Die Stadt der Träumenden Bücher

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Die Stadt der Träumenden Bücher ist ein Roman von Walter Moers aus dem Jahr 2004. Wie bereits in einem der früheren Zamonien-Bücher (Ensel und Krete) gibt Moers vor, ausschließlich als deutscher Übersetzer eines Werkes des zamonischen poeta laureatus Hildegunst von Mythenmetz zu fungieren. Laut Moers’ Konstruktion stellt der Roman nur die ersten zwei Kapitel der 25-bändigen, über 10.000-seitigen Reiseerinnerungen eines sentimentalen Dinosauriers aus der Feder des Dichterfürsten von der Lindwurmfeste dar.

Die Reihe der Zamonien-Romane diente Moers nach eigener Aussage als Experimentierfeld, auf dem er verschiedenste literarische Traditionen zusammenführte. Als typisch für Moers erscheint, dass er in jedem der Romane an der Oberfläche eine zugängliche, einfache Lesart (Abenteuerroman, Märchenparodie etc.) anbietet, jenseits derer viele komplexere Interpretationen möglich sind. Die Romane waren bei einem ungewöhnlich breiten Publikum erfolgreich und wurden unterschiedlich rezipiert. Die Stadt der Träumenden Bücher ist (Stand 2013) der Roman aus Moers’ Feder, in dem Literatur als solche und ihre Wirkungen am ausgiebigsten reflektiert werden.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Handlung folgt dem in Fantasy- und Abenteuerromanen häufigen Modell der Quest: Von seinem im Sterben liegenden „Dichtpaten“ Danzelot von Silbendrechsler erhält Hildegunst von Mythenmetz einen genialen Text mitsamt dem Auftrag, dessen unbekannten Autor ausfindig zu machen. Zu diesem Zweck solle sich der junge Lindwurm in die „Stadt der Träumenden Bücher“, nach Buchhaim, aufmachen. Von der Erfüllung dieser Aufgabe hänge es ab, ob Hildegunst eines Tages des „Orms“ teilhaftig werden könne, einer geheimnisvollen Kraft, die in allen großen Dichtern wirke.

In Buchhaim angekommen, ist Mythenmetz überwältigt von der Fülle der auf ihn einströmenden Erfahrungen und verwirrt von Begegnungen mit einigen Einheimischen, darunter ein Impresario und drei Antiquare. Er erfährt nach und nach, dass die ganze Stadt von einem düsteren System ausgedehnter, labyrinthischer Katakomben untertunnelt und zudem überreich mit alten Büchern angefüllt ist. Dort liefern sich die skrupellosen, blutrünstigen Bücherjäger erbitterte Kämpfe um kostbare Druckerzeugnisse – nicht nur untereinander, sondern auch gegen ein Volk von Zyklopen, den Buchlingen (denen nachgesagt wird, sie fräßen Literatur) sowie zahllosen anderen, größtenteils gefährlichen Daseinsformen. Über allem herrscht dort unten der Schattenkönig, eine sehr grausame und erbarmungslose Kreatur.

Als Eigentümer des genialen Manuskripts findet sich der Lindwurm alsbald inmitten einer undurchsichtigen Intrige wieder. Mit Hilfe eines giftigen Buches betäubt, wird er ins Labyrinth verbracht und verirrt sich immer tiefer in dessen Gängen. Inmitten vieler gefährlicher Abenteuer findet Mythenmetz schließlich auch die Wahrheit über die Buchlinge und den Schattenkönig heraus. Die zweite Hälfte des Buches nimmt über längere Passagen Züge eines Bildungsromans an, der dem Leser schildert, wie der junge Hildegunst von Mythenmetz gewissermaßen in die Lehre geht, um schließlich das Orm zu erlangen.

Literarisches Genre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rezeptionen von Zamonien-Romanen enthalten oft die Begriffe Fantasy und Popliteratur. Moers selbst äußerte, Horror- und Schauerliteratur seien seine hauptsächliche Inspiration für die Stadt der Träumenden Bücher gewesen.

Für Popliteratur gilt häufig als konstituierend, dass der Autor sich mit den (aktuellen) Befindlichkeiten seiner Generation, seines sozialen Umfeldes oder seiner Gesellschaft im Ganzen auseinandersetzt. Dies trifft im Fall der Stadt der Träumenden Bücher am ehesten in dem Abschnitt zu, der die Stadt Buchhaim schildert: der Leser kann hierin den gegenwärtigen Literaturbetrieb (insbesondere der Frankfurter Buchmesse) erkennen.

