Die Bestie im Menschen

Die Bestie im Menschen oder auch Das Tier im Menschen (franz. La Bête humaine) ist ein Roman von Émile Zola aus dem Jahr 1890. Er bildet den siebzehnten Teil des aus zwanzig Bänden bestehenden Rougon-Macquart-Zyklus. Der Roman-Zyklus stellt als eine Art Mikrokosmos verschiedene Aspekte der französischen Gesellschaft dar. Die Handlung von Die Bestie im Menschen trägt sich größtenteils auf der Eisenbahnstrecke zwischen Paris und Le Havre sowie im Bahnhofsbereich zu. Zola vollendete den Roman, inspiriert durch die Züge, die er von seinem Wohnhaus in Médan aus beobachten konnte, im Frühjahr 1890.[1]
Im Zentrum der Handlung stehen Roubaud, der stellvertretende Stationsvorsteher von Le Havre, seine Frau Séverine und der Eisenbahner Jacques Lantier. Jacques ist der Sohn der aus dem Roman Der Totschläger bekannten Gervaise und der Bruder von Étienne Lantier aus Germinal und von Claude Lantier, der in Der Bauch von Paris erstmals auftritt und in Das Werk im Zentrum der Handlung steht. Er ist zugleich der Halbbruder von Nana aus dem gleichnamigen Roman.
Handlung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Lokführer Jacques Lantier spürt in sich das Bedürfnis, eine Frau mit einem Messer zu töten. Er fürchtet sich vor der Versuchung und führt ein isoliertes Leben. Er empfindet eine tiefe Zuneigung zu seiner Lokomotive La Lison.
Zu Beginn des Romans entdeckt der Stationsvorsteher Roubaud, dass seine Frau Séverine in ihrer Kindheit eine Affäre mit Grandmorin, dem Präsidenten der Eisenbahngesellschaft, hatte. Infolgedessen werden er und seine Frau von der Gesellschaft protegiert. Auf einer Zugfahrt von Paris nach Le Havre töten Roubaud und Séverine Grandmorin und werfen ihn aus dem fahrenden Zug. Anschließend klettern sie, während sich der Zug in voller Fahrt befindet, in ein anderes Abteil.
Jacques besucht währenddessen seine Cousine Flore, die als Tochter einer Bahnwärterin an der Strecke lebt. Ihn befällt das Verlangen, sie zu töten, doch er widersteht der Versuchung und läuft davon. Zufällig wird er Zeuge des Mordes an Grandmorin. Kurz darauf findet er dessen Leiche auf den Gleisen. Es kommt der Verdacht auf, dass es sich um einen Raubmord handele. Roubaud und Séverine werden von der Polizei befragt, aber nicht ernsthaft verdächtigt, da sie keine offensichtlichen Motive haben. Jacques erkennt Roubaud als Mörder, doch er schweigt. Der Untersuchungsrichter vermutet, dass der Mord von dem eigenbrötlerischen Cabuche begangen wurde, der an der Strecke lebt. Das Verbrechen bleibt ungeklärt.
Die Beziehung von Roubaud und Séverine bröckelt. Das Geld und die Uhr Grandmorins haben sie in der Wand hinter ihrem Kleiderschrank versteckt. Roubaud beginnt zu spielen. Séverine und Jacques beginnen eine Liebesbeziehung. Zunächst fürchten sie, von Roubaud ertappt zu werden, doch dieser zeigt keinerlei Eifersucht. Séverine gesteht Jacques, dass ihr Mann sie zur Teilnahme an dem Mord gezwungen hat. In Jacques erwacht der Wunsch, eine Frau zu töten. Er verlässt seine Wohnung auf der Suche nach einem Opfer. Doch er tötet nicht. Später stellt er fest, dass der Wunsch zu töten nicht mehr vorhanden ist. Er glaubt, dass die Liebe zu Séverine ihn geheilt hat.
Die Partnerschaft zwischen Séverine und Roubaud zerbricht endgültig, als sie feststellt, dass er entgegen der Absprache das geraubte Geld allein und vollständig verbraucht hat. Jacques bekommt die Gelegenheit, Geld in das Geschäft eines Freundes zu investieren. Séverine schlägt ihm vor, das Geld anzulegen, das sie von Grandmorin geerbt hat. Roubaud ist das einzige Hindernis auf ihrem Weg zum Glück. Séverine überredet Jacques, ihn zu töten. Er lauert dem Stationsvorsteher auf, doch im letzten Moment verliert er die Nerven und flüchtet.
