Die Superreichen

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Die Superreichen – Aufstieg und Herrschaft einer neuen globalen Geldelite ist der Titel der 2013 beim Westend Verlag erschienenen deutschsprachigen Ausgabe (Übersetzung: Andreas Simon dos Santos) von Chrystia Freelands 2012 vom Verlag Allen Lane verlegtem Buch Plutocrats. The Rise of the New Global Super-Rich and the Fall of Everyone Else.

Die Kernaussagen von Freelands Buch sind kurz zusammengefasst, dass Weltwirtschaft und Kapitalismus sich in den letzten 30 Jahren grundlegend verändert hätten, indem eine neue, stark global ausgerichtete Klasse entstanden sei: die Superreichen. Zehn Prozent der US-Bürger beziehen derzeit die Hälfte des gesamten nationalen Einkommens. 2011 wurden weltweit 84.700 ultrareiche Personen gezählt.

Der Reichtum eines Teils dieser vorwiegend männlichen Elite basiert auf eigener Arbeit und darauf, dass Umbruchsituationen zu eigenen Gunsten genutzt wurden. Andere wiederum haben ihre Riesenvermögen geerbt.

Die Politik habe seit den 1970er Jahren dazu beigetragen, dass eine neue Klasse der Superreichen entstehen konnte. Umgekehrt steuere diese Klasse heute die Politik in einigen entscheidenden Bereichen. Die „legale Korruption“, also die Veränderung gesetzlicher Spielregeln durch Konzerne und Banken, beeinträchtige die wirtschaftliche Entwicklung.

Die heutigen Eliten haben nach Freelands Auffassung wenig Bedarf, für ein inklusiveres System einzutreten: Eine neue Mittelschicht in den Schwellenländern ersetze die Nachfrage der verarmenden eigenen. Oligarchen müssten mangelnde Innovationen kaum fürchten, denn Dank der Globalisierung lassen sich Technologien einfacher denn je importieren.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einleitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einerseits war soziale Ungleichheit lange ein Tabuthema,(S. 9) andererseits ist wachsende Ungleichheit an der Wende zum 21. Jahrhundert zu einem weltweiten Phänomen geworden.(S. 12) Diese Konzentration des Reichtums hat nichts mit Klassenkampf zu tun, sondern allein mit Arithmetik.(S. 13) Damit ist es erstmals seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre für die Mittelschicht sinnvoller, ihr Augenmerk auf Umverteilung statt auf Wirtschaftswachstum zu richten.(S. 13) Denn in den USA beispielsweise ist das reichste Prozent der Bevölkerung der alleinige Nutznießer des Wachstums gewesen. Deshalb hat Freeland die Absicht, diese oberste Spitze der Pyramide zu betrachten: „Wer gehört dazu, woher stammt ihr Geld, wie denkt sie und welche Beziehung hat sie zu uns übrigen.“(S. 14)

Die Geschichte und warum sie zählt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Freeland bezieht eindeutig Stellung für den Kapitalismus, denn es habe sich gezeigt, dass er funktioniert.(S. 37)

Bereits 1873 beschrieben Mark Twain und Charles Dudley Warner ein erstes „vergoldetes Zeitalter“ (in The Gilded Age): Bei ostentativem Reichtum der „Räuberbarone“ und ihrer „alles durchdringenden Spekulationslust“ war die Kluft zwischen Reich und Arm das „Problem unserer Zeit“, wie noch 1905 Andrew Carnegie bemerkte.(S. 22 ff.) Doch infolge der Entstehung des sowjetischen Konkurrenzmodells änderte sich das: Durch staatliche Regulierung und Erhöhung der Einkommensteuer, aufgrund der Glass-Steagall Acts zur Trennung von Geschäfts- und Investmentbanken sowie Franklin D. Roosevelts Politik des New Deal zur Schaffung eines sozialen Netzes und das Bestehen starker Gewerkschaften, die Lohnsteigerungen erkämpften, wurde schließlich die soziale Ungleichheit verringert.(S. 29 ff.) Seit den 1970er Jahren schlägt das Pendel zurück: Der Sieg des Neoliberalismus, die Politik Ronald Reagans und Margaret Thatchers, der Washington Consensus, der Zusammenbruch des Sowjetimperiums und damit der globale Sieg des Kapitalismus, wurden Basis eines neuen Wachstums der Ungleichheit und eines zweiten vergoldeten Zeitalters.(S. 33 ff.)

