Die neuen Leiden des jungen W.

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Die neuen Leiden des jungen W. ist ein Roman und Bühnenstück von Ulrich Plenzdorf und zieht Parallelen zwischen Goethes Werther (aus Die Leiden des jungen Werthers), Salingers Holden (aus Der Fänger im Roggen), Robinson (aus Daniel Defoes Robinson Crusoe) und Edgar Wibeau als siebzehnjährigem Ostdeutschen in der DDR.

Plenzdorf schrieb 1968 eine Urfassung als Filmszenarium, die er bei der DEFA einreichte, welche aber abgelehnt wurde. Darauf schrieb Plenzdorf Die neuen Leiden des jungen W. als Prosatext und bot das Manuskript mehreren Verlagen an. 1972 wurde in der DDR-Literaturzeitschrift Sinn und Form der Prosatext veröffentlicht. 1973 bot der Hinstorff Verlag Plenzdorf eine Buchveröffentlichung mit einer größeren Seitenzahl als die Sinn und Form-Veröffentlichung an. So konnte Plenzdorf seinen Prosatext überarbeiten. 1976 wurde das Stück mit Klaus Hoffmann und Léonie Thelen in den Hauptrollen verfilmt. Am 5. November 1976 lief Die neuen Leiden des jungen W. als Erstsendung in der ARD.[1]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Plenzdorf schrieb sein gesellschaftskritisches Bühnenstück Die neuen Leiden des jungen W. im Jargon der DDR-Jugend der 1970er Jahre. Es erzählt die Geschichte eines Jugendlichen, der aus seiner kleinbürgerlichen Umwelt ausbrechen will und beim Lesen von Goethes Werk Die Leiden des jungen Werthers immer wieder Ähnlichkeiten mit seinem eigenen Leben entdeckt. Die Uraufführung des Stücks am 18. Mai 1972 in Halle (Saale) in der Regie von Horst Schönemann mit Reinhard Straube in der Titelrolle war ein großer Erfolg. In den folgenden Jahren wurde Die neuen Leiden des jungen W. zu einem "Kult-Stück" und an vielen Bühnen der DDR, aber auch in der Bundesrepublik und in anderen Ländern aufgeführt.

Die Prosafassung bzw. das Bühnenstück wurden in folgenden Sprachen veröffentlicht: 1972 (deutsch), 1973 (tschechisch-Theatermanuskript), 1973 (italienisch, schwedisch), 1974 (finnisch, niederländisch, norwegisch, polnisch), 1975 (französisch), 1976 (estnisch, japanisch, norwegisch, ungarisch), 1977 (rumänisch, slowakisch), 1978 (serbokroatisch), 1979 (dänisch, englisch von Kenneth Wilcox), 1980 (litauisch), 1982 (georgisch, slowenisch), 1984 (spanisch), 1986 (tschechisch), 1991 (türkisch von Nuran Özyer, Ankara).

Unterschiedliche Fassungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1968 entstand ein Szenarium in Form eines unbetitelten Manuskripts, das die Urfassung darstellt. Im Jahre 1972 erschien eine veränderte Fassung. Hierbei handelt es sich um eine Prosafassung unter dem Titel Die neuen Leiden des jungen W., die im Jahre 1972 im zweiten Heft der DDR-Zeitschrift Sinn und Form veröffentlicht wurde. Im gleichen Jahre kam es zur Uraufführung eines Stücks in zwei Teilen in Halle. Dieses Stück wurde ebenfalls im Jahre 1972 als Bühnen-Manuskript gedruckt. Ein Jahr später, also im Jahre 1973, wurde schließlich eine erweiterte Prosafassung ohne Gattungsbezeichnung veröffentlicht. Hierbei handelt es sich um eine Buchausgabe, die zeitgleich in der DDR und der Bundesrepublik erschienen ist. Bezüglich der verschiedenen Fassungen muss bemerkt werden, dass sie einige Unterschiede aufweisen. Während die Urfassung einen stärkeren Bezug zur DDR darstellt, geht es in der Sinn und Form-Fassung um den allgemeinen Konflikt zwischen Generationen, der nicht nur in der DDR bestand. Ab 1972 kam es zu einer weitgehenden Tilgung konkreter DDR-Bezüge. Des Weiteren besteht ein Unterschied darin, dass die Urfassung einen Selbstmordversuch enthält, in anderen Fassungen aber von einem Tod durch Unfall geredet wird. Auch in der Buchfassung wurde der Schluss verändert, einiges wurde erweitert, anderes wiederum getilgt.[2]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Edgar Wibeau wurde von seinem Vater verlassen, als er fünf Jahre alt war. Nach dem Tod Edgars mit 17 Jahren befragt sein Vater Personen, die seinem Sohn nahestanden, um ihn im Nachhinein kennenzulernen.

