Die Brandmauer

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Die Brandmauer (Originaltitel: Brandvägg) ist der achte Teil der bisher zehnteiligen Kurt-Wallander-Serie des schwedischen Schriftstellers Henning Mankell. 1998 erschien er erstmals in Schweden, 2001 in Deutschland. Der Originaltitel Brandvägg bezeichnet im Schwedischen das Computersicherungssystem Firewall. In der deutschen Übersetzung geht diese Bedeutungsebene verloren.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Handlung des sehr komplex gestalteten Kriminalromans setzt Anfang Oktober 1997 ein; der Handlungsbogen spannt sich über zwei Wochen. Der Leser findet Kurt Wallander zunächst auf dem Wege zur Beerdigung jenes Stefan Fredman, den er im fünften Band der Krimireihe Die falsche Fährte gestellt und der nun Selbstmord begangen hatte. Zwar fährt Wallander widerstrebend zum Friedhof, doch fühlt er sich aus einer Gefühlsmischung von Mitleid mit der Mutter und eigener Schuldzuweisung heraus zur Teilnahme an der Beisetzung verpflichtet. Und nicht zum ersten Male stellt sich Wallander hier die Frage, woher die zunehmende Sittenverwahrlosung und Verderbtheit und die damit einhergehende wachsende Gewaltbereitschaft in der modernen (schwedischen) Gesellschaft rührt.

Die Frage stellt sich ihm umso mehr, als er zurück ins Polizeipräsidium von Ystad kommt. Am Sonnabend hatten sich zwei jugendliche Frauen auf ein Bier in einem Restaurant getroffen. Als ein asiatisch aussehender Gast in die Gaststätte kommt, reagiert die ältere der beiden, die neunzehnjährige Sonja Hökberg, etwas eigenwillig. Kurz darauf ordern die beiden ein Taxi, dessen Fahrer sie nach kurzer Fahrt niederstechen und ihn dabei so schwer verwunden, dass der Mann wenige Tage später seinen Verletzungen erliegt. Bei der polizeilichen Vernehmung gestehen sie, den Mord aus Geldmangel begangen zu haben – ein Motiv, über das Wallander von Anfang an in Zweifel ist. Tatsächlich wird sich später herausstellen, dass sich Hökberg an dem Mann stellvertretend für ihre bisher ungesühnte Vergewaltigung zu rächen suchte, die dessen Sohn vor Jahren an ihr begangen hatte.

Parallel zu dem „Taxifall“ und scheinbar ohne Zusammenhang zu diesem Vorgang hat sich die Kriminalpolizei mit einem Leichenfund zu befassen. Am frühen Montagmorgen war vor einem Geldautomaten in der Stadt der alleinstehende Computerfachmann Tynnes Falk leblos aufgefunden worden. Eine Gewalttat kann schon bald ausgeschlossen werden, zumal auch die Gerichtsmediziner von einem natürlichen Tod Falks ausgehen können. Zweifel beschleichen Wallander indes, als sowohl der Hausarzt als auch die geschiedene Ehefrau des Verstorbenen einwenden, der Endvierziger habe bis zuletzt über eine äußerst robuste Gesundheit verfügt.

Inzwischen gelingt es Sonja Hökberg, aus dem Polizeigewahrsam zu fliehen. Nicht nur, dass die junge Frau nur wenig später ermordet und völlig verkohlt in einem Umspannwerk gefunden wird, gibt der Polizei Rätsel auf, sondern auch, dass jemand die sterbliche Hülle des Tynnes Falk aus der Leichenhalle der Gerichtsmedizin entwendet und stattdessen ein Starkstromrelais aus eben jenem Umspannwerk auf der Bahre zurückgelassen hatte. Erst einige Tage später wird die Leiche, der aus unerfindlichen Gründen zwei Finger abgetrennt wurden, wiedergefunden. Für Wallander steht damit fest, dass beide Fälle sehr wohl in einer Beziehung zueinander stehen.

Schließlich findet Wallander in einer Zweitwohnung von Tynnes Falk einen leistungsstarken Computer. Nach einigen weiteren zunächst unerklärlichen Vorfällen – darunter auch ein eher zufällig misslungener Mordanschlag auf Wallander – gelingt es mit Hilfe eines jugendlichen Grey-Hat-Hackers in das hochgradig verschlüsselte Computersystem einzudringen. Zwar ist dieses Vorgehen Wallanders, zumal der junge Mann wegen eines noch nicht lange zurückliegenden Hackerangriffs auf die Server des Verteidigungsministeriums der Vereinigten Staaten einschlägig vorbestraft ist, nicht ganz legal, doch wird allein auf diese Weise manifest, dass die bisherigen Morde (auch der Freund von Sonja Hökberg wurde inzwischen umgebracht) lediglich dem Zweck dienten, ein in Vorbereitung befindliches, viel gewaltigeres und weltumspannendes Verbrechen zu vertuschen.