Die Kultur der Superreichen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Doch im Gegensatz zu 1916, als das reichste Prozent der US-Bürger nur ein Fünftel seines Einkommens aus bezahlter Arbeit bezog, hat sich diese Zahl auf 60 % verdreifacht.(S. 60 f.) Selbst unter dem obersten 0,01 Prozent waren 2005 Gehälter als Einkommensquelle weit wichtiger als Kapital- und Pachterträge.(S. 62) Den Aufstieg selbst geschafft zu haben ist ein wesentlicher Teil des Selbstbildes der globalen Plutokraten von heute, die sich nicht als geborene Aristokraten, sondern als Meritokraten der Wirtschaft sehen.(S. 63) In einer Ökonomie, in der die Gewinner beinahe alles abräumen und so die Leute an der Spitze weit höher bezahlt werden als alle andern, ist die Ausbildung an Eliteuniversitäten entscheidend.(S. 66) So entstand eine Superelite aus Leuten, die einen Großteil ihres bewussten Lebens gearbeitet haben, um dazu zu gehören.(S. 70) Vor allem möchten die Plutokraten und ihr populärer Lobeschor gerne glauben, dass sie nicht eigensüchtig seien.(S. 74)

Der Global Wealth Report 2011 des Credit Suisse Research Institute schrieb:[1][2] „Die Basis der Wohlstandspyramide bilden Menschen aus allen Ländern der Welt in verschiedenen Stadien ihres Lebenszyklus. Im Gegensatz dazu konzentrieren sich die HNIWs (high net worth individuals, definiert als Personen, die über eine Million bis 50 Millionen Dollars verfügen) und UHNWIs (ultra high net worth individuals, definiert als ‚Personen, die ein investierbares Einkommen von mindestens 50 Millionen Dollar besitzen‘) sehr stark auf bestimmte Regionen und Länder und teilen einen weit ähnlicheren Lebensstil.“(S. 77 f.) Die UHNWIs, also die Superreichen selbst, beschreiben es ähnlich; die Kreise, .., seien definiert durch „Interessen“, nicht durch die Geographie: „Man sieht dieselben Leute, isst in denselben Restaurants, steigt in denselben Hotels ab.“(S. 78) Die Plutokraten entwickeln sich zu einer transglobalen Gemeinde von Gleichen, die mehr miteinander gemein haben als mit ihren jeweiligen Landsleuten daheim.(S. 76)„Da wächst eine Macht heran bei Leuten, deren gemeinsame Erfahrung sie stärker untereinander als mit ihrem lokalen Umfeld und ihren lokalen Regierungen verbindet.“ sagte Eric Schmidt der Autorin.(S. 79) Und die wirtschaftlichen Interessen dieser Elite treiben sie dazu, global zu denken, während der Handlungsspielraum der Regierungen auf ihr nationales Territorium beschränkt bleibt.(S. 86) Das ist eine Welt, in der das Spezialgebiet des Diploms mehr zählt als die Nationalität. Die Globalisierung der Superelite beginnt in der Schule. Die Nation der Plutokraten hat ihre Alma Mater: die US-Elite-Universitäten der Ivy-League und Stanford in Kalifornien sowie Oxbridge in Großbritannien.(S. 80)

Auf globalen Konferenzen trifft sich diese Elite und ist sich einig in ihrem Enthusiasmus für technologische Innovationen und Ideen. Zum Internationalen Konferenzparcours gehören u. a. :

Zu den Statussymbolen der Plutokraten gehören nicht nur Jets, Yachten und Rennställe, sondern neuerdings vor allem philanthropische, wissenschaftliche oder politische Stiftungen, weil diese neben ihren moralischen Belohnungen und ihren steuerlichen Vorteilen auch ihrer gesellschaftlichen Akzeptanz dienlich sein, ja sie unsterblich machen können.(S. 89) Der Philanthrokapitalismus möchte auch die Funktionsweise des Staates „verbessern“.(S. 95) Superreiche Politiker werden zu wichtigen Mitgliedern der weltweiten Regierungselite, weil sie ihre Kampagnen und den Aufbau zivilgesetzlicher Netzwerke mit eigenem Geld finanzieren können.(S. 96) Plutokraten versuchen, die herrschende Ideologie eines Landes, ja der Welt zu beeinflussen, indem sie Think Tanks finanzieren, die eine politische Agenda entwickeln, die sich nahtlos mit ihren persönlichen Geschäftsinteressen oder denen der Plutokratie insgesamt deckt.(S. 97)

Die Superreichen des 0,1 Prozent haben die „nur“ Reichen, die die nächsten 0,9 Prozent an der Spitze der Einkommenspyramide ausmachen, weit abgehängt und bilden die Oligarchie. Diese Kluft zwischen dem einen Prozent und dem 0,1 Prozent könnte noch ernste politische Folgen haben.(S. 100 ff.)