Edgar wächst in DDR-Zeiten bei seiner Mutter als Musterschüler und Vorzeigeknabe auf. Nach einem Streit mit seinem Lehrmeister Flemming tut er, was er schon lange tun wollte – er verschwindet mit seinem Freund Willi aus seinem Heimatort, der fiktiven Kleinstadt Mittenberg, und geht nach Berlin. Willi zieht es jedoch bald wieder nach Mittenberg zurück. Edgar bleibt allein in Berlin, wo er in einer verlassenen Gartenlaube neben einem Kindergarten unterkommt. In diesem Kindergarten arbeitet die 20-jährige Charlie, in die er sich bald verliebt. Dieter, ihr Verlobter und späterer Ehemann, und Charlie selbst geben Edgar viel zu denken. Der einzige, mit dem Edgar Kontakt hält, ist sein Jugendfreund Willi. Diesem schickt er regelmäßig Tonbänder mit Zitaten aus Goethes Werther, die seine eigene Lage gut beschreiben. „Old Werther“ heißt auch später Edgars „Wertherpistole“, die er gerne einsetzt, wenn Situationen unangenehm werden oder er sich seiner Sache nicht mehr ganz sicher ist. Nachdem der junge Rebell an einer Kunsthochschule nicht aufgenommen worden war, sich selbst als verkanntes Genie aber nie ganz abschreibt, nimmt er eine Arbeit als Anstreicher auf. Um Addi und Zaremba, seinen Arbeitskollegen, etwas zu beweisen, versucht er, ein „nebelloses Farbspritzgerät“ zu entwickeln, von dem Addi auf der Arbeit immer wieder spricht. Beim ersten Versuch, die selbstgebaute Maschine in Betrieb zu nehmen, wird Edgar durch einen Stromschlag getötet.

Erzählstruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu Beginn der Handlung ist die Hauptfigur, der siebzehnjährige Lehrling Edgar Wibeau, bereits tot. Die Handlung setzt kurz nach dem Erscheinen der Todesanzeigen damit ein, dass Edgars Vater die Wohnung der Mutter aufsucht, die Edgar allein großgezogen hat. Im weiteren Verlauf versucht der Vater, Details über Edgars Leben herauszufinden, um seinen Sohn im Nachhinein „kennenzulernen“. Zu diesem Zweck spricht er auch mit Willi, Charlie und Edgars Meister Addi. Die in den Gesprächen angerissenen Themen und Fragen schildert, berichtigt und kommentiert Edgar aus dem Jenseits in längeren inneren Monologen. Seine innere Verfassung drückt Edgar mit Hilfe von Zitaten aus Goethes „Werther“ aus, die er, auf Tonband gesprochen, an Willi geschickt hatte.

Die Zitate aus Goethes „Werther“, die von Edgar Wibeau als „Werther-Pistole“ bezeichnet werden, haben verschiedene Funktionen. Zum Einen bringen sie die Leidenschaft Edgars zum Ausdruck, die er durch seine Alltagssprache nicht wiedergeben könnte, zum Anderen verschaffen sie ihm Distanz zur Gesellschaft und provozieren diese gleichzeitig. Trotz der veralteten Sprache vergangener Literaturepochen weisen die Zitate mentale Aktualität auf.[2]

Stil und Sprache[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Innerhalb des Werkes stößt der Leser auf eine Mischung unterschiedlicher sprachlicher Mittel. Edgar verwendet eine fiktive Jugendsprache, die von Plenzdorf konstruiert und entwickelt wurde. Beispiele hierfür sind die Wendung „und so“ und Versatzstücke, wie beispielsweise „Leute“. Des Weiteren beinhaltet das Werk eine literarische Sprache, die beispielsweise immer dann zum Vorschein kommt, wenn Werther-Zitate von Goethe eingeschoben werden oder einzelne Wendungen aus Salingers Werk Der Fänger im Roggen in den Text mit einfließen. Diese beiden Sprachen werden zudem durch eine Umgangs- und Fäkalsprache ergänzt. Während der Begriff „rumkraucht“ ein Beispiel für die Umgangssprache, die in den Dialogen des Vaters und Dieters vorkommt, darstellt, gehören Begriffe und Wendungen wie „Sauerei“ und „Du Scheiße!“ zur Fäkalsprache. Dadurch will Edgar die jugendlichen Leser seiner Altersgruppe ansprechen und für sich gewinnen. Zusammenfassend kann man also sagen, dass das Werk eine Vielzahl unterschiedlicher sprachlicher Mittel beinhaltet, die zueinander in Kontrast stehen.[2]

