Dienstvilla Höß


Die ehemalige Dienstvilla Höß befindet sich in Oświęcim (deutsch Auschwitz) in der Legionów-Straße 88. Das Haus steht an der nordöstlichen Ecke des ehemaligen Stammlagers Auschwitz und war während der deutschen Besetzung Polens mehrere Jahre Wohnort des Lagerkommandanten Rudolf Höß mit Familie. Die Villa wurde 2025 erstmals öffentlich zugänglich gemacht und soll zukünftig als Forschungszentrum gegen Antisemitismus und Extremismus fungieren.
Geschichte des Hauses bis 2024
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Haus wurde von 1935 bis 1937[1] kurz vor Kriegsbeginn 1939 als zweistöckiges Wohnhaus eines polnischen Offiziers mit Nachnamen Soja errichtet.[2] Der Kommandant des Vernichtungslagers Auschwitz, Rudolf Höß, und seine Frau Hedwig samt Kindern bezogen das Haus am Ufer der Soła 1940. Seine Frau bezeichnete das Haus im seinerzeitigen Interessengebiet des KZ Auschwitz als „Paradies“.[3] Die Gartenmauer der Villa grenzt direkt an das Stammlager des KZ Auschwitz an, aus einigen Fenstern des Gebäudes sind die KZ-Baracken zu sehen.[4] Als Höß es bewohnte, handelte es sich um ein weißes Stuckhaus, umgeben von einem weißen Lattenzaun.[5]
Nach seinem Besuch bei Höß im März 1941 beauftragte Heinrich Himmler diesen, sein Haus aus Prestigegründen aufwendiger zu renovieren. Vermutlich wurde in diesem Zusammenhang auch der Garten neu angelegt, möglicherweise vom Gartenarchitekten Werner Bauch oder Heinrich Wiepking, die sich in der Gegend aufhielten.[6] Das Dachgeschoss war 1940 ausgebaut worden - ab März 1941 wurden dann am Haus ein Ziergarten und ein Küchengarten angelegt. Ein breiter Steinweg führte durch den Garten der Villa zu einem Gartenhaus an der Nordostseite, einem eingeschossigen Gebäude mit 50 Quadratmetern Fläche, bestehend aus einem großen Zimmer und einer kleinen Speisekammer. Vor dem Sommerhaus befand sich ein Becken mit einem kleinen Steinbrunnen. Seitlich vom Sommerhaus erstreckte sich eine Terrasse über die gesamte Breite des Gartens, darauf eine Holzpergola mit Kletterpflanzen, eine weitere beim Wasserbecken. Hinter dem Gartenhaus befand sich ein Nebengebäude mit einem Kochherd, der das Gartenhaus beheizte. Auf der anderen Seite, im Nutzgarten, grenzte es an ein Gewächshaus, das ebenfalls von dem Herd beheizt wurde.[7]
Höß beschäftigte in seinem Privathaus mehrere Häftlinge aus dem KZ Auschwitz als Hausgehilfinnen und Schneiderinnen sowie zwei Gärtner. Einer von ihnen war Stanisław Dubiel, ein katholischer Pole, der im April 1942 in das Haus abkommandiert wurde, wo er bis zur Abreise der Familie Höß aus Auschwitz als Gärtner tätig war. Er gehörte zu den wenigen Personen, die Höß aus nächster Nähe erleben konnten, da selbst SS-Leute in der Regel keinen Zugang zu Haushalt und Garten hatten. In seinen autobiographischen Aufzeichnungen bilanzierte Rudolf Höß: „Ja, meine Familie hatte es in Auschwitz gut. Jeder Wunsch, den meine Frau, den meine Kinder hatten, wurde erfüllt. Die Kinder konnten frei und ungezwungen leben. Meine Frau hatte ihr Blumenparadies.“ Im Garten der Familie Höß wurden gelegentlich Erdbeeren auf mit Menschenasche gedüngter Erde gepflanzt.[8] Höß zufolge hielten seine Kinder immer Tiere im Garten, die ihnen die Häftlinge ständig brachten: Schildkröten, Katzen, Eidechsen, Marder.[5]
Die Höß' bewohnten vor dem Ausbau zuerst nur fünf Zimmer im oberen Stockwerk des Hauses, im Erdgeschoss befand sich zunächst noch ein Kasino oder Offiziersquartier.[9][10][11] Höß zufolge: „.. nach dem Umbau des Hauses hatte ich 10 Zimmer zur Verfügung. Die Wohnung habe ich eingerichtet und mit eigenen Möbeln versehen, die mit ausdrücklicher Genehmigung von Himmler in den Lagerwerkstätten angefertigt wurden.“[10]