Superstars[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Milovan Djilas (Die neue Klasse. München 1957), György Konrád und Iván Szelényi (Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht. Frankfurt a. M. 1978) sowie Peter F. Drucker (The Age of Social Transformation, The Atlantic Monthly, November 1994, Bd. 274, Nr. 5;[3]) verkündeten das Aufkommen einer neuen herrschenden Klasse der Technokraten, wovon in der wissenschaftlichen Debatte im frühen 21. Jahrhundert allerdings nicht viel die Rede ist.(S. 109 ff.) Der Wirtschaftswissenschaftler David Autor vom Massachusetts Institute of Technology konstatierte, dass die Begünstigung hoher beruflicher Qualifikation durch den technischen Wandel den Technokraten immense Einkünfte und sie an die Macht brachte.[4](S. 112) Und Alan B. Krueger stellte in einer Rede im Center for American Progress am 12. Januar 2012 fest, dass in einer Umfrage unter Wirtschaftswissenschaftlern die Mehrheit im technologischen Wandel die Haupttriebfeder für die Einkommenspolarisierung sah.[5](S. 112)

Als „Superstar-Effekt“[6] in der Ökonomie wird bezeichnet, dass unter den geschaffenen wirtschaftlichen Turnierbedingungen alles den Gewinnern zufällt.(113) Die von Zahlen getriebenen Empiriker – Technokraten, Börsenhändler und Internetunternehmer – „regieren nicht nur die Wall Street, das Silicon Valley, Bangalore und Peking. Sie haben auch in Washington das Sagen“.(114) Da die Superelite mit ihrem Reichtum allen anderen davon zieht, wächst auch die Nachfrage nach Luxusdienstleitungen weit überproportional und das führt zur Plutonomie. Davon profitieren nicht nur die Topanbieter von Unternehmensdienstleistungen wie Rechtsanwälte, sondern auch wer Luxus bereitstellt, eine Schar von Superstar-Künstlern, die dank moderner Technologie im Show-Business ein millionenfaches Publikum erreichen, und Spitzenfachleuten (neben Advokaten und Managern auch Sportler, Autoren von Bestsellern, Designer, Köche usw.), die im glücklichsten Fall selbst zu Superreichen werden.(116–138; 146–157) Professor Roger Martin an der Universität von Toronto erwartet den Sieg des Talents im Kampf mit dem Kapital, weil die Organisation sehr viel mehr auf den Wissensarbeiter angewiesen sei als umgekehrt. Peter F. Drucker hat schon 1963 in Das Fundament für morgen. Die neuen Wirklichkeiten in Wirtschaft und Politik. den Wandel zur „Wissensgesellschaft“ und den Aufstieg des „Wissensarbeiters“ prophezeit.(140 ff.)

Die größten Gewinner aber sind laut Freeland die Banker, nachdem sie entdeckten, „dass sie selbst das Kapital und mit ihm die Unternehmen besitzen können.“ Die meisten Spitzenverdiener sind Wall-Street-Finanzinvestoren, die sich von Buchhaltern und Fachangestellten „zum herrschenden Stamm der Plutokratie“ wandelten. Sie führt dies auf drei neue Finanzierungsformen zurück:

in denen „clevere Leute mit Glück fast im Handumdrehen ein Vermögen verdienen konnten.“(142–146)

Schließlich zählen auch die Fürsten der Industrie[7], die CEOs – eben die Stars unter den Managern – zu den Spitzenverdienern. Sie müssen beispielhafte Talente sein, nicht an ein Unternehmen, ja nicht einmal eine Branche gebunden, Betriebswirte mit Fertigkeiten im Management oder in der Unternehmensführung, denn der „Anstieg der Vorstandsgehälter fiel mit dem Anstieg der Zahl der Firmenchefs zusammen, die von außerhalb des Unternehmens angeworben wurden.“(154–163) Das Prinzip Entlohnung nach Leistung hat jedoch seine Kehrseite. Wer für das Unternehmen verantwortlich ist, zahlt auch sein eigenes Gehalt, und damit entsteht das Agenturproblem der Abschöpfung oder Absahnerei. Firmenvorstände werden zwar immer für ihr Glück belohnt, doch kaum für ihr Pech oder Versagen bestraft.(163–168)

