Dienstmann

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Dieser Artikel beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Begriff Dienstmann in der Neuzeit. Zur mittelalterlichen Deutung siehe Dienstadel und Ministeriale.
Rudolf Graf Rex: Würfelnde Dienstmänner, um 1890
Denkmal für den Dienstmann Karl Kaufmann („Schicke-Schacke“; 1838−1907), Stadtoriginal der Stadt Peine in Niedersachsen

Als Dienstmann (Mz. österr. -männer, sonst auch -leute) wurde bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Dienstleister bezeichnet, der an öffentlichen Orten oder im Haushalt zeitlich befristete Aufträge aller Art gegen Entgelt übernahm. Seine Hauptaufgaben lagen in der Beförderung von Stückgut, beispielsweise Koffern, und in Botentätigkeiten. In der historisch ursprünglichen Bedeutung bezeichnet man als Dienstmänner auch männliche Personen, die zu Geld- oder Frondienstleistungen an ihren Leib- oder Grundherrn verpflichtet waren, sowie Ministeriale verschiedenen Ranges.

Bekannte fiktionale Dienstmänner sind der Dienstmann Alois Hingerl aus Ludwig Thomas Satire Der Münchner im Himmel oder Hans Moser und Paul Hörbiger als Dienstmänner in dem Film Hallo Dienstmann. Als Berliner Original wurde der Dienstmann Ferdinand Strumpf unter dem Namen Eckensteher Nante bekannt.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff Dienstmann taucht zuerst im Mittelalter auf als Eindeutschung für Ministeriale, für Männer, die im Dienste eines Hofes standen und schließlich in den Stand der Ritter aufsteigen konnten, sollten sie diesem noch nicht angehören.

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Emil Mayer: Müder Dienstmann am Radetzkyplatz, Wien, um 1905–1914

Im Kaisertum Österreich fasste die 1859 mittels kaiserlichem Patent in Kraft gesetzte liberale Gewerbeordnung die Gewerbe derjenigen, welche an öffentlichen Orten Personen-Transportmittel zu Jedermanns Gebrauche bereit halten, oder ihre Dienste anbieten, wie Platzdiener, Lohnlakaien u. s. f., zu einem konzessionierten Gewerbe (Platzgewerbe) zusammen.[1] Diese im Volksmund Dienstmänner (vor 1859: Eckensteher)[2] Genannten konnten als eine Art Leiharbeiter auch für viele häusliche Tätigkeiten herangezogen werden:

  • Botengänge
  • Trägerdienste bis 20 Pfund
  • Stellvertreter für verhinderte Dienstboten wie Portiere, Hausdiener, Kellner usw.
  • Stellung von Führern und Begleitern
  • Versorgung von Aushilfsdiensterschaft
  • „Effectuierung“ sämtlicher häuslichen Dienstverrichtungen
  • Besorgung von Kleidern und Stiefelputzern, Zimmer- und Möbelreinigern, Decken- und Teppichklopfern, Holz- und Wasserträgern
  • Beistellung von Aufsehern bei Verladungen
  • Beistellung von Wächtern
  • Besorgung von Theater- und Konzert-„Billeten“
Dr. Jakob Folkmann, der Begründer des Dienstmannwesens in Österreich[3](Aufnahme o.J.)

Die im Mai 1862 in Wien gegründeten zwei Dienstmann-Institute, Commissionär sowie Expreß, wurden mit Anfang Juli des Jahres von dem Arzt Jakob Folkmann (1819–1902)[4] unter dem Namen Wiener Stadtträger zusammengefasst und an der Adresse Wien-Innere Stadt, Seilergasse 4, geleitet. Die Aufgabe dieses 1. Wiener Dienstmanns-Kommissions-Instituts war es, zu allen möglichen Dienstverrichtungen Boten, Träger, Führer beizustellen. Folkmann erweiterte unter anderem Botendienste ins Postalische, indem er die Dienstmänner mit einem leichten Päckchen von Schreibrequisiten ausstattete, die es einem Auftraggeber auf der Straße ermöglichten, einige Zeilen zu schreiben, zu siegeln und das Verfasste durch den Dienstmann zustellen zu lassen.[5]

