Die Scholle

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Die Scholle ist ein Tiermärchen (ATU 250A). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm ab der 4. Auflage von 1840 an Stelle 172 (KHM 172) und basiert auf Johann Jakob Nathanael Mussäus' Die Königswahl unter den Fischen im Jahrbuch des Vereins für meklenburgische Geschichte und Alterthumskunde von 1840. Ludwig Bechstein übernahm es nach derselben Quelle in sein Neues deutsches Märchenbuch 1856 als Der Fischkönig (Nr. 25).

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei den Fischen herrscht Chaos. Sie wollen daher den zum König wählen, der am schnellsten schwimmen kann, um Schwächeren zu helfen. Beim Rennen liegt der Hering vorn. Die Scholle ruft neidisch „De nackte Hiering?“. Seitdem steht ihr zur Strafe das Maul schief.

Herkunft und Bearbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Illustration von Otto Ubbelohde, 1909

In Ergänzung zu KHM 171 Der Zaunkönig zeigt der Text eine Königswahl der Fische und stammt ebenfalls von Johann Jakob Nathanael Mussäus, der ihn 1840 als Die Königswahl unter den Fischen veröffentlicht hatte. Statt dessen einfacher Ausgangsmotivation, dass alles sonst auch einen König hat, schildert Grimm, wie die Fische durcheinander schwimmen und einander auffressen. „Wie trefflich wäre es, wenn einer unter uns Recht und Gerechtigkeit übte in diesem kalten Wasserreiche!“ wird zu „Wie schön wäre es, wenn wir einen König hätten, der Recht und Gerechtigkeit bei uns übte.“ Die Handlung blieb gleich.[1] Grimms spätere Auflagen unterscheiden sich nicht.

Eine ältere Vorlage ist nicht bekannt. Solche Erklärungssagen waren im 19. Jahrhundert besonders verbreitet, hier als Warnerzählung vor Überheblichkeit. Anders als Ludwig Bechsteins spätere Bearbeitung Der Fischkönig (Neues deutsches Märchenbuch 1856, Nr. 25) verzichtete der eher monarchistisch eingestellte Wilhelm Grimm auf Anspielungen auf die politische Lage in Deutschland.[2] Bechstein fand Mussäus‘ und Grimms Text „fast allzukurz.“ Er streut ironische Bemerkungen ein: „Die Sternseher, auch eine Fischart, prophezeiten, daß aus der Königswahl, wie bei so mancher in der Menschenwelt, nichts Gescheites herauskommen werde;“ tatsächlich habe der König sich nicht behaupten können: „Es gibt gar zu viele Königsfresser.“[3]

Ursprungsgeschichten zum hässlichen Plattfisch, der anderen Fischen oder Heiligen eine Fratze schnitt, gab es schon vor Grimm v. a. in Meeresgebieten, und betreffen seltener Seezunge, chinesischen Barsch, den brasilianischen Aramança oder den japanischen Trepang.[4] Vorliegende Mischung von AaTh 250 A Flunder mit der Königswahl der Tiere soll hauptsächlich an Nord- und Ostsee vorkommen.[5]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Durchgesehene und bibliographisch ergänzte Ausgabe. Reclam, Stuttgart 1994, ISBN 3-15-003193-1, S. 259, 507.
  • Heinz Rölleke (Hrsg.): Grimms Märchen und ihre Quellen. Die literarischen Vorlagen der Grimmschen Märchen synoptisch vorgestellt und kommentiert (= Schriftenreihe Literaturwissenschaft. Band 35). 2. Auflage. Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier 2004, ISBN 3-88476-717-8, S. 328–329, 573–574.
  • Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 358–360.
  • Hans-Jörg Uther (Hrsg.): Ludwig Bechstein. Neues deutsches Märchenbuch. Nach der Ausgabe von 1856, textkritisch revidiert und durch Register erschlossen. Diederichs, München 1997, ISBN 3-424-01372-2, S. 156–159, 291.
  • Hannjost Lixfeld: Flunder. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 4. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1984, S. 1373–1374.
  • Manfred Eikelmann: Königswahl der Tiere. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 8. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1996, S. 181–186.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wikisource: Die Scholle – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Heinz Rölleke (Hrsg.): Grimms Märchen und ihre Quellen. Die literarischen Vorlagen der Grimmschen Märchen synoptisch vorgestellt und kommentiert (= Schriftenreihe Literaturwissenschaft. Band 35). 2. Auflage. Wissenschaftlicher Verlag Trier, Trier 2004, ISBN 3-88476-717-8, S. 328–329, 573–574.
  2. Hans-Jörg Uther: Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. de Gruyter, Berlin 2008, ISBN 978-3-11-019441-8, S. 358–360.
  3. Hans-Jörg Uther (Hrsg.): Ludwig Bechstein. Neues deutsches Märchenbuch. Nach der Ausgabe von 1856, textkritisch revidiert und durch Register erschlossen. Diederichs, München 1997, ISBN 3-424-01372-2, S. 156–159, 291.
  4. Hannjost Lixfeld: Flunder. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 4. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1984, S. 1373–1374.
  5. Manfred Eikelmann: Königswahl der Tiere. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 8. Walter de Gruyter, Berlin/New York 1996, S. 181–186.