Fantasy[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Formensprache der Fantasy verwendet Moers offenbar vielfach; dies fällt vor allem dem Leser auf, der mit diesem Genre vertraut ist. Einige besonders augenfällige Charakteristika seien genannt: Seit J.R.R. Tolkien ist die Erfindung einer relativ detailliert ausgearbeiteten Parallelwelt für den Fantasy-Autor fast verpflichtend; bei Moers ist dies der fiktive Kontinent Zamonien. Zamonien ist wohl chaotischer strukturiert als Tolkiens vergleichsweise geordnetes Mittelerde.

Die Liste der Daseinsformen Zamoniens wird mit jedem Roman länger; viele Einzelheiten variiert Moers entweder stark oder bekümmert sich nicht um logische Kohärenz. Beispielsweise wird Danzelot bereits im vorhergehenden Zamonien-Roman Rumo & Die Wunder im Dunkeln erwähnt (dort S. 414); er heißt dort noch „von Silbenheber“ mit Nachnamen. Die Ortschaft Dullsgard ist auf den Zamonien-Karten im Blaubär und im Rumo an unterschiedlichen Stellen platziert.

Gleichwohl konstruiert Moers detailreich typisches Fantasy-Material wie die Buchhaimer Runen (ein Ziffernsystem, das auf Achtereinheiten basiert und für den eigentlichen Fortgang der Romanhandlung keine erkennbare Bedeutung hat).

Die Behauptung, ein Werk aus der Sprache des fiktiven Kosmos (nur) zu übersetzen ist ein gängiger Topos fantastischer Literatur; ebenfalls verwendete ihn zum Beispiel Umberto Eco in seinem Roman Der Name der Rose (1982).

Abenteuerroman, Horror- und Schauerliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem Interview, das nach der Veröffentlichung des Rumo publiziert wurde[1], äußerte sich Moers wie folgt zu seinen Plänen für die zu diesem Zeitpunkt im Entstehen begriffene Stadt der Träumenden Bücher:

„Bei der Arbeit am ersten Roman kam mir die fixe Idee für eine Buchreihe, bei der eigentlich nicht die Protagonisten, sondern der Ort, an dem die Handlung spielt, der eigentliche Held sein soll. Auf dieser Folie sollen unterschiedliche Genres und Literaturformen ausprobiert werden: Der erste war ein barocker fantastischer Roman, der zweite eine Märchenparodie, ‚Rumo‘ ist ein Abenteuerroman, das nächste Buch wird die Horror- und Schauerliteratur zur Grundlage haben, das übernächste die Science-Fiction, wenn ich so weit komme.“

Einflüsse weiterer Gattungen und Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Tonfall des Sagen- und Märchenhaften geht dem Roman trotz aller ironischen Wendungen niemals ganz verloren. Moers verwendete viele Versatzstücke aus Sagen (Faust, Golem) oder Märchen. Der Topos vom vergifteten Buch geht auf Tausendundeine Nacht zurück, von wo ihn auch Eco entlehnt hat.

Rezeption des Autors und seines Werkes[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literaturpreise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Walter Moers ist einer der kommerziell erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren. Die Stadt der Träumenden Bücher wurde 2005, also kurz nach der Veröffentlichung, mit zwei Literaturpreisen ausgezeichnet, dem Sonderpreis der Jury der jungen Leser und dem Phantastik-Preis der Stadt Wetzlar. Bemerkenswert erscheint eine Parallele zu Umberto Ecos Bestseller Der Name der Rose: Auch dieser Roman wurde (und wird zum Teil noch heute) vom größten Teil seiner breiten Leserschaft ausschließlich als geistvolle Variation des literarischen Genres "Kriminalroman" gelesen.

Haltung des Autors zum eigenen Werk[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Moers scheut die Öffentlichkeit und den Literaturbetrieb. Er gibt kaum Interviews und steht dem akademisch-intellektuellen Diskurs eher fern. Eco bereitete in seiner universitären Arbeit jahrelang den geistigen Boden für seinen Roman, der schließlich Bestseller wurde. Moers war schon lange ein erfolgreicher Comic-Autor, als er sein erstes Buch veröffentlichte. Vom einem Schöpfer provokanter, den so genannten guten Geschmack bewusst verletzender Figuren wie dem Kleinen Arschloch oder Adolf, der Nazi-Sau, anspruchsvolle Literatur zu erwarten oder zu akzeptieren, fiel dem literarischen Establishment in Deutschland nicht leicht.