Freeland spricht im Zusammenhang mit diesen technokratischen Intellektuellen wiederholt von einer neuen Klasse und auch von Klassenmacht.(141; 161)

Revolutionen beim Schopf packen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bedeutsame Paradigmenwechsel, ob in Politik und Gesellschaft oder in Wirtschaft und Märkten sind für uns schwer vorherzusehen. Solche revolutionären Umbrüche sind Momente, in denen sich schnell Vermögen schaffen lassen, und somit eine der Triebkräfte zur Herausbildung der Superelite.(170 f.) Die späten 1980er und die 1990er Jahre waren weltweit eine Zeit der Privatisierung, Deregulierung und des Abbaus von Handelshemmnissen. Auch neue Technologien, wie Computer und Internet, Mobil- und Drahtloskommunikation und seit 2012 „Big Data“ bargen Risiken aber auch Chancen.(172) Den Gewinnern bringen solche „Umbrüche unverhoffte Gewinne; die Verlierer stürzen sie in ein Desaster.“(174) Sie zu nutzen und solche „Revolutionen beim Schopf zu packen, das hat viel mit Glück zu tun. Man muss nicht nur zur rechten Zeit am rechten Ort sein, sondern auch … mit der Nase auf eine sich abzeichnende Chance“ stoßen.(178) Natürlich sind auch Talent und Risikobereitschaft dafür grundlegende Voraussetzungen. (182) Für die Ummünzung der revolutionären Umbrüche in Vermögen „gilt die Regel, dass es feste Regeln nicht gibt.“(204) Nicht der Aufbau von Staaten, sondern ihr persönlicher Profit ist der Leitstern der Wirtschaftstycoons.(206)

Die größten Gewinner sind nicht Institutionen, sondern einzelne Unternehmer, die klug sind und Glück haben.(185) Lt. Global Wealth Report 2011 sind 46 Prozent der Superreichen auf der Erde Unternehmensgründer.[8](195) Wer z. B. in Russland durch staatliche Kredite ein Vermögen aufgebaut und sich damit die richtigen Verbindungen verschafft hatte, konnte „sich die wirklich fetten Filetstücke unter den Nagel“ reißen, als 1995 im Kredite-gegen-Aktien-Programm die riesigen russischen Bodenschätze verschleudert wurden, indem er die Anteilscheine der Privatisierung von Leuten aufkaufte, die damit nichts anfangen konnten, – und damit zum Oligarchen werden.(179; 209)

Die Superrentiers: Milliarden auf Kosten der Allgemeinheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn hier von Renten die Rede ist, geht es nicht um Sozialrenten, sondern um die Rente (Wirtschaft), insbesondere die Politische Rente im Sinne der Rentenökonomie.

Zu den „haarsträubendsten Beispiele[n] für die Erbeutung politischer Renten auf Kosten der Allgemeinheit“ zählt Freeland die Folgen neoliberaler „Reformen zur Lockerung des staatlichen Zugriffs auf die Wirtschaft“, von den Privatisierungen beim Übergang ehemaliger staatlicher Planwirtschaften zur Marktwirtschaft bis zur Deregulierung des Finanzsektors.(219 f.)

Als „wohl größte[n] Vermögenstransfer der Menschheitsgeschichte“ bezeichnet sie die Überführung von ehemals sowjetischem Staatseigentum in Privatbesitz. Eine der Folgen sei, dass Moskau 2012 mehr Milliardäre zählte als New York oder London.(222)

Doch auch westliche Staaten verkauften Infrastruktur- und Dienstleistungs-Unternehmen, “die einst als natürliche Monopole betrachtet wurden, .., von denen man früher geglaubt hatte, dass sie am besten vom Staat” geführt würden.

