Die Geschichte von der 1002. Nacht

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die Geschichte von der 1002. Nacht ist ein Roman von Joseph Roth, der im Dezember 1939[A 1] postum im Bilthovener Verlag De Gemeenschap[1] erschien.

Die Handlung lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Mizzi Schinagl will ein bisschen Liebe, kann sie aber weder von einem Mann noch vom eigenen Sohn bekommen. Der ambivalente Intrigant Taittinger zahlt am Ende einen hohen Preis, sogar einen höheren als die eindeutigen Intriganten Josephine Matzner und Franz Lissauer. Schönheit, Ruhm und Reichtum sind trügerische Güter.

Zeit und Ort[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Roman spielt in Wien um 1880[A 2] sowie teilweise in Persien und in den damals österreichischen Karpaten.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Schah von Persien ist seiner Haremsfrauen überdrüssig. Er sehnt sich „nach exotischen Ländern“. Also reist er nach Wien. Auf einem Ball, zu seinen Ehren „im Redoutensaal“ gegeben, begehrt er die Gräfin Helene W. aus Parditz in Mähren. Die Gräfin, mit dem Grafen W., einem „Sektionschef im [Wiener] Finanzministerium“, verehelicht, liebte einst den jungen Rittmeister Alois Franz Baron von Taittinger. Ebendieser Baron von Taittinger wird, wie es der Zufall will, während des Staatsbesuchs des Schahs „zur besonderen Verwendung abkommandiert“. Als nun die Gräfin dem Schah für eine Liebesnacht zugeführt werden soll und den unbeholfenen Wiener Gastgebern das Problem schier unlösbar erscheint, tritt Taittinger in Aktion. Er meint, die Gräfin W. gleiche seiner Freundin Mizzi Schinagl wie eine Zwillingsschwester. Mizzi, Tochter des Ofensetzers Alois Schinagl aus Sievering, „arbeitet“ bei Frau Josephine Matzner im Bordell. Die Prostituierte hatte dem Baron einen Sohn geboren und ihn Alois Franz Alexander genannt. Taittinger zahlt keine Alimente, sondern hat Mizzi eine Pfaidlerei einrichten lassen. Nebenbei ist Mizzi weiterhin im Bordell „tätig“.

Mit Garderobe des Burgtheaters wird Mizzi als Adlige ausstaffiert, und der Schah wird zu der vorgeblichen „Gräfin“ ins Bordell lanciert. Der Herrscher ist mit Mizzi im Bett so zufrieden, dass er ihr am nächsten Morgen eine Kette aus drei Reihen schwerer großer Perlen im Wert von „ungefähr fünfzigtausend Gulden“ zum Geschenk machen lässt. Auf einmal ist Mizzi eine reiche Frau. Josephine Matzner weiß den Reichtum ihrer Angestellten für sich zu nutzen. Zudem erschleicht sich ein gewisser Franz Lissauer Mizzis Vertrauen und eröffnet in der Pfaidlerei einen schwunghaften „Handel“ mit Brüsseler Spitzen. Als Lissauers Betrug auffliegt, hat auch die geizige Frau Matzner, deren Geld teilweise in der Pfaidlerei steckt, herben finanziellen Verlust zu beklagen. Sie strengt einen Prozess gegen Lissauer an. Der Betrüger wird verurteilt, aber auch Mizzi bekommt als „Nebenwirkung“ sechzehn Monate Gefängnis und muss in der Weiblichen Strafanstalt Kagran sitzen. Die Inhaftierte schreibt Taittinger Briefe. Der Baron erkennt, die Geldgier der Matzner hat Mizzi hinter Gitter gebracht.

Der Redakteur Bernhard Lazik veröffentlicht die Geschichte Mizzis und somit auch Taittingers „peinliche Affäre“ unter dem Titel Die Perlen von Teheran. Der Baron zahlt Lazik zweitausend Gulden für die Publikation seiner Machwerke. Zudem will Lazik aber auch noch vom Sektionschef W. für das Verfassen seiner „Scheißbüchln“ finanziell unterstützt werden. Der Graf wendet sich an den militärischen Vorgesetzten Taittingers. Der Baron muss den Abschied nehmen, weil seine Nerven angegriffen seien. Für einen zivilen Beruf bringt der Rittmeister keinen Elan auf. Das Leben außerhalb der Kaserne hat für ihn keinen Sinn. Mizzi, vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, erkennt, Schuld an ihrem Unglück haben nicht die Perlen, sondern Taittinger. Trotzdem liebt sie den Baron – ebenso wie ihren inzwischen herangewachsenen, missratenen Sohn. Mizzi möchte für den Rest ihres Lebens Baronin sein, aber der Baron bleibt meistens fern. Taittinger sieht ein, dass er sein „ganzes Leben leichtsinnig gehandelt“ hat. Gerade, als er sich wieder bei der Armee bewirbt, will der Schah seinen nächsten Staatsbesuch in Richtung Wien antreten. „Die Polizei gräbt [Taittingers] alte Akten aus“. Das Gesuch wird abgelehnt. Der Baron erschießt sich.