Seine Cousine Flore, die in ihn verliebt ist, erkennt, dass Jacques und Séverine ein Verhältnis haben, und beschließt aus Eifersucht, beide zu töten. Sie stellt an einem Bahnübergang ein Fuhrwerk quer auf die Schienen und verursacht so ein Unglück, bei dem zahlreiche Passagiere getötet und schwer verletzt werden. Danach wirft sich Flore in einem Tunnel vor einen Zug. Jacques, der bei dem Unglück verletzt wurde, wird von Séverine gepflegt.
Séverine verabredet sich mit Roubaud, doch diese Verabredung ist eine Falle. Jacques soll ihren Mann töten. Doch diesen überkommt erneut seine durch genetische Veranlagung bedingte Lust, eine Frau zu töten. Er erdolcht Séverine und flüchtet, von seiner eigenen Tat entsetzt. Die Leiche Séverines wird von Cabuche gefunden. Die Polizei kommt in ihren Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass Cabuche den Mord im Auftrag Roubauds begangen habe. Beide werden verurteilt.
Jacques nimmt seinen Dienst wieder auf. Er fährt nun eine andere Lokomotive. Er beginnt eine Affäre mit der Freundin seines Heizers. Der Roman endet damit, dass Jacques einen Zug voller Soldaten an die Front fährt, hinein in den Deutsch-Französischen Krieg. Es kommt zu einer körperlichen Auseinandersetzung mit dem eifersüchtigen Heizer, in deren Verlauf beide aus der Lokomotive fallen. Der Zug voller patriotisch begeisterter, siegessicherer Soldaten rast führerlos durch die Nacht.
Entstehung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zola trug sich seit Mitte der 1870er Jahre mit zwei getrennten Romanplänen: einem Roman über die Welt der Eisenbahn und einem Roman über die Justiz und das Verbrechen. In La Bête humaine verband er schließlich beide Stoffe zu einem einzigen Werk.[2]
Wie für seine naturalistische Arbeitsweise üblich, betrieb Zola umfangreiche Recherchen. Mit Unterstützung der Compagnie des chemins de fer de l’Ouest besichtigte er im Frühjahr 1889 den Bahnhof Saint-Lazare und die Bahnanlagen, ließ sich den Betriebsablauf erläutern und unternahm eine Fahrt auf dem Führerstand einer Lokomotive auf der Strecke von Paris nach Mantes, um die Arbeit von Lokführer und Heizer aus eigener Anschauung zu kennen.[2] Daneben studierte er die zeitgenössische Kriminologie, insbesondere die Schriften Cesare Lombrosos über den „geborenen Verbrecher“ sowie Arbeiten zur Vererbungslehre und zur forensischen Psychiatrie.[3]
Als Anregungen dienten Zola auch reale Kriminalfälle seiner Zeit, darunter der aufsehenerregende Mord an dem Präfekten Barrême, dessen Leiche 1886 an der Bahnstrecke zwischen Paris und Rouen gefunden worden war und dessen Tat nie aufgeklärt wurde, sowie die 1888 in London verübten Morde von Jack the Ripper, die die zeitgenössische Debatte über den triebhaften Mörder prägten.[2]
Ursprünglich hatte Zola vorgesehen, Étienne Lantier, den Protagonisten aus Germinal, zum mordenden Helden des Romans zu machen; im Stammbaum der Rougon-Macquart war Étienne zunächst als der von einem erblichen Mordtrieb Gezeichnete angelegt. Da diese Rolle nach Germinal nicht mehr zu der dort entwickelten Figur passte, erfand Zola nachträglich mit Jacques Lantier einen dritten Sohn der Gervaise Macquart und fügte ihn in den Stammbaum der Familie ein.[2]
Zola schrieb den Roman zwischen Mai 1889 und Januar 1890, überwiegend in seinem Landhaus in Médan, das unmittelbar an der Bahnstrecke Paris–Le Havre liegt. La Bête humaine erschien zunächst als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift La Vie populaire (November 1889 bis März 1890); die Buchausgabe wurde im März 1890 im Verlag Charpentier veröffentlicht.[2]
Hintergrund
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Handlung des Romans spielt in den Jahren 1869 und 1870, den letzten Jahren des Zweiten Kaiserreichs. Wie der gesamte Rougon-Macquart-Zyklus, dessen Untertitel „Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich“ lautet, verbindet der Roman die Darstellung eines gesellschaftlichen Milieus – hier der Eisenbahnerwelt – mit Zolas Theorie der Vererbung: Jacques Lantier ist als Nachkomme der von Alkoholismus und Degeneration gezeichneten Macquart-Linie Träger eines erblichen „Sprungs“ (frz. fêlure), der sich bei ihm als unkontrollierbarer Trieb äußert, Frauen zu töten. Zola gestaltet damit die in der zeitgenössischen Kriminalanthropologie diskutierte Figur des triebhaften, von seiner Veranlagung determinierten Mörders literarisch aus.[3]
