Digitale Revolution

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Der Begriff digitale Revolution (auch dritte industrielle Revolution oder mikroelektronische Revolution) bezeichnet den durch die Digitalisierung und Computer ausgelösten Umbruch, der seit Ausgang des 20. Jahrhunderts einen Wandel sowohl der Technik als auch (fast) aller Lebensbereiche bewirkt und der in die Digitale Welt führt, ähnlich wie die Industrielle Revolution 200 Jahre zuvor.[1] Heinrich Klotz spricht von einer „Zweiten Moderne“.

Verlauf und Trend[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es wird angenommen, dass es der Menschheit im Jahr 2002 das erste Mal möglich war, mehr Informationen digital als im Analogformat zu speichern,[2] was deshalb als der Beginn des „Digitalen Zeitalters“ gesehen werden kann. Die fast vollständige Digitalisierung der weltweit gespeicherten Informationsmenge vollzog sich in weniger als 10 Jahren, während des Jahrzehnts um die Millenniumswende. Es wird geschätzt, dass im Jahr 1993 lediglich 3 % der weltweiten Informationsspeicherkapazität digital war, während es 2007 bereits 94 % war.

Die weltweite Telekommunikationskapazität (bidirektionaler Informationsaustausch) war bereits 1986 zu 20 %, 1993 zu zwei Dritteln (68 %), und im Jahr 2000 zu 98 % digitalisiert.[2] Die globale Broadcast und Rundfunk­kapazität hingegen (unidirektionale Informationsübermittlung), hinkt deutlich hinterher. Im Jahre 2007 waren erst 25 % digital.[2]

Die Digitalisierung von Informations- und Kommunikationsprozessen hat zu einer Informationsexplosion geführt. Vor allem die weltweite Telekommunikations- und Informationsspeicherkapazitäten pro Kopf sind in den zwei Jahrzehnten zwischen 1986 und 2007 zwischen 23 % und 28 % pro Jahr gewachsen[3] (zum Vergleich: die Weltwirtschaft wächst ungefähr 3 % bis 6 % pro Jahr).

Technischer Wandel[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die digitale Revolution basiert auf der Erfindung des Mikrochips (Integrierter Schaltkreis) und dessen stetiger Leistungssteigerung (Mooresches Gesetz) seit den 1960er Jahren. Diese machten z. B. die Einführung der flexiblen Automatisierung in der Produktion und den Aufbau weltweiter Kommunikations-Netze wie das Internet erst möglich.

Eine wichtige Rolle spielte auch die allgemeine Computerisierung. Dieser Begriff bezeichnet einen gegen Mitte des 20. Jahrhunderts einsetzenden Trend, Arbeitsprozesse mithilfe von elektronischer Datenverarbeitung zunehmend zu automatisieren, zu rationalisieren. In den 1980er Jahren begannen Computer nicht nur in Beruf und Forschung, sondern auch im privaten Bereich (nach Spielkonsolen) Anwendung zu finden. Ab 1984 konnten grafische Benutzeroberflächen, die den herkömmlichen Schreibtisch imitierten, und Maus revolutionieren. Denn anfangs noch Spielzeug weniger, stieg der Heimcomputer langsam zum geschätzten Werkzeug auf, das im neuen Jahrtausend unter schnellem DSL ebenso genutzt wird wie Telefon und Fernsehen. Extrem miniaturisiert sind -letztlich Rechner- im Smartphone oder Stick-PC.

Der Computer ist heute am Arbeitsplatz, in Wissenschaft, Erziehung und vielen weiteren Arbeits- und Handlungssystemen selbstverständlich geworden. Eine entscheidende Rolle nehmen dabei die so genannten digitalen Güter (Software und digitale Informationen) ein. Diese unterscheiden sich von klassischen, materiellen Produkten (z. B. Hardware) dadurch, dass sie beliebig oft benutzt oder kopiert werden können, ohne sich zu verbrauchen und unabhängig davon, wie viel Arbeit in ihnen steckt. Digitale bzw. nachträglich digitalisierte Güter lassen sich vor allem über das Internet kostengünstig und direkt verteilen oder an Kunden verkaufen. Das hat insbesondere im Medienbereich einen entscheidenden Einfluss auf klassische Vertriebswege. Neben neuen Mitbewerbern traf den Handel ferner Konkurrenz durch frei verfügbare Güter oder die illegale Verbreitung urheberrechtlich geschützten Materials, z. B. mittels Filesharing-Plattformen.