Im Erdgeschoss befand sich dann eine Küche mit einem Ofen, ein Esszimmer mit einem Tisch für acht Personen, ein weiterer Raum sowie das Arbeitszimmer Höß', das nur vom Esszimmer betreten werden konnte. Im Obergeschoss befanden sich drei Schlafzimmer und das Spielzimmer der Kinder. Im Dachgeschoss befanden sich drei Räume, wo die Bediensteten untergebracht waren. Die persönlichen Räume der Familie waren mit Gemälden und Gobelins geschmückt, die von Juden gestohlen waren.[12] Die Angehörigen der Lager-SS verschleierten ihre Beschaffungen, wenn sie sich an den Lagerbeständen aus geraubtem Eigentum bedienten, indem sie Begriffe verwendeten wie „Sonderbehandlung“ oder aus „Kanada“.[13] Das Ausmaß der verbrecherischen Aneignung kann teils nur anhand der Zeugenaussagen jener Lagerinsassen ermessen werden, die im Haus gearbeitet hatten, die auch fehlerhaft sein könnten:[14] So soll laut Dubiel auch Familie Höß ihre Villa in Auschwitz mit prächtigsten Stücken eingerichtet und beispielsweise die Schreibtischschubladen mit Leder aus enteigneten Lederfabriken ausgekleidet haben.[14][13][12] Die Kleidung der Familie soll aus Stoffen und Leder aus Geschäften von enteigneten Juden geschneidert worden sein. Die Speisekammer wurde mit Lebensmitteln befüllt, die von den KZ-Lagern abgezweigt wurden und eigentlich für die KZ-Häftlinge bestimmt waren.[14][13][12] Hedwig Höß ließ nahe der Mauer Rosenhecken und Begonien in blauen Blumenkästen pflanzen. Sie soll so zufrieden mit ihrem Leben in Auschwitz gewesen sein, was sie einmal zu dem Ausruf „Hier will ich leben und sterben!“ bewegt haben soll.[14] Im Keller des Hauses befand sich ein „Tunnelsystem, über das Lagerkommandant Höß ungesehen ins Lager und zurück“ kommen konnte.[15]
Nach dem Krieg erhielt der Vorbesitzer das Haus zurück. Ende der 1960er Jahre veräußerte er es an eine polnische Familie. Der Großvater der letzten Besitzerin des Hauses war selbst Auschwitzhäftling gewesen.[16] Das Haus ist nicht Teil der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.[3]
Verfilmung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der britisch-polnisch-amerikanische Film The Zone of Interest aus dem Jahr 2023 zeigte das Leben der Familie Höß im Schatten von Auschwitz zwischen 1941 und 1944. Im Haus und im Garten durfte der britische Regisseur Jonathan Glazer jedoch nicht drehen. Grund für den Verkauf des Hauses 2024 durch die damalige Besitzerin Grażyna Jurczak war, dass nach Veröffentlichung des Films Schaulustige regelmäßig durch die Fenster des Hauses sahen.[17]
Geplantes Forschungszentrum ab 2025
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die US-Stiftung Counter Extremism Project (CEP) erwarb die Villa 2024 aus polnischem Privatbesitz. Das CEP beabsichtigt, die Villa als Forschungs- und Bildungszentrum im Kampf gegen Antisemitismus und Extremismus zu nutzen, was von der UNESCO, dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau und dem polnischen Außenministerium unterstützt wird.[4]
Zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz wurde die Villa 2025 erstmals öffentlich zugänglich gemacht.[4] Zuvor wurde das Haus im Rahmen von Umbauarbeiten in den Zustand der Zeit rückversetzt, als die Familie Höß dort lebte. Im Zuge dieser Maßnahmen wurden unter anderem gestreifte Häftlingshosen gefunden, mit denen ein Loch im Dach gestopft worden war.[17]
Die Villa soll zukünftig als Auschwitz Zentrum für die Recherche zu Hass, Extremismus und Radikalisierung firmieren. Mit der Gestaltung des Zentrums ist Daniel Libeskind beauftragt.[18] Zur Symbolisierung der Grausamkeit, die von diesem Ort ausging, möchte er das Gebäudeinnere in „eine Leere, einen Abgrund“ verwandeln.[17]
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Haunting glimpse inside Auschwitz Commandant’s house ahead of opening as anti-hate memorial.
