Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht

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Filmdaten
OriginaltitelDie andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht
ProduktionslandDeutschland, Frankreich
OriginalspracheDeutsch
Erscheinungsjahr2013
Länge230 Minuten
AltersfreigabeFSK 6[1]
Stab
RegieEdgar Reitz
DrehbuchEdgar Reitz
Gert Heidenreich
ProduktionChristian Reitz
Margaret Ménégoz (Co-Produzentin)
MusikMichael Riessler
KameraGernot Roll
SchnittUwe Klimmeck
Besetzung

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht ist ein Kinofilm von Edgar Reitz aus dem Jahr 2013, der auf der ebenfalls von Edgar Reitz stammenden Filmreihe Heimat beruht. Der Film thematisiert die Epoche des Vormärz in den Jahren 1842 bis 1845 und die damalige Welle von Auswanderungen aus dem Hunsrück nach Brasilien. Kinostart in Deutschland war der 3. Oktober 2013.[2]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Jakob Simon ist ein romantisch veranlagter Bauernjunge im Hunsrück-Dorf „Schabbach“. Er träumt von einem Leben in den Urwäldern Brasiliens. Vorbild sind ihm die vielen Auswanderer seiner Zeit, die Deutschland in Richtung Amerika verlassen. Jakob lernt sogar die Sprachen der Indianer Südamerikas. Gemeinsam mit seiner großen Liebe Jettchen schmiedet er seinen neuen Lebensplan. Als aber Jakobs Bruder Gustav aus dem preußischen Militärdienst zurückkehrt, wird die Liebe zwischen Jakob und Jettchen erschüttert, und Jakobs Lebensweg entwickelt sich völlig anders, als er es geplant hat.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seiner dreiteiligen Heimat-Saga wollte Edgar Reitz eine weitere Hunsrück-Geschichte verfilmen und entschied sich für die Zeit der Auswanderungswelle in Deutschland Mitte des 19. Jahrhunderts. Als konkreten Auslöser für den neuen Film nannte Reitz einen Brief, den er während der Dreharbeiten zu Heimat 3 bekam; in dem Brief schrieb eine Krankenschwester aus Brasilien, sie habe Reitz im Fernsehen gesehen, und er habe große Ähnlichkeit mit ihrem Chef, der ebenfalls Reitz heiße.[3] Daraus habe sich ein längerer Kontakt ergeben, der schließlich in der Idee zu dem Film mündete. Allerdings spielt der Aspekt Brasilien auch schon in Heimat – Eine deutsche Chronik („Heimat 1“) eine Rolle: In der letzten Folge, in der die Hauptfigur Maria Simon stirbt, tauchen zwei Männer aus Brasilien auf, die ebenfalls Simon heißen und in Schabbach den Spuren ihrer Ahnen nachgehen.

Edgar Reitz wollte mit Die andere Heimat vor allem eine Geschichte über die Auswanderungswelle im Hunsrück des 19. Jahrhunderts erzählen. Der Rückgriff auf „Schabbach“ und auf die Familie Simon war für ihn eher Mittel und nicht Zweck. In einer Pressekonferenz im April 2012 brachte Reitz zum Ausdruck, dass er nicht zwingend die Vorgeschichte der Familie Simon erzählen wollte. Reitz bezeichnete es gleichwohl als vorteilhaft, wenn Fans der Heimat-Trilogie allein schon deshalb ins Kino gehen, weil sie sich von dem Film erhoffen, die Vorfahren der Simons zu sehen.[4] Eine Vorgeschichte zum Dorf Schabbach erzählt der Film ohnehin nur noch zum Teil, da viele Orte und Plätze, die aus Heimat 1 bis 3 bekannt sind (z. B. die Kirche, das Wiegand-Haus, das Schirmer-Haus, der Saal und der Kolonialwaren-Laden), im Film nicht mehr auftauchen, weil sie in Woppenroth standen. Reitz hatte sich entschlossen, Woppenroth für „Die andere Heimat“ nicht zu berücksichtigen und hauptsächlich im Nachbardorf Gehlweiler zu drehen. Das aus Heimat 1 bis 3 bekannte Schabbach ist in „Die andere Heimat“ deshalb nur noch in der Simon-Schmiede erkennbar.

Dreharbeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Drehort wählte Reitz wieder die schon aus den anderen Heimat-Staffeln bekannte Schmiede im Hunsrück-Dorf Gehlweiler. Reitz entschied sich ganz bewusst, den Film wieder in einem echten Dorf zu drehen und nicht in einer reinen Kulisse. Er wollte eine historisch gewachsene Ortsstruktur und keine künstlich entstandene.[5] Gleichwohl wurden für die Dreharbeiten viele Kulissen in Gehlweiler errichtet und auch die Simon-Schmiede, die aus den anderen Heimat-Staffeln mit verputzter Hausfront bekannt ist, erhielt eine vorgestellte Fachwerkfassade.

Die Einwohner von Gehlweiler wurden vor Beginn der Dreharbeiten in den Entstehungsprozess des Films miteinbezogen und stimmten mit großer Mehrheit für die Umgestaltung ihres Dorfes als Drehort.[6]

Beginn der Dreharbeiten war der 17. April 2012, die Arbeiten endeten im August 2012. Die Welturaufführung fand am 29. August 2013 bei den Filmfestspielen in Venedig statt, Deutschlandpremiere war am 28. September 2013 in Simmern (Hunsrück).

Kritiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Mit dem neuen Werk schenkt uns Edgar Reitz viele großartige Kinomomente: Ein Dorffest in einer Scheune, das Anlaufen der ersten Dampfmaschine im Dorf; oder der Tod des Großvaters am Webstuhl, wenn minutenlang das Klacken der Webstuhlhölzer zu hören ist, die Kamera sanft durchs Haus schwebt und plötzlich das Klacken aufhört. Oder wenn die Mutter Jakob erinnert, dass es doch an der Zeit wäre zu heiraten und dass es doch das Florinchen gäbe, das schön singe. ‚Die andere Heimat‘ entfacht im Kopf des Zuschauers einen Sturm der Sehnsucht nach Ferne und Wehmut dem Vergänglichen gegenüber, wie es ihn selten zuvor im Kino gab.“

Deutschlandradio Kultur[7]

„Ein süßliches Heimatfilm-Happy-End ist das nicht. Dazu sind im Verlauf der Erzählung zu viele Kinder gestorben. Die Bilder des hageren Landarztes in seiner Hilflosigkeit gegen die Diphtherie-Epidemie haften im Gedächtnis ebenso wie die stumm verzweifelter Abschiede, wenn sich wieder einmal Familien in die langen Auswanderertrecks einreihen. Hunderttausende wurden so in wenigen Jahrzehnten aus Südwestdeutschland hinausgespült, bevor die Industrialisierung die Massen verarmter Landbevölkerung schluckte. An dieses oft vergessene Kapitel deutscher und europäischer Geschichte zu erinnern ist nicht das geringste Verdienst der vierten ‚Heimat‘.“

Die Welt[8]

„Diese Vision von individueller Sehnsucht inmitten von kollektivem Zwang als Meisterwerk zu bezeichnen, wäre verfehlt. Der Film ist viel mehr: eine Sozialgeschichte, eine Studie der Langsamkeit vor der motorisierten Welt, ein Drama des kollektiven Lebens, eine raffinierte Psychostudie vor Erfindung der Psychologie. […] Man muss, unter dem frenetischen, überhaupt nicht endenden Applaus des Publikums von Venedig, lange suchen, um in der Kinogeschichte ein ähnlich gelungenes Epochenwerk zu finden.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung[9]

„‚Die andere Heimat‘ ist […] nicht leicht konsumierbar und eher sperrig. Man muss sich einlassen auf diese Geschehnisse, die mit der ein oder anderen Länge auch nicht immer ganz über die vier Stunden des Films tragen. Und doch gelingt es dem 80-jährigen Reitz wieder einmal, die große Geschichte auf kleine Geschichten herunterzubrechen. Durch seine Figuren Jakob und Gustav wird die tatsächlich durchlebte Auswandererwelle nach Brasilien erlebbar, werden die Beweggründe der Menschen nachvollziehbar.“

Aliki Nassoufis, dpa / Stern[10]

„Der Begriff ‚historischer Film‘ wird neu definiert. […] Kameramann Gernot Roll leistet mit seiner unverwechselbaren Bildsprache im Cinemascope-Format ganze Arbeit: Da funkeln die Staubkörnchen am Webstuhl im hereinfallenden Sonnenlicht, wirken die endlose Planwagen-Karawanen am Horizont wie Scherenschnitte, wird das Beschlagen von Pferden zur physischen Erfahrung. Magisch die eingestreute Farbkolorierung – mal ein blinkendes Goldstück, die deutsche Fahne, Flachsblüten. Der Film zeichnet die Verlorenheit des Einzelnen in einer Umbruchsphase, die Sehnsucht nach einem Platz, wo man hingehört. Manche nennen ihn Heimat.“

Margret Köhler, Bayerisches Fernsehen[11]

„Hier wird […] nicht Vergangenes, Entschwundenes nachbebildert, sondern eine Zeit von innen heraus mit Leben gefüllt. […] Ein Gutteil der Größe von ‚Die andere Heimat‘ liegt in einer Perspektivverschiebung. Edgar Reitz wirft einen Blick auf Deutschland und damit auf ein Westeuropa, das sich heute gern als von Fremden überflutete Einwandererregion sieht und doch selbst einmal ein Kontinent der verzweifelten, hoffenden Auswanderer war.“

Anke Leweke: Die Tageszeitung[12]

„Gerade durch das fast Unspektakuläre wird diese lange aber immer intensivere Zeitreise zu einem so großen Seherlebnis, einer 225 Minuten langen Trance. Es erscheint wie ein letztes Aufbäumen des Autorenkinos des späten 20. Jahrhunderts im Alltag der digitalen Bilder zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die nun auch auf Tablets und Smartphones konsumiert werden. Filme wie diesen wohl letzten großen ‚Heimatwurf‘ des 81-jährigen Regisseurs wird es auf der großen Kinoleinwand immer seltener geben. Genau deshalb lohnt sich auch das mehrfache Anschauen. Es gibt einfach so viel zu sehen.“

Jörg Taszman, Deutschlandradio Kultur[13]

„Reitz schaut nicht nur aufmerksam hin, sondern weiß auch immer genau, was zeigen und was nicht, wo die Ellipse oder der schnelle Schnitt zu einer anderen Szene helfen und wo das Verweilen lohnt. In der Heimat 3 etwa, die nicht arm an Seifenoper-Wendungen war, konnte er so stets das Gefühl emotionaler Strippenzieherei vermeiden, ohne auf Fortsetzungsdramaturgie und Spannung verzichten zu müssen. In Die andere Heimat ist es die zweite Hälfte, in der die Ereignisse dichter aufeinander folgen, der Schlund der Geschichte die Protagonisten aufsaugt. Die einen werden ausreisen, nach Brasilien oder anderswo, die anderen sich einrichten müssen in dieser Heimat. Wenn sie ein kollektives Gedächtnis früherer Zeiten bevölkern werden, dann weil sie es gewagt haben zu träumen.“

Critic.de[14]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Für die Rolle der Margarethe Simon wählte Edgar Reitz die Schauspielerin Marita Breuer aus, die in der ersten Heimat-Staffel die Hauptrolle der Maria Simon verkörperte.
  • Andreas Külzer, der die Rolle des Dorfpfarrers Wiegand spielt, war in Heimat 3 als Dieter Simon zu sehen.
  • Julia Prochnow, bereits in Heimat 3 als Moni zu sehen, spielt hier die Dorfhebamme.
  • Kulissenbauer war Anton („Toni“) Gerg, der auch schon Kulissenbauten in Filmen wie Die Geschichte vom Brandner Kaspar und Luther entwickelte.[15] Gerg starb in der Nacht zum vierten Drehtag im April 2012. Später im Film erfasst ein Kameraschwenk über den Friedhof von Schabbach einen Grabstein, auf dem der Name Toni Gerg zu lesen ist. Im Film gibt es weitere Andeutungen: Während der Aufnahmen stand auf der obersten Treppenstufe des als Fassade errichteten Schulgebäudes ein Bild von Toni Gerg, drumherum ein paar brennende Kerzen. Eine dritte Reminiszenz an den verstorbenen Kulissenbauer ist schließlich in einem Dialog versteckt: Als die lungenkranke Margarethe, getragen von ihren Söhnen Jakob und Gustav, am Rande des Flachsfeldes sitzt, um die gesunde Luft zu inhalieren, hat sie plötzlich eine Vision. Ihr erscheinen alle ihre verstorbenen Kinder. Als erstes erwähnt sie den „Toni, der tot in seinem Bett gelegen hat“. Wie man dem Dokumentarfilm „Making of Heimat“[16] entnehmen kann, starb auch Toni Gerg des Nachts in seinem Bett, vermutlich in Folge einer Herzerkrankung. Das „Making of Heimat“ zeigt Edgar Reitz, wie er das gesamte Team über den Tod von Toni Gerg in Kenntnis setzt.
  • Edgar Reitz hat einen Cameo-Auftritt: Gegen Ende des Films erscheint er als Bauer auf dem Feld, der vom Gelehrten Alexander von Humboldt (dargestellt von Werner Herzog) gefragt wird, wo denn Schabbach sei. Humboldt ist auf der Suche nach Jakob Simon, der mit ihm eine Korrespondenz über Brasilien begonnen hat. Dieser kurze gemeinsame Auftritt von Reitz und Herzog darf auch als Anspielung auf die unterschiedlichen Werdegänge zweier deutscher Filmemacher gesehen werden: Der eine (Herzog) ging in die Welt, der andere (Reitz) blieb in der Heimat.[17]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Edgar Reitz: Die andere Heimat. Chronik einer Sehnsucht. Mein persönliches Filmbuch. 2. Auflage. Schüren, Marburg 2013, ISBN 978-3-89472-868-7.
  • Edgar Reitz: Die andere Heimat. Chronik einer Sehnsucht. Das Buch der Bilder. Schirmer und Mosel, München 2013, ISBN 978-3-8296-0661-5

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. [1]
  2. Hinweis auf zelluloid.de
  3. Edgar Reitz in einem SWR-Interview 2012
  4. Reitz in einer PK über die „andere Heimat“ als Vorgeschichte zur "Heimat-Trilogie"
  5. Reitz-Interview im SWR
  6. Hinweise auf der Webseite von Gehlweiler (Memento des Originals vom 13. August 2010 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.gehlweiler.de
  7. Deutschlandradio, 2. September 2013
  8. Die Welt, 28. August 2013
  9. FAZ vom 3. September 2013
  10. Jakobs Sehnsucht nach Brasilien. In: Stern. 1. Oktober 2013, abgerufen am 6. Oktober 2013.
  11. Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht. In: Bayerisches Fernsehen. 20. September 2013, archiviert vom Original am 5. Oktober 2013; abgerufen am 6. Oktober 2013.
  12. Anke Leweke: Filmstart „Die andere Heimat“. Geschundenes Deutschland. In: Kultur / Film. Die Tageszeitung, 2. Oktober 2013, abgerufen am 21. März 2015.
  13. Eine filmische Trance. In: Deutschlandradio Kultur. 2. Oktober 2013, abgerufen am 6. Oktober 2013.
  14. Filmkritik. In: Critic.de. 30. August 2013, abgerufen am 15. Oktober 2013.
  15. Artikel über Anton Gerg (Merkur Online, 2008)
  16. Making of Heimat, Dokumentarfilm von Anja Pohl und Jörg Adolph, Deutschland 2013.
  17. Artikel im "Tagesspiegel", 30. August 2013