Letzteres wird u.a. mittels Ausdehnung des Patent­rechts und internationalen Abkommen (wie z. B. TRIPS) bekämpft, die Geistiges Eigentum an Software und Informationen sichern sollen. Dem steht das Konzept der freien Software gegenüber.

Die neue Technik erbrachte auch Gefahren datennetzbezogener Katastrophen (D-Gefahren), ein Arbeitsfeld des Katastrophenschutzes.

In der ersten Moderne wurde die Muskelkraft (siehe auch Pferdestärke) durch die Dampfmaschine (siehe auch Watt) ersetzt. In der zweiten Moderne wird die Denkleistung des Menschen (siehe auch IQ) durch die Datenverarbeitung erweitert. Schachcomputer wie Hydra können von keinem Menschen mehr sicher bezwungen werden. Eine Kombination aus technischer Kraft und Denkleistung ist der Roboter. Nicht ermüdende Industrieroboter verdrängen mehr und mehr Arbeiter aus der industriellen Produktion. Gleichzeitig entstehen komplett neue Industriezweige. So war das Mobiltelefon für jeden erst mit Computereinsatz (Schaltung von Verbindungen) realisierbar.

Aller Anfang liegt in der Entwicklung von Rechenmaschinen ab den 1940er Jahren. Ab den 1960er Jahren wurden nur mit Hilfe von Rechnern Steuerungen in der Raumfahrt überhaupt möglich.[4] Ende 1969 wurden erste Taschenrechner hergestellt. Mit dem PC wurde der Computer ab 1977 für jedermann halbwegs erschwinglich. In den 1980er Jahren kamen das Global Positioning System (GPS). die CD, bildgebende Verfahren und Kernspintomographie, in den 1990er Jahren das Mobiltelefon, der Roboter, das Internet, die DVD und Computeranimationen insbesondere für Simulationen und in der Filmkunst. 1996 konnte der Großrechner (Deep Blue) erstmals den amtierenden Schachweltmeister in einer Partie schlagen. Es folgten Digitalkamera, Videokamera, Digitalfernsehen, Digitalradio, Navigationssystem, RFID, Drohnen, selbstfahrende Autos.

Mit dem Internet startete das Informationszeitalter. Das Internet entwickelt sich über die Vernetzung fast aller Computer mehr und mehr zum ersten Kommunikationsmedium und vereinnahmt oder ersetzt nach und nach traditionelle Medien wie Printmedien (siehe auch Zeitung), Telefon (siehe VoIP), Radio (siehe Webradio), Fernsehen (siehe IPTV), Fax und Brief (siehe E-Mail). Ganz eigene, bis dahin unbekannte Formen wie Suchmaschinen, „Mitmach“-Enzyklopädien (siehe Wikis), Diskussionsforen usw. oder Versteigerungsbörsen entstanden. Im Jahr 2011 schlug die künstliche Intelligenz Watson in der Quizshow Jeopardy! die früheren Champions Ken Jennings und Brad Rutter, welche dort zuvor Rekordsummen gewonnen hatten.

