Die Geier-Wally (Roman)

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Buchdeckel der Ausgabe von 1921

Die Geier-Wally ist ein Roman von Wilhelmine von Hillern aus dem Jahre 1873, der das Leben der Tirolerin Anna Stainer-Knittel literarisch verarbeitet.

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1870 sah Wilhelmine von Hillern in einem Innsbrucker Laden das Selbstporträt von Anna Stainer-Knittel, welches sie bei einem Abenteuer, das sie mit 17 Jahren erlebte, zeigt.[1] Damals hatte Anna Stainer-Knittel an einem Seil hängend einen Adlerhorst an einer Felswand ausgenommen, was zum Schutz von Schafherden zwar üblich, jedoch eigentlich eine Arbeit der Männer war. Da diese nach einem nur knapp verhinderten Unglück im Vorjahr dies jedoch verweigerten, musste Anna Stainer-Knittels Einsatz umso wagemutiger erscheinen. Wilhelmine von Hillern begab sich daraufhin nach Elbigenalp, dem Heimatort von Anna Stainer-Knittel, und erkundigte sich dort über das, was man von dieser Frau wusste. Wilhelmine von Hillern schuf aus dem tatsächlichen Ereignis einen dramatischen Heimatroman, in dem die weibliche Hauptfigur, welche den Namen „Walburga Stromminger“ erhielt, sich den Konventionen der Weiblichkeit verweigert und als Wildfang in raue Natur verstoßen ihre Jugend verlebt.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Walburga Stromminger – hübsche Tochter des reichsten Bauern im Tal – ist als einziges Kind allein bei ihrem ehrgeizigen, stolzen, aber auch hartherzigen Vater aufgewachsen; die Mutter war kurz nach der Geburt verstorben. Der Vater sieht in Wally die Erbin des Hofs und erzieht sie hart wie einen Jungen.

Als ein Lämmergeier in einer Felswand über dem Tal sein Nest baut, wagt keiner der jungen Männer aus dem Dorf, sich dem Nest zu nähern. Bauer Stromminger lacht über die Feiglinge und lässt vor den Augen des ganzen Dorfes seine eigene Tochter am Seil in die Felswand hinunter, wo Wally, nur mit einem Messer bewaffnet, unter den wütenden Angriffen des Geiers das Nest ausräumt. Als das Kind zerkratzt und blutend mit dem Küken im Arm wieder oben steht, bekommt es den einzigen Kuss, den es vom Vater jemals bekommen hat – nicht aus Mitleid, sondern aus Stolz auf seine Tochter, die alle Jungen im Dorf mit ihrem Mut beschämt hat. Sie zieht das Küken als Haustier auf und wird seitdem „Geier-Wally“ genannt.

Bei ihrer Firmung lernt die 16-Jährige den jungen Joseph Hagenbach kennen; er hat gerade einen Bären erlegt, der das Nachbartal bedrohte. Alle Herzen fliegen dem feschen „Bären-Joseph“ zu, und Wally verliebt sich auf den ersten Blick in ihn. Nur der alte Stromminger, der schon mit Josephs verstorbenem Vater Raufhändel hatte, mag den Jungen nicht und verlässt nach einem kurzen Streit zusammen mit seiner Tochter vorzeitig das Fest. Als sie auf dem Heimweg zum ersten Mal seit ihrer Kindheit weint, prügelt er sie mit dem Stock.

Stromminger will seine Tochter aus wirtschaftlichen Gründen mit Vinzenz Gellner verheiraten, einem finsteren, verschlossenen Burschen, der ihr schon lange nachstellt. Wally weigert sich. Da der Vater sie nicht zwingen kann, verbannt er sie den ganzen Sommer über auf das Hochjoch, eine zwischen Fels und Eis gelegenen Hochalm, wo das junge Mädchen als Schaf- und Ziegenhirtin völlig auf sich allein gestellt ist. Nur ihren Geier „Hansl“ darf sie mitnehmen.

Bis zu ihrer Rückkehr im Herbst hat sich der Hof verändert: der Vater ist erkrankt und hat Vinzenz Gellner zu sich geholt, der nun das Regiment führt. Die treue, alte Magd Luckard, die Wally die Mutter ersetzt hatte, wurde nach einem Streit mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt und starb aus Gram darüber noch vor Wallys Rückkehr. Wally soll nun nach des Bauern Willen gehalten werden wie eine „Futtermagd“: allen anderen unterstellt, ohne Zugang zum Wohngebäude soll sie beim Vieh schlafen. Als Vinzenz auch noch den greisen Knecht Klettenmaier brutal misshandelt, verliert Wally jegliche Selbstbeherrschung und schlägt ihn mit der stumpfen Seite eines Beils nieder. In dem folgenden Tumult, in dessen Verlauf sie in den Keller gesperrt werden soll, schleudert sie ein brennendes Holzscheit in den Heuschober und nutzt die Bemühungen um die Brandlöschung zur Flucht.

