Diogenes-Paradoxon

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Das Diogenes-Paradoxon ist eine in Reden seit den 1990er Jahren von Paul Kirchhof oft zitierte Beschreibung zum Spannungsverhältnis von Normalität und Normativität. Metaphorisch spielt dies auf Diogenes von Sinope an, der nach einem Ausspruch von Seneca mit seinen geringen Ansprüchen ebenso gut in einem Pithos hätte leben können.

Ideell ist Kirchhofs Beschreibung an das Böckenförde-Dilemma und die Lehre von Carl Schmitt angelehnt. Danach ist ein freiheitlicher und sozialer Rechtsstaat auf Vorbedingungen angewiesen, die er selbst nicht schaffen könne und die er der willkürlichen, unwägbaren Entscheidung anderer überlassen müsse:

„Der Staat weiß, dass er darauf angewiesen ist, auch in Zukunft junge demokratiefähige Bürger zu haben. […] Würde die Mehrzahl der Menschen in Deutschland sich entscheiden, als Diogenes in der Tonne zu leben, sich also um Ökonomie nicht zu kümmern, hätte niemand das Recht verletzt, weil auch diese Entscheidung Inhalt der Freiheit ist. Die soziale Marktwirtschaft, der Steuer- und Finanzstaat, wären aber an ihrer eigenen Freiheitlichkeit zugrunde gegangen. […] Dieses Angewiesensein des freiheitlichen Staates auf die Annahme eines Freiheitsangebots durch den Einzelnen gilt auch für die Freiheit von Ehe und Familie. Der Staat baut darauf, dass wir auch in Zukunft viele Kinder haben, die diesen Kulturstaat tragen, dieses Wirtschaftssystem am Leben halten, diese Demokratie mit Inhalt und Gedanken füllen. Dennoch gibt der freiheitliche Staat die Entscheidung für oder gegen die Ehe und die Familie selbstverständlich in die Hand der Berechtigten.“

Paul Kirchhof: „Wollen wir eine im Erwerbsleben sterbende oder im Kind vitale Gesellschaft sein?“[1]

Kirchhof bezieht diesen Komplex stark auf die demografische Entwicklung und die sich daraus ergebenden Konsequenzen in Bereichen der Sozialversicherung, der Arbeitswelt, der Steuern und für die Gestaltbarkeit von Wirtschaftsprozessen. Sofern dem Staat Gestaltungsspielräume tatsächlich gegeben sind, muss er den Schutzauftrag für Kinder und Familie mit oberster Priorität umsetzen. Dies erfordere nicht in erster Linie das Grundgesetz, dies erfordern die grundlegenden Interessen eines jeden Gemeinwesens.

Er sieht anhand dieses Paradoxons die Gesamtheit der Bürger zum Handeln aufgerufen und warnt vor einseitigem Vertrauen auf individuell zugängliche, materielle Werte:

„Der altersgebrechliche Mensch wird sich nicht mit der einen Hand auf eine Aktie und der anderen auf einen Fünfhunderteuroschein stützen können – er wird glücklich sein, wenn er einen Menschen findet, der ihn stützt. Und er wird ein noch größeres Glück erleben, wenn dieser Mensch sich ihm persönlich verbunden fühlt, weil er Sohn oder Tochter ist.“

Kirchhof pointiert und sieht dieses Dilemma als Schicksalsfrage für die Entwicklung Deutschlands im 21. Jahrhundert. Die Frage nach der im Erwerbsleben sterbenden Gesellschaft stellt er über Jahre hinweg beharrlich in seinem öffentlichen Auftreten.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. „Wollen wir eine im Erwerbsleben sterbende oder im Kind vitale Gesellschaft sein?“ (PDF; 155 kB)