Die Engel der Sixtina

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Die Engel der Sixtina
Der rechte Engel der Sixtina von August von der Embde
Fairbank’s cherubs
O. Pierre Havens (1838–1912): „The Cherubs. (Not) After Raphael“.
Parodie auf US-amerikanischer Stereoskopie, 19. Jh.

Die Engel der Sixtina (auch: Raffaels Engel) sind zwei Putten aus dem Gemälde Die Sixtinische Madonna. Sie werden seit um 1800 getrennt von ihrem Herkunftswerk rezipiert.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der älteste Nachweis stammt von 1796 mit Johann Heinrich Mayers Kopie von Annibale Carracis Genius des Ruhms. Mayer hatte einige der Engelsfiguren um den aufstrebenden Genius anders angeordnet oder getauscht: Am unteren Bildrand war nun der rechte Engel aus Raffaels Bild zu sehen. Mayers Gemälde wurde 2004 beim Brand der Anna-Amalia-Bibliothek zerstört und durch eine Kopie ersetzt. Die früheste erhaltene Auskoppelung als eigenständiges Kunstwerk stammt von August von der Embde, der 1803/04 jedem der zwei Engel ein eigenes Bild widmete. 1815 erschienen sie erstmals auf Alltagsgegenständen wie Berliner- und Meißner Porzellan, seitdem nahm die Verwendung immer mehr zu.[1] Um 1890 waren sie in den USA populär genug, um parodiert zu werden: Der Fleischwarenfabrikant N. K. Fairbank & Co. warb mit zwei Schweinchen in Engelspose. Bis heute erscheinen die Engel der Sixtina als Statuetten oder Aufdrucke auf verschiedenartigsten profanen Gegenständen wie Bonbonschachteln, Kaffeetassen, Regenschirmen, bis hin zu Hygieneartikeln.[2]

Eine Röntgenuntersuchung 1983 ergab, dass sie erst nachträglich in dünnem Farbauftrag über die fertigen Wolken gemalt wurden. Ob sie tatsächlich von Raffael stammen, ist nicht vollständig geklärt.[3]

Deutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Diese Engel fügen sich in die Gesamtkomposition von Raffaels Gemälde ein, sind aber im Unterschied zu anderen Puttenfiguren auf Renaissancebildern untätig: sie tragen keine Baldachine, noch präsentieren sie Marterwerkzeuge oder schießen Pfeile auf Verliebte, so können sie problemlos aus ihrem Kontext gelöst werden. Mirko Derpmann bemerkt dazu: „Ein Jesuskind oder einen kindlichen Johannes hätten die Glanzbild-Designer des 19. Jahrhunderts wohl nicht so leichtfertig aus dem ursprünglichen Kontext herausgerissen, […] Bei den beiden Engeln der Sixtina aber schwingt der religiöse Kontext nur ganz leise mit. […] Die beiden sind nicht wirklich Engel, sie sind Kleinkinder mit Flügeln. Ihre nächsten Verwandten sind nicht die himmlischen Heerscharen, sondern Putten, kindliche Begleiter von Amor und Venus (Eroten).“[4]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Julia Bock: Die stille Macht vertrauter Motive, Universitätsverlag Göttingen 2013 S. 135 f. (Bock Diss.pdf (Memento vom 7. Januar 2016 im Internet Archive))
  2. Ingeborg Ruthe: Sixtinische Madonna: Hochmesse am Zwinger in: Berliner Zeitung vom 26.Mai 2012
  3. Armin Sattler: Die Posterboys der Renaissance (orf.at, aufgerufen am 7. Januar 2016)
  4. Mirko Derpmann: Weltstars mit Flügeln - Raffaels Engel als Marketingphänomen, in: Andreas Henning: Die Sixtinische Madonna. Raffaels Kultbild wird 500, München / London / New York 2012, S. 123 zitiert nach: Julia Bock: Die stille Macht vertrauter Motive, Universitätsverlag Göttingen 2013, S. 144

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Die Engel der Sixtina – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien