Die mißbrauchten Liebesbriefe

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Die mißbrauchten Liebesbriefe ist eine Literatursatire von Gottfried Keller aus dem Jahr 1860[A 1]. Im Oktober 1865 wurde der Text in der „Deutschen Reichs-Zeitung“ aus Braunschweig vorabgedruckt[1]. In Buchform erschien die Erzählung erst 1874 im zweiten Teil des Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla bei Göschen in Stuttgart[2].

Nach Böning[3] lässt sich die Humoreske knapp umschreiben. Zwei Männer korrespondieren. Jeder hält den anderen für eine Frau.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Victor Störteler – kurz: Viggi – betreibt in Seldwyla ein einträgliches Speditions- und Warengeschäft. Seine Frau Gritli, „ein hübsches, gesundes und gutmütiges Weibchen“, hat ein beträchtliches Vermögen von auswärts mit in die Ehe gebracht. Neben seinem Berufe betätigt sich Viggi unter dem Pseudonym Kurt vom Walde zuerst erfolglos als „Essaiist“[4], dann mit einigem Erfolg als Verfasser von Novellen. Als Geschäftsreisender trifft er sich gelegentlich in Deutschland mit anderen Möchtegern-Schriftstellern. Ein ehemaliger „Kollege“ urteilt über diese „schlechten Skribenten“: „Obgleich sie die unverträglichsten und gehässigsten Leute von der Welt sind, so haben sie doch eine unüberwindliche Neigung, sich zusammenzutun...“[5] Einen Stoff haben diese Herren zumeist nicht. So schreiben die „Schmierpeter“ über das Schreiben selbst. Beispielsweise ist ihnen die Berufsbezeichnung Schriftsteller nicht gut genug und soll durch Schriftmann, Dinterich[A 2], Buchner, Federkünstler oder Buchmeister ersetzt werden. Auch aus seiner Frau möchte Viggi eine Buchgelehrte machen. Das Gritli wirft die Bücher, die sie studieren soll, heimlich in eine Ecke. Als einfaches Bürgermädchen hat sie einen Kaufmann geheiratet und keinen Schöngeist. Viggi ist da anderer Meinung und setzt sich durch. Während der nächsten Geschäftsreise schreibt er seiner Gattin einen Liebesbrief nach dem anderen. Gritli muss jeden beantworten. Die unkomplizierte Frau sieht sich außerstande und findet beim besten Willen keine passende Entgegnung auf das Gefasel von „küssenden Sternen“ und der „Urbejahung“. In ihrer Not schreibt sie Brief für Brief ihres Viggi ab und richtet diese Kopien, behutsam in den Ton einer liebenden Frau transkribiert, an ihren Nachbarn, den 23-jährigen Unterlehrer Wilhelm. Vor Armut wagt sich Wilhelm an keine Frau heran, entbrennt aber sogleich in Liebe zum Gritli. Diese empfängt Liebesbrief für Liebesbrief via trennende Gartenhecke und schreibt auch die Produkte aus der Feder des Schulmeisters ab. Der Empfänger Viggi ist ganz erstaunt und fürbass entzückt. Der Dinterich kann es kaum glauben – so sehr hat er seine liebe Frau verkannt. Begeistert verlängert er seine Reise um vierzehn Tage, damit ein brauchbarer – sprich, zu publizierender – Briefwechsel entstehen kann. Während dieser zwei Wochen vergnügt er sich in der Fremde mit einer Schönen nach der anderen und tätigt nebenher manchen guten geschäftlichen Abschluss in Strohwaren. Viggi hat auch schon den Untertitel für seine nächste Publikation: „Briefe zweier Zeitgenossen“. Das Einfache ist immer das Beste.

Wilhelm erschrickt. Die neue Geliebte hat ja einen Mann! Gritli vertröstet den überaus schüchternen Wilhelm. Es handele sich um einen Scherz. Er solle nur weiter mitspielen und es solle sein Schade nicht sein. Der Lehrer hält klaglos durch. Manchmal klopft Gritlis Herz bang, wenn sie Wilhelms Liebesworte abschreibt.

Auf dem Heimwege fallen dem Geschäftsreisenden zufällig Gritlis Briefe an Wilhelm in die Hände. Er erkennt seinen Stil und jagt die Ehefrau, die „Buhlerin mit glattem Gesicht und hohlem Kopfe“, aus dem Hause. Das elternlose Gritli kommt in Seldwyla bei einer ihr wohlgesinnten alten Tante unter.

Als Gritli auch nach ein paar Tagen nicht reumütig bei Viggi anklopft, beantragt der tief gekränkte Ehemann die Scheidung. Vor Gericht tritt er gegen seine Frau, diese „Gans mit Geierkrallen“ wortgewaltig auf. Gans mit Geierkrallen – auf was für Ausdrücke der Dinterich kommt! Ihn wundert nur, dass ihm so etwas nie einfällt, wenn er schreibt.

Gritli nimmt in ihrer Entgegnung vor dem Richter kein Blatt vor den Mund. Auch sie möchte mit ihrem Ehemann nicht mehr zusammenleben. Diese Auseinandersetzung – die langen Briefe in einer geschraubten Sprache betreffend – sei kein Fall für ein Ehegericht, sondern für ein literarisches Gericht.

Der Richter scheidet das Paar und schlägt sich auf die Seite der Gattin. Viggi muss alles Vermögen, das Gritli mit in die Ehe gebracht hat, herausgeben.

Der eitle Viggi hat bereits eine neue Frau, die ihn wortgewandt und gefühlvoll tröstet. Die um die 37 Jahre alte Jungfer Käthchen Ambach – kurz: Kätter – schreibt gern Briefe, studiert Viggis literarische Ergüsse oberflächlich und redet dem neuen Ehemann vor den Seldwylern nach dem Munde. Kätter, eine stattliche, allerdings ein wenig kurzbeinige Dame mit ausgeprägter Kinnpartie, hat kein Vermögen mitgebracht. Im Verein mit ihrer Vergnügungssucht und ihrem gesunden Appetit ist Kätters Finanzschwäche eine der Ursachen für Viggis unaufhaltsamen Ruin. Die Seldwyler können Heiterkeitsausbrüche über das seltsame Literatenpärchen kaum verbergen.

Gritli lebt zurückgezogen bei der Tante. Dem Stadtpfarrer ist Wilhelms offensichtliche Gottlosigkeit – der Lehrer bleibt dem Gottesdienst fern – ein Dorn im Auge. Der Geistliche setzt die Suspendierung Wilhelms vom Schuldienst durch. Wilhelm will nun in die Fußstapfen seiner verstorbenen bäuerlichen Eltern treten. Er übernimmt die Bewirtschaftung eines Weinbergs oberhalb von Seldwyla. In dem Besitzer des Weinberges, einem Tuchscherer, findet der geschickte, arbeitsame Wilhelm einen verständnisvollen Förderer. Der neue Winzer lebt in dem zum Weinberg gehörigen Rebhäuschen als Einsiedler. Er hat sich nach seinem Geschmack eingerichtet.[A 3] Die Bauern aus der Umgebung halten ihn für so etwas wie einen Heiligen und suchen gelegentlich seinen Rat.

Zögerlich findet Gritli den Weg zu dem zurückgezogen lebenden Einsiedler, der sie immer noch liebt. In das Rebhäuschen endlich mutig vorgedrungen, fasst sie sich ein Herz: „Ich wollte Sie gern fragen, ob Sie mir noch zürnen wegen der Geschichte mit den Liebesbriefen?“[6] Als Wilhelm verneint, fügt Gritli bei: „Ich dachte in meinem Herzen, daß dafür meine Person, wie sie ist, Ihnen für immer angehören sollte, wenn die Zeit gekommen sei! Und da bin ich nun!“[7] Das Happy-End folgt sogleich. Gottfried Keller schreibt: „Jetzt endlich umschlang er sie, bedeckte sie mit Küssen, die mit jeder Sekunde besser gelangen, und sie hielt ihm schweigend still und fand, daß sie bis jetzt auch nicht viel von Liebe gewußt habe.“[8] Das Paar heiratet und bekommt Kinder.

Viggy und seine maßlose Kätter sind inzwischen „längst vergessen und verschollen“.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Äußerungen aus dem 19. Jahrhundert

  • Auerbach[9] (Rezension vom 10. Juni 1875 in der „Deutschen Rundschau“) bemerkt „eine gewisse Gewaltsamkeit im Unterbau“.
  • Gottfried Keller könnte sich Adolf Widmann (1818–1878) als Vorbild für Viggi genommen haben. Mit den Kreisen, in denen Viggi auf seinen Reisen nach Deutschland (siehe oben) verkehrte, ist vermutlich die „Junggermanische Gesellschaft“ anno 1859 gemeint.[10]

Neuere Äußerungen

  • Schilling[11] nimmt Seldwyla als Modell für die Gesellschaft der Schweiz in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Während die Seldwyler, also Viggi und Kätter, versagen, gehen die Auswärtigen, also Gritli und Wilhelm, ihren Weg.
  • Selbmann betrachtet Gritlis verwegene Schreibtechnik. In ihren Briefen an die beiden Männer müsse die junge Frau nur die „Geschlechtssignale“ aus der jeweiligen Brief-Vorlage „umpolen“.[12] Gritli missbrauche Wilhelm eigentlich genau so, wie sie von Viggi missbraucht wird.[13] Selbmann sieht in dem jungen Lehrer einen „Nachfahren Wilhelm Meisters[14]. Indem Gottfried Keller die Geschichte vom Grab des Kelten[A 4] zweimal einflechte, gestatte er einen Blick in seine Dichter-Werkstatt.[15] Als Schweizer lasse Gottfried Keller beim Schreiben das ökonomische Fundament nie aus den Augen. So ist zum Beispiel die Frage nach dem finanziellen Potential einer Figur für das Verständnis des Handlungsablaufes durchaus relevant.[16]

Verfilmungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die mißbrauchten Liebesbriefe. In: Die Leute von Seldwyla. Erzählungen von Gottfried Keller. Zweite vermehrte Auflage in vier Bänden. G. J. Göschen’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1874[17]

Verwendete Ausgabe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die mißbrauchten Liebesbriefe. S. 364–437 in: Thomas Böning (Hrsg.): Gottfried Keller. Die Leute von Seldwyla. Deutscher Klassiker Verlag im Taschenbuch. Band 10, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-618-68010-4 (entspricht „Gottfried Keller, Sämtliche Werke in sieben Bänden“ (am selben Verlagsort vom selben Herausgeber))

Schulausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die mißbrauchten Liebesbriefe. Novelle. Mit einem Nachwort von Karl Pörnbacher. Reclam, Stuttgart 1989 [zuerst 1968, mit Literaturhinweisen]. ISBN 3-15-006176-8
  • Die mißbrauchten Liebesbriefe. In: Gottfried Keller: Die Leute von Seldwyla. Erzählungen. Hg. von Bernd Neumann. Reclam, Stuttgart 1993, S. 357–430 (Text), 627–633 (Anmerkungen), 647–651 (Literaturhinweise). ISBN 3-15-006179-2

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das Jenseits Seldwylas – Die mißbrauchten Liebesbriefe. S. 129–130 in: Diana Schilling: Kellers Prosa. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 1998, ISBN 3-631-34190-3. Zugleich Diss. Uni Münster (Westfalen) anno 1996
  • Vampire der Literatur. Die mißbrauchten Liebesbriefe. S. 86–90 in: Rolf Selbmann: Gottfried Keller. Romane und Erzählungen. Erich Schmidt Verlag, Berlin 2001 (Klassiker-Lektüren Bd. 6), ISBN 3-503-06109-6

