Die Dame mit dem Hündchen

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Die Dame mit dem Hündchen (russisch Дама с собачкой Dama s sobatschkoi) ist eine Erzählung des russischen Schriftstellers Anton Tschechow, die – im Herbst 1899 niedergeschrieben – im Dezemberheft 1899 der Zeitschrift Russkaja Mysl erschien. Die erste Übertragung ins Deutsche brachte Eugen Diederichs 1902 heraus.[1]

Anton Tschechow

Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dame und ihr Liebhaber Gurow sind verheiratet, aber jeder mit einem anderen Partner. Tschechow behandelt diesen doppelten Ehebruch auf seine Art: indirekt. Ein klein wenig Direkteres erfährt der Leser höchstens über Gurows sexuelles Vorleben: „Von früher hatte er sich die Erinnerung an sorglose, gutmütige Frauen bewahrt, die die Liebe fröhlich machte, die ihm dankbar waren für ein Glück, auch für ein kurzes; und auch an solche wie zum Beispiel seine Frau erinnerte er sich, die ohne Aufrichtigkeit liebten, mit unnötigen Gesprächen, manieriert, hysterisch, mit einer Miene als handele es sich nicht um Liebe und Leidenschaft, sondern um etwas bedeutenderes; aber auch an zwei, drei sehr schöne und kalte Frauen dachte er, über deren Gesicht plötzlich ein raubtierhafter Ausdruck huschte, ausgelöst von dem Wunsch, Besitz zu ergreifen, dem Leben mehr zu entreißen, als es zu geben vermochte; sie hatten ihre erste Jugend bereits hinter sich, das waren launische, unvernünftige, herrschsüchtige und nicht sehr kluge Frauen, und wenn Gurows Gefühl für sie erkaltete, dann weckte ihre Schönheit in ihm nur Haß, und die Spitzen an ihrer Wäsche kamen ihm wie Schuppen vor.“[2] Aber bei jener Dame mit dem Hündchen ist alles anders, denn in dem Fall handelt es sich – im Gegensatz zu sämtlichen Verhältnissen Gurows vorher – um Liebe. Von Liebe zwischen der Dame und Gurow ist gegen Textende hin einmal kurz die Rede in dem Zusammenhang: „daß ihre Liebe nicht so bald enden würde“.[3] Sonst muss der Leser selbst erkennen, was sich zwischen der Dame und Gurow abspielt: mehr als bloßer Sex.

Plot[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Iwan Aiwasowski anno 1858: Blick auf Oreanda bei Jalta

Der Moskauer Bankangestellte und Hausbesitzer Dmitri Dmitritsch Gurow, ausgebildeter Philologe, hat seine Familie daheim zurückgelassen[4] und lockt auf der Jaltaer Strandpromenade den weißen Spitz einer jungen Dame an. Gurow ist beinahe doppelt so alt wie Anna Sergejewna von Diederitz, die Dame mit dem Hündchen . Die Petersburgerin Anna hat als Zwanzigjährige in die Provinzstadt S. geheiratet. Obwohl Annas Ehemann, ein Beamter, Erholung ebenfalls nötig habe, sei er momentan dienstlich verhindert. Anna nennt den Gatten einen Lakaien. Nach einer Woche Bekanntschaft geht die zaghafte, unerfahrene Anna – wie der Erzähler freilich nur andeutet – mit Gurow ins Bett. Kurzweil dominiert fortan. Das Liebespaar lässt sich ins benachbarte Oreanda[5] kutschieren.

Annas Ehegatte erkrankt. Sie muss schleunigst nach S. abreisen. Schließlich muss auch Gurow zu seiner Moskauer Bank zurück. Zum Jahreswechsel belügt er seine Frau; täuscht eine Reise mit dienstlichem Hintergrund nach Petersburg vor. Aber S. ist in Wirklichkeit sein Reiseziel. Der Hotelportier weiß die Adresse des Hauses von Diederitz. Gurow geht hin, lässt aber dort keinen Fehler zu. Der Liebhaber kann auf den Zufall warten. Letzterer tritt tatsächlich während eines Theaterbesuches ein. Die glückliche Anna, nachdem sie ihre Überraschung verdaut hat, verspricht einen Besuch in Moskau.