Das Institut übernahm für jeden Dienstmann eine Garantie von 50 Gulden. Garantiemarken, die Auftraggebern unaufgefordert zu überreichen waren, stellten im Zeitraum von 48 Stunden Entschädigungsansprüche gegenüber dem Dienstmann-Institut sicher.[6] Vom Magistrat wurden in der Wiener Innenstadt, den Bezirken innerhalb des Linienwalls sowie in den Vororten 300 Dienstmänner-Standplätze festgelegt.[7]

Noch im Mai 1862 hatte Folkmann für die seinem Institut Commissionär angehörenden Dienstmänner folgende Uniformierung festgelegt:[8]

  • Sommer: brauner Rock mit Brustschild, Leinenhose mit roter Passepoilierung, Tuchmütze mit Kopfnummer, lederne Gurttasche mit der Bezeichnung des Standorts,
  • Winter: grauer Lodenrock, graue Hose mit roter Passepoilierung.

Folkmann setzte zur Bewerbung seines Instituts das insbesondere in Wien zugkräftige Mittel der Musik ein: Bereits Ende Juli 1862 ließ er die Kapelle des bekannten Militärkapellmeisters und Komponisten Johann „Hans“ Weinlich (1833–1897) als Institutskapelle auftreten und die von Instituts-Kapellmeister Weinlich[Anm. 1] komponierte Dienstmänner-Polka vortragen.[9]

Die Dienstmänner setzten sich als Symbolfigur des kleinen Mannes überraschend schnell durch. Insbesondere für die aus allen Teilen der Monarchie in die Residenzstadt Wien strömenden Bedürftigen bedeutete diese Tätigkeit sogar einen sozialen Aufstieg.

Im September 1911 wurde das Gewerbe derjenigen, welche an nicht öffentlichen Orten persönliche Dienste (als Boten, Träger, Begleitpersonen und dergleichen) anbieten, an eine Konzession gebunden.[10]

Den im Platzgewerbe tätigen Juden wurden von den Nazis nach dem „Anschluss“ Österreichs die Gewerbeberechtigungen entzogen. Danach wurden sie in die Konzentrationslager deportiert. Die nichtjüdischen „Dienstmänner“ ließen die Nationalsozialisten, denen das „Straßenvolk“ (Henry Mayhew) jeder Art suspekt war, nach der „Arisierung“ zum Arbeitsdienst oder zur Wehrmacht einrücken.