Bei dem weisen Pfarrer des Nachbarorts Heiligkreuz, der den guten Kern in dem durch all die Misshandlungen verrohten Wildfang erkennt, findet Wally Trost und Zuspruch. Aber auch er kann ihr keine Bleibe bieten; sie flieht weiter ins Nachbartal, wo sie sich – mit ihrem Geier auf der Schulter und dem ihr doch vorauseilenden Ruf einer „Mordbrennerin“ – mühsam als Taglöhnerin herumschlägt und allmählich zur Bettlerin verkommt. Beim Wintereinbruch wird sie schließlich von den drei rechtschaffenen Brüdern Klotz in der hoch gelegenen Rotte (Siedlung) der Rofenhöfe knapp vor dem Erfrieren gerettet und gesundgepflegt. Die Brüder nehmen sie über den Winter auf.

Der Pfarrer von Heiligkreuz redet derweil geduldig auf den alten Stromminger ein, bis der wenigstens einwilligt, Wally für den nächsten Sommer wieder auf dem Hochjoch Dienst tun zu lassen. Die Brüder Klotz wollen sie nicht gehen lassen; sie haben die kraftvolle, geradlinige, junge Frau von Herzen lieb gewonnen. Aber Wally kann bei aller Dankbarkeit ihre Liebe nicht erwidern; sie träumt über die Geschehnisse hinweg immer noch von „ihrem“ Joseph, der davon nichts ahnt und sie kaum kennengelernt hat. Um den braven Männern nicht über Gebühr wehzutun, nimmt sie das Angebot an und geht wieder aufs Hochjoch.

In einem sommerlichen Unwetter kommt Joseph Hagenbach plötzlich ganz unvermittelt in Wallys Einöde. Er hat einer im Unwetter verletzten jungen Frau aus der Bergnot geholfen und bittet Wally, ihr vor dem weiteren Abstieg Zuflucht und Stärkung zu gewähren. Der „Bären-Joseph“ ahnt nicht, was während des Gesprächs in Wally vorgeht. Er kennt nur die Gerüchte über ihre angebliche Wildheit – und sieht sich prompt darin bestätigt, als ihn während des Aufenthalts in der Hütte Wallys Geier in einem plötzlichen Anfall von Unberechenbarkeit angreift. Nur mit Mühe kann Wally den Jäger davon abhalten, das Tier zu erschießen. Joseph zieht verständnislos mit der fremden Frau von dannen und lässt seine Verehrerin völlig verzweifelt allein zurück.

Über den Winter verdingt sich Wally wieder in bitterer Not in Nachbartälern als Magd, bis ihr das Wetter die erneute Rückkehr zum Hochjoch ermöglicht. Erst der folgende, dritte Sommer dort oben bringt endlich die Wende: der Vater ist verstorben, Wally kehrt als Alleinerbin auf den väterlichen Hof zurück. Aber während der quälenden Jahre ist sie vollends hart und unnahbar geworden. Die heuchlerische Freundlichkeit der Leute gegenüber der nun reichen Frau ekelt sie an; sie gibt sich so kalt und launisch, dass man sie schließlich ebenso fürchtet wie ehemals ihren Vater. Nur der alte, taube Knecht Klettenmaier hat noch ihr Vertrauen.

Trotzdem werben nahezu alle jungen Männer des Tales um die schöne, reiche, junge Frau. Aber sie lässt sie hohnlachend abblitzen. Im Bewusstsein ihrer körperlichen Stärke versteigt sie sich zu dem Spruch, dass nur jener, der ihr mit Gewalt einen Kuss abringen könne, der Richtige für sie sei. Viele versuchen es – es wird fast eine Art Sport daraus –, aber keiner schafft es.

Insgeheim wartet Wally immer noch auf Joseph Hagenbach; aber er scheint sich nicht für sie zu interessieren. Als ihr zugetragen wird, er habe eine Liebschaft mit jener Magd Afra, die er im Vorjahr bei Wallys Hütte aus der Bergnot gerettet hatte, wird Wally rasend vor Eifersucht. Anlässlich der Fronleichnamsprozession beleidigt und verleumdet sie die brave Magd vor allen Leuten – und mit ihr auch Joseph als einen, der es nötig habe, sich ein Flittchen zu suchen.

