichen Exemplaren wurden aufgrund eines Urteils des Landgerichts Frankfurt am Main vom 9. Juli 2003, das der Übersetzer Hans-Horst Henschen gegen den Verlag erwirkt hatte, die Abbildungen im Kommentarteil auf den Seiten 419, 425, 426, 445, 448, 451 überklebt.[5] Dieser Band dürfte in Originalfassung die seltenste Ausgabe der Anderen Bibliothek sein.

Am 27. November 1999 gründete sich auf Initiative des Eichborn Verlags die „Lesegesellschaft Andere Bibliothek e.V.“ auf Schloss Vollrads im Rheingau. Diese literarische Gesellschaft soll für Freunde bibliophiler Werke die Möglichkeit zum literarischen Austausch bieten. Halbjährlich werden anspruchsvolle Reisen veranstaltet,[6] bei denen auch Lesungen von Autoren aus der Anderen Bibliothek stattfinden.[7]

Die Herausgabe einer Alexander von Humboldt-Edition im September 2004[8] mit einer Veranstaltungsreihe in Berlin[9] wurde ein medial vielbeachteter Höhepunkt der 20-jährigen Editionsgeschichte mit Enzensberger und Greno.[10] Kurz vor Weihnachten 2004 teilte Enzensberger per E-Mail an Autoren, Mitarbeiter und den Verlag seinen Abschied vom Projekt mit.[11] Zwar strebte er eine Weiterführung der Anderen Bibliothek unter Beteiligung des Verlages der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an,[12] doch nach einem anderthalb Jahre währenden Rechtsstreit verblieben die Rechte beim Eichborn Verlag.[13] In einer Übergangsphase von Band 254 bis 273 gaben nun die Autoren unter der Redaktion von Wolfgang Hörner die Bände selbst heraus. Mit dem Sonderband von Georg Forsters „Reise um die Welt“, der im Oktober 2007 erschien, übernahmen die Publizisten Michael Naumann und Klaus Harpprecht die Herausgeberschaft; nach über 20 Jahren buchkünstlerischer Gestaltung durch Franz Greno stammten Typographie und Ausstattung der Bände nun von Christian Ide, Professor für Verlagsherstellung an der HTWK Leipzig, und der freien Buchgestalterin Lisa Neuhalfen. Ab Oktober 2008 wurden die Ausstattung und grafische Gestaltung der Reihe von Cosima Schneider und Susanne Reeh aus der Herstellungs- und Grafikabteilung des Eichborn Verlags betreut.

Ende 2010 zog die Andere Bibliothek von Frankfurt nach Berlin, in das Aufbau Haus am Moritzplatz. Seit Juli 2012 wird jeder Band von einem anderen Buchkünstler gestaltet,[14] so zum Beispiel von Friedrich Forssman, Sabine Golde, Manja Hellpap, Victor Malsy oder Wim Westerveld. Renate Stefan ist für die herstellerische Leitung zuständig.

Der Dezemberband 2012 von Vladimir Jabotinsky „Die Fünf“ gehört zu den bestverkauften Titeln der vergangenen Jahre.[15] Unter den Foliobänden der Anderen Bibliothek gehört Adelbert von Chamissos „Reise um die Welt“ mit zu den erfolgreichsten Büchern; ebenso die vom Märchenforscher Heinz Rölleke und vom Künstler Albert Schindehütte vorgestellten Geschichten der Brüder Grimm („Es war einmal... Die Märchen der Brüder Grimm und wer sie ihnen erzählte“).

Seit 2013 erscheinen neben den monatlichen „Originalausgaben“ und den Foliobänden im Großformat die „Extradrucke der Anderen Bibliothek“ (Eigenbezeichnung der Nachauflagen vergriffener Originalausgaben in veränderter Ausstattung) sowie seit 2015 die „Großen Bücher im kleinen Format“ mit Sammlungen kürzerer Werke und Texte von Klassikern außerhalb der Reihe der Monatsbände.

Die Originalausgaben sind seit Band 331 (Fritz Rudolf Fries: Der Weg nach Oobliadooh) auf 4.444 Exemplare limitiert. Neben dem Vertrieb im Buchhandel besteht ein Abonnementmodell, das den Bezug der Monatsbände zu vergünstigten Konditionen erlaubt.

Der Verlag hat einige wichtige Preise versammelt:

2015: die Stiftung Buchkunst hat den Erzählband „69 Hotelzimmer“ von Michael Glawogger zum „schönsten deutschen Bücher 2015“ gekürt.

2017: Johann Friedrich von Cotta-Literatur- und Übersetzungspreises der Landeshauptstadt Stuttgart an Petra Strien für die Übertragung von Miguel de Cervantes’ Roman „Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda“.

2019: Eva Ruth Wemme wurde mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2019 in der Kategorie Übersetzung ausgezeichnet. Sie erhielt den Preis für ihre Übertragung von Gabriela Adameșteanus Roman „Verlorener Morgen“ aus dem Rumänischen.