Die Finanzeliten von London und New York erfreuten sich eines erstaunlichen parteiübergreifenden Konsenses mit den Politikereliten in Großbritannien und den USA, sowie weltweit, betreffs der Erfordernis von Deregulierung der Finanzmärkte.(241–247) Die Deregulierungskonkurrenz zwischen den westlichen Staaten begünstigte den Aufstieg der Superelite, besonders des obersten Zehntelprozents und der Finanzbranche, der durch deren politische Einflussnahme einen rentenökonomischen Zug trägt. Doch diese Entwicklung war auch eine wesentliche Ursache der Finanzkrise von 2008 und führte zur Bereitstellung eines billionenschweren Rettungsnetzes für die Banken durch die Politik.(249)

Der Mexikaner Carlos Slim unterstützte wortstark die Reformbemühungen seines Freundes Carlos Salinas de Gortari, von 1988 bis 1994 Präsident Mexikos, u. a. zur Privatisierung der staatlichen monopolistischen Telefongesellschaft Telmex. Dann erwarb Slim diese, erfüllte sich damit den „Traum eines jeden Rentiers, der sich durch politische Einflussnahme Erträge auf Kosten der Allgemeinheit verschaffen will“ und war um 2012 der reichste Mann der Welt.(225 f.)

In Umbruchszeiten kann die Korruption eine neue Dimension gewinnen. Die Superreichen haben Zugang zu Politikern und bekommen vorteilhaftere Bedingungen, ja sie können schon bei der Ausformulierung der Politik mitwirken, weil man sie als wichtige Leute befragt, das gilt auch für Schwellenländer wie Indien und China.(228–241)

Als „legale Korruption“ wird das Bestreben der Plutokraten bezeichnet, durch Lobbyarbeit und Wahlkampfspenden zu erreichen, dass die Spielregeln der Wirtschaft mittels Reformen, Regulierung oder Deregulierung in ihrem Sinn und zu ihrem Nutzen zu verändert werden. Damit erhalten die Nutznießer nicht nur mehr Reichtum, sondern auch mehr politische Macht. Wie die Rentenökonomie überhaupt globalisiert sich auch die legale Korruption immer mehr.(255–259)

Die Superreichen und wir[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In diesem Kapitel (260–310) legt Freeland dar, wie die Superreichen sich selbst sehen – und den Rest der Menschheit. Als Motto ist der Spott von Robert Harris über ihr „Selbstmitleid“ und ihren „Verfolgungswahn“[9] vorangestellt, aber auch eine verwunderte Beobachtung von Adam Smith über die Gleichgültigkeit, „mit der die Menschen das Elend derer betrachten, die unter ihnen stehen, und andererseits das Bedauern und die Empörung .., die sie wegen des Missgeschicks und der Leiden jener fühlen, die ihnen übergeordnet sind.“[10]

Kurz gesagt sieht die Superelite sich selbst als Meritokratie und hält die übrigen Menschen für faul oder unfähig. Voneinander haben die Plutokraten eine hohe Meinung und sind überzeugt, selbst alles am besten zu wissen und zu können, auch Politik. Für alle anderen aber empfinden sie einen Mangel an Sympathie, der in Verachtung übergehen kann.(269) Schuld sind immer die anderen; die Superreichen seien in Wahrheit Opfer, die sich vor ungerechter Besteuerung nur durch Stiftungen retten können.(273 ff.)

Ein Psychologenteam von der Berkeley-Universität vermutet nach mehreren Experimenten, dass „größere Ressourcen und größere Unabhängigkeit von anderen dazu führen, dass Menschen ihr Eigeninteresse über das Wohlergehen anderer stellen und Gier als positiv und nutzbringend wahrnehmen, was wiederum vermehrt zu unethischem Verhalten führt“.(271)

Die Plutokraten sehen sich selbst als diejenigen, „die Millionen von Steuerzahlern beschäftigen und die Räder des Handels und des Fortschritts in Gang halten – auch die des Staates“, wie es der Milliardär Leon Cooperman in einem offenen Brief an Präsident Obama ausdrückte.[11](277) Der Anlagefondsmanager Foster Friess, der sich im Wahlkampf für Rick Santorum engagierte, sagte Freeland in einem Interview am 9. Februar 2012, es sei fürs Gemeinwohl besser, die Steuern abzuschaffen und den Reichen zu überlassen durch wohltätige Spenden zu entscheiden, wie sie ihr Geld ausgeben wollen. Er ist auch davon überzeugt, dass wir alle vom obersten Prozent abhingen und dieses entsprechend respektieren sollten.(278 f.) Der Hedgefonds-Manager Ken Griffin meint, dass die Superreichen in der amerikanischen Politik nicht genügend Gehör fänden und politisches Engagement eine schwere Bürde sei, die zu tragen sie die Pflicht hätten: „Ich verbringe viel zu viel von meiner Zeit damit, über Politik nachzudenken, weil sich die Regierung viel zu sehr in die Finanzmärkte einmischt.“ Und er wirft dieser vor, Klassenkampf als politisches Mittel einzusetzen.[12](279)

