Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969

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Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969 ist ein Roman von Frank Witzel, der 2015 im Berliner Verlag Matthes & Seitz erschien. Er wurde im selben Jahr mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Witzel reflektiert in dieser auf verschiedenen Zeitebenen stattfindenden Erzählung die Wahrnehmung eines jungen Menschen der Nach-68er-Generation in den verschiedenen Lebensphasen des Erwachsenwerdens. Mit großer Detailgenauigkeit werden die späten 60er und frühen 70er lebendig – die Musik der Beatles und der Rolling Stones und die Kämpfe mit den Eltern um jeden Zentimeter Haarlänge. Der Titel entspricht dem Aufbau des Romans: jede Aussage widerlegt sich selbst.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Mensch erzählt seine Geschichte, indem er Geschichten erfindet. „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion“ ist eine seiner Geschichten, mit denen er eine Annäherung an sich selbst sucht. Beschrieben wird dabei eine Art Anarchismus, der nicht per se als radikale Verneinung daherkommt, sondern aus einem Nicht-Verstehen-Können, Die-Welt-so-nicht-annehmen-Können erwächst. Dabei ist die Hauptfigur hochsensibel und leidet in hohem Maß an einer Besessenheit, die Dinge bis ins Kleinste zu analysieren und keine Antworten zu finden. Es wird nicht ein Muster bedient, Radikalisierung entsteht im Wechselspiel Aktion – Reaktion. Erzählt wird vielmehr so, als würde ein Prozess in Gang gesetzt, der aus der Situation des Ver-rückt-seins, des in dem Gefüge seiner Umwelt nicht seinen Platz Findenden zu Fehlinterpretationen seines Handelns führen. Der Jugendliche findet für sich keinen anderen Ausweg, als sich selbst für verrückt zu erklären.

In 98 nicht chronologischen Kapiteln, die anderthalb bis zu über vierzig Seiten lang sind, entsteht das Bild der psychischen Innenwelt eines dreizehnjährigen Fabrikantensohns, der 1969 in Wiesbaden-Biebrich das Klassenziel nicht erreicht und vorübergehend in ein Konvikt gesteckt wird. Seine Mutter ist gelähmt, weshalb der Junge von einer „Frau von der Caritas“ versorgt wird, die bei der Familie wohnt und die er verabscheut. Der Junge ist Ministrant und popbegeistert – insbesondere die Beatles habe es ihm angetan, deren Album Rubber Soul von 1966 er auswendig kann. Es entstehen in einzelnen Passagen Identifikationsmuster des Protagonisten mit den Gründungsmitgliedern der RAF. Dieser Jugendliche spielt mit dem Namen, gibt sich als Erfinder des RAF-Logos aus und vergleicht Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof mit Figuren seiner kindlichen Erinnerung und Fantasie. Wahrnehmung und Wahn vermischen sich in einem Kaleidoskop mehrerer Betrachtungsschichten: man kann sich in die Zeit hineinversetzen, in die gesellschaftspolitischen Konflikte und in die Situation eines Anderswahrnehmenden, der sich auch als Erwachsener noch nicht sicher beantworten kann, wo die Grenzlinie verläuft zwischen Terrorist und Märtyrer. Die katholische Erziehung wird als ideologische Vereinnahmung des Jugendlichen beschrieben. Aus seinen Analysen zwischen religiösen Eiferern, die sich in der Erziehung des Jugendlichen ihr eigenes Heil versprechen, und radikalen Revolutionären ergeben sich für den Jugendlichen durchaus Analogieschlüsse: Beide machen sich zu Märtyrern einer größeren Sache.

Weitere Passagen erzählen von einem Hamburger RAF-Kongress in den 2000er Jahren, bei dem der Ich-Erzähler des Saales verwiesen wurde, von der gescheiterten Beziehung zu einer „Gernika“, von einem Aufenthalt in der „Spezialambulanz für Persönlichkeitsstörungen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf“ sowie immer wieder von Gesprächen mit einem anonym bleibenden Polizisten, die teils wie Verhöre wirken, teils den Charakter von Therapiegesprächen annehmen.

