Dipesh Chakrabarty

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Dipesh Chakrabarty 2012 in Hannover-Herrenhausen während einer internationalen Konferenz zu den Grenzen des Wachstums

Dipesh Chakrabarty (* 15. Dezember 1948 in Kalkutta) ist ein indischer Historiker, der sich mit Themen wie Kulturimperialismus, Postkolonialismus, der Menschheitsgeschichte und der Arbeiterbewegung im indischen Bengalen befasst hat. Er ist „einer der Vorreiter der postkolonialen Geschichtsschreibung“.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Chakrabarty besuchte das Presidency College an der University of Calcutta, wo er einen Abschluss in Physik machte. Später erhielt er ein Diplom in Business Management des Indian Institute of Management, ebenfalls in Kolkata. Er promovierte an der Australian National University in Canberra, Australien im Fach Geschichte. 2004 wurde er in die American Academy of Arts and Sciences gewählt. Zurzeit (2021) ist er Professor an der University of Chicago, am Lawrence A. Kimpton-Lehrstuhl des Geschichts-Fachbereichs für Südasiatische Sprachen und Kulturen.

Chakrabarty verfasst Artikel in der Fachzeitschrift Public Culture, die von der Duke University veröffentlicht wird, und lehrt am Centre for Studies in Social Sciences in Kalkutta.

Chakrabarty ist Mitglied der Subaltern Studies Group und setzt sich mit Theorien des Postkolonialismus und ihrer Verbindung zur Geschichtsschreibung auseinander. In seinem bekanntesten Werk Provincializing Europe: Postcolonial Thought and Historical Difference (dt.: Europa als Provinz: Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung) kritisiert er die Zentrierung der internationalen Geschichtsschreibung auf die Geschichte Europas. Die europäische Moderne und ihre Konzepte wie Aufklärung, Bürgertum, Vernunft etc. werden als ein universaler Maßstab betrachtet und ungeachtet der Bindung an die europäische Kulturgeschichte von außereuropäischen Intellektuellen auf die eigene Kulturgeschichte angewendet. Die Geschichte Europas sei der Prototyp einer universalen Entwicklung aller Geschichten. Diese Diskrepanz falle automatisch zu Lasten der nichteuropäischen Kulturen, da durch das nicht zu erreichende „Ideal“ eine Geschichte des Mangels und des Scheiterns entstehe.[1] Grundlegend stelle das Macht- bzw. Herrschaftsproblem und die Subalternität indischer Geschichte einen globalen Aushandlungs- und Abgrenzungsprozess dar, der Gegensätze zwischen europäisch und außereuropäisch markiert.

Wirken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Dipesh Chakrabarty seine Aufsatzsammlung Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. publizierte, war die geistige Strömung des Postkolonialismus bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts dabei, sich mit den Auswirkungen der Kolonialmacht auf die Kolonialisierten zu beschäftigen, nachdem die Kolonialmacht das Land längst wieder verlassen hat.

Chakrabarty legt als Historiker den Schwerpunkt auf die Problematik einer Geschichtsschreibung in seinem Heimatland Indien. Er beschreibt, dass „Europa im historischen Wissen als stillschweigender Maßstab fungiert“.[2] Er schildert dabei die Schwierigkeiten, sich von der allgegenwärtigen europäischen Geschichte zu lösen, ohne die ihm eine indische Geschichtsschreibung gar nicht möglich zu sein scheint. Denn die Geschichte Indiens, aber auch anderer ehemaliger Kolonien, werde von europäischen Diskursen geprägt. Begrifflichkeiten wie Kapitalismus, Bürgertum oder Aufklärung, die zum Handwerkszeug eines jeden Historikers gehören, erscheinen als vermeintlich universal einsetzbare, neutrale Größen. Jedoch sei dies nicht der Fall. Durch ihren Entstehungskontext in der europäischen Geschichte beziehen sie sich nach Chakrabarty implizit weiterhin als deren inhärenten Vergleichspunkt auf diese. Entsprechende Phänomene im Kontext kolonialer Geschichtsschreibung blitzen dann als ‚Variationen einer Haupterzählung' auf, in der Europa das unausgesprochene Subjekt bleibt.[3] Kulturell oder sonstig bedingte ‚Abweichungen' erscheinen somit automatisch in einem defizitären Licht, wodurch die ehemalige Kolonie auf der repräsentativen Ebene der Sprache immer wieder in der Situation des Mangels verhaftet.