Dennis Gartman jubelt in einem seiner täglichen Investmentbriefe: „Gott segne die Einkommensdisparität und alle, die es geschafft haben. ... Was wir verachten, ist ein Staat, der Regeln verhängt, die es verbieten oder erschweren, noch mehr Geld zu verdienen; noch mehr Leute zu beschäftigen; noch größere Summen für wohltätige Zwecke zu spenden.“[13](280) Die Plutokraten fühlen sich in ihrer Eigenliebe verletzt, wenn jemand in ihnen Schurken statt Helden sehen will, tun sie doch – wie Lloyd C. Blankfein witzelte – „Gottes Werk“.(230)

Laut James Duggan, Chef einer auf Steuer- und Immobilienrecht spezialisierten Chicagoer Anwaltskanzlei, flieht der Reichtum teilweise aus Gewissensgründen aus dem Land, um ein Zeichen zu setzen für seine Unzufriedenheit mit den Verhältnissen in den USA.(281) Diese Mentalität entspricht durchaus der von Ayn Rands Roman „Atlas wirft die Welt ab“.(281) Da der erdähnliche Planet Kepler-22b noch außerhalb der Reichweite bemannter irdischer Raumfahrt liegt, gründeten Patri Friedman und Wayne Gramlich am 15. April 2008 in Sunnyvale (Kalifornien) das Seasteading Institute mit dem Ziel der Errichtung autonomer mobiler Gemeinschaften auf schwimmenden Plattformen in internationalen Gewässern. Das Projekt wird u. a. von Peter Thiel finanziell unterstützt.(282)

Jeder muss zugeben, dass die Staaten das Recht haben, Steuern zu erheben; der Streit geht nur darum, wer wie viel zahlt. Der Aufstieg der neuen Superelite fiel zeitlich mit dem Erstarken der Überzeugung zusammen, dass alles, was gut für die Unternehmen ist, auch für die Volkswirtschaft insgesamt gut sei, und die Unternehmer am besten wüssten, was funktioniert. „Diese Glorifizierung übertrug sich auf die Herren des Universums an der Wall Street.“(288) Sie bekamen von der Fed was sie wollten, weil „die Verantwortlichen in den staatlichen Organen wie durch Osmose Ziele, Interessen und Realitätswahrnehmung der Privatunternehmen verinnerlichen, die sie im öffentlichen Interesse regulieren und überwachen sollen,“ ist sich der Wirtschaftswissenschaftler Willem Buiter sicher. Er spricht von „kognitiver Kaperung des Staates“ durch die Banker und hat keinen Zweifel, dass die Fed unter Alan Greenspan „die Stabilität, das Wohlergehen und die Profitabilität des Finanzsektors als Selbstzweck behandelte.“[14](289) Hierin und im „Fatalismus“ der Wall Street, die darauf verzichtet, dazuzulernen und sich zu bessern, sieht Mark Carney die Ursachen für die Finanzkrise.[15](291)

Die Rettung der US-Banken 2008 und 2009 war „die größte staatliche Intervention in eine Volkswirtschaft in Prozent des Bruttoinlandsprodukts seit Lenins Verstaatlichung.“ Deshalb verlangt Carney dringend Reformen: „Mit etwa vier Billionen Dollar Wirtschaftsleistung und beinahe 28 Millionen Arbeitsplätzen, die in der darauffolgenden Rezession verloren gingen, war der Grund für Reformen klar und bleibt es bis heute.“[16].(294)

Es geht also nicht einfach um die Frage eines starken oder schlanken Staats. „Die Frage ist vielmehr, .., ob die Regierung den Willen, die Autorität und den Verstand aufbringt, auch gegen die Proteste der Wirtschaft die Interessen der Allgemeinheit zu verteidigen.“(293 f.) Luigi Zingales bezeichnet dies als Wahl zwischen einer marktfreundlichen und einer unternehmensfreundlichen Politik. Denn Supereliten seien zwar häufig Ergebnis einer starken Marktwirtschaft, zu deren Gegner sie aber oft werden, nachdem sie sich etabliert haben. Lobbyismus beeinflusse die Regeln gern zugunsten bestehender Firmen, statt sich für gleiche Regeln für alle und einen freien und offenen Wettbewerb einzusetzen.[17](294 f.)