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bereits am 13. Februar 1860 (Verwendete Ausgabe, S. 624, 13. Z.v.o.) hatte Gottfried Keller das Manuskript an Vieweg nach Braunschweig geschickt. Von Viewegs Vorabdruck in der „Deutschen Reichszeitung“ im Jahr 1865 erfuhr Gottfried Keller erst 1871 (Verwendete Ausgabe, S. 625 oben). Nachdem der Autor den Vertrag mit Vieweg gelöst hatte und am 5. März 1873 (Verwendete Ausgabe, S. 626, 13. Z.v.o.) zu Göschen gegangen war, erschien die Novelle später dort in Stuttgart.
  2. Gottfried Keller schreibt „Dinte“ statt Tinte.
  3. „Die Wände waren mit bemooster Baumrinde, mit Ammonshörnern, Vogelnestern, glänzenden Quarzen ganz bekleidet, die Decke mit wunderbar gewachsenen Baumästen und Wurzeln, und allerhand Waldfrüchte, Tannzapfen, blaue und rote Beerenbüschel hingen dazwischen. Die Fenster waren herrlich gefroren; jedes der runden Gläser zeigte ein anderes Bild, eine Landschaft, eine Blume, eine schlanke Baumgruppe, einen Stern oder ein silbernes Damast­gewebe...“ (Verwendete Ausgabe, S. 421, 30. Z.v.o.)
  4. „...eine Erderhöhung mitten im Forste, welche ihm [Wilhelm] verdächtig erschien und die er aufgrub, das Grab eines keltischen Kriegsmannes enthüllte. Ein langes Gerippe mit Schmuck und Waffen zeigte sich vor seinen Blicken. Aber er baute das Grab sorgfältig wieder auf, ohne jemand davon zu sagen, weil er nicht aus seiner Verborgenheit treten mochte. Indessen durchforschte er den Wald aufmerksam, entdeckte noch mehrere solche Erhöhungen mit darauf zerstreuten Steinen und behielt sich vor, in späterer Zeit davon Anzeige zu machen. Die gefundenen Schmuck- und Waffensachen fügte er den Merkwürdigkeiten seiner Einsiedelei bei.“ (Verwendete Ausgabe, S. 414, 9. Z.v.o.)

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Böning in der verwendeten Ausgabe, S. 625, 3. Z.v.o. und S. 665 unten, Sigel B1 (Zahlendreher 1856 (richtig ist 1865))
  2. Verwendete Ausgabe, S. 666 Mitte, Sigel B
  3. Böning in der verwendeten Ausgabe, S. 645 Mitte
  4. Verwendete Ausgabe, S. 365, 8. Z.v.o.
  5. Verwendete Ausgabe, S. 369, 26. Z.v.o.
  6. Verwendete Ausgabe, S. 435, 10. Z.v.o.
  7. Verwendete Ausgabe, S. 435, 25. Z.v.o.
  8. Verwendete Ausgabe, S. 436, 13. Z.v.o.
  9. Auerbach, zitiert bei Böning in der verwendeten Ausgabe, S. 642, 1. Z.v.u.
  10. Böning in der verwendeten Ausgabe, S. 778, 1. Z.v.o.
  11. Schilling, S. 129
  12. Selbmann, S. 87, 10. Z.v.u.
  13. Selbmann, S. 88, 6. Z.v.u.
  14. Selbmann, S. 89, 4. Z.v.o.
  15. Selbmann, S. 89, 17. Z.v.u.
  16. Selbmann, S. 90, 4. Z.v.o.
  17. Verwendete Ausgabe, Textüberlieferung, S. 666 Mitte, Sigel B