Die digitale Revolution wächst stetig. Ein großes Potential wird z. B. bei der Entwicklung der Roboter gesehen.[5] Als Beispiel glaubt Ian Pearson, Chef-Futurologe bei British Telecom, ab 2020 an Maschinen mit Bewusstsein (siehe auch: Industrie 4.0).[6][7] Ebenso werden auch bei der künstlichen Intelligenz große Fortschritte erwartet. Der Zeitpunkt, an dem künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz übertreffen wird und dann selbst den Fortschritt vorantreiben wird, wird Technologische Singularität genannt. Wie der Name schon sagt ein Ereignis, „nach [dem] das Leben der Menschen, so wie wir es kennen, nicht weitergehen kann“, so Stanislaw Ulam.[8] Wenig glaubhaft schätzte Hans Moravec die Rechenleistung des Gehirns auf 100 Teraflops, Raymond Kurzweil auf 10.000 Teraflops. Diese Rechenleistung haben Supercomputer bereits erreicht. Nach Gordon Moore verdoppelt sich die Rechenleistung alle 18 Monate. Weitere Umbrüche zeichnen sich in der Mobilität ab, wobei die digitale Vernetzung öffentlicher Verkehrsmittel und das autonome Fahren im Mittelpunkt stehen.[9]

Soziale und ökonomische Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weltweit führte die digitale Revolution zu großen Mentalitäts­änderungen, besonders durch ihre Auswirkung auf die Kinder- und Jugendkultur.

Sie hatte als weltumspannende wirtschaftliche, soziale und kulturelle Konkurrenz und Kommunikation bedeutenden Anteil an der Richtung des Prozesses der Globalisierung.[10]

Nach Auffassung des US-Ökonomen Jeremy Rifkin wird durch die digitale Revolution langfristig die Arbeit verschwinden, da selbst die billigste menschliche Arbeitskraft teurer sei als die Maschine.[11] Auf Grundlage dieser Annahme argumentiert ein Teil der Befürworter eines Grundeinkommens.

Internet und Mobiltelefonie werden von Entwicklungspolitikern und Hilfsorganisationen mittlerweile als Aspekt der Grundbedürfnisse definiert, da diese Demokratie förderten.[12] Die Entwicklung in der Informationswirtschaft führt auch zur Stabilisierung der Marktwirtschaft und dem Erreichen von Wohlstand: „Informationen bringen Märkte zum funktionieren, und Märkte schaffen Wohlstand“.[13] Zugleich macht sich zunehmend eine „digitale Polarisierung“ (Thiede) bemerkbar: Immer mehr Menschen sehen nicht nur die Vorteile, sondern auch die Einschränkungen und „Freiheitsfallen“ (z. B. „Digitale Demenz“ [Manfred Spitzer]), die die digitale Revolution desto mehr mit sich bringt, je mehr sie weiterentwickelt wird.

Yuval Noah Harari hält den Siegeszug einer „Religion des Dataismus“ für möglich.[14] Deren Anhänger glaubten, dass die Intelligenz, die durch Vernetzung von Computern und die Entwicklung eines „Internets der Dinge“ entstehe, zu einem „posthumanistischen Zeitalter“ führen werde, in dem Datenschutz und Demokratie sinnlose Begriffe seien. So seien soziale Netzwerke wie facebook bereits heute in der Lage, durch die Analyse von 300 „I like“-Klicks eines Menschen besser als dessen Lebenspartner zu wissen, welche Vorlieben und Abneigungen der betreffende Mensch habe. Bald schon würden entsprechend „gefütterte“ Netzwerke besser als ein bestimmter Wähler wissen, welches Wahlverhalten für ihn am nützlichsten sei, ihn aber auch hocheffektiv manipulieren können.[15]

Noch weitgehend unerforscht ist die Bedeutung der Digitalisierung für die Diskurstheorie.[16]

Rechtliche und politische Auswirkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die massenhafte Sammlung, Speicherung und Übertragung digitaler Daten erschuf einen Status quo der Überwachung, wie er in der Geschichte der Menschheit zuvor unbekannt war. Die durch die digitale Revolution eröffneten technischen Möglichkeiten, ihre potenziellen Gefahren für das Recht auf Privatsphäre und die Möglichkeit eines weitgehend gläsernen Bürgers waren noch weitgehend unbekannt, als die grundlegenden Menschenrechtsabkommen der Vereinten Nationen einschließlich des UN-Zivilpakts abgeschlossen wurden.