Vor dem Fest zu Peter und Paul lässt Joseph zu Wally schicken, um sie zum Tanz einzuladen. Wally fällt prompt darauf herein; sie versteht das als einen Antrag und merkt nicht, dass Joseph sich nur mit einem hässlichen Streich für die erlittene Schmach rächen will. Er holt die im siebten Himmel schwebende, wie zu einer Hochzeit herausgeputzte Frau mit Pomp und großem Geleit vom Hof ab und führt sie in den Festsaal. Dort verlangt Joseph vor dem ersten Tanz einen Kuss von ihr. Sie will ihm schon in die Arme fallen, aber er wehrt ab: nicht geschenkt will er den Kuss haben, sie soll sich wehren. Sie tut ihm den Gefallen, wehrt sich auch mit Erfolg, bevor sie ihn schließlich gewinnen lässt. Als Joseph ihr endlich den Kuss „geraubt“ hat, lässt er sie vor der johlenden Festgemeinde stehen und geht aus dem Saal – zu Afra.

Wally ist blind vor Wut und Scham. In ihrer Verzweiflung schwört sie, denjenigen zu heiraten, der den Bären-Joseph „seiner“ Afra tot vor die Füße wirft. Nachbar Vinzenz Gellner, der immer noch vergeblich nach ihr schmachtet, hört es. Nachts in ihrer Stube vernimmt Wally zwei Schüsse; eine düstere Ahnung befällt sie. Sie eilt hinüber und begegnet Vinzenz, der gerade mit der Flinte aus dem Wald zurückkommt. Er gesteht, Josef angeschossen und dann in einen Felsengrund hinabgestoßen zu haben. Wally zerrt ihn wieder dorthin, um sich selbst hinabzustürzen und den Unglücklichen mit in den Tod zu reißen. Da ertönt ein Hilfeschrei von unten: Josef lebt noch. Wally lässt von Vinzenz ab und rennt ins Dorf, um Hilfe herbeizuholen. Mit notdürftig zusammengeflochtenen Stricken lässt sie sich selbst in einer halsbrecherischen Hilfsaktion in die Tiefe abseilen, um den mittlerweile Bewusstlosen zu bergen. Es gelingt.

Während Joseph in Wallys Hof gesundgepflegt wird, zieht Wally sich, von Reue zerfressen, wieder in die karge Einsamkeit auf dem Hochjoch zurück. Sie hat Afra die Pflege überlassen und Joseph den Hof vermacht, damit die beiden heiraten könnten. Sie selbst will nur noch sterben – nicht durch eigene Hand, das hat ihr der Pfarrer verboten. Aber durch erbarmungslose Härte sich selbst gegenüber hofft sie auf die Vergebung Gottes und einen frühen, barmherzigen Tod.

Nach zwei Monaten ist Wally schon sehr geschwächt. Sie liegt teilnahmslos irgendwo oberhalb der Hütte im Gras und hängt ihren schwermütigen Gedanken nach, als von unten der Bären-Joseph heraufkommt. Er ist endlich genesen und brennt darauf, seiner Retterin die Wahrheit zu sagen: Afra ist nicht seine Geliebte, sondern seine Halbschwester, was mit Rücksicht auf die Mutter geheim gehalten worden war. Joseph hatte Wally wegen all der Gerüchte über sie gemieden. Aber bei dem Gerangel um den Kuss im Festsaal hatte er sich plötzlich doch in sie verliebt; sein schändlicher Streich tat ihm leid, und er hatte sich noch in derselben Nacht zu Wallys Hof aufgemacht, um sie um Vergebung zu bitten und ihr seine Liebe zu gestehen. Auf dem Weg dorthin hatte ihn Vinzenz überfallen.

Die beiden verzeihen einander, kehren auf den Hof zurück und leben noch einige glückliche Jahre zusammen.