Während viele andere Autoren – als Beispiele seien so verschiedene Schriftsteller genannt wie Else Lasker-Schüler, Elfriede Jelinek, Robert Menasse und Umberto Eco – das Stilmittel der Ironie und den so genannten Verfremdungseffekt dahingehend einsetzten, um ein gewisses Interesse des Lesers auf sich selbst, also die Person des Autors und damit dessen (tatsächliche oder vorgebliche) Biographie und Befindlichkeit zu lenken, tritt der Mensch Walter Moers hinter seinem Werk völlig zurück. Eine detaillierte Kenntnis biographischer Fakten über den Autor trägt praktisch nichts zum Verständnis der Bücher bei.[2]

Moers verletzt Erwartungshaltungen des deutschsprachigen Lesepublikums an „hohe“ Literatur mit zahlreichen Methoden.

Der Gegenstand Buch als Ausdrucksmittel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In allen bisherigen Zamonien-Romanen hat Moers Wert auf die Gestaltung der Bücher gelegt. Zum Beispiel ist in der Originalausgabe von Rumo & Die Wunder im Dunkeln das Lesebändchen ein „silberner Faden“, was einen Bezug zum Inhalt des Romans hat.

Die Illustrationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wilde Reise durch die Nacht von 2001 gilt als literarisches Experiment und als Hommage an den Illustrator Gustave Doré. In den Zamonien-Romanen entwickelt erscheinen einige Illustration nicht nur als schmückendes Beiwerk, sondern als Träger von Aussagen.

Seit Rumo ist die qualitativ neue Gewichtung der Moers’schen Illustrationen auffällig. Neben den bereits seit den 13½ Leben des Käpt’n Blaubär bekannten Bildern, die Moers noch an den Zeichenstil seiner Comics anlehnt, findet man nun einige Porträtzeichnungen von bisher bei Moers unbekannter (und offenbar durch Doré angeregten) handwerklicher Perfektion (siehe etwa Rumo, S. 191, S. 236; Träumende Bücher, S. 59, S. 70). Moers äußerte zu seiner Arbeit:

Ich wollte, dass sich das Ausmaß der Detailarbeit im Text in den Illustrationen spiegelt. Ich habe feinere Tuschestifte als zuvor benutzt und teilweise mit Lupen gearbeitet.

Für die Bebilderung des Rumo hat Moers nach eigenen Angaben ein halbes Jahr gebraucht. Moers’ Stilmittel lassen vermuten, dass er sich auch mit Tomi Ungerer, Paul Flora und Honoré Daumier beschäftigt hat.

Darüber hinaus lässt er sich gerne von konkreten, teilweise berühmten Werken der bildenden Kunst inspirieren: So zeigt Moers’ Kupferne Jungfrau Ähnlichkeiten mit Munchs Schrei und aus Caspar David Friedrichs Eismeer (Die gescheiterte Hoffnung) werden die gefährlichen „Frostfratten“. In der Stadt der Träumenden Bücher übernehmen z. B. Hugo Steiner-Prags Golem-Illustrationen diese Aufgabe. Sämtliche Werkzeuge der Unvorhandenen Winzlinge, die Smeik im Gehirn von Professor Kolibril vorfindet, sind ausgestorbenen Lebensformen wie Anomalocaris oder Hallucigenia nachempfunden, die im Kambrium lebten.

Die Vignetten sind ein Bezug zum im 19. Jahrhundert üblichen Buchdruck.

Schrifttypen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu einem charakteristischen Merkmal seiner Arbeit hat Moers seine Methode entwickelt, die Schrifttypen, in denen verschiedene Textpassagen gesetzt sind, einzusetzen, um den Inhalt zu unterstreichen oder zu kommentieren. Dieses Vorgehen war im Blaubär zunächst noch eher lässig-verspielt und von der Comic-Ästhetik angeregt. Mit jedem weiteren Zamonien-Roman verfeinerte der Autor seinen Einsatz dieses Stilmittels. Unser Bild der Figur des Danzelot von Silbendrechsler etwa wird unterschwellig maßgeblich davon geprägt, dass seine Texte allesamt in einer altmodisch anmutenden gebrochenen Schrifttype (Rotunda) gesetzt sind, ebenso wird der „Geheimschrift-Charakter“ des Testaments von Phistomefel Smeiks Vorfahren durch den Relief-Satz unterstrichen.