Anna belügt den Gatten – schiebt ihr Frauenleiden vor; fährt nach Moskau und steigt im Slawischen Basar[6] ab. Dort in Annas Zimmer treffen sich die Liebenden heimlich. Tschechow schreibt: „Und erst jetzt, da sein Kopf grau war,... liebte er tatsächlich – zum erstenmal in seinem Leben... und sie fanden es unbegreiflich, daß er mit einer anderen Frau und sie mit einem anderen Mann verheiratet war.“[7]

Verfilmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gorki verallgemeinert im Januar 1900 in einem Brief an den Autor über den Text treffsicher: „Ihre Erzählungen sind feingeschliffene Flakons mit allen Aromen des Lebens darin.“[10] In seiner Bewunderung forfahrend, beobachtet er weiter, Tschechow habe den Realismus in dem Sinne überwunden: Keiner könne so einfach schreiben wie Tschechow.[11]
  • 16. Januar 1900. Nach Tolstoi stehe Nietzsche hinter dem Text.[12]
  • Nabokov nennt sieben Merkmale.[13] Erstens verzichtet der Erzähler auf weit hergeholte Rahmung und trägt „möglichst natürlich“ vor. Zweitens bevorzugt der Erzähler bei der Charakterisierung der Figuren das Setzen von Schlaglichtern. Drittens möchte der Erzähler weder belehren noch irgendeine Botschaft transportieren. Viertens erscheint der Text weniger statisch als vielmehr dynamisch-schwingend. Fünftens werden die Niederungen und Höhen der wirklichen Welt gleichbehandelt. Sechstens wurde der Schluss offengehalten, weil die beiden Protagonisten weiterleben und -lieben wollen. Siebentens sollte der Leser aufmerken, sobald sich der Erzähler auf einen Abweg begibt. Denn dann wird mitunter etwas Bedeutsames indirekt mitgeteilt.[A 1]

Deutschsprachige Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die Dame mit dem Hündchen. Zeichnungen von Richard Scheibe. Limes-Verlag, Wiesbaden 1946. 54 Seiten
  • Die Dame mit dem Hündchen. Späte Erzählungen 1893 - 1903. Aus dem Russischen übertragen von Gerhard Dick und anderen. Winkler, München 1977, 790 Seiten, ISBN 3-538-05226-3, Inhaltsverzeichnis der Aufl. anno 2015
  • Die Dame mit dem Hündchen und andere Erzählungen. Mit Zeichnungen von András Karakas. Ausgewählt und mit einem Nachwort versehen von Werner Berthel. Aus dem Russischen von Reinhold Trautmann. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1976 (1. Aufl.), ISBN 3-458-01874-3
  • Die Dame mit dem Hündchen. Übersetzt von Kay Borowsky. Anmerkungen und Nachwort von Hans Walter Poll. Reclam, Stuttgart 1979, ISBN 978-3-15-005290-7
  • Die Dame mit dem Hündchen. Aus dem Russischen neu übersetzt von Barbara Conrad. Mit einem Essay von Bernhard Schlink und Bildern von Hans Traxler. Insel-Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-458-20005-5

Verwendete Ausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Vladimir Nabokov: Die Kunst des Lesens: Meisterwerke der russischen Literatur. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-10-051503-X.
  • Peter Urban (Hrsg.): Über Čechov. 487 Seiten. Diogenes, Zürich 1988 (Diogenes-Taschenbuch 21244). ISBN 3-257-21244-5

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Übergeht Nabokov noch Turgenjews und Maupassants ungelenke Rahmungen unter dem ersten Merkmal gleichsam gutmütig lächelnd, so macht er unter dem dritten Merkmal kein Hehl aus seiner Verachtung des schulmeisterlichen Tones bei Thomas Mann und Maxim Gorki. Erheiternd registriert der Nabokov-Leser in dem Zusammenhang unter dem vierten Merkmal, wie Nabokov selbst schulmeistert, wenn er Schrödingers Wellenmechanik der Lichtausbreitung als Analogon für Tschechows Schreibtechnik in vorliegendem Falle bemüht. Zudem könnte das siebte Merkmal als Abklatsch des zweiten genommen werden.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Düwel in der Nachbemerkung der verwendeten Ausgabe, S. 599–600
  2. Verwendete Ausgabe, S. 466, 5. Z.v.u.
  3. Verwendete Ausgabe, S. 480, 16. Z.v.u.
  4. Nabokov, S. 341, 7. Z.v.o.
  5. russ. Oreanda
  6. russ. Slawischer Basar
  7. Verwendete Ausgabe, S. 481, 11. Z.v.o.
  8. Die Dame mit dem Hündchen (Film), Eintrag in der Internet Movie Database (IMDb)
  9. Schwarze Augen, Eintrag in der IMDb
  10. Düwel zitiert Gorki in der Nachbemerkung der verwendeten Ausgabe, S. 600, 14. Z.v.o.
  11. Urban zitiert Gorki, S. 205, 10. Z.v.o.
  12. Urban zitiert Tolstoi, S. 206, Mitte
  13. Nabokov, S. 349 Mitte bis S. 350