Im Januar 1977 trat Henry Ford II vom Aufsichtsratsvorsitz der Ford Foundation zurück, die 1939 wegen der damit verbundenen Steuervorteile und zur fortdauernden Kontrolle der Familie Ford über die Ford Motor Company geschaffen wurde. In seinem Abschiedsbrief von der größten philanthropischen Stiftung der USA gab er „zu bedenken, dass es sich sehr wahrscheinlich lohnt, das System, das die Stiftung ermöglicht, zu bewahren,“ und äußerte die wachsende Befürchtung vieler Unternehmer, den „Kampf um die Ideen zu verlieren“.(295 f.)

Das griff Irving Kristol in seinem Artikel On Corporate Philanthropy in The Wall Street Journal vom 21. März 1977[18] auf. Er stellte es als Tatsache hin, dass die meisten Stiftungen und Universitäten in den USA „ein Meinungsklima ausstrahlten, in dem eine wirtschaftsfeindliche Tendenz zu einer vollkommen natürlichen Neigung geworden“ sei. Deshalb stellte er die Aufgabe, den Kapitalismus und die Kapitalisten zu schützen und gesund zu erhalten, indem man das Klima der öffentlichen Meinung entsprechend forme, das „von unseren Wissenschaftlern, unseren Lehrern, unseren Intellektuellen, unseren Publizisten, kurz: von der Neuen Klasse erzeugt wird.“ Kristol schlug vor, dass die Wirtschaft jene Dissidenten innerhalb der Neuen Klasse unterstütze, „die wirklich an die Bewahrung eines starken Privatsektors glauben.“ In den folgenden drei Jahrzehnten baute er zusammen mit anderen konservativen Intellektuellen und den sie finanzierenden Wirtschaftsführern ein Netzwerk von konservativen Denkfabriken, Stiftungen, Elitejournalen und Massenmedien auf.(S. 297 f.) Schließlich stellte Chrystia Freeland als Ergebnis dieses Philanthrokapitalismus „die intellektuelle Dominanz jener Denkweise [fest], die Kristol in den 1970er Jahren in Amerika als abweichende Meinung“ beschrieben hatte.(300) Die Politiker werden mitunter als Zweig der Neuen Klasse bezeichnet und sie sind noch abhängiger als andere von der Superelite, besonders von ihren Spenden. Doch ein wachsender Teil von ihnen gehört selbst zur Superelite und sie brauchen gar nicht mehr bestochen oder gekapert zu werden, denn sie teilen ohnehin deren Interessen.(302 ff.)

Luigi Zingales stimmt nicht nur Buiters Theorie von der kognitiven Kaperung des Staates zu, sondern findet es natürlich, dass die Regierung die intelligentesten Köpfe der Finanzbranche an sich zieht, und auch, dass diese die „Neigung haben zu glauben, dass die Interessen ihrer Branche und die Interessen des Landes identisch sind“ und sich ausschließlich aus diesem ihrem Herkunftsmilieu zu informieren.(S. 306 f.) Auch der Verhaltensökonom Dan Ariely ist überzeugt, dass Menschen natürlicherweise die Realität so sehen, wie es ihren Interessen entspricht, und nicht aus der Perspektive von Fremden, sondern der ihrer Freunde. Deshalb schafft aber soziale Ungleichheit „statt einer einzigen Gesellschaft eine Vielzahl von Gesellschaften“, sagte er Freeland im Interview.[19](S. 308)

Schluss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Schlusskapitel bringt Freeland Venedig als Beispiel dafür, wie ein Staat durch Schließung (italienisch: serrata) nicht nur der sozialen Mobilität, sondern zugleich seiner gesamten Entwicklung ein Ende bereiten kann.(S. 310 ff.) Daron Acemoğlu und James A. Robinson vertreten die Ansicht, dass Erfolg oder Scheitern der Staaten davon abhängen, ob ihre Institutionen exklusiv oder inklusiv sind.[20](S. 312)

