Die Gelehrtenrepublik

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Die Gelehrtenrepublik ist ein 1957 geschriebener dystopischer Roman von Arno Schmidt, in dem er die potenziellen Folgen eines dritten, atomaren Weltkrieges und die IdealstadtIRAS“ (International Republic for Artists and Scientists) satirisch beschreibt.

Der Titel variiert unter Aufnahme etlicher Motive einen Werktitel Friedrich Gottlieb Klopstocks von 1774: Die deutsche Gelehrtenrepublik. Ihre Einrichtung. Ihre Geseze. Geschichte des lezten Landtags. Auf Befehl der Aldermänner durch Salogast und Wlemar.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2008 – wenige Jahre nach einem Atomkrieg, Europa existiert nicht mehr – macht der US-amerikanische Reporter Charles Henry Winer zwei Reisereportagen. Er wird als Urgroßneffe von Schmidt vorgestellt, nicht ohne Realitätsbezug zum echten Großneffen Schmidts. Seine Erlebnisse sind so heikel, dass er sie in keiner lebenden Sprache veröffentlichen darf. Daher hat er alles von einem Gelehrten, der manches nicht recht verstanden zu haben scheint und in Fußnoten zu kommentieren versucht, ins ausgestorbene Deutsch übersetzen lassen.

Im ersten Teil des Buchs besucht und beschreibt der Protagonist den durch riesenlange Mauern abgesperrten sogenannten „Hominidenstreifen“ im Westen der USA und entdeckt dort unterschiedliche Mutanten, die infolge der Strahlung entstanden sind. Eine Zentaurin verliebt sich sogar in ihn, andere Mutanten werden vom Wachpersonal sexuell missbraucht.

Im zweiten Teil des Romans entwirft Arno Schmidt eine Idealstadt in Form einer mobilen Insel in den milden Rossbreiten des Pazifiks. Die Gelehrtenrepublik ist als ideale Zuflucht der Weltkultur vor weiteren kommenden Weltkriegen konzipiert. Sie ist eine stählerne schwimmende Insel (ein Inselplan wird mitgegeben), auf der etwas über 800 ausgewählte Wissenschaftler, Schriftsteller und Künstler – plus ein Vielfaches an Personal – aus der ganzen Welt unter idealen Bedingungen leben und arbeiten. (Ihnen droht übrigens die Ausweisung, wenn sie nach zwei Jahren kein nennenswertes Kunstwerk oder keinen Ansatz dazu vorzuweisen haben.) Die Insel hat zur Hauptsache einen ‚westlichen‘, US-amerikanischen und einen ‚östlichen‘, sowjetischen Bezirk. Prekär dazwischen existiert eine neutrale Zone, auch für die Verwaltung, mit vielen Funktionärinnen und Funktionären aus der ‚Dritten Welt‘. UdSSR- und US-Wissenschaftler machen heimlich unterschiedliche Menschenexperimente.

Zu Form und Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das formale und inhaltliche Band zwischen den beiden Teilen wirft viele literaturwissenschaftliche Fragen auf. Ob Arno Schmidt hier aus der Prosaformen-Versuchsserie (in seinen Berechnungen) das Muster „Lemniskate“ verwendet habe (in deren Schnittpunkt beide Teile beginnen und enden, d. h. bei seinen jeweiligen An- und Abreisen) und ob er inhaltlich im Teil 1 die unbeabsichtigt entstandenen Hominidenformen von den gezielt gezüchteten im Teil 2 unterscheiden wollte, bleibt eine offene Frage. Die Gestaltung der schwimmenden Insel einschließlich der gegeneinanderlaufenden Maschinen am Ende hat Schmidt bei Jules Vernes Propellerinsel übernommen und Verne ist in der Gemäldegalerie von IRAS als Erfinder porträtiert.[1]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Arno Schmidt: Die Gelehrtenrepublik. Fischer Bücherei, 1965, S. 79–80