Die Ermittlung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Inszenierung der Ermittlung auf dem Reichsparteitagsgelände am Staatstheater Nürnberg, Juni 2009, Regie: Kathrin Mädler (Fotografin: Marion Bührle)

Die Ermittlung ist ein Theaterstück des Dramatikers Peter Weiss von 1965, das den ersten Frankfurter Auschwitzprozess von 1963 bis 1965 mit den Mitteln des dokumentarischen Theaters thematisiert. Es wurde am 19. Oktober 1965 im Rahmen einer Ring-Uraufführung an fünfzehn west- und ostdeutschen Theatern sowie von der Royal Shakespeare Company, London, uraufgeführt. Die Ermittlung trägt den Untertitel „Oratorium in elf Gesängen“. Weiss selbst nahm als Zuschauer am Auschwitzprozess teil und entwickelte sein Stück aus den Protokollen Bernd Naumanns.

Das Welttheater-Projekt[Bearbeiten]

Codex Altonensis, italienische Handschrift von Dantes Göttlicher Komödie (14. Jahrhundert)

Die Ermittlung sollte Teil eines umfassenderen „Welttheater“-Projekts werden, das der Struktur der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri folgte. Das dreiteilige Dramenprojekt sollte die Jenseitssphären Hölle, Paradies und das dazwischen liegende Fegefeuer umfassen. In Umkehrung der Überzeugungen Dantes sollte Die Ermittlung dabei dem „Paradiso“ der Dante-Konzeption entsprechen und das Paradies der Ort der Verzweiflung für die Leidtragenden sein. Das 1964 verfasste Drama Inferno, das erst 2003 aus dem Nachlass publiziert wurde, führte das abzubildende Jenseitsreich auch im Titel. Aufgrund der zeitgeschichtlichen Bedeutung des Auschwitz-Prozesses wurde das Divina-Commedia-Projekt jedoch zurückgestellt und der dritte Teil als Die Ermittlung separat veröffentlicht.

Inhalt und Aufbau[Bearbeiten]

Die Ermittlung ist in elf „Gesänge“ unterteilt. Diese sind nach thematischen Schwerpunkten gereiht und zeigen den Weg der Opfer von der Rampe bei der Ankunft in Auschwitz bis zum Feuerofen, so dass von immer grausameren Facetten der anonymen Massenvernichtung berichtet wird. Bewusst verzichtet Weiss auf ausschmückende Elemente. Das Bühnenbild soll sich auf einen nüchternen Gerichtssaal beschränken und jede Ablenkung von den Zeugenberichten vermeiden.

In elf Gesängen lässt der Autor die faktenreichen Aussagen der anonymen Zeugen gegen die der namentlich genannten Angeklagten und ehemaligen SS-KZ-Aufseher stehen. Anders als im historischen Prozess stehen nur 18 Angeklagte vor Gericht. Diese lassen sich durch ihre Aussagen klar identifizieren. Die Aussagen von mehreren hundert Zeugen fasst Weiss in seinem Stück in den fiktiven, repräsentativen Zeugenfiguren 1–9 zusammen. Dabei stehen zwei Zeugen auf der Seite der Angeklagten, die anderen sind ehemalige Häftlinge, darunter auch zwei Frauen. Die Anonymisierung der Zeugen soll zeigen, dass die Namen der Opfer in Auschwitz einer Nummer weichen mussten.

Die Zeugen klären den Zuschauer über die Gräueltaten im Konzentrationslager auf. Weiss stellt die Aussagen von Tätern, Zeugen und Richtern einander so gegenüber, dass Widersprüche in den Aussagen der Täter aufgedeckt werden. Das offene Ende des Stücks entspricht dem entpsychologisierten Ansatz des Autors, der die gesellschaftliche Verantwortung des Individuums auch unter den Rahmenbedingungen der Diktatur fokussieren wollte.

Sprachliche Form und Entlastungsrhetorik[Bearbeiten]

Das Stück besteht aus einem klaren, überschaubaren Satzbau in strenger Parataxe. Das Stück weist keinerlei Interpunktion auf. Nur das Wort zählt, durch das sich dem Zuschauer das Leben und Sterben im Konzentrationslager vermittelt. Das Geschehene wird sachlich, nüchtern und ohne Emotion rekapituliert. Durch den Verfremdungseffekt wird eine intensivere dramaturgische Wirkung auf den Zuschauer erzielt. Demselben Zweck dient die Rhythmisierung der Sprache in den Aussagen der Figuren. Angesichts einer Universalisierungsstrategie vermeidet der Autor im gesamten Stück eine Erwähnung des Worts „Jude“.

Die Angeklagten versuchen mit folgenden Entlastungsstrategien ihr Handeln zu verharmlosen, abzustreiten oder zu rechtfertigen:

  • Unglaubwürdigmachung von Zeugen oder Anklägern
  • Täter-Selbstverständnis als Opfer
  • Berufung auf damalige Rechts- und Werteordnung und Befehlsnotstand, allgemeine Akzeptanz und ähnliche Taten anderer
  • Schuldleugnung, Herabspielen der eigenen Rolle
  • ausweichende Antworten, Behauptung eigener Unwissenheit
  • Verweise auf „gelungene Resozialisierung“ nach 1945, Hervorheben eigener guter Taten
  • Plädoyer auf Verjährung

Nur wenige Angeklagte bekennen sich zu ihrer Schuld. Auch die Zeugen 1 und 2 argumentieren überwiegend apologetisch. Damit verdeutlicht Peter Weiss den Komplex der „zweiten Schuld“ (Ralph Giordano), die Giordano in dem Verdrängen und Leugnen der „ersten Schuld“, das heißt der im Kontext des Nationalsozialismus begangenen Verbrechen, sieht.[1]

Wirkung[Bearbeiten]

Die Ermittlung stellte das in der Spielzeit 1965/1966 mit zwölf Inszenierungen meistgespielte Gegenwartsstück der Bundesrepublik dar. Gleichwohl zog der Theatertext, der als vollständiger Vorabdruck unter anderem im August 1965 durch die Theaterzeitschrift Theater heute bekannt gemacht worden war, schon im Vorfeld der zwei Monate später folgenden Uraufführung vielfältige Angriffe auf sich. Theaterkritiker wie Joachim Kaiser machten Weiss’ Oratorium zum Vorwurf, das Stück beraube den Zuschauer seiner grundsätzlichen Deutungsfreiheit.[2] Die Debatte über die Zulässigkeit des von Weiss gewählten ästhetischen Verfahrens wurde über Wochen hinweg in Presse, Rundfunk sowie im Oktober und November 1965 auf drei Podiumsdiskussionen in Stuttgart, München und Ost-Berlin geführt.[3]

In der Auseinandersetzung um eine angemessene Inszenierungskonzeption traten vor allem zwei Produktionen der Ring-Uraufführung hervor. Erwin Piscators West-Berliner Inszenierung (Theater der Freien Volksbühne Berlin, 19. Oktober 1965) entsprach einem identifikatorischen Ansatz (die Zeugenbank stellte eine Verlängerung des Zuschauerraums dar). Piscator ließ die Zuschauer aus der Perspektive der Überlebenden auf das Prozessgeschehen und auf die Angeklagten blicken. Peter Palitzsch verfolgte in der Stuttgarter Produktion mit stetigen Rollenwechseln aller Schauspieler eine anti-identifikatorische Konzeption (Württembergisches Staatstheater, 23. Oktober 1965). Die Rolle von Täter und Opfer wurde bei Palitzsch als grundsätzlich austauschbar dargestellt.[4] In den Jahren 1965 bis 1967 nahmen Theater in Amsterdam, Moskau, New York, Prag, Stockholm und Warschau das Werk in ihre Spielpläne auf.[5]

Die internationale Inszenierungspraxis zeichnet sich zwischen den Grundformen darstellendes Spiel, szenische Lesung sowie oratorisch-konzertante Darbietung durch große konzeptionelle Vielfalt aus. Nach zwölfjähriger Zäsur wurde Die Ermittlung erstmals 1979 wieder in einer vom Autor nachträglich autorisierten Produktion am Schlosstheater zu Moers gezeigt, das sich in eine zwielichtige Bar verwandelte. „Einem Bericht über die Foltermethoden wurde das Mäntelchen einer Talkshow übergeworfen, die Ausforschung der Angeklagten entwickelte sich zu einem Frage-und-Antwort-Spiel.“[6] Auf die durchsichtigsten Ausflüchte der Angeklagten folgte demonstrativer Beifall (Regie: Thomas Schulte-Michels). 1998 inszenierte der Berliner Konzeptkünstler Jochen Gerz die Ermittlung als Mitmachspiel mit 500 Akteuren an drei Berliner Bühnen.[7] Die im Kongo ansässige Theatergruppe Urwintore, die aus Überlebenden des Völkermords in Ruanda von 1994 besteht, zeigte das Stück seit 2005 in mehreren afrikanischen und europäischen Ländern sowie in den Vereinigten Staaten (Regie: Dorcy Rugamba).

Ausgaben[Bearbeiten]

  • Peter Weiss: Die Ermittlung: Oratorium in 11 Gesängen. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1965.
  • Peter Weiss: Die Ermittlung: Oratorium in 11 Gesängen. Textausgabe mit einem Kommentar von Marita Meyer. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005.
  • Peter Weiss: Die Ermittlung: Oratorium in 11 Gesängen. Textausgabe mit einem Anhang von Walter Jens und Ernst Schumacher. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2014
  • Peter Weiss: Die Ermittlung: Oratorium in 11 Gesängen. Mit einer DVD des Fernsehspiels. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2008 (NDR-Produktion 1966, Regie: Peter Schulze-Rohr).

Weitere Medien[Bearbeiten]

Kompositionen

  • Luigi Nono: La fabbrica illuminata. Ha venido, Canciones para Silvia. Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz. Carla Henius, Barbara Miller, Stefania Woytowicz u. a., Mainz: Wergo / SunnyMoon 1992 (Ricorda cosa von 1966 basiert auf Nonos zehnteiliger Bühnenmusik, die 1965 die Inszenierungen in West-Berlin, Essen, Potsdam und Rostock gespielt hatten).[8]

Hörspiele

  • Peter Weiss: Die Ermittlung, Regie: Peter Schulze-Rohr, mit F.Strasser, H.Fleischmann, u.v.a. (178 Min.) HR/BR/DLF/RB/SR/SFB/SWF/NDR/WDR/SRG, 25. Oktober 1965
  • Peter Weiss: Die Ermittlung, Komposition: Siegfried Matthus, Regie: Wolfgang Schonendorf, mit W. Ortmann, N. Christian, M. Flörchinger, u.v.a. (247 Min.) Rundfunk der DDR, 26. Oktober 1965
  • Peter Weiss: Die Ermittlung: Oratorium in 11 Gesängen. Hörspielbearbeitung: Hermann Naber, Regie: Peter Schulze-Rohr. München: Der Hörverlag 2007 (Produktion: ARD/DRS 1965).

Fernsehbeiträge und DVDs

  • Der Augenzeuge. Wochenschau Nr. 44, 27. Oktober 1965. DDR: DEFA-Studio für Wochenschau und Dokumentarfilme, Ostberlin. Beitrag 3: Ring-Uraufführung von Peter Weiss' Theaterstück.
  • Die Ermittlung. TV-Film 1966. DDR. Regie: Lothar Bellag, Ingrid Fausak; nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Peter Weiss. Fernsehen der DDR, Ostberlin; Akademie der Künste, Ostberlin.
  • Die Ermittlung. TV-Film 1966. BRD. Regie: Peter Schulze-Rohr, Norddeutscher Rundfunk (NDR), Hamburg.
  • Vor 30 Jahren Uraufgeführt: Auschwitz auf der Bühne. „Die Ermittlung“ von Peter Weiss. TV-Dokumentation 1995. BRD, Westdeutscher Rundfunk (WDR), Köln.
  • Dichtung und Wirklichkeit. „Die Ermittlung“ von Peter Weiss. TV-Dokumentation 1996. BRD, Bayerischer Rundfunk (BR), München. Regie: Felix Eue.
  • Auschwitz auf der Bühne. Peter Weiss' „Die Ermittlung“ in Ost und West. Hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in Kooperation mit dem Deutschen Rundfunkarchiv Potsdam und der Akademie der Künste Berlin unter Verwendung der Textzitate von Peter Weiss mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags und der Erben von Peter Weiss. Bonn: bpb 2008 (DVD-ROM, DVD-Video) (mit 135 historischen Quellen und einem TV-Mitschnitt der szenischen Lesung in der DDR-Volkskammer vom 19. Oktober 1965).

Literatur[Bearbeiten]

  • Robert Cohen: "Identitätspolitik als politische Ästhetik. Peter Weiss' ‚Ermittlung‘ im amerikanischen Holocaustdiskurs." In: ‚Niemand zeugt für den Zeugen.‘ Erinnerungskultur nach der Shoah. Hg. Ulrich Baer. Suhrkamp, Frankfurt 2000, S. 156 - 172
  • Rainer Gerlach (Hrsg.): Der Briefwechsel. Siegfried Unseld - Peter Weiss. Suhrkamp, Frankfurt 2007
  • Ralph Giordano: Die zweite Schuld oder Von der Last ein Deutscher zu sein. Köln 2000
  • Manfred Haiduk: Der Dramatiker Peter Weiss. Henschel, Berlin 1977
  • Rolf D. Krause: Faschismus als Theorie und Erfahrung. „Die Ermittlung“ und ihr Autor Peter Weiss. Peter Lang, Frankfurt 1982 (Europäische Hochschulschriften, Reihe 1)
  • Marita Meyer: Eine Ermittlung: Fragen an Peter Weiss und an die Literatur des Holocaust. Röhrig, St. Ingbert 2000
  • Erwin Piscator: Vorwort zu Der Stellvertreter. Rowohlt, Reinbek 1963, S. 7 - 11; wieder in dsb., Theater, Film, Politik. Ausgewählte Schriften. Henschel, Berlin 1980, S. 411 - 435 (ausführlich zu seiner Inszenierung)
  • Ingeborg Schmitz: Dokumentartheater bei Peter Weiss: von der „Ermittlung“ zu „Hölderlin“. Peter Lang, Frankfurt 1981
  • Klaus Wannemacher: „Mystische Gedankengänge lagen ihm fern“. Erwin Piscators Uraufführung der „Ermittlung“ an der Freien Volksbühne. In: Peter Weiss Jahrbuch für Literatur, Kunst und Politik im 20. Jahrhundert. Hrsg. von Michael Hofmann, Martin Rector und Jochen Vogt. Bd. 13. Röhrig, St. Ingbert 2004, S. 89–102.
  • Christoph Weiß: Auschwitz in der geteilten Welt: Peter Weiss und die „Ermittlung“ im Kalten Krieg. Röhrig, St. Ingbert 2000

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Ralph Giordano: Die zweite Schuld oder Von der Last Deutscher zu sein. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2000.
  2. Joachim Kaiser: Gegen das Theater-Auschwitz. In: Süddeutsche Zeitung, 4./5. September 1965.
  3. Dazu ausführlich: Christoph Weiß: Auschwitz in der geteilten Welt: Peter Weiss und die „Ermittlung“ im Kalten Krieg. St. Ingbert: Röhrig 2000. Bd. I, S. 244–254.
  4. Klaus Wannemacher: „Mystische Gedankengänge lagen ihm fern“. Erwin Piscators Uraufführung der „Ermittlung“ an der Freien Volksbühne. In: Peter Weiss Jahrbuch für Literatur, Kunst und Politik im 20. Jahrhundert. Bd. 13. St. Ingbert: Röhrig 2004, S. 89–102, hier S. 99.
  5. Jochen Vogt: Peter Weiss. Reinbek: Rowohlt 1987 (rowohlts monographien, 376). S. 95.
  6. Marcel Atze: „Die Angeklagten lachen“. Peter Weiss und sein Theaterstück „Die Ermittlung“. In: Auschwitz-Prozeß 4 Ks 2/63 Frankfurt am Main. Hrsg. von Irmtrud Wojak im Auftrag des Fritz Bauer Instituts. Köln: Snoeck 2004. S. 782–807, hier S. 806. – Zur stark umstrittenen Folgeinszenierung an der Freien Volksbühne Berlin 1980 siehe: Spiel auf Zeit. Theater der Freien Volksbühne 1963 bis 1992. Hrsg. von Hermann Treusch und Rüdiger Mangel. Berlin 1992, S. 118–120.
  7. Christel Weiler (Hrsg.): Theater als öffentlicher Raum: Die „Berliner Ermittlung“ von Jochen Gerz und Esther Shalev-Gerz. Berlin: Theater der Zeit 2005.
  8. Dazu ausführlicher Matthias Kontarsky: Trauma Auschwitz. Zu Verarbeitungen des Nichtverarbeitbaren bei Peter Weiss, Luigi Nono und Paul Dessau. Saarbrücken: Pfau 2002. – Matteo Nanni: Auschwitz – Adorno und Nono. Philosophische und musikanalytische Untersuchungen. Freiburg: Rombach 2004.