Analyse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Titel suggeriert Orientalisches. Der Leser erwartet so etwas wie Tausendundeine Nacht. Der Schah tritt in der knappen Rahmenerzählung des Romans auf und liefert die „Unglücksperlen“ für Mizzis vergänglichen Reichtum.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Helmuth Nürnberger sieht den Roman als „graziöses und ironisches Spiel“ des Autors.[2]
  • Heinz Lunzer bespricht die Entstehungsgeschichte des Romans.[3]
  • Marcel Reich-Ranicki hebt Roths gekonnte Behandlung des Sentimentalen hervor.[4]
  • Thomas Düllo interpretiert den Roman in seiner Dissertation im Kapitel Die Macht des Unmotivierten und der Fluch der Öffentlichkeit.[5]
  • Nach Ulrike Steierwald flieht Taittinger vor der eigenen Geschichte.[6] Die okzidentale Subjektkonzeption werde im Roman „mit dem außereuropäischen Denken“ konfrontiert und „ironisiert“.[7] Indem Taittinger dem Journalisten Lazik Geld gibt, finanziere er „die Verhinderung“ der eigenen „Gegenwart“.[8]
  • Wilhelm von Sternburg weist auf zwei wesentliche Elemente der Erzählung hin, nämlich die Satire und das Bild des alten liebenswerten Österreich-Ungarns.[9]

Verfilmung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Peter Beauvais verfilmte den Roman mit Johanna Matz, Walter Reyer und Hans Jaray für das Fernsehen. Das Werk wurde am 25. und 26. Dezember 1969 ausgestrahlt.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ausgaben (chronologisch geordnet)

  • Joseph Roth: Die Geschichte von der 1002. Nacht. Roman. 1939. In: Ders.: Werke 6. Romane und Erzählungen 1936–1940, hrsg. von Fritz Hackert. Mit einem Nachwort des Herausgebers. Frankfurt am Main 1994, S. 347–514. 815 Seiten, ISBN 3-7632-2988-4.
  • Joseph Roth: Romane 4. Die Geschichte von der 1002. Nacht. Köln 1999, S. 131–297. 297 Seiten, ISBN 3-462-02379-9 (hier zitierte Ausgabe).
  • Textausgabe bei Projekt Gutenberg-DE

Sekundärliteratur (alphabetisch geordnet)

  • Theo Bijovet, Madeleine Rietra: Joseph Roth und ‚De Gemeenschap‘. In: Kessler, Hackert (Hrsg.): Joseph Roth. Interpretation – Kritik – Rezeption. Tübingen 1990.
  • Thomas Düllo: Zufall und Melancholie: Untersuchungen zur Kontingenzsemantik in Texten von Joseph Roth. Diss. Münster 1991. 336 Seiten, ISBN 3-89473-819-7.
  • Michael Kessler, Fritz Hackert (Hrsg.): Joseph Roth: Interpretation – Kritik – Rezeption. Akten des internationalen, interdisziplinären Symposions 1989, Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Stauffenburg Verlag / Brigitte Narr, Tübingen 1990 (zweite Auflage 1994). ISBN 3-923721-45-5.
  • Heinz Lunzer: Die Versionen von Joseph Roths Roman „Die Geschichte von der 1002. Nacht“. Textkritische Überlegungen. In: Kessler, Hackert (Hrsg.): Joseph Roth. Interpretation – Kritik – Rezeption. Tübingen 1990.
  • Wolfgang Müller-Funk: Joseph Roth. München 1989. 131 Seiten, ISBN 3-406-33160-2.
  • Helmuth Nürnberger: Joseph Roth. Reinbek bei Hamburg 1981. 159 Seiten, ISBN 3-499-50301-8.
  • Marcel Reich-Ranicki: Der Romancier Joseph Roth. In: Kessler, Hackert (Hrsg.): Joseph Roth. Interpretation – Kritik – Rezeption, Tübingen 1990, S. 261–268.
  • Ulrike Steierwald: Leiden an der Geschichte. Zur Geschichtsauffassung der Moderne in den Texten Joseph Roths. Diss. München 1992. 198 Seiten, ISBN 3-88479-880-4.
  • Wilhelm von Sternburg: Joseph Roth. Eine Biographie. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009 (zweite Auflage 2010). ISBN 978-3-462-05555-9.
  • Gero von Wilpert: Lexikon der Weltliteratur. Deutsche Autoren A – Z. Stuttgart 2004, S. 519. 698 Seiten, ISBN 3-520-83704-8.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Anfang Mai 1940 besetzte die Wehrmacht die Niederlande (Sternburg, S. 471, 11. Z.v.u.).
  2. Siehe zum Beispiel erster Abschnitt im dritten Kapitel: Hinweis auf Zweite Wiener Türkenbelagerung.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bijovet und Rietra, S. 41–46.
  2. Nürnberger, S. 117.
  3. Lunzer, S. 201–226.
  4. Reich-Ranicki, S. 267, 16. Z.v.u.
  5. Düllo, S. 258–294.
  6. Steierwald, S. 58.
  7. Steierwald, S. 118.
  8. Steierwald, S. 159.
  9. Sternburg, S. 475.
  10. Nürnberger, S. 152.