Die völkerrechtlichen Fragen, die durch die digitale Revolution aufgeworfen werden, rückten im Zuge der Überwachungs- und Spionageaffäre 2013 sprunghaft in den Fokus der gesellschaftlichen und politischen Diskussion. Dies schließt weitgehend ungelöste Fragen bezüglich der Menschenrechte, der Spionageabwehr und der staatlichen Souveränität ein.[17]

Auswirkungen auf die Wissenschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Ansicht von Pieter Drenth, Ex-Präsident der All European Academies, hat die digitale Revolution Fortschritte der Wissenschaft auf verschiedensten Gebieten ermöglicht: Erfolge in der Genom-Entschlüsselung, Voraussagen der Klimaforschung, komplexe Modelle in Physik und Chemie, Nanotechnologie, neurophysiologische Grundlagen der Sprachentwicklung und der kognitiven Funktionen, ökonomische Simulationen sowie vergleichende Studien in Sprach- und Literaturwissenschaften. Eigentlich habe jede wissenschaftliche Disziplin von den Entwicklungen der Computertechnologie profitiert.[18]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wolfgang Thierse; Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Vortrag Traditionswahrung und Modernisierung – Sozialdemokratie in der Entscheidung. Leipzig, 19. Mai 2003
  2. a b c Martin Hilbert, Priscila López (2011): The World’s Technological Capacity to Store, Communicate, and Compute Information. In: Science, 332(6025), 60–65; kostenfreien Zugriff auf den Artikel gibt es hier: martinhilbert.net/WorldInfoCapacity.html
  3. Videoanimation über The World’s Technological Capacity to Store, Communicate, and Compute Information from 1986 to 2010. In: ideas.economist.com
  4. Interview mit Konrad Zuse: (Memento vom 23. Juni 2012 im Internet Archive) (…) Zuse: Selbstverständlich. Wernher von Braun selbst hat ja gesagt, ohne Computer wäre die Raumfahrt nicht möglich gewesen. (…)
  5. Bill Gates: Ein Roboter in jedem Haushalt bis 2013. In: golem.de
  6. Futurologe rechnet ab 2020 mit Maschinen mit Bewusstsein. In: heise.de
  7. Künstliche Intelligenz auf dem Weg zum Bewusstsein. In: golem.de
  8. MUSfalter: Mikrochip versus Gehirn – ein Blick in die Zukunft (Ausgabe: August/September/Oktober 2011), als PDF-Datei
  9. Weert Canzler, Andreas Knie: Die digitale Mobilitätsrevolution – Vom Ende des Verkehrs, wie wir ihn kannten. Oekom-Verlag, München 2016, ISBN 978-3-86581-754-9.
  10. siehe auch Günther Stahlmann: Die Informationsgesellschaft braucht die Soziale Arbeit, Blätter der Wohlfahrtspflege 1999, Heft 9 /10 / S. 185–193
  11. Interview in der Stuttgarter Zeitung, 29. April 2005 (Memento vom 3. Mai 2005 im Internet Archive)
  12. Internet und Handy für Demokratie in Afrika wichtig. In: golem.de
  13. Das Handy macht den Sardinenpreis: Eine Langzeitstudie zu lokalen Fischmärkten in Südindien beschreibt erstmals exakt die ökonomischen Effekte von Handy-Netzen auf Mikroökonomien in Entwicklungsländern. Demnach profitieren die Fischer spürbar vom Mobilfunk. In: spiegel.de
  14. Adrian Lobe: Die Macht der Datenkonzerne – Lieber Computer, sag mir, wen ich heiraten soll. faz.net, 15. September 2016
  15. Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. München, C.H. Beck, 2017, S. 458f. ISBN 978-3-406-70401-7
  16. Christoph Bieber: Digitaler Strukturwandel der Öffentlichkeit? Zur Re-Konfiguration politischer Akteure durch Neue Medien Politische Akteure in der Mediendemokratie 2002, S. 113-127
  17. vgl. z. B. Werner Thiede: Die digitalisierte Freiheit, 2. Auflage Berlin 2014; Byung-Chul Han: Im Schwarm: Ansichten des Digitalen, Berlin 2013.
  18. Die digitale Revolution in den Wissenschaften (Memento vom 14. November 2012 im Internet Archive)