Der Roman ist zugleich eine Abrechnung mit der Justiz des Zweiten Kaiserreichs. Die Mordermittlungen werden im Roman aus politischen Rücksichten manipuliert: Um den Ruf des Opfers Grandmorin, eines regimenahen Würdenträgers, und damit das Ansehen des Kaiserreichs zu schützen, wird die Wahrheitsfindung dem Staatsinteresse untergeordnet. Am Ende werden mit Cabuche und – für die falsche Tat – Roubaud Unschuldige beziehungsweise falsch Beschuldigte verurteilt, während der wahre Zusammenhang unaufgeklärt bleibt. Die Justiz erscheint als Apparat, dem es weniger um Gerechtigkeit als um Ordnung und Fassade geht.[2]
Ein weiteres zentrales Motiv ist der Gegensatz zwischen technischem Fortschritt und archaischer Gewalt: Die Eisenbahn, im 19. Jahrhundert Inbegriff von Zivilisation und Moderne, bildet die Kulisse für Verbrechen, die aus urtümlichen, „tierischen“ Trieben hervorgehen – daher der Titel des Romans. Das Schlussbild des führerlos in die Nacht rasenden Truppenzuges, der Soldaten in den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 bringt, wird gemeinhin als Allegorie auf das seinem Untergang entgegenstürzende Zweite Kaiserreich gedeutet.[3]
Form
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Roman umfasst zwölf Kapitel und ist dem literarischen Naturalismus zuzurechnen. Zola verbindet die für ihn typische, auf genauen Recherchen beruhende Milieuschilderung – die detailgetreue Darstellung des Eisenbahnbetriebs, der Bahnhöfe, Stellwerke und Fahrpläne – mit Elementen des Kriminal- und Schauerromans. Die Erzählperspektive wechselt zwischen den Hauptfiguren, deren Innenleben in erlebter Rede wiedergegeben wird; der Leser kennt die Täter von Beginn an, sodass die Spannung nicht aus der Frage nach dem „Wer“, sondern aus der psychologischen Entwicklung der Figuren erwächst.[2]
Auffällig ist die Personifizierung der Maschine: Die Lokomotive La Lison wird durchgehend wie ein lebendiges Wesen beschrieben, das Jacques wie eine Geliebte behandelt; ihr „Tod“ beim Zugunglück ist als eine der Sterbeszenen des Romans gestaltet. Umgekehrt werden die Menschen wiederholt ins Animalische überführt, womit Zola die Titelmetapher der „Bestie im Menschen“ auf der Bildebene durchführt. Wiederkehrende Leitmotive – der vorbeirasende Zug, der Tunnel, das Messer, das Blut – verklammern die Handlungsstränge und verleihen dem Roman eine fast mythische, über den dokumentarischen Naturalismus hinausweisende Dimension.[3]
Filmadaptionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Die Bestie im Menschen, deutscher Stummfilm aus dem Jahr 1920 von Ludwig Wolff
- Bestie Mensch (Originaltitel: La Bête humaine), französischer Film aus dem Jahr 1938 von Jean Renoir
- Human Desire, Verfilmung aus dem Jahr 1954 mit Glenn Ford, Regie Fritz Lang
- La Bestia humana, argentinischer Film von 1954 von Daniel Tinayre
- Cruel Train, britischer Fernsehfilm aus dem Jahr 1995 von Malcolm McKay
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Émile Zola: Die Bestie im Menschen. Tredition Classics, Hamburg 2011, ISBN 978-3-8424-2071-7 (französisch: La Bête Humaine. Übersetzt von Alfred Ruhemann).
- Henri Mitterand: Étude zu La Bête humaine. In: Émile Zola: Les Rougon-Macquart. Band IV. Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1966.
- Colette Becker, Gina Gourdin-Servenière, Véronique Lavielle: Dictionnaire d’Émile Zola. Robert Laffont, Paris 1993, ISBN 2-221-07612-5.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Die Bestie im Menschen im Projekt Gutenberg-DE
- Digitalisat auf Archive.org (Auflage von 1893)
- Archive.org: Audiodateien (gelesen von René Depasse)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Benno Diederich: Emile Zola. 1898, S. 58.
- 1 2 3 4 5 6 7 Henri Mitterand: Étude zu La Bête humaine. In: Émile Zola: Les Rougon-Macquart. Band IV. Bibliothèque de la Pléiade, Gallimard, Paris 1966.
- 1 2 3 4 Colette Becker, Gina Gourdin-Servenière, Véronique Lavielle: Dictionnaire d’Émile Zola. Robert Laffont, Paris 1993.