Figuren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Edgar Wibeau
Edgar Wibeau ist 17 Jahre alt und geboren in Mittenberg, wo er eine Ausbildung an einer Berufsschule beginnt und später abbricht, um nach Berlin zu gehen. Nachdem er zuerst arbeitslos in Berlin ist, arbeitet er später in einer Malerbrigade.
Aus Gesprächen seiner Mutter und seines Vaters ist zu erkennen, dass Edgars Vater die Familie früh verließ und nach Berlin ging, wo er, wie sich später herausstellt, nicht als Maler, wie Edgar behauptet, sondern als Statiker arbeitet. Edgars Mutter arbeitet an der Berufsschule in Mittenberg als Leiterin eben jener Schule.
Nachdem Edgar nach Berlin gezogen ist, lebt er in einer Laube, die Willis Eltern gehört, und die neben einem alten Kindergarten steht, in dem Charlie arbeitet, die zu Edgar ein ähnliches Verhältnis hat wie Charlotte zu Werther in Goethes „Leiden des jungen Werther“.
Edgar zu charakterisieren ist insofern schwer, als Edgar von den Personen seines Umfelds als komplett verschiedene Person beschrieben wird. Während Willi ihn als guten Maler, kreativ, „Chef in allen Fächern“ und konsequentes Genie bezeichnet, denken andere wie Addi und Charlie eher negativ über ihn und bezeichnen ihn als „vernagelten Idioten“, „Nichtskönner“ und Angeber.
Aus all diesen verschiedenen Aspekten lässt sich ersehen, dass Edgar eine eher exzentrische Person ist, die der Person, die ihm gegenübersteht, genau zeigt, was er von ihr denkt. Er ist aber eher schüchtern gegenüber Charlie, was es schwer macht einzuschätzen, wie seine Beziehung zu ihr ist, ob er sie nun wirklich liebt oder ob sie für ihn einfach nur ein Mädchen oder „Flirt“ ist. Ihm ist es im Laufe des Buches egal, was die anderen Charaktere von ihm denken, er ist antiautoritär, und es ist anzunehmen, dass er nichts vom kommunistischen System hält. Andererseits findet sich keine entsprechend klare Äußerung, sodass nur sein Verhalten darauf schließen lässt, da er nichts tut und auch in der Malerbrigade kaum arbeitet.
Nachdem er in seinem fünften Lebensjahr von seinem Vater verlassen worden war, wird er unter der Obhut seiner Mutter zu einem absoluten Musterschüler, der sich nie an Streichen beteiligt, sogar wenn die Ideen von ihm stammen. Irgendwann reicht es ihm, und er reißt zusammen mit seinem Freund Willi nach Berlin aus. Edgar wird ein typischer Rebell, der sich nichts gefallen und sich von fremden Vorschlägen nicht beeinflussen lässt. Mit seiner Liebe zu Charlie kommt er ganz gut zurecht, wenn man bedenkt, dass er keine Chancen bei ihr hat und dies auch weiß. Edgar würde sich selbst wahrscheinlich als „Steher“ bezeichnen, der sich weder von anderen beeinflussen lässt, noch mit dem Mainstream mitschwimmt, sondern sich seine eigene Meinung bilden kann. Trotz seines wahrscheinlich guten und intellektuellen Charakters ist unverkennbar, dass er eben doch noch ein wenig Kind ist und es ihm an Erfahrung fehlt.
  • Charlie Schmidt
Charlie weiß nie, was sie von Edgar denken soll. Sein Wesen erschließt sich ihr von Anfang bis Ende nie vollständig. Offensichtlich mag sie Edgar als Person, seinen Lebensstil jedoch nicht. Sie ist eine „starke“ Frau, die sich nicht so schnell unterkriegen lässt, erst recht nicht von Dieter, ihrem Verlobten. Manchmal bekommt man den Eindruck, sie wolle Dieter mit Edgar betrügen, was dann aber, bis auf einen Kuss, nie passiert. Charlie ist hübsch, intelligent und freundlich, andererseits ignorant, arrogant und streitlustig und damit eine Protagonistin, die nur mit widersprüchlichen Kategorien zu beschreiben ist.
  • Dieter
Dieter ist ein „Spießer“. Er ist arrogant und egozentrisch, wenn auch möglicherweise ein guter Kerl. Er lebt streng nach Regeln und Richtlinien und braucht diese auch, um sein Leben zu strukturieren. Sein „Charme“ ist beeindruckend und wird funktionalisiert, um Charlie bei ihm, dem Möchtegern-Gentleman, zu halten. Wenn Charlie nicht wäre, hätten Dieter und Edgar wahrscheinlich ganz gut miteinander auskommen können.
  • Herr Wibeau
Edgars Vater ist 36 Jahre alt und wohnt mit seiner jungen Freundin in einem Penthouse in Berlin. Er verließ seine Frau und sein Kind und interessiert sich erst nach dem Tod seines Sohnes für dessen Leben.
  • Else Wibeau
Mutter Wibeau ist Leiterin und klassenbewusst. Sie hat sich jedoch nie allzu sehr um ihren Sohn gekümmert, verlangte ihm immer viel ab und war vermutlich sehr gekränkt, nachdem Edgar Mittenberg verlassen hatte. Dennoch liebt sie Edgar und unterstützt ihn, so gut es geht. Nachdem er ausgerissen war, scheint es, als kümmere sie sich nicht mehr besonders um ihn. Dennoch erzwingt sie von Willi den Aufenthaltsort von Edgar in Berlin.
  • Addi Berliner
Er ist der Brigadeleiter einer Malerbrigade, recht jähzornig und ein guter Mensch. Edgar beschreibt ihn als Steher, wahrscheinlich Edgars größte Auszeichnung. Auch wenn Addi öfter mit ihm streitet, verstehen sie sich ganz gut. Nach Edgars Rauswurf bekommt Addi ein schlechtes Gewissen, das er auch nach dessen Tod behält.
  • Zaremba
Edgar hält viel von Zaremba, vor allem weil dieser – trotz seines Alters – noch so fit und aktiv ist. Er rückt Zaremba in die Nähe seiner Idole aufgrund der Tatsache, dass der Über-Siebzigjährige noch immer arbeitet, obwohl er längst in Rente gehen könnte. Der Anstreicher ist sehr diplomatisch und schlichtet des Öfteren Streit zwischen Addi und dem jungen Wibeau. Als überzeugter Sozialist repräsentiert Zaremba den Typus des idealen Kollektivmitglieds, das sich für den gesellschaftlichen Arbeitserfolg auch über autoritäre Umgangsweisen mit den anderen Kollektivmitgliedern, einschließlich des Außenseiters Wibeau, hinwegsetzt. War im spanischen Bürgerkrieg, hadert mit der Gewerkschaft und der Partei.
  • Willi Lindner
Willi ist Edgars alter Jugendfreund und die einzige Person, mit der er Kontakt hält. Der „Verrat“ an Edgars Mutter ist leicht verständlich und nachvollziehbar. Man erfährt nicht sehr viel von Willi, außer dass Edgar sich ihm mit Zitaten aus Goethes Werther per Tonband anvertraut.

Die Dreiecksbeziehungen im Werther und in den „Neuen Leiden“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Dreiecksbeziehungen in beiden Romanen sind ein weiterer Bezugspunkt zum „Vorbildroman“ Die Leiden des jungen Werther von Goethe. Man kann davon ausgehen, dass sich die Figuren Edgar – Werther, Charlie – Lotte und Dieter – Albert jeweils aufeinander beziehen und auf die „Originalfiguren“ in Goethes Roman aufgebaut sind. Es beginnt bei Edgars Begehren für Charlie: „Außerdem wollte ich sie von Anfang an haben. Rumkriegen sowieso, aber auch haben.“ (S. 49), „Wenn jetzt einer denkt, das ging mir besonders an die Nieren oder so mit dem Verlobten, der irrt sich, Leute. Verlobt ist noch lange nicht verheiratet. Auf jeden Fall hatte Charlie begriffen, was gespielt wurde. Das war’s doch! Sie fing an, mich ernst zu nehmen. Ich kannte das schon. Verlobte tauchen immer dann auf, wenn es ernst wird.“ (S. 55). Dieses Begehren, das Edgar für Charlie hegt, ähnelt sehr dem zwischen Werther und Lotte. Beide lieben eine Frau, die verlobt bzw. versprochen ist. Und beide haben eine gewisse Hoffnung, dass es doch noch funktionieren könnte.