Tatsächlich nämlich hat Falk – in Komplizenschaft mit einem als „C“ bezeichneten Unbekannten – Black-Hat-Hackerprogramme allein zu dem Zweck vorbereitet, die gesamte Finanzwelt der westlichen Welt kollabieren zu lassen. „C“, der tatsächlich Carter heißt, hatte in den dreißig Jahren seiner Tätigkeit als Chef der Weltbank-Dependance in Angola sehen müssen, wie Weltbank und IWF weniger den ehemaligen Kolonialländern Hilfe angedeihen lassen, sondern vielmehr die Interessen des westlichen Industrie- und Finanzkapitals durchsetzen. Falk und Carter waren sich Jahre zuvor zufällig in Afrika begegnet und schnell zueinander gekommen – der eine ein exzellenter, aber eigenbrötlerischer Computerfachmann, der andere ein ehemaliger skrupelloser US-Mariner des Vietnamkriegs und inzwischen mit allen Wassern gewaschener Banker. Inzwischen hatten die beiden Komplizen die Verwirklichung von Carters Idee bereits so weit vorangetrieben, dass sie am 20. Oktober 1997 einen weltumspannenden digitalen Angriff auf die IT-Infrastrukturen der internationalen Bank- und Finanzsysteme würden starten könnten, womit ein massiver Einbruch der Weltwirtschaft unabwendbar würde. Der unerwartete Tod Falks und die einsetzenden polizeilichen Ermittlungen gefährdeten diese Pläne, weshalb Carter zunächst durch jenen asiatischen Helfershelfer, dann mittels einer auf Wallander angesetzten Frau, schließlich sogar in eigener Person das Vorhaben durch ein höchst brutales Vorgehen zu retten suchte. Mit Hilfe des jugendlichen Hackers findet Kurt Wallander schließlich heraus, wie dieser Cyberangriff ausgelöst werden soll – abermals unter Einsatz seines Lebens kann er ihn im letzten Augenblick abwenden.

Am Schluss des Romans teilt Linda Wallander ihrem Vater mit, dass sie sich erfolgreich an der Polizeihochschule beworben habe, um nun auch Polizistin zu werden.

Wertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit dem Roman greift Mankell ganz große Themen auf. Tatsächlich bilden gleich mehrere Grundüberlegungen den Hintergrund für die Handlung des Thrillers: Zum einen geht es um die schon früher gestellte Frage, warum der steigende Wohlstand der schwedischen Gesellschaft (und nicht nur dieser) das Wesen der Menschen in solch abträglicher Weise verändert. Und Mankell gibt in diesem Kontext zu bedenken, dass die Möglichkeiten des Informationsaustausches, dass die größtmöglichen Freizügigkeiten, wie sie die Menschen in westlichen Demokratien wie Schweden genießen, sich nicht unbedingt vorteilhaft auf Sitte und Moral der Mitglieder dieser Gesellschaft auswirken. Nicht zuletzt will Mankell darauf aufmerksam machen, dass die digitale Vernetzung des Globus und der damit ermöglichte schnelle Informationsaustausch nicht nur Vorteile, sondern auch größte Gefahren in sich bergen. „Wer die elektronische Kommunikation beherrscht, der hat die eigentliche Macht“, lässt er Falk und Carter erkennen. Und weiter: „Als Falk von den Kriegen der Zukunft sprach, lauschte Carter mit höchster Anspannung. Was die Panzer im Ersten und die Atombombe im Zweiten Weltkrieg bedeutet hatten, das würde die neue Informationstechnik für die Konflikte bedeuten, die in nicht allzu ferner Zukunft bevorstünden… Elektronische Impulse würden Aktienmärkte und Telekommunikationssysteme eines Feindes lahmlegen.“[1]

Damit legt Mankell den Finger in eine schlimme Wunde und macht die Fragilität der sich in den letzten Jahrzehnten rasant entwickelten Datenaustauschsysteme sichtbar.

Wiederum zeichnet Mankell die Figur Wallanders, aber auch die der anderen Protagonisten, in hohem Maße subtil und genau. Freilich ist Wallanders Wesen und Psyche dem Lesen auch hier nicht immer nachvollziehbar. Aber das hat Mankell bereits selbst erkannt, indem er dem hier besprochenen achten Band der Reihe die Kurzgeschichtensammlung „Wallanders erster Fall“ anschloss, um damit die frühe Entwicklung seines Helden besser aufzuhellen.

Auch sind die Motive der anderen in der Brandmauer Handelnden nicht immer einzusehen. Insbesondere steht zu fragen, wieso die Kritik Carters am fragwürdigen System Weltbank nicht Überlegungen auslöst, wie den Entwicklungsländern wirkliche Hilfe zu bringen wäre. Stattdessen lassen es der Mann und sein Komplize Falk darauf ankommen, einen weltwirtschaftlichen Kollaps herbeizuführen, der die ohnehin gebeutelten Ländern der sogenannten Dritten Welt erst recht in eine noch schlimmere Katastrophe führen muss.

Verfilmungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2005 wurde in Schweden der letzte Wallander-Roman als TV-Krimi verfilmt, die Hauptrolle übernahm erneut Schauspieler Rolf Lassgård, Regie führte Lisa Siwe. Die deutsche Version wurde 2006 vom ZDF synchronisiert und im Januar 2007 ausgestrahlt. Die DVD-Fassung erschien im April 2007.

2008 hat die BBC eine Neuverfilmung der Romanvorlage gedreht. Der Film wurde Ende Mai 2009 im deutschen Fernsehen gezeigt; Darsteller waren Kenneth Branagh als Kurt Wallander, Sarah Smart als Anne-Britt Höglund, Sadie Shimmin als Lisa Holgersson, Tom Beard als Svedberg, Tom Hiddleston als Martinsson, Richard McCabe als Nyberg und Jeany Spark als Linda Wallander.

Hörspiel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2001 erschien Die Brandmauer als Hörspiel.

Besetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

sowie: Kathrin Freyburg, Ud Joffé, Isabell Pohl, André Sander und Oliver Wullenweber

Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • „Ein großartiger Mankell – einer der besten.“ – Michael Kluger, Frankfurter Neue Presse
  • „Aber viel Spannung und Atmosphäre bietet Mankell noch immer – ganz zu schweigen von der düsteren Aktualität des Plots.“ – Der Spiegel
  • „Applaus für einen außerordentlichen Roman“ (Wertung: 84 %) – Krimi-Couch.de

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Henning Mankell: Die Brandmauer. Axel Springer Verlag, Berlin 2012, ISBN 978-3-942656-15-3, S. 257