Chakrabarty fordert dazu auf, dieses Problem zu erkennen und wahrzunehmen, um so eine kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema zu ermöglichen und einen neuen Blick auf feststehende Begrifflichkeiten zu wagen. Obwohl es nicht um eine simple Ablehnung der Moderne gehen kann oder einen „kulturellen Relativismus“, betrachtet er Europa als eine Provinz einer heterogenen Welt und spricht sich für eine kontextuelle Geschichtsschreibung aus, um die bestehenden Machtverhältnisse aufzubrechen, so dass die Gleichsetzung von europäischer Geschichte mit einer Universalgeschichte verhindert wird. Die Ambivalenzen, Widersprüche, Gewaltanwendungen, Tragödien und ironischen Momente der Geschichte der Moderne müssten aufgedeckt werden. Daher regt Chakrabarty unter anderem an, die Geschichte der modernen Medizin, des öffentlichen Gesundheitswesens und der persönlichen Hygiene zu verfolgen. An dieser Schnittstelle des modernen Menschen, der sowohl eine öffentliche Seite als auch eine private besitzt, wurden pandemisch und alltäglich moderne Werte mit den Mitteln von Gewalt durchgesetzt (z. B. Impfzwang).[4]

Veröffentlichungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

in deutscher Sprache
in anderen Sprachen
  • The Calling of History: Sir Jadunath Sarkar and His Empire of Truth. University of Chicago Press, Chicago, Illinois, USA 2015, ISBN 978-0-226-10044-9.
  • als Mitherausgeber mit Henning Trüper und Sanjay Subrahmanyam: Historical Teleologies in the Modern World. Bloomsbury Academic, London 2015, ISBN 978-1-474221061.
  • El humanismo en la era de la globalización. Katz Barpal Editores, Buenos Aires/Madrid 2009, ISBN 978-84-96859-52-4.
  • als Herausgeber mit Shahid Amin: Volume 9 der Subaltern Studies.
  • Habitations of Modernity: Essays in the Wake of Subaltern Studies. University of Chicago Press, Chicago, Illinois 2004 ISBN 0-226-10039-1.
  • Cosmopolitanism. with Carol Breckenridge, Sheldon Pollock, and Homi K. Bhabha.
  • Provincializing Europe. Postcolonial Thought and Historial Difference. University of Princeton Press, Princeton, New Jersey 2000, ISBN 0-19-565537-0.
  • Rethinking Working Class: Bengal, 1890–1940. Princeton University Press, Princeton NJ 2000, ISBN 0-691-07030-X.
  • Communal Riots and Labour: Bengal's Jute Mill Hands in the 1890s. Centre for Studies in Social Sciences, Calcutta 1976.

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • The Ultimate Capital is the Sun: Metabolismus in Kunst, Politik, Philosophie und Wissenschaft. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin 2014.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dipesh Chakrabarty: Europa provinzialisieren: Postkolonialität und die Kritik der Geschichte. In: Dipesh Chakrabarty: Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Campus, Frankfurt am Main 2012, S. 41–65.
  2. Dipesh Chakrabarty: Europa provinzialisieren: Postkolonialität und die Kritik der Geschichte, in ders.: Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Campus, Frankfurt 2012, S. 41
  3. Dipesh Chakrabarty: Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Campus, 2010, ISBN 978-3-593-39262-2, S. 27.
  4. Dipesh Chakrabarty: Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Campus, 2010, ISBN 978-3-593-39262-2, S. 63 f.
  5. Geschichte von den Rändern her. In: FAZ. 24. Februar 2011, S. 34.
  6. Eine eigene Geschichte in: Frankfurter Rundschau vom 7. Dezember 2010, Seite A8