Patricia Görg erhält den Italo-Svevo-Preis 2019 u. a. für „Glas. Eine Kunst“.

Der Straelener Übersetzerpreis der Kunststiftung NRW 2019 ging an die Übersetzerin Olga Radetzkaja für ihre Übersetzung von Viktor Schklowskijs Roman „Sentimentale Reise“ aus dem Russischen und ihr übersetzerisches Lebenswerk.

Kurzübersicht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1. Serie AB 1–36: Rote Schildchen, Vorzugsausgabe Büttenbroschur im Lederschuber mit Beigabe
  • 2. Serie AB 37–72: Grüne Schildchen, Vorzugsausgabe olivgrünes Leder
  • 3. Serie AB 73–108: Lila Schildchen, Vorzugsausgabe bordeauxrotes Leder
  • 4. Serie AB 109–144: Schwarze Schildchen, Vorzugsausgabe kobaltblaues Leder
  • 5. Serie AB 145–273: Rote Schildchen, Vorzugsausgabe braungesprenkeltes Leder, kein Bleisatz. AB 251 wurde angekündigt, ist aber nie erschienen.
  • 6. Serie AB seit 274: Neustart durch andere Herausgeberschaft, rote Schildchen, andere Schriftart auf dem Schildchen, keine Vorzugsausgabe.

Ausgaben (Auswahl, alphabetisch)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausstellung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Universitätsbibliothek der Ludwig-Maximilians-Universität München widmete der „Anderen Bibliothek“ eine Ausstellung vom 26. Mai bis 9. Oktober 2015 anlässlich ihres 30-jährigen Bestehens unter dem Thema Die Andere Bibliothek – 30 Jahre: Das schöne Buch als Ereignis und Inszenierung.[16] [17]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Die andere Bibliothek – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Geschichte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Judith von Sternburg: „Das ist ein Popanz“. Interview mit Christian Döring. Frankfurter Rundschau, 27. März 2010, abgerufen am 2. September 2018.
  2. Die Andere Bibliothek – ein Rückblick auf 20 Jahre. (Memento vom 29. Januar 2007 im Internet Archive). In: Eichborn Verlag.
  3. sda: Aufbau Gruppe übernimmt Enzensbergers «Die Andere Bibliothek». In: Berner Zeitung, 15. November 2011.
  4. Michel de Montaigne: Essais – Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett. Eichborn Verlag, Frankfurt a. M. 1998, ISBN 3-8218-4472-8, Anmerkungen des Verlags, S. 575
  5. Marius Fraenzel: Unbemerkter Literatur-Skandal? In: de.narkive.com, 14. August 2003.
  6. Pressedienst: Lesegesellschaft Andere Bibliothek zu Gast in Speyer. (Memento vom 18. Januar 2012 im Internet Archive). In: Stadt Speyer, Mai 2001.
  7. Armin Klein: Besucherbindung im Kulturbetrieb. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Hamburg 2008, ISBN 3-531-15469-9, S. 204f.
  8. Humboldt-Portal (nur Eingangsseite). (Memento vom 16. September 2004 im Internet Archive). In: Eichborn Verlag.
  9. Auftaktveranstaltungen des Humboldt-Projekts. (Memento vom 19. Oktober 2007 im Webarchiv archive.is). In: Humboldt-Portal, 14. September 2004.
  10. Alex Humboldt Superstar. (Memento vom 6. Dezember 2010 im Internet Archive). In: BerliNews, 16. September 2004.
  11. Marius Meller: Mit Geist und Genuss. Enzensberger will die „Andere Bibliothek“ einstellen. Für einen Nachruf ist es zu früh. In: Tagesspiegel, 22. Dezember 2004.
  12. Claus Christian Malzahn: Ganz Andere Bibliothek. Der doppelte Enzensberger. In: Spiegel online, 14. Mai 2005.
  13. hoc / dpa: ‚Andere Bibliothek‘ wird fortgesetzt. In: Spiegel online, 19. September 2006.
  14. „Wie macht man schöne Bücher, Renate Stefan?“ In: BuchMarkt, „Das Sonntagsgespräch“, 31. Mai 2013.
  15. Christian Döring: »Die Fünf« als Originalausgabe bereits vergriffen – als Erfolgsausgabe vorbestellbar! In: Die Andere Bibliothek, 25. Januar 2013.
  16. Luise Checchin: Blaue Blume, schöne Lettern. Zum dreißigsten Jubiläum würdigt eine Münchner Ausstellung „Die Andere Bibliothek“. In: Süddeutsche Zeitung, 2. Juni 2015, S. 12.
  17. Ausstellung: Das schöne Buch als Ereignis und Inszenierung. 30 Jahre Buchreihe „Die Andere Bibliothek“. In: Universitätsbibliothek der LMU München, 2015.