Inklusive Staaten gewähren allen Bürgern Mitbestimmungsrechte und Zugang zu wirtschaftlichen Chancen, wodurch sich eine sich selbst verstärkende Dynamik entwickeln kann. Wenn jedoch die Elite an der obersten Spitze zu reich und mächtig wird, erhält sie die Möglichkeit, ihrer Neigung zu folgen, die Spielregeln einseitig zu ihren Gunsten zu ändern und so die soziale Mobilität zu zerstören. Damit würde ein System geschaffen, das die Vorherrschaft der Elite so wirkungsvoll konsolidiert, dass dadurch das Wirtschaftswachstum erstickt und das System politisch unhaltbar würde – wie Karl Marx es dem Kapitalismus prophezeite.[21] (S. 312 ff.) Zwar sabotieren Eliten das System, von dem sie profitieren, nicht absichtlich, doch selbst kluge Plutokraten können sich von ihren Eigeninteressen dazu verleiten lassen, die Grundlagen ihrer Gesellschaft zu untergraben.(S. 319)

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Buch wurde noch 2012 New-York-Times-Bestseller und Chrystia Freeland erhielt für Plutocrats 2013 den kanadischen Lionel Gelber Prize für das beste Sachbuch des Jahres[22] sowie auch den National Business Book Award für das hervorragendste kanadische Buch über Wirtschaftsangelegenheiten.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. 19. Oktober 2011, S. 16 f.
  2. https://infocus.credit-suisse.com.data/_product_documents/_shop/3525/2011_global_wealth_report.pdf@1@2Vorlage:Toter Link/infocus.credit-suisse.com.data (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  3. http://www.theatlantic.com/past/docs/issues/95dec/chilearn/drucker.htm
  4. David Autor: The Polarisation of Job Opportunities in the U. S. Labor Market. Implications for Employment and Earnings. Center for American Progress and The Hamilton Project, April 2010 (http://economics.mit.edu/files55549@1@2Vorlage:Toter Link/economics.mit.edu (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.)
  5. Alan B. Krueger: The Rise and Consequenzes of Inequality in the United States.( Archivlink (Memento des Originals vom 27. Juni 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.whitehouse.gov)
  6. http//:www.faz.net./aktuell/sport/mehr-sport/motivation-der-superstar-effekt-in-der-oekonomie-1547519
  7. So Adolf Augustus Berle, Gardiner Coit Means, The Modern Corporation and Private Property, New York 1932
  8. Archivlink (Memento des Originals vom 3. November 2011 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ml.com
  9. Robert Harris, Angst, München 2011, S. 197.
  10. Adam Smith, Theorie ethischer Gefühle, Hamburg 2004, S. 74.
  11. http://www.thestreet.comtsc/common/images/pdf/Omega@1@2Vorlage:Toter Link/www.thestreet.comtsc (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Advisor1.pdf
  12. Lt. Interview mit Melissa Harris (http://articles.chicagotribune.com/2012-03-11/business/ct-biz-0311-confidential-griffin-web-version-20120311_1_american-crossroads-politics-republicans-and-democrats)
  13. http://forbes.com/sites/ericjackson/2011/11/17/dennis-gartman-celebrates-income-inequality/
  14. Archivierte Kopie (Memento des Originals vom 11. Januar 2012 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.kansascityfed.org
  15. Mark Carney, The Economic Consequences of the Reforms, Vortrag bei der 7th Bundesbank Lecture 2010, Berlin, 14. September 2010 (Http://www.bis.org/review/r100917c.pdf)
  16. Mark Carney, Some Current Issues in Financial Reform, Rede vor dem Institute of International Finance, Washington D.C., 25. September 2011 (http://www.bis.org/review/r110927a.pdf)
  17. Luigi Zingales, Capitalism After the Crisis, National Affairs 1, Herbst 2009 (http://www.nationalaffairs.com/publications/detail/Capitalism-after-the-crisis)
  18. http://hudson.org/files/documents/BradleyCenter/Kristol_On_Coporate_Philanthropy.pdf@1@2Vorlage:Toter Link/hudson.org (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
  19. Chrystia Freeland, Working Wealthy Predominate the New Global Elite, The New York Times, 25. Januar 2011 (https://dealbook.nytimes.com/2011/01/25/working-wealthy-predominate-the-new-global-elite/)
  20. Daron Acemoglu, James A. Robinson, Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut. Frankfurt a. M. 2013. S. 196–201.
  21. Karl Marx, Friedrich Engels Werke, Berlin 1979, Bd. 36.
  22. http://www.theglobeandmail.com/arts/books-and-media/plutocrats-author-chrystia-freeland-wins-15000-book-prize/article10300456/