Von den etwa 180 Wiener „Dienstmännern“ blieben so nach dem Zweiten Weltkrieg höchstens 17 Mann übrig, die ihre beste Kundschaft zunächst unter den Schleichhändlern fanden. Mit der Normalisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse verschwand aber dieser Kundenstock. Der letzte Mitte der 1950er Jahre noch aktive Dienstmann war Anton Wuich († 1977; Alter: 60), Neffe des bedeutenden Ballistikers Feldmarschall-Leutnant Nikolaus Freiherrn von Wuich (1846–1910). Er arbeitete als Hausdienstmann des Nervenarztes Wagner-Jauregg, des Internisten und TBC-Spezialisten Wilhelm Neumann (1877–1944) und im Bereich der darstellenden Künste als Vertrauensperson von Irmgard Seefried, Elisabeth Höngen, Johannes Heesters sowie Theo Lingen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Valentin Ferdinand von Gudenus, Friedrich Carl von Buri, Heinrich Wilhelm Anton Buri (Hrsg.): Codex Diplomaticvs. Exhibens Anectoda Ab Anno DCCCLXXXI, Ad MCCC. Mogvntiaca, Ivs Germanicvm, Et S. R. I. Historiam Illvstrantia. 5 Bände. Göttingen u. a. 1743–1768.
  • Richard Schröder: Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte. 6. verbesserte Auflage fortgeführt von Eberhard von Künßberg. de Gruyter, Berlin u. a. 1922.
  • Wilhelm Scherer (Hrsg.): Hohenfurter Benedictinerregel. In: Zeitschrift für deutsches Alterthum NF 4 = 16, 1872, ISSN 1619-6627, S. 224–279.
  • Fritz Keller: Hallo Dienstmann! Eine sozialhistorische Skizze. In: Wiener Geschichtsblätter. Heft 4/2007 (LXII. Jahrgang), ISSN 0043-5317, S. 1–16, Text in Teilen online.
  • Fritz Keller: Ignaz Israel Pokart – der letzte jüdische Dienstmann. In: Verena Pawlowsky, Harald Wendelin (Hrsg.): Raub und Rückgabe. Band 2: Arisierte Wirtschaft. Mandelbaum-Verlag, Wien 2005, ISBN 3-85476-161-9, S. 85–88.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gewerbe-Ordnung. (…) Zweites Hauptstück. (…) 2. Besondere Bestimmungen. (…) b) Bei concessionirten Gewerben. § 16 Z. 4. In: Reichs-Gesetz-Blatt für das Kaiserthum Österreich, Jahrgang 1859, RGBl 1859/227, S. 624. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/rgb.
  2. Das Jubiläum der Wiener Stadtträger. In: Illustrirtes Wiener Extrablatt, Nr. 240/1902 (XXXI. Jahrgang), 31. August 1902, S. 9. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/iwe.
  3. Was gibt’s denn Neues? Dr. Jacob Folkmann †. In: Illustrirtes Wiener Extrablatt, Nr. 308/1902 (XXXI. Jahrgang), 9. November 1902, S. 31, oben rechts. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/iwe.
  4. Wiener Local-Zeitung. (…) Vereinigung (…). In: Das Vaterland. Zeitung für die österreichische Monarchie, Nr. 150/1862 (III. Jahrgang), 2. Juli 1862, S. 3 (unpaginiert), Spalte 3 Mitte/unten. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/vtl.
  5. Wiener Local-Zeitung. (…) Straßen-Briefe. In: Das Vaterland. Zeitung für die österreichische Monarchie, Nr. 117/1862 (III. Jahrgang), 21. Mai 1862, S. 3 (unpaginiert), Spalte 3 Mitte. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/vtl.
  6. Geschäfts- und Auskunfts-Kalender. (…) XXIV. Wiener Dienstmann-Institute. In: Wiener Kommunal-Kalender und Städtisches Jahrbuch, Jahrgang 1863, (I. Jahrgang), S. 102. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/wkk.
  7. Keller: Hallo Dienstmann!, S. 2.
  8. Vermischte Nachrichten. (…) Dienstmänner-Institut. In: Klagenfurter Zeitung, Nr. 114/1862, 19. Mai 1862, S. 455, unten rechts. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/kfz.
  9. Fremdenführer. (…) Wedl, vormals Neuling, (…) Grosses Annen-Fest (…). In: Fremden-Blatt, Nr. 201/1862 (XVI. Jahrgang), 23. Juli 1862, S. 11 (unpaginiert) Mitte. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/fdb.
  10. Verordnung des Leiters des Handelsministeriums im Einvernehmen mit dem Minister des Inneren vom 14. September 1911, (…). In: Reichsgesetzblatt für die im Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder, Jahrgang 1911, RGBl 1911/187, S. 561. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/rgb.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Weinlich heiratete 1866 die Sängerin (Sopran) Louise Tipka (1829–1907) und gründete mit ihr in der Folge in Graz die Gesang- und Opernschule Weinlich-Tipka, aus der unter anderem Marie Renard sowie Josef Mödlinger (1848–1927) hervorgingen. – Siehe: Weinlich-Tipka, Louise. In: musiklexikon.ac.at, abgerufen am 5. November 2015, sowie Grazer Tagesbericht. (…) Professor Hans Weinlich †. In: Grazer Tagblatt. Organ der Deutschen Volkspartei für die Alpenländer, Abend-Ausgabe, Nr. 245/1897 (VII. Jahrgang), 4. September 1897, S. 2, Mitte rechts. (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/gtb.