Ähnlich ist auch die von Charlie bzw. Lotte ausgehende Verbindung zwischen ihren Männern und Edgar bzw. Werther. Beide Frauen versuchen, ihre Männer auf irgendeine Art und Weise zwischen sich und Edgar bzw. Werther zu drängen. Charlie sagt dazu: „Ich brachte ihn und Edgar zusammen. Dieter, also mein Mann, war zuletzt Innendienstleiter gewesen. (...) Ich dachte, er würde auf Edgar vielleicht ein bißchen Einfluß haben.“ (S. 73). Von Seiten Edgars und Werthers gehen auch widersprüchliche Gefühle den anderen Männern gegenüber aus, die jedoch in den Neuen Leiden noch klarer negativ sind. Trotzdem respektieren sie die Verlobten, Werther mag ihn sogar. Innerlich denkt er aber vermutlich dasselbe, das Edgar ausspricht: „Zu Dieter will ich noch sagen: Wahrscheinlich war er ganz passabel. Es konnte schließlich nicht jeder so ein Idiot sein wie ich. Und wahrscheinlich war er sogar genau der richtige Mann für Charlie. Aber es hatte keinen Zweck, darüber nachzudenken. Ich kann euch nur raten, Leute, in so einer Situation nicht darüber nachzudenken. Wenn man gegen einen Gegner antritt, kann man nicht darüber nachdenken, was er für ein sympathischer Junge ist und so. Das führt zu nichts.“ (S. 77).

Trotzdem „landen“ bekannterweise beide Frauen später bei ihren ursprünglichen Verlobten, auch wenn sie beide zwischendurch zweifeln und (vermutlich) beide auch hoffen, dass sich das Problem auf folgende Art und Weise löst: „Wahrscheinlich ging in dem Moment ihr größter Traum in Erfüllung, daß ich und Dieter gute Freunde wurden.“ (S. 119). Denn dann wäre vermutlich auch bei Edgar und Werther eine Schranke hervorgerufen, die sie selbst daran hindern würde, weiterzugehen. Es ist festzuhalten, dass sich diese Figurenkonstellationen sehr ähneln und zum Abschluss lässt sich die Frage stellen: Sind die neuen Leiden vielleicht die Alten? (Die Seitenangaben stammen aus der Suhrkamp-Ausgabe des Werks; siehe Literaturangaben).

Bezüge zur gesellschaftlichen Situation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erschienen zu jener Zeit in der DDR, in der Schriftsteller neue Freiräume genießen und Gesellschaftskritik üben durften, lässt Plenzdorf seinen Protagonisten Edgar Wibeau in seinem Roman rebellieren. Der Protest Edgars richtet sich an die gesellschaftlichen Verhältnisse, die es dem Jugendlichen schwer machen, sich selbst zu finden und zu entfalten, nicht jedoch an die Grundlagen der sozialistischen Gesellschaft an sich. Die Leitideen dieser Gesellschaft der DDR sind im Roman allgegenwärtig. Während in der Bundesrepublik verschiedene Weltanschauungen ihren Platz finden, gibt es in der DDR neben der kommunistischen Ideologie für andere Weltanschauungen keinen Raum. Die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) sieht in der Jugendpolitik eine große Rolle und nutzt die FDJ (Freie Deutsche Jugend) zur ideologischen Beeinflussung und politischen Mobilisierung. Im Rahmen der Erziehung zu einer sozialistischen Persönlichkeit, sind Spontanität und Kreativität unerwünscht. Dieses Fehlen von Entfaltungsmöglichkeiten kritisiert Edgar Wibeau im Roman und widersetzt sich immer wieder den Erwartungen, sei es durch sein Äußeres oder auch nach seinem Fehlverhalten zu Beginn des Romans durch seine Flucht nach Berlin, welche verdeutlicht, dass sein Selbstbewusstsein sich nicht mit den Ansprüchen einer Gesellschaft vereinbaren lässt, die den sozialistischen Fortschritt der Gesellschaft vor die Selbstverwirklichungsansprüche des Einzelnen stellt.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Verfilmung
  2. a b c Rüdiger Bernhardt: Textanalyse und Interpretation zu "Die neuen Leiden des jungen W." Reihe Königs Erläuterungen und Materialien 304, Bange Verlag, Hollfeld 1. Aufl. 2012 ISBN 978-3-8044-1977-3

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Die neuen Leiden des jungen W. – Stück in 2 Teilen. Unverkäufliches [Bühnen-]Manuskript. Berlin: Henschelverlag, Abt. Bühnenvertrieb, 1972, 78 Seiten
  • Die neuen Leiden des jungen W. 2. Auflage, Rostock: Hinstorff, 1973, 108 Seiten
  • Plenzdorf, Ulrich: "Die neuen Leiden des jungen W.". Erste Auflage 1976. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 148 Seiten

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]