Erst gegen Ende des Buches erklärt der Erzähler, dass er nur von der eigentlichen Geschichte, von dem, was er wirklich getan hat, ablenken wollte. Wobei das, was der Erzähler dann auftischt, eine weitere spannende Geschichte ist auf dieser Reise durch Politik, Kulturgeschichte und Popmusik: Er behauptet nämlich, der Mörder von Brian Jones zu sein, des Gitarristen der Rolling Stones, der am 3. Juli 1969 unter bis heute ungeklärten Umständen in seinem Swimming Pool ertrank. Aber, wie der Titel verspricht: wieder eine Erfindung. Über das Erzählen von Geschichten, sowohl in Traumbilder verkleidet, als auch über Geschichten, die wie autobiographische Erinnerungen daherkommen, wird in diesem Buch die Komplexität einer jugendlichen Psyche aufgefächert, die an den reellen Gegebenheiten beinahe zerbricht und deren einziger Fluchtpunkt die Depression bleibt.

Sprache und Gestaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Frank Witzel entwickelt diese Geschichte im Stil eines poetischen Realismus auf 830 Seiten in wechselnden Erzählsituationen, die aus den erlebten und empfundenen Situationen des Protagonisten ein ver-rücktes Bild über die erzählte Zeit abgeben. Er erschafft „ein leuchtendes Kaleidoskop“, das durch ein Register und lange Kapitelüberschriften erschlossen wird – „für den überforderten Leser der rettende Faden durch dieses wuchernde Labyrinth nichtchronologischen Erzählens“, wie die Rezensentin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung anmerkt.[1]

Rezensionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Natürlich kann dieser Roman nicht den Deutschen Buchpreis bekommen, dazu ist er zu verrückt und zu disparat“, schrieb Helmut Böttiger in der Zeit noch am 16. September 2015 zur Nominierung für die Shortlist, obwohl die Nominierung ein „großartiges Statement“ der Jury für diesen wahnwitzigen „Pop-Politik-Generationsroman“ sei.[2] Durchgängig wird das Buch gelobt und als „Große Literatur“ (taz)[3] oder als „Zauberwerk“ (Süddeutsche)[4] bezeichnet, für den Buchpreis wurde der Roman jedoch als Außenseiter betrachtet. Claus-Jürgen Göpfert von der Frankfurter Rundschau wünschte Witzel den großen Durchbruch mit diesem „opus magnum“.[5] Auch Ingo Schulze lobte das Buch: „Ich erfahre so viel über den untergegangenen Westen und über die Gegenwart – erst jetzt weiß ich, dass ich mir genau so einen Roman über dieses Land schon immer gewünscht habe“ (Coverrückseite). Dass der Deutsche Buchpreis für „gut verkäuflichen Leichtlesestoff“ stehe, könne man nach der Auszeichnung dieses „monströsen Monumentalroman[s]“ für lange Zeit nicht mehr behaupten, so Jens Jessen in der Zeit, der den Abschied vom realistischen Erzählen als besonders innovativ hervorhob.[6]

Hörspielbearbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemeinsam mit dem Regisseur Leonhard Koppelmann schrieb Witzel eine Hörspielfassung des Romans, die 2016 von der Abteilung Hörspiel und Medienkunst des Bayerischen Rundfunks produziert wurde und am 25. Juni 2016 auf Bayern 2 ihre Ursendung hatte. Mit Edmund Telgenkämper, Jonas Nay, Valerie Tschplanowa, Shenja Lacher, Christiane Roßbach, Peter Fricke, Oliver Nägele, Götz Schulte. Musik: Frank Witzel. Die Produktion gibt es als Podcast/Download im BR Hörspiel Pool.[7] Die Produktion wurde mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2017 in der Kategorie "Bestes Hörspiel" ausgezeichnet.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nicole Henneberg: Frank Witzels neuer Roman Lebenskrisen in Zeiten des Umbruchs. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. September 2015.
  2. Deutscher Buchpreis: Wahnwitz und Gegenwart. In: Die Zeit, 16. September 2015.
  3. Julian Weber: Frank Witzels Roman über die Post-68er. Popmusik und Depression. In: die tageszeitung, 19. April 2015.
  4. Helmut Böttiger: Das Schlagzeug der Sprache. In: Süddeutsche Zeitung, 14. Juni 2015.
  5. Das muss, das wird der Durchbruch sein. In: Frankfurter Rundschau, 25. September 2015.
  6. Jens Jessen: Ikonen des Bösen. In: Die Zeit, 15. Oktober 2015.
  7. BR Hörspiel Pool - Witzel, Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969