Bedauerlich ist bei dieser Liebe Moers’ zum Detail, dass sich durch seinen Wechsel zum Piper-Verlag (erfolgt zwischen Ensel und Krete und Rumo) die Qualität des Lektorats etwas verschlechtert hat: Bei diesem feinziselierten Umgang mit jeder Einzelheit fallen selbstverständlich auch die (wenigen) Druckfehler besonders auf.

Die Art und Weise, wie Schrift und Illustration gelegentlich ineinander übergreifen, manchmal dabei noch durch teilweisen Negativdruck verkompliziert (ein extremes Beispiel bietet Blaubär S. 164/165), kennt im modernen Buchdruck kaum eine Parallele – von ausgesprochenen Kinderbüchern vielleicht abgesehen, die aber unvergleichlich weniger Text bieten.

Zahlensystem[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Kapitel sind nach dem Oktalsystem nummeriert. Die Ziffern sind frei erfunden:

Die Zahlen von 0 bis 7 in zamonischen Runen

Diese Ziffern spielen aber auch im Verlauf der Romanhandlung eine gewisse Rolle, etwa bei der Angabe von Hausnummern in Buchhaim. Von dem Umstand, dass auf dem fiktiven Kontinent ein oktales Zahlen- und Ziffernsystem in Gebrauch ist, erfährt der Leser der Zamonien-Reihe in der Stadt der Träumenden Bücher zum ersten Mal, wenn auch Nummerierungen in den Vorläuferromanen eine beiläufige Rolle spielen. Da im Fließtext dieses und der übrigen Bücher jedoch immer arabische Ziffern stehen, bleibt für den Leser unklar, ob der „Übersetzer“ Moers auch eine Umrechnung vom Oktal- ins Dezimalsystem vorgenommen hat.

Umschlaggestaltung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Buchdeckel der Zamonien-Romane bzw. die Umschläge sind ebenfalls von Moers selbst gestaltet. Dass auch hiermit eine gewisse literarische Aussage einhergeht, erschließt sich erst im größeren Zusammenhang der Romanserie. Der Stil der Buchdeckel ist aufeinander abgestimmt, jeder trägt eine charakteristische Grundfarbe. Aus einem Hintergrund, der ein Material andeutet, das im jeweiligen Roman von Bedeutung ist (die blaugetönten Barten des Tyrannowalfisch Rex in Blaubär, ein Baum mit einem Astloch in Ensel und Krete und der rote Vorhang in Rumo), lugt der jeweilige Protagonist sozusagen aus dem Buch hervor in Richtung des Lesers.

Dass das „Hintergrundmaterial“ auf dem Umschlag der Stadt der Träumenden Bücher lederne Buchrücken sind, leuchtet unmittelbar ein. Überraschend ist dagegen, dass uns nicht etwa Hildegunst von Mythenmetz ansieht, sondern einer der Buchlinge. Dieser Umstand lädt zu Mutmaßungen darüber ein, wen Moers bei diesem Roman also für die eigentliche Hauptfigur hält.

Bedeutung der gebundenen Originalausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nur die aufwändig gestaltete Hardcover-Ausgabe der Zamonien-Romane kann alle Ausdrucksnuancen des jeweiligen Werks uneingeschränkt vermitteln.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Ende der Stadt der Träumenden Bücher forderte Moers seine Leser dazu auf, ihm per E-Mail mitzuteilen, welchen Abschnitt aus der Autobiographie des Hildegunst von Mythenmetz er als Nächstes „übersetzen“ solle. Die E-Mail-Adresse ist diejenige von Mythenmetz beim Piper-Verlag.

Ausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Maren J. Conrad: Von toten Autoren und Lebenden Büchern. Allegorien und Parodien poststrukturalistischer Literaturtheorie in der Katakomben der Stadt der Träumenden Bücher. In: Walter Moers’ Zamonien-Romane. Vermessungen eines fiktionalen Kontinents. V&R unipress, Göttingen 2011, S. 281–302.
  • Tim-Florian Goslar: Zurück nach Arkadien. Die Kulturlandschaft Zamoniens in Die Stadt der Träumenden Bücher. In: Walter Moers’ Zamonien-Romane. 2011, S. 261–279

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Interview mit Falter Ausgabe 17/03 vom 23. April 2003
  2. kleines-arschloch.de aufgerufen am 13. Juni 2008

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]