- ↑ Volker Koop: Rudolf Höß.
- ↑ a b Villa von Auschwitz-Kommandant Höß von US-Stiftung gekauft.
- ↑ a b c US-Stiftung kauft ehemalige Villa von Auschwitz-Kommandant Höß. In: Der Spiegel. 27. Januar 2025, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 5. Februar 2026]).
- ↑ a b Gerald L. Posner, John Ware: Mengele: The Complete Story. Rowman & Littlefield, 2000, ISBN 978-0-8154-1006-5, S. 23.
- ↑ Joachim Wolschke-Bulmahn: Landschaftsarchitektur, Freiräume und ihre Gestaltung in der Zeit des National- sozialismus – Eine Einführung. In: Zwischen Jägerzaun und Größenwahn. S. 8-12, abgerufen am 31. Januar 2026.
- ↑ A Flowery Paradise in Auschwitz: The Garden of the Kommandant of Auschwitz, Rudolf Höß. In: Centropa: A Journal of Central European Architecture and Related Arts. Band 4. Centropa, 2004, S. 140 - 143.
- ↑ Hartmut Ziesing: Ein „Blumenparadies“ in Auschwitz: Der Garten des Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß. In: Gärten und Parks im Leben der jüdischen Bevölkerung nach 1933. Leibnitz Universität Hannover, 2006, S. 68–70, abgerufen am 31. Januar 2026.
- ↑ Hubertus Fischer, Joachim Wolschke-Bulmahn: Gärten und Parks im Leben der jüdischen Bevölkerung nach 1933. Martin Meidenbauer, 2008, ISBN 978-3-89975-144-4, S. 522.
- ↑ a b Manfred Deselaers: „Und Sie hatten nie Gewissensbisse?“: die Biografie von Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz, und die Frage nach seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen. Benno-Verlag, 2001, ISBN 978-3-7462-1474-0, S. 190–191.
- ↑ Centropa: A Journal of Central European Architecture and Related Arts. Band 4. Centropa, 2004, S. 142.
- ↑ a b c Volker Koop: Rudolf Höß: Der Kommandant von Auschwitz. Eine Biographie. Böhlau Köln, 2014, ISBN 978-3-412-21811-9 (google.de [abgerufen am 1. Februar 2026]).
- ↑ a b c John W. Primomo: Architect of Death at Auschwitz: A Biography of Rudolf Hoss. McFarland, 2020, ISBN 978-1-4766-8146-7, S. 151.
- ↑ a b c d Otto Friedrich: The Kingdom of Auschwitz: 1940-1945. In: The End of the World: A History. Coward, McCann & Geoghegan, 1982, ISBN 978-0-698-11128-8, S. 292–293, 305–306, 365.
- ↑ Die Banalität des Bösen - Ein Interview mit Christian Friedel zum Film »The Zone of Interest«
- ↑ Kai Loges, Andreas Langen und Oliver Stenzel: Leben neben der Mordstätte. In: Kontext: Wochenzeitung, Ausgabe 460 vom 22. Januar 2020
- ↑ a b c Haus des Auschwitz-Kommandanten Höss wird zum Gedenk- und Forschungszentrum. In: polskiradio.pl. 16. Januar 2025, abgerufen am 5. Februar 2026.
- ↑ Auschwitz-Villa von Lagerkommandant Höß wurde verkauft. n-tv, 27. Januar 2025, abgerufen am 5. Februar 2026.
Koordinaten: 50° 1′ 37,9″ N, 19° 12′ 24,8″ O