„Wally und Joseph sind früh gestorben, die Stürme, die an ihnen gerüttelt, hatten die Wurzeln ihres Lebens gelockert.“

schreibt die Autorin im Ausklang.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman wurde schon kurz nach Erscheinen in Buchform in acht Sprachen übersetzt (heute sind es 11 Sprachen[1]) und war nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870/71) der erste deutsche Roman, der in Frankreich in der Revue des Deux Mondes im Auszug und später bei Hachette übersetzt erschien (unter dem Titel La fille au Vautour). Wilhelmine von Hillern schrieb nach ihrem Roman 1880 ein gleichnamiges Theaterstück, das ab 1881 an zahlreichen deutschen Bühnen aufgeführt wurde. Theodor Fontane sah das Stück am 8. Oktober 1881 in Berlin. In seiner ausführlichen Besprechung lobte er, dass darin „richtige Menschen das Richtige sagen und das Richtige tun, und dies Richtige tun zu richtiger Zeit und am richtigen Ort“, betont jedoch zudem, dass das Stück „mehr in die Reihe der Kometen als in die der Dauer-Sterne gestellt werden sollte“. Später stellte er die Vorzüge der Geierwally im Vergleich zum Theaterstück Des Meeres und der Liebe Wellen von Franz Grillparzer gegenüber. Hierbei befand er ersteres wegen seiner „dramatischen Potenz“ für überlegen.[2]

Im Jahr 1892 wurde die lyrische Oper (Dramma lirico) La Wally von Alfredo Catalani aufgeführt, die ebenfalls auf dem Roman basiert. Daneben entstand im 20. Jahrhundert Die Geierwally (Musical), ein steirisches Musical von Reinhard P. Gruber mit Musik von Andreas Safer und Reinhard Ziegerhofer. Es verbindet Volksmusik, Jazz und Pop.

Im 20. Jahrhundert wurde der Stoff auf der Grundlage Wilhelmine von Hillerns Romans mehrfach verfilmt:

Die Geschichte als solche ist mit der Bergheimat der Geierwally verknüpft und eignet sich für Freilichtaufführungen an speziellen Orten. Deshalb schrieb der österreichische Schauspieler und Autor Felix Mitterer eine Theaterfassung der Geschichte, mit deren Uraufführung 1993 die "Geierwally-Freilichtbühne" in Elbigenalp eröffnet wurde. Die vielbeachtete Deutsche Erstaufführung von Mitterers Neufassung für die Luisenburg-Festspiele fand 2005 auf der einmaligen Luisenburg-Felsenbühne bei Wunsiedel statt. R: Michael Lerchenberg, M: Gundolf Nandico, mit Barbara Romaner als Geierwally und Toni Schatz als Bärenjosef.

Wilhelmine von Hillern schätzte im Rückblick ihren Roman Die Geier-Wally als eher mittelmäßig im Vergleich zu ihren späteren Werken ein, die sie als „tiefere und psychologisch durchgearbeitetere Probleme“ empfand, die „nicht mit dem Impuls jugendlicher Schaffensfreude verglichen werden können“.[9]

„Oben in Adlershöhe ... am schwindelnden Abhang stand eine Mädchengestalt, von der Tiefe heraufgesehen nicht größer als eine Alpenrose, aber doch scharf sich abzeichnend vom lichtblauen Himmel und den leuchtenden Eisspitzen der Ferner. Fest und ruhig stand sie da, wie auch der Höhenwind an ihr riss und zerrte, und schaute nieder schwindellos in die Tiefe (...) Schrankenlos war ihr Mut und ihre Kraft, als hätte sie Adlersfittige, schroff und unzugänglich ihr Sinn, wie die scharfkantigen Felsspitzen, an denen die Geier nisten und die Wolken des Himmels zerreißen…“

Textprobe aus Die Geier-Wally

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Das Kalenderblatt, eine Radiosendung von Bayern 2, gesendet am 27. Juli 2009
  2. Edelgard Spaude: Eigenwillige Frauen in Baden, Rombach, Freiburg im Breisgau 1999, ISBN 3-7930-0890-8, S. 48 f.
  3. Die Geierwally (1921). Internet Movie Database, abgerufen am 10. Juni 2015 (englisch).
  4. Die Geierwally (1940). Internet Movie Database, abgerufen am 10. Juni 2015 (englisch).
  5. Die Geierwally (1956). Internet Movie Database, abgerufen am 10. Juni 2015 (englisch).
  6. Die Geierwally (1967). Internet Movie Database, abgerufen am 10. Juni 2015 (englisch).
  7. Die Geierwally (1987). Internet Movie Database, abgerufen am 10. Juni 2015 (englisch).
  8. Die Geierwally (2005). Internet Movie Database, abgerufen am 10. Juni 2015 (englisch).
  9. Bildende Geister, S. 48.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hans Haid: Die Geier-Wally. Hans Haid über eine geheimnisvolle 'starke Frau' in den Ötztaler Alpen. In: Die Wildspitze, 6/2014, S. 86–88.
  • Susanne Päsler: Die Geier-Wally. Eine Romanfigur im Spiegel ihrer Popularität. In: Augsburger Volkskundliche Nachrichten, 01/1